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Marburg, Dienstag, 14. Oktober 1884.

xix.Wahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Masse in Frankfurt a.M., Berlin, München und Köln: G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari».

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frantfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig I. Barck u. Co. in Halle! W. Thienes in Elberfeld;

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageZllustrtrteS SvuntagSblatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdrucker ei) bezogen 2% Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Deutsches Reich.

Berti«, 11. Okt. Die Konferenz zur Regelung der Kongvsrage kann jetzt als eine Thatsache betrachtet werden. Bezeichnens für den Wert, den der Reichskanzler auf sie legt, ist wohl auch der Umstand, daß fein Organ, die Nordd. Allg. Ztg.*, wie sie gestern den bekannten Artikel desTempS* reproduziert, heule an bevorzugter Stelle eine Auslastung des offiziösenWiener Fremdenblattes* mitteilt, in welcher ver Gedanke der Konferenz außerordentlich sym­pathisch besprochen wird. Die Einladungen find von hier auS nur an die zunächst beteiligten Staaten England, Frankreich, Spanten, Portugal, Belgien, Holland und die Bereinigten Staaten ergangen. Man zweifelt nicht, raß alle Staaten, auch England, die Einladung annehmen werden. Die königlichen Regierungen unv Landdrosteien, sowie der Polizeipräsident und Magistrat von Berlin stnv vom Minister des Innern angewiesen worden, die vor einiger Zett über den Stand des Letller- und LandstreicherunwrsenS >ur die Jahre 1877 bis 1881, bezw. 1880 und 1881 an­gestellten statistischen Ermittelungen, auch auf die Jahre 1882, 1883 und 1884 auSzudehnen. Eine Ermittelung über die Thäligkeit der Vereine zur Bekämpfung von Bettelei u.s.w. soll mit der diesmaligen Erhebung nicht verbunden werden. Di« betreffenden Fragebogen muffen spätestens bis zum 15. Februar beantwortet werden. Der Magistrat hat sich am Freitag eingehend mit dem Erlaß der Minister für Handel und Gewerbe, der öffenlltchen Arbeiten, des Innern, für Lanowirtjchaft und der Finanzen betreffend die Bilvung von Gewerbekammern und zwar infolge eines Erlasses des Oberprästsenten für Berlin beschäftigt. Dieser Erlaß ist dem Magistrat durch das königliche Polizeipräsidium zu­gegangen, welches beauftragt ist, betreffs der Bildung von Gewerbekammern und der provisorischen Vereinigung von Vertretern oeS Handwerks, der Industrie, des Handels und der Landwirtschaft zu wicderkehrenden Versammlungen und zwar unter Zuziehung der Gewerbeseputation des Magi­strats Vorschläge zu machen. Zugezogen sollen dabei werden zwei Vertreter ver Kaufmannschaft, ein Vertreter des ge- schäftösührcnden Ausschusses des Verbandes der deutschen BaugewerkSmeister unv zwei Mitglieder der stänvigen Depu­tation des JunungSausfchuffes. Bet der großen Bedeutung des Reskript» hat ver Magistrat vie Einsetzung eines vor- deratenven Ausschusses beschlossen unter dem Vorsitz von ForckevbeckS. Derselbe wird sobald als möglich znsammen- lrelen. In Brandenburg hat gestern eine von den Nalivnaltiberalen einberufene Versammlung, in der vr. Jeru­salem (oer bekannte frühere Redakteur derHess. Morgenzlg.") sprach, ein tumultuarischeS Ende genommen. Es waren viele Sozialdemokraten in der Versammlung. Schon bald nach Eröffnung der Versammlung machte sich eine bedenk­liche Unruhe bemerkbar, die den Vorstand bewog, die Ent­fernung der Unruhestifter aus dem Saale zu veranlaffen.

