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Nr. 81ü

Marburg, Donnerrtag, 16 Oktober 1884.

xix. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoneen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin, München und Köln: G. L Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst Adolf Steiner i. Hamburg' Jnvalidendank in Berlin! Dresden und Leipzig' I. Barck u. Co- in Halle! W. Thienes in Elberfeld!

Erscheint tüglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrtrte» SoiMtagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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Deutsches Reich.

Berlin, 14. Okt. Kronprinz Rudolf von Oesterreich trifft bereits morgen ein und nimmt im königl. Schlosse Wohnung. Prinz Wilhelm kommt morgen vormittag von Potsdam, empfängt den Kronprinzen und begiebt sich abends mit demselben nach Jbenhorst zur Elchwildjagd. Wie verlautet, soll die erste Sitzung des Staatsrats am 25. Oktober unter dem Vorsitze des Kronprinzen im königlichen Schlosie stattfinden. lieber das Befinden der Prinzessin Wilhelm schreibt daSB. T/: Auf Erkundigungen, welche wir in Potsdam über daS Befinden der Prinzessin Wilhelm ein­gezogen haben, wird uns erfreulicherweise bestätigt, daß in dem Verlaufe der Rekonvaleszenz nicht das mindeste ein- getreten ist, was irgendwie zu einer Besorgnis hätte Ver- anlasiung geben können. Die hohe Frau befindet sich im Gegenteile den Umständen nach so wohl, daß gestern nach­mittag ihre Ueberstedelung auS dem Marmor-Palais nach der Villa Liegnitz bewirkt werden konnte, in welcher be­kanntlich ihre Kinder seit dem Ausbruche der Scharlach- Krankheit im Marmor-Palais Unterkunft gesunden haben. In verflosiener Nacht ist Prinz Wilhelm in Potsdam an« gekommen und hat sich direkt nach der Villa Liegnitz be­geben.In Sachen des ausgewiesenen Journalisten Alwin Böhme erklärte sich heute das hiesige Bezirksverwaltungs­gericht für inkompetent. Die Kosten trägt der Kläger.

Breslau, 11. Okt. Aus sicherer Quelle erfährt die Schles. Zrg/ über daS Befinden des Herzogs von Braun­schweig : Seine Hoheit der Herzog von Braunschweig, welcher seit längerer Zett an neuralgischen Schmerzen des rechten Armes leidet, zu welchen in letzter Zeit eine große Appetit­losigkeit und Schwäche getreten ist, befindet sich heute etwas besier und fieberfrei. Eine ganz sichere Prognose läßt sich indes bei dem Alter des hohen Patienten noch nicht aus­sprechen. Der behandelnde Arzt ist der Geh. Medizinalrat Professor Dr. Btermer.

Hannover, 13. Okt. Der Provinziallandtag h.t in seiner heutigen Sitzung beschloflen, seine Bereitwilligkeit aus­zusprechen, die nach den Bestimmungen über die Gewerbe­kammern den Proulnzialverbänden zu übertragenden Rechte und Pflichten in Beziehung auf die Provinz Hannover zu übernehmen, namentlich auch dem Anträge der königlichen Staatsregierung, den Geldbedarf der Gewerbekammern von den Provinzialverbänden nach den Beschlüssen der Pro­vinziallandtage aufzubringen, zu entsprechen und bis auf weiteres für die Deckung des Geldbedarfs der Gewerbe- kammern etnzutreten, jedoch unter der Bevorwortung, daß, da daö Budget des PiovinzialverbandeS einer alljährlichen Beratung unterliegt, er sich nicht habe entschließen können, bezüglich der Deckung des Geldbedarfs für die Gewerbe­kammern einen anderen Bewilligungsmodus zu beschließen, namentlich den Etat jeder Gewerbekammer für 3 Jahre im voraus festzustellen und zu bewilligen; daß et vielmehr sich

36 Bruder «ad Schwester.

Erzählung von M- Gerhardt.

