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Marburg, Donnerstag, 9. Oktober 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M.. Hamburg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin, München und Köln: @. L Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZllustrtrteS LonntagSblatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdruckerei) bezogen 2Vt Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
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Zur richtigen Zeit!
ES kommt nicht nur darauf an, datz das richtige überhaupt geschieht, sondern daß eS zur rechten Zeit geschieht! Daran und an die Unvermeidlichkeit der Wirtschafts- und Tarifreform der letzten stebenziger Jahre, sind wir neuerdings mit besonderer Lebhaftigkeit erinnert worden, als wir in Pariser Zeitungen die Schilderung der Notlage lasen, in welcher ein Teil der französischen Industrie sich seit Einbruch deS Herbstes befindet. Weil der Absatz der französischen Fabrikation zugleich im In- und Auslande ab nimmt und weil die ausländische, zumal die deutsche Konkurrenz immer neue Fortschritte macht, werden von Monat zu Monat mehr Arbeiter entlasten. In der Stadt Lyon ist die Zahl der Arbeitslosen bereits gegenwärtig auf 25000 angewachsen und die Not so groß, daß die an die leichteren und feineren Thätigkeiten der Seiden- und Wollenindustrie gewöhnten Arbeiter den Stadtrat vergeblich gebeten haben, ihnen durch Zuwerfung der Stadtgräben und anderer Erdarbetten Beschäftigung und Brot zu geben. Finanzielle Rücksichten machen das unmöglich und da die Mittel der Armenpflege fast erschöpft, die städtischen Behörden aber außerdem genötigt sind, sich auf das Erscheinen der Cholera einzurtchten, steht man der Zukunft mit schwerer Sorge entgegen. Wie in Lyon geht es auch in anderen Fabrik- städten zu, die sich auf Arbeitslosigkeit und Elend einrichten muffen.
Voraussichtlich wird schon in nächster Zukunft eine Erhöhung der französischen Zölle versucht werden. Da dieselbe sich aber nicht von heute auf morgen auSsühren läßt, wird fie für die nächste Zukunft kaum in Betracht kommen. Und gerade von dem bevorstehenden Winter war gehofft worden, derselbe werde einen Umschwung in den Stimmungen der französischen Arbeiter herbeiführen und den Einfluß der sozialdemokratischen Agitation abjchwächen. DaS neue Gesetz über die Genossenschaften und die Vereins- freiheit hatte einen entschieren günstigen Eindruck gemacht und eine Annäherung der verschiedenen Klaffen und Parteien im Sinne der Soztalreform in Aussicht gestellt. Jetzt muß
30 Bruder««» Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt-
XII.
Während Halden ruhelos dir mächtig auf ihn eindringenden Bilder brr Erinnerung zu beschwören suchte, während in dem bescheidenen Stübchen der Frau Werner Else demütig beichtete, und Mutter und Kinder sich in stiller Feier ihrer Wiedervereinigung freuten, war auch Frau von Ostrom noch wach. Sie war spät aus der Oper heimgekehrt und noch zu aufgeregt, um zu schlafen. In einem losen kostbaren Negltgö ruhte ste mit gelösten Haaren auf dem Divan in einem kokett und reizend aufgeputzten kleinen Gemach, beim Schein einer Hänge Ampel in einem Roman blätternd, sinnend und von Zeit zu Zeit in jstch hinein lächelnd, während ein matter Mondstrahl sich durch die, zu einem blumengeschmückten Balkon führende Glasthür stahl. Ein Klopfen an der Thür ließ sie hastig und erregt auffahren, aber beruhigt und lachend sank ste auf den Divan zurück, als die Thür halb geöffnet wurde und chr Sohn hereinblickte.
.Darf ich Mama! — ich denke, du gehst noch nicht zu Bett?*
.Komm nur, mon petit,* erwiderte ste, und winkte dem jungen Offizier freundlich, Platz zu nehmen. .Was für einen soliden Sohn ich Habel Bist du immer so zeitig zu Hause?'
„ES giebt Ausnahmen, Mama; du warst heute in der Oper, nicht wahr?'
„Allerdings, ich brauchte Erholung nach dem Diner, bet dem eS übrigens ganz animiert hergtng, und mußte daher für dm Abelw bet Hohensteins absagen laffm. Meine
man sich freilich sagen, daß Zeiten der Not und Arbeit- lostgkelt für eine friedliche Reformthätigkeit wenig geeignet erscheint, und daß alles darauf ankommen wird, daö nötige Brot zu schaffen und die äußere Ruhe zu erhalten.