Kaum jedoch hatte sich dieser Akt vollzogen, als vom Garten ein Bombardement des Saales mit Steinen erfolgte, das fast keine Scheibe unbeschädigt ließ. Von der Polizei auf die Straße gedrängt, setzte sich hier der Tumult fort, so daß das Militär zu Hilfe gerufen werden mußte. Erst als dieses zum Angriff überging, gelang es, Verhaftungen auszuführen. Fast sämtliche Polizeibeamte sind durch Stein­würfe mehr oder weniger verwundet. Heute abend wurde eine große Versammlung des Berliner Arbeitervereins, wo Virchow sprechen sollte, unmittelbar nach der Eröffnung wegen angeblich nicht genügender Anmeldung polizeilich ver­boten. Minister v. Goßler lehnte das Mandat seines bisherigen ostpreußischen Wahlkreises ab.

Braunschweig, 11. Okt. DieBraunschw. Anzeigen* melden nach den über das Befinden des Herzogs hier ein­gegangenen telegraphischen Nachrichten vom Freitag, der Herzog sei fieberfrei, sein Zustand normal. DaS Allge­meinbefinden gebe für jetzt keinen Anlaß zur Annahme einer besonderen Gefahr.

Straßburg, 8. Okt. Die Feier der Einweihung des neuen Kvllegiengebäudes der Kaiser - Wilhelm - Universität wird in den Tagen vom 26. bis 28. d. M. statlfindcn. Das Fest beginnt am Sonntag, den 26. d. Mts. um 10V2 Uhr, mit der Uebergabe einer Fahne, die von den Damen der Angehörigen der Universität gestiftet und in München verfertigt ward, an den Ausschuß, als offiziellen Vertreter der Studentenschaft; daran schließt sich um 11 Uhr der Empfang der Gäste der Studentenschaft bei einem musi­kalischen Frühschoppen in der Festhalle. Am Abend um 7 Uhr findet der Fackelzug statt, der dem kaiserlichen Statt­halter, Gcneral-Feldmarschall Freiherrn v. Manteuffel, als Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, des erhabenen Pro­tektors der Hochschule, ferner auch dem Professor vr. Sohm als Rektor und dem UnterstaatSsekretär Ledderhose als Kurator der Universität dargebracht wird. Am Montag um 10 Uhr versammelten sich Rektor und Senat, ihre Ehrengäste, das Profcfforenkoüegium, die Beamten der Universität und die Studentenschaft auf dem Schloßhofe. Um halb 11 Uhr bewegt sich der Zug unter Vorantritt der Kapelle des Regiments 105, die für die drei Festtage von der Studentenschaft engagiert ist, zur Universität. Dort findet um 11 Vr Uhr der Festaktuö statt, der durch eine eigens für diefen Zweck gedichtete und komponierte Fest- Hymne cingeleitet und geschloffen wird. Am Nachmittage wird die von der Universität gegebene Festtafel tut Lichthofe abgehalten, und daran schließt sich eine Beleuchtung deS KollcgiengebäudeS. Der offizielle Festkommers beginnt um 8 Uhr in der Festhalle. Am Dienstag morgen um 9 Uhr findet die offizielle Besichtigung der neuen Bauten und um 11 Uhr musikalisches Frühstück in der Festhalle statt. Am Abend des Tageö giebt die Stadt Straßburg im Stadt­hause einen Festball zur Feier der Einweihung.

Ausland.