Leo öffnete ihm die Thür und bat um Erlaubnis, ihn nach Hause zu begleiten. Halden, der Innige Teilnahme mit dem offenbar tief niedergedrückten jungen Mann empfand, und gern der Notwendigkeit aus dem Wege ging, die so seltsam veränderte Lage klar inS Auge zu fasten, fragte ihn, ob er feinen neulich geäußerten Entschluß bester in Erwägung gezogen und aufgegeben habe. Leo verneinte daS sehr ernst und erklärte, et fei seitdem sogar zu der Ueberzengung gekommen, daß dieser Schritt durch andere Umstände geboten fei. Er werde sich wahrscheinlich bald In die Notwendigkeit versetzt sehen, seine Mutter zu unter­stützen, und dürfe daher nicht in einem Berus verharren, der ihn durch so manche äußerliche Rücksichten beschränke und ihm nicht Raum gewähre, feine Kräfte frei zu gebrauchen.

.Tauge ich zum Schriftsteller nicht, so steht mir noch immer mancher andere Weg zu ehrenhaftem Erwerb offen. Ich kann Kaufmann, Ingenieur, Eisenbahnbeamter werden/

.Bringen Sie mir nur Ihre Manuskripte, und ich will sehen, waö ich thun kann/ sagte Halden gütig.

Leo folgte ihm in feine Studierstube und nahm dort, offenbar mit schwerer Ueberwlndung, das Wort.

«Ich kann meine Mutter nicht rechtfertigen, Herr Halden; ich kann nicht einmal In einet Sache von gerlnge- rer Bedeutung ifüt ihre Ehre eintreten. Sie ist Ihre Schuldnerin Ich weiß eS durch sie selbst;* erklärte et fest, al« Halden ihn zu unterbrechen suchte. .Sie wlsten, daß ich gegenwärtig außer Stande bin, diese Schuld, deren Höhe ich nicht einmal kenne, einzulösen. Ich bitte Sie daher, mein Wort anzunehmen, daß es jetzt meine wichtigste

auch für diese Ausgaben das alljährliche Bewilligungrecht und namentlich auch schon aus dem Grunde damit aus­drücklich Vorbehalten müsse, weil zur Zeit die Entwicklung der Einrichtung ebensowenig wie der Umfang deS Geld­bedarfs genügend zu übersehen sei und weil aus diesem Grunde zur Zeit noch nicht habe ermittelt werden können, ob für diesen Zweck ausreichende Mittel zur Verfügung stehen. Der Referent berechnete die erforderlichen Mittel auf 6000 Mk. insgesamt. Von anderer Seite wurde her­vorgehoben, daß die doppelte Summe noch sehr wenig sein würde, noch andere hegten die Befürchtung, daß die Kosten sich auf 4050000 Mk. belaufen würden. Denn jede Kammer soll aus 12 Mitgliedern bestehen; 4 Plenar­sitzungen ist doch das wenigste, waS in dieser Richtung an­genommen werden kann. Wenn nun ins Auge gefaßt wird, daß Jntereffenvertretungen ins Spiel kommen, so ist die Dauer jeder Vierteljahrsversammlung mit 5 Tagen nicht zu hoch veranschlagt. Werden nun Reisekosten und Diäten mit 15 Mk. angesetzt, so entstehen auS der Multiplikation dieser Ziffern 3600 Mk. für jede einzelne Gewerbekammer. Da die Provinz Hannover in 6 Regierungsbezirke eingeteilt ist, so ergeben sich als Gesamtkosten allein für die Plenar­sitzungen 21600 Mk. Rechnet man alsdann noch für jede Kammer einen Sekretär mit 4000 Mk. Gehalt, ferner 1000 Mk. Büreaukosten, so stellt diese Rechnung wieder 30000 Mk. dar, insgesamt also 50000 Mk. ohne die Kosten für die Abteilungssitzungen.

Braunschweig, 14. Okt. Nach heute vorliegenden Meldungen ist daS Befinden des Herzogs seit gestern wiederum etwas besser.