Da find wir Deutsche unvergleichlich besser dran. Trotz aller Feindseligkeit und allen Widerstandes der Fortschrittler hatte die Reichsregierung mit der Umgestaltung des Zolltarifs den Anfang gemacht, und erst nachdem die deutsche Industrie wieder zu Atem gekommen war, die sozialreformatorischen Gesetzentwürfe folgen lassen. Auf eine Arbeiterbevölkerung, die ihr tägliches Brot und die Aussicht auf dauernde Beschäftigung hat, läßt sich ganz anders einwirken, ganz anders mit ihr verhandeln, als mit Hungrigen und Arbeitslosen. Damit überhaupt an Versöhnung der Gegensätze gedacht werden konnte, wurde zunächst Verhütung eines eigentlichen Notstandes und Beseitigung der drückendsten Sorge notwendig. Die zu diesem Behufe erforderliche Umgestaltung der Zölle aber mußte Platz greifen, bevor eS zum Aeußersten gekommen war!
Wie lange hat es gedauert, bevor dieser Zusammenhang zwischen Wirtschafts » Reform und Sozial - Reform der Mehrheit unseres Volkes klar geworden ist? Der Lärm, dm Fortschrittler und Freisinnige über den Tarif von 1879 erhoben haben, dauert noch gegenwärtig fort, und die Erkenntnis der Notwendigkeit und des inneren Zusammm- hangs der beiden wichtigsten Reformen hat sich nur langsam und allmählich bei uns Bahn gebrochen. Erst als die Erfolge da waren, verlor die Partei der Ankläger und Hetzer ihren Einfluß. Mögen die bevorstehenden Wahlen Zeugnis davon ablegen, daß unser Volk den ganzen Umfang deS ihm geleisteten Dienstes verstanden und den Entschluß gefaßt hat, sich die gewonnenen Vorteile von den fogenannten Freisinnigen nicht wieder entreißen zu lassen.
Deutsches Reich.
Berit«, 7.0It. Die „Nordd. Allgem. Ztg.' schreibt: Die von verschiedenen Blättern gebrachte Notiz von einer nahe bevorstehenden Ausdehnung des Berliner Stadtbahn- Verkehrs durch die Herstellung einer die Nord- mit der Südstadt verbindenden Bahn entbehrt auch jetzt ebenso, wie früher eine ähnliche Nachricht, in allen Punkten jeder that- sächlichen Grundlage. — Gegenüber den Anzweiflungen der hiesigen Presse über die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Land- und Forstwirtschaft und das Transportgewerbe wiederholt die „Nordd. Allgem. Ztg.', daß die betreffenden Entwürfe gegenwärtig den Gegenstand eifriger Beratungen bilden. ES könne nicht der mindeste Zweifel bestehen, daß dieselben den nächsten Reichstag beschäftigen würden. — Die „Nordd. Allgem. Ztg.' bemerkt bezüglich der Konferenzen deS Reichskanzlers mit den Hamburger Kaufleuten, dieselbenWhätten nur die EUtgegennahme der Wünsche der Letzteren bezweckt, welche als die Grundlage
Nerven find angegriffen, ich hätte den Sommer nach Ischl gehen sollen, anstatt von EmS sogleich in die drückende Stadtluft zurückzukehren. Ich muß durchaus etwas sür mich thun. Was konnte ich mir vor einigen Jahren noch bieten! — Aber sehe dich, Leo; trinkst du eine Tasse Thee? — Ich will klingeln, er wird kalt geworden sein.'
„Danke, Mama. Mich trieb eS nur, ein wenig mit dir zu plaudern. Hast du von dem Renkontre gehört, das Halden gehabt haben soll?'
„Halden? — wie ist das möglich, da er keinen Fuß aus dem Hause setzt?' fragte Frau von Ostrow sich erstaunt aufrichtend.
.Er hat aber hcut die Extravaganz begangen, ein Kafö zu besuchen, und dort Streit bekommen — rate, mit wem?'
.So sprich doch — ich sterbe vor Neugier.'
„Mit Wendhetm.'
Jetzt setzte sich Frau von Ostrow vollkommen aufrecht und starrte ihren Sohn mit unverhülltem Schreck au.
.Mit Wendheim? — und die Veranlassung?'
Leo zuckte die Achsel. „Ich hörte nichts Bestimmtes. Mau behauptete, einer Dame wegen, einer verirrten Schönen, zu deren Ritter sich Halden aufwarf. Aber das klingt so unglaublich —'
.Warum denn?' fragte Frau von Ostrow hastig. „Halden ist jeder Donqutchoteüe fähig. Was sollte er sonst mit Wendheim haben?'
„DaS wollte ich eben von dir hören, Mama. Mich dünkt, es giebt da einen alten Span, — hast du Wendhetm nicht gesprochen?'