Wien, 11. Okt. Tie feierliche Schlußsteinlegung der Universität hat um 2 Uhr nachmittags durch den Kaiser stattgcfunden. Im Festsaale hatten sich die Erzherzöge Karl Ludwig, Albrecht, Rainer, Wilhelm, die Minister, der Statthalter, der Landmarschall, der Bürgermeister, die Ge­meinderäte, die Spitzen der Zivilbehörden, sämtliche Pro- fefforen der Universität und anderer Hochschulen, Abge­ordnete, der Erzbischof mit der Geistlichkeit versammelt. Der Kaiser, der beim Hauptportale von dem akademischen Senate empfangen und in den Festsaal geleitet wurde, er­widerte auf die Ansprache des Rektors Zschokke:ES freut mich, diese schöne Heimstätte der ersten BildungSanstalt des Reiches in so glänzender künstlerischer Weise vollendet zu sehen. Mögen der Jugend, welche hier an der Quelle des Wissens die Elemente des Berufes und deS künftigen LebenSglückeS aufsucht, dieselben jederzeit iw vollen Maße geboten werden und möge sie selbst, indem sie sich der großen, für diese reiche Bildungsstätte aufgewendeten Opfer dankbar erinnert, erstarken in allen Zweigen der Erkenntnis und Liebe zum gemeinsamen Vaterlande. Es wird meinem Herzen wohlthun, in dem Fortschritt an echter Wiffenschast und Tugend, die Bürgschaft einer glücklichen Zukunft er­kennen zu können, und gern versichere ich in der Hoffnung, Lehrer, Schüler dieser Hochschule für alle Zeit meiner be­sonderen Gnade und Fürsorge.* (Begeisterte Hochrufe.) ES folgte die Verlesung und Unterzeichnung der Bauurkunde, der Vortrag eines Festchorals, die Vorstellungen der Bau­leiter und ein Rundgang. Beim Verlassen des Gebäudes erschollen begeisterte Hochrufe auf den Kaiser. Die Ord­nung innerhalb des Gebäudes wurde durch Korpsstudenten musterhaft aufrecht erhalten.

Prag, 11. Okt. Der Landtag genehmigte debattelos die bekannten KommisstonSanträge betreffs der ZuckerkristS. der Statthalter wies die der Regierung gemachten Vor­würfe wegen Pflichtverletzung durch mangelnde Initiative zurück und erklärte, die Regierung werde den Wünschen des Landtags möglichst entsprechen.

Pest, 11. Okt. Der Adrefse-Entwurf deS Unterhauses drückt die hingebungsvolle Treue der Ungarn an den Kaiser aus, welche kein noch so stürmischer politischer Kampf zu erschüttern vermöge, anerkennt sodann die Dringlichkeit der Reform deS Oberhauses auf historischer Grundlage, sowie die Notwendigkeit der andern angekündigten Gesetzentwürfe, spricht sich ferner für Sparsamkeit aus unter Wahrung der Sicherheit des Staates, findet die gesteigerte Beruhigung der politischen Lage in den sehr guten und freundschaftlichen Beziehungen zu allen Staaten, in dem möglichst innigen Verhältnisse zu Deutschland und darin begründet, daß dieses den Charakter eines Bündnisses zu Zweien besitzende Ver­hältnis, welches sich sechs Jahre hindurch als eine starke Garantie des europäischen Friedens bewährte, weder bezüg­lich seines äußeren Umfanges, noch bezüglich seiner inneren

34 Broder««» Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Ja, gehen Sie, thmre Freundin,* erwiderte Halden mit vor Erregung zitternder Stimme,gehen Sie jetzt, bis der Augenblick gekommen ist, wo Ihnen ver Ehrenplatz in meinem Hause vereitel ist.*

Er geleitete sie durch das Vorzimmer und bis an die Hausthür. Als er zurückkam, stand Egbert noch immer auf derselben Stelle, die zuckenden Fäuste geballt, die trotzige Slim, über die das Haar herabgefallen, gesenkt, und das bleiche Gesicht von einem Ausdruck von Sqmerz und Zorn entstellt, ver Halben erfchreckt hätte, wäre er nicht selbst bis zur Fassungslosigkeit gereizt gewesen. Er ging einige« male, an der Lippe nagend, auf unv nieder, bis er zu sprechen vermochte, und dann kamen seine Worte halberstickt von leidenschaftlichem Groll heraus.

