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Marburg, Mittwoch, 8. Oktober 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Masse in Frankfurt aM., Berlin, München und Köln; G. £ Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin; Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle, W. Thienes in Elberfeld

Erscheint täalich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrikte» Soittttafl66latt durch die Expedition (K o ch sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark/durch die Postämter des Deutschen R-icheS 3 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr) - Jns-rt.onsg-bühr für d'- gespaltene Ze.le 10 Pfg.

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Oberhesfische Zeitung

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Amtlicher Anzeiger

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Das soziale Königtum.

Der langjährige Redakteur derProv.-Korresp.« und durch seine historischen Arbeiten bekannte Wirkl. Geheime Ober-RegterungSrat Ludwig Hahn hat tn seiner Emeriten- muße noch einmal zur Fever gegriffen und eine Broschüre gegeben, die den Titel führt: .Das soziale Königtum« (.Verlag von Wilh. Hertz). Er hat sie ausdrücklich als eine Schrift zu Den Wahlen« bezeichnet. Und daö ist ste tn der Thal. Man Hal eine Wahlparole verlangt. Hahn hat sie durch diese Schrift gegeben. Wir wüßten wenigsten« keine bessere, packendere, erhebendere, alö die Parole:DaS soziale Königtum«. DaS ist eine Fahne, um »velche sich alle scharen können, denen eS ernst ist mit der Politik der Kaiserlichen Botschaft, mit der Politik der Sozial- und Wtrtschastsreform auf dem Boden der christlichen Welt­anschauung. DaS ist nicht ein bloßes Wort, eine schöne Phrase, sondern das ist eine Realität; daS Wort ruft daS Volk um seinen König und Kaiser, der die Fahne der sozialen Reform erhoben hat und wenn der König sein Volk zur Fahne rüst, Dann hat es in Preußen noch immer gegoltenunb alle, alle kamen I« UnD wenn der Kaiser ruft, so bleiben die übrigen deutschen Stämme auch nicht zurück. Kein Wort übt auf daS deutsche Herz eine solche Zaubermacht aus, als daS Wort: Deutscher Kaiser! Und hier gilt der Rus nicht blutigem Kampf, sondern der fried­lichen Arbeit zu Des ganzen Volkes Wohl. Soziale Reform I ste richtet sich ja bejonoerS aus die Berbefferung der Lage der großen ärmeren Volksmaffen; den Bauern, den Hand­werkern, den Arbeitern will der Kaiser durch feine Sozial- Resorm helfen I Die Sozial-Reform hat auf ihrem Pro­gramm die Steuererleichterung der Landwirtschaft und den Schutz dersetben vor der übermächtigen Konkurrenz der Einfuhr ausländischer landwirtschaftlicher Produkte stehen. Wer kann glauben, daß die dentscheu Bauern so thöricht sein könnten, Abgeordnete zu wählen, welche das alles nicht wollen, welche Gegner jeder höheren Besteuerung des Kapitals uno der Börse sind, wodurch doch die Mittet zur Erleich­terung der Bauern geschaffen werden sollen, welche ferner

29 Bruder und Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Halden war stehen geblieben, eS leuchtete wie mit neuer freudiger Energie in seinen Zügen auf.

Dank für dies Wort, mein Kino«, sagte er leise, aber mit vollem klingendem Ton wie aus befreiter Brust, indem er ihre Hand faßte und brückte.Es soll mir ein GotteS- wort, ein Orakel sein und mir Kraft zu Kampf und Sieg geben. Sagen Sie daS Ihrer Mutter.«

Jetzt war man bereits tu eine Straße eiogebogen, die Else täglich zu p-ffieren gehabt hatte. In der nächsten lag ihre Wohnung, und je näher sie dieser kamen, um so ungestümer und angstvoller schlug ihr vaS Herz. O wir sollte sie nur Der Mutter vor Augen treten I

Einmal strauchelte ste im Gehen, der Alhem sehtte ihr, und nur mit Mühe hielt sie sich aufrecht. Halden blieb sofort stehen und blickte ste besorgt an.

Sie sind doch wohl übermäßig angestrengt, oder fehlt Ihnen sonst etwas, mein Kind?«

Die Thränen, nicht mehr zurückzuhalteu, stürzten dem Mädchen ,auS den Augen. Halden zog ihren Arm dicht und zärtlich an sich, und ging langsam, sie sorgsam stützend, vorwärts.

Nur Mut, wir sind bald am Ziel. Und für alles Ueberstandene wird die Mutter den besten Trost haben, nicht wahr?*

Else antwortete nicht und vermochte nur mit Mähe ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Fürchten Sie, daß Ihre Mutter Ihretwegen sehr in Sorgen ist?« fragte Halden.