.Einen Augenblick in der Oper; — er schien verstimmt, hat mir aber nicht« mitgeteilt. Und soll wirklich zur Forderung gekommen fein?'
der zu fassenden Beschlüsse dienen sollten, ohne damit identisch zu fein. Der Reichskanzler wünsche eine Verständigung der hanseatischen Interessenten über die Bildung eines Syndikats, welches der Reichsregierung Auskunft und Rat bei den afrikanischen Fragen erteilen könne. Von der Errichtung einer Strafkolonie sei nie die Rede gewesen. — Dasselbe Blatt meldet ferner: Herr v. Schlözer schlug weder dem Kardinal - Staatssekretär Jakobini neue Kandidaten für die Erzbistümer Köln und Posen vor, noch unterbreitete derselbe ein Friedensprogramm. — Der römische Berichterstatter des „Reichsb.' schreibt: Welche aufrichtige Neigung zum Frieden sich Im Vatikan zur Zeit geltend macht, erhellt aus einem Informations-Artikel des hoch- offiziösen „Osservatore Romano'. Derselbe unterzieht daS absurde Gerücht, daß der Bischof von Münster die König!. Einladung zur Tafel abgelehnt hat, einer strengen Kritik und protestiert ganz energisch gegen die Insinuationen liberaler Blätter, daß zwischen dem katholischen Klerus und dem Staate eine Aussöhnung nicht möglich fei. In diesem Artikel wird auch dem Umstand, daß Herr von Goßler mit dem Bischof eine Besprechung gehabt, eine auffallende Bedeutung beigelegt. UebrlgenS enthält der Artikel gleichzeitig eine scharfe Lektion sür gewisse preußische Katholiken-Blätter, welche jenes Gerücht und noch ähnliche Legenden zuerst mit Vorliebe kolportierten. Die durch die liberale Presse laufende Nachricht eines unbedeutenden italienischen Blattes — Herr v. Schlözer warte schon seit acht Tagen vergebens auf eine Audienz beim Papste, ist so absurd und so tmdenzlöS, daß fie sich eben nur als Hetzmittel gebrauchen läßt. Wenn Herr v. Schlözer noch nicht empfangen wurde, so hat dies feinen Grund eben lediglich darin, daß die Verhandlungen noch nicht fo weit gediehen sind, um feiner «Seite die Audienz erwünscht scheinen zu lassen. — Die „Nordd. Allg. Ztg.' schreibt, der Staatsrat werde allerdings zunächst über die Dampfer-Subvention, die Erweiterung der Unfall-Versicherung und die Postkasseu zur Begutachtung berufen fein, nicht aber über die surtaxe d’entrepot und die Börsensteuer, auch nicht übet die preußischen Anträge, sondern über die Abstimmungen Preußens im Bundesrate und dessen Ausschüssen. — Die „Nordd. Allg. Ztg.' dementiert ein angebliches Revirement im diplomatischen Dienste, namentlich bezeichnet dieselbe ein solche« in irgend einem Botschafterposten alS nicht bevorstehend. — In Preußen sind die Lehrer höherer Lehranstalten keiner bestimmten Rangklaffe zugewiesen. Dieselben stehen dem Range nach in der Mitte zwischen den Räten der letzten (5.) Klasse und den Subalternbeamten zweiter Klasse, und erhalten denselben Wohnungsgeldzuschuß, wie die letzteren. In Petitionen von Lehrern höherer Lehranstalten an daS Kultusministerium war wiederholt die Bitte ausgesprochen worden, man möge fie mit den Richtern erster Instanz in Rang und Gehalt gleichstellen und hiernach auch die Woh-
„WenigstenS behauptete man, eine solche sei unvermeidlich.' Frau von Ostrow schaukelte heftig mit dem Fuß und ließ die Blätter ihres Buches mit nervöser Hast durch ihre Finger laufen.
„Halden wird wirklich von Tag zu Tag unerträglicher!' rief ste, warf das Buch übellaunig zur Seite und sich in die Kissen zurück. „Seine exaltierten Grillen werden ihn eines Tages in das Irrenhaus führen. Er ist ein Unglück für alle, die ihm nahe stehen.'
In den schönen Augen der Frau von Ostrow standen zornige Thränen.
„Vielleicht kann die Sache noch beigelegt werden,' meinte Leo gutmütig. „Diese alten Herren könnten stch mit dem Schießgewehr leicht Schaden thun. Für Wend« heimö Friedfertigkeit wollte ich mich verbürgen. Gebrauche deinen Einfluß bei Onkel Halden, Mama.'
„Mein Einfluß — das sind tempi passati!" entgegnete Frau von Ostrow hefiig. „Wenn du wüßtest, welche Aufgabe eS ist, die unberechenbaren Launen dieses anmaßenden Egoisten zu ertragen l Muß ich ihm nicht förmlich den Hof machen, studieren, was er gern hört, mich mit feinen unvernünftigen Klagen langweilen lassen, in jede Tonart einstimmen, die er anzuschlagen beliebt, seiner Eitelkeit schmeicheln, seine Ansprüche dulden, ihm zu Diensten stehn, so oft er mich ruft! — Muß ich nicht meinen Verkehr mit Wendheim wie eine Sünde geheim halten?"
„Wendheim hat sich nicht schön gegen Halden benommen, ihm in der gehässigsten Weise feine Schwächen obgelauert und ihm hinterm Rücken zu schaden gesucht. Wendheim ist kein nobler Geselle, Mama, und ich begreife nicht, wie du es mit deiner Freundschaft für Halden vereinbar findest —'
(Fortsetzung folgt.)