Daß ich mir in meinem Kinde einen Feind herange- zogen, ver hartherzig und undankbar den Rest meines Ledens zu vergiften trachtet, das ist mein Geschick und ich muß es tragen. Dav aber trgeuv Jemand in meinem Hause einem Gast, den ich zu ehren gewillt bin, eine schnöde Kränkung zufügt, das weroe ich nicht dulsen, und von meinem Sohu am wenigsten.*

Vater*, erwiderte Egbert leise, aber mit einschneiden­dem Ton,ist es, wie ich jetzt nicht zweifeln kann, deine Absicht, diese Frau zu deiner Gattin zu machen, so ist meines Bleibens in deinem Hause nicht länger. Ich werde es nicht ertragen, sie auf dem Platze zu sehen, _ der einer Andern, Würdigen der meiner Mutter gebührt, uno von dem sie grausam verstoßen wurde.*

Egbert hatte bei den letzten Worten das Haupt erhoben und blickte seinen Vater mit weit geöffneten Augen und dem Ausdruck feierliche Anklage an. Halden wich diesem Blick aus, und rief, seinen Zorn gewaltsam steigernd:

Wer meinst du denn zu sein, daß du dich unterstehst, mir zu drohen, dich als mein Gebieter zu geberden und mir mein Thun vorzuschreiben? Wäre eS nicht vorher beschloffene Sache gewesen, dein roheS Betragen würde mich zwingen, der Frau, der du eben so viel Dank und Ver­ehrung schuldest, wie ich, Genugthuung für die Beleidi­gung zu bieten, die sie in meinem Hanse erfahren mußte. Treibe nur deinen frechen Stolz aufs Aeußerste und steh, wohin er dich führt, aber erwarte nicht, meinen Willen zu beugen, du echter Sohn deiner Mutter!"

Egbert fuhr zusammen, wie von schmerzhaftem Schlage getroffen. Dann richtete er sich hoch und stolz auf.

Ich verlange keine höhere Ehre, als der würdige Sohn meiner Mutter zu fein, deren Wert du schmählich verkannt, deren Liebe du verraten, deren Leben du erbar­mungslos zerstört hast. Schulde ich dir Dank für deine väterliche Fürsorge, welchen Dank soll ich dir für meine verwüstete einsame Jugend sagen, die mich zu dem gemacht hat, der ich bin? Du hast Gattin und Tochter ver­stoßen, du treibst jetzt auch mich aus deinem Hause, fei denn glücklich mit der Gefährtin, die du dir erwählt wenn es möglich ist.*

Mit diesen Worten, deren Wucht um so zermalmender war, aiö sie ohne jece Heftigkeit gesprochen wurden, wandte sich Egbert und verließ mit einer Würde, blejroeit über seine Jahre ging, das Zimmer.

XIV.

Fran von Ostrow bewohnte mit ihrem Sohne mehrere Zimmer der Beletage eines eleganten Hanfes in einer der Hauptstraßen bet Stadt. Als Halden am Nachmittag des­selben Tage« die Glocke an ihrer Thür bewegte, wurde dieselbe von einer schmucken Kammerzofe geöffnet, die sehr artig erklärte, ihre Herrin sei nicht zu Hause. Während Halden ihr seine Karte einhändigte, wurde eine der Thüren, die in das Entrüe führten, geöffnet, und Leo trat heraus.

Ich höre mit Bedauern, daß Ihre Frau Mutter ab­wesend ist," sagte Halden zu dem jungen Offizier, der ihn ehrerbietig begrüßte.

Abwesend um diese Stunde ich dächte nicht,* erwiderte Leo zweifelhaft.Sehen Sie doch einmal nach, Lisette.*

Die gnädige Frau ist nicht zu Hause bestimmt*, erklärte das Mädchen, dem Sohn ihrer Gebieterin einen Wink bei Seile gebend, und fügte flüsternd hinzu:eS ist mir streng anbefohlen, Herr Leutnant, niemand, »w §S auch sei*

Ich will selbst die Meldung besorgen;* versetzte Leo mit unmutigem Achselzucken.Vielleicht ein wenig Migräne ooer eine wichtige Konferenz mit der Schneidest«. Ein so seltene« Ereignis wie Ihr Besuch ist bei dieser Ordre sicher nicht vorgesehen, und eS würde meiner Mutter jeden­falls empfindlich leid thun, einen so werten Gast zu ver­fehlen. Haben Sie die Güte, einen Augenblick bei mir ein­zutreten, Herr Halden.*

Er führte den Gast in fein Zimmer und rückte ihm einen Seffel zurecht, ohne die Thür ganz zu schließen.

(Fortsetzung folgt.)