Weimar, 10. Okt. Der Landtag des Großherzog- tums ist auf den 30. d. MtS. einberufen worden, um seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. .Derselbe wird sich in erster. Linie mit den Ergebniffen des neuen Elnkommen- stkuergesetzes zu beschäftigen haben; doch dürften ihm auch einige andere Vorlagen gemacht werden, soweit es sich um Angelegenheiten dringlicher Art bandelt. Denn eine längere Session dürfte nicht beabsichtigt sein, da nach dem Landtage noch der Rechnungsausschuß desselben tagen wird. Die Kreisverbände gegen Bettelei bewähren sich in Thüringen recht gut, wie dies in allen Berichten bestätigt wird. Das Vagabundenunwescn habe erheblich nachgelassen, und zwar wiro dies Resultat mit verhältnismäßig geringen Kosten erzielt. So hat z. B. die VerpflegungSftation Weimar im verflossenen Vierteljahr 2130 Personen mit einem Kosten- aufwanve von nur 587 Mark unterstützt.

Darmstadt, 13. Okt. DieFranks. Ztg." ist in den Stan» gesetzt, daö vorn Großherzogl. Ober - Landesgericht in Darmstadt am 9. Juli d. Js. gefällte EhescheidungS- Ur teil in Sachen des Großherzogs von Hoffen gegen die Gräfin v. Hutten - Czapska in seinem Wortlaute zu ver­öffentlichen. In dem Tenor deS Urteils heißt es: DaS Großherzogl. Oberlandes-Gerlcht erkennt für Recht:Die

Aufgabe sein wird, meine Mutier wenigstens von diesem Makel zu reinigen, und daß Ich mich bis dahin als Ihren Schuldner betrachte/

Mein lieber junger Freund", rief Halden, ich versichere Sie, Sie befinden sich im Irrtum. Ihre Mutter schuldet mir nichts, nicht da« mindeste, Leo, ich gebe Ihnen mein Wort. Ich bin ihr verpflichtet für so manche ange­nehme Stunde, die mir den Druck von Hirn und Herz ge- lös't, meinen Geist verjüngt und die Stürme meines Innern besänftigt hat. Ich danke Ihrer Mutter viel und werde ihr immer eine freundliche Erinnerung bewahren/

Gott segne Sie!" erwiderte Leo leise unb tief ergriffen. Sie wissen nicht, was Sie an mir thun."

Er wollte sich entfernen, aber Halden, der einen Blick auf seinen Schreibtisch geworfen und ein auf demselben liegendes Schreiben rasch ausgenommen hatte, rief ihn zurück und bat ihn in so eigentümlich veränderten Ton, zu bleiben, bis er den Brief gelesen.

Er war von Egbert, und so kurz und einfach sein Inhalt, laö Halden ihn wieder und wieder, als wäre eS zu schwer, denselben zu faffe».

Lebe wohl, mein Vater, bcrgleb mir den eigen­mächtigen Schritt, den ich gethan, und sei versichert, daß eS nicht Mangel au Liebe und Dankbarkeit ist, was mich aus deinem Hause treibt. Aber ich würde eS niemals über mich gewinnen, die Frau, die deine Gattin werden soll, an deiner Seite zu sehen, und ihr mit der Ehrerbie­tung zu begegnen, die du verlangst. Ich fürchte, ich könnte oeiternen, dich selbst zu ehren, wie Ich sollte, wenn ich bliebe. Daher gehe ich und will versuchen, die lang »er-

Trennung der Ehe vom Bande zwischen beiden Teilen wird ausgesprochen/ AuS dem vom Gericht aufgenommenen Thatbestande heben wir als das Wichtigste die Auslastungen der Vertreter beider Parteien hervor. Der Vertreter des GroßherzogS stützte seinen Antrag auf Trennung bet Ehe, unter Vorlegung desTrauungsscheines" vorn 30. April, auf folgende Verhältnisse: Sofort nach dem Abschluß der Ehe hätte sich gegen dieselbe die Mißbilligung der fürst­lichen Verwandten, welche gerade hier anwesend waren, aufs entschiedenste geäußert; dazu sei aber in der unzwei­deutigsten Weise die nicht zu verkennende Stimmung des Landes getreten, welche einmütig in dem Abschluß dieser Ehe eine Störung des glücklichen Verhältnisses, in welchem seither der Landesherr zu dem Lande gestanden, aufs tiefste empfunden habe. Dem Herrn Kläger habe sich alsbald die Ueberzengung aufdrängen müssen, daß Er zur Be­ruhigung Seines Landes, zur Wiederherstellung des guten Einvernehmens mit Seinen Fürstlichen Verwandten, das Band dieser Ehe wieder zu lösen veranlaßt fei. Et habe schon einige Tage nach der Trauung die Ehe tatsächlich gelöst und sei Seinen Verwandten ins Ausland gefolgt und habe sofort die Anknüpfung von Unterhandlungen be­hufs Trennung bet Ehe veranlaßt, unb so wie Er Seiner­seits die entschiedenste Abneigung gegen die Fortsetzung des ehelichen Lebens kund gegeben, so habe sich auch bei bet Frau Beklagten infolge blefet sie kränkenden Schritte eine gleiche Abneigung gebildet; es habe dann nach längerer Verhandlung und bei der sich beiden Teilen ausdrängenden Ueberzengung, daß die Fortsetzung der Ehe und einer dem Zweck derselben entsprechenden Welse unmöglich geworden, zu einem gegenseitigen Uebereinkommen auf Trennung vom Bande geführt, infolge deffen diese Klage eingeleitet worden sei. Alle diese Thatsachen seien, teils notorisch und ge« richtSkundlg, teils durch die heutigen Erklärungen der strei­tenden Teile beglaubigt; deren Beweis könne, soweit daS Gericht diese Notorietät nicht annehme, geführt werden. DaS deutsche Privatfürstenrecht erkenne aber die gegenseitige Einwilligung als genügenden Grund zur Scheidung an, wenn keine Kinder vorhanden und zu erwarten seien, der Zweck bet gemeinsamen Kindererziehung also wegfalle; was früher zu der Zeit gegolten, al« die deutschen Fürsten noch dem Kaiser unterworfen waten, müsse umsomehr heute gelten, wo die volle Souveränetät derselben bestehe. Unter allen Umständen müssen aber genügende Gründe da ange­nommen werden, wo diese gegenseitige Einwilligung durch Verhältnisse wie die oben erörterten, gestützt werde, und auf der beiderseitigen Ueberzengung beruhe, daß dadurch eine Fortsetzung der Ehe in gedeihlicher Weise unmöglich geworden unb mit dem Interesse der Familie und deö Landes unvereinbar sei. Die Frau Beklagte erklärte durch ihren Vertreter, daß sie den Ausführungen und An­trägen des klägetischen Vertreters keinen Widerspruch ent­gegensetze. Sie gab die von seilen des Letzteren behanp- säumte Kindespflicht an m iner Mutter zu erfüllen. Lebe wohl! Egbert/

Mein Sohn hat mich verlaffen, Leosagte Halden endlich tonlos, indem er dem jungen Offizier den Brief reichte.Jetzt habe ich Niemanden mehr auf der Welt/

Leo, der in tiefer Mutlosigkeit durch das Fenster in den Garten hinaus geblickt, den er gestern In so ganz anderer Stimmung durchschritten, drehte sich rasch um unb nahm den Brief; währenb er las ging Halben gesenkten Haupte« auf unb nieder und blieb bann vor ihm stehen.

Wußten Sie um diesen Schritt und die Absichten Egberts?" fragte er.

»Nein/ entgegnete Lev.Ich habe ihn seit gestern nicht gesehen; aber ich erwarte, er wirb mir Mitteilungen machen."

Es trat eine Panse ein.Kennt denn Egbert den Aufenthalt seiner Mutter, kennt er sie selbst?" fragte Halden bann rasch.

Ich weiß nichts bavon," erklärte Leo.Aber der Gründ feiner Entfernung ist nicht mehr vorhanden, und ich zweifle nicht, er wird sich zur Rückkehr bewegen laffen, wenn et überzeugt fein kann, daß Sie Wert darauf legen."

Halden schüttelte langsam und schwermütig den Kopf. Er hat den Stolz unb den Starrsinn seiner Mutter, und ich kann mich vor meinem Kinde nicht demütigen.

Wenn sie wenn ihr Einfluß gegen den meinen Leo!" tief et In heftiger Bewegung aus,stehen Sie mit bei, ihn aufzufinden, ihn mir zu versöhnen, unb ich werde nie aufhören, Ihnen dankbar zu fein. Ich kann meinen Sohn nicht beri eten nicht so verlieren!'

(Fortsetzung folgt)