Gegner der Zoll-Politik zum Schutze der nationalen Arbeit sind.

Durch den segenLvollen Einfluß dieser sozialen und wirtschaftlichen Reformpolitik auf Grundlage der christlichen Weltanschauung haben alle Verhältntffe sich auö dem Nieder­gang der liberalen Aera wieder erhoben, unser ganzes natio­nales Leben hat einen neuen frischen Aufschwung genommen und die neueste Aktion dieser Reformpolitik hat die deutsche Flagge in fernen Weltteilen aufgepflanzt welcher Deutsche, dessen Sinn nicht bethört und umdüstert ist durch alte, falsche und bankerotte liberale Theorieen, könnte eS da überS Herz bringen, Abgeordnete in den Reichstag zu wählen, welche Gegner dieser Politik sind und die unsere aufblühende Entwickelung wieder zu der verderblichen Politik der libe­ralen Aera zurückwerten wollen? Der Kaiser hat die Wahlen zum neuen Reichstag ausgeschrieben und da be­deutet fein Ruf an das Volk: Wählt Männer, die mir helfen, die Sozial- und Wirtschaftsreform zum Heile des Volkes weiter zu führen! Das Werk ist angefangen, eS darf nicht stecken bleiben, nicht gestört oder zurückgedrängt werden durch einen oppositionellen Reichstag!

In der That, man müßte verzweifeln an dem gesunden Sinne des deutschen Volkes, wenn eS durch oppositionelle Wahlen dieses Werk der Sozialreform, welches lediglich auf sein Wohl gerichtet ist, zerstören Hilfe! Die Sozialreform hat zum Wohle der Arbeiter die Kranken- und Unfall­versicherung geschaffen und hat In erster Linie auch noch die Alters- und Invalidenversicherung in Aussicht genommen, auch die Regulierung der Arbeitszeit, sowie die Beschrän­kung der Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken wird noch an die Reihe kommen 1 Wer könnte glauben, daß die deutschen Arbeiter thöricht und verblendet genug wären, sozialdemokratische OppofltionSmänner in den Reichstag zu schicken, welche diese Wohlthaten verhindern und nieder­stimmen würden, weil ste dieselben nicht aus der Hand des Kaisers, sondern aus der blutigen Hmd der Revolution nehmen wollen! Die Sozialreform hat sich bemüht, den Handwerkern wieder einen festen Boden korporativer Or­ganisation zu schaffen, auf welchem ste sich zur Förderung ihrer gemeinsamen Interessen tn Freiheit zusammenschließen können, sie hat sich bemüht, ihnen die unerträgliche Kon­kurrenz des Freihandels, deS wuchernden HausterertumS vom Halse zu schaffen man müßte alles Vertrauen zu dem gesunden Sinn der deutschen Handwerker verlieren, wenn ste Männer in den Reichstag schickten, welche diese Sozialreform zerstören und die liberale Wirtschaftspolitik der liberalen Aera wiederherstellen wollen!

Unser Kaiser und sein Kanzler haben eS verstanden, dem Reiche den Frieden nach außen zu sichern, um desto wirkungsvoller die Arbeiten des Friedens im Innern an dem Bau deS Volkswohls verrichten zu können. Jeder Blick in unsere Z-it belehrt uns, daß der wesentlichste Teil dieser Arbeit die Sozialreform ist. Durch daS Zusammen-

O sehr! und daS Schlimmste ist ich bin selbst an Allem schuld! Ich bin ungehorsam, unverantwortlich leichtsinnig gewesen, o Mama kann mir nie verzeihen.«

Ist sie so streng? Ich meine, Sie sind unfähig, ein wirkliches Unrecht zu begehen;« sagte Halben, ihr tief und ernst in die Augen blickend.

Else erwiderte den Blick, zerknirscht, aber mit treuher­ziger Offenheit.ES war doch wohl sehr unrecht, da Mama eS verboten hatte und sich sehr darüber kränken wird.«

Ein leises Lächeln spielte um die Lippen deS Dichters.

Ich will Sie begleiten und Ihr Fürsprecher sein, wenn Sie meinen«

O ich danke Ihnen nein, nein! Mama ist sehr streng, aber auch sehr gut. Ich wollte gern Alles ertragen, wenn ste nur nicht die Angst meinetwegen ausgestanden hätte.«

Sie wollen mich nicht bei ihr einführen?« fragte Halden verletzt.Nun Sie wögen ja Recht haben.«

Heut nicht o seien Sie mir nicht böse!« bat Else innig.Heute muß ich mit ihr allein sein. Morgen ach, aber morgen reisen wir schon!« verbesserte ste sich be­trübt.

Sie reisen wohin?«

Nach Pari« ich werde Lehrerin an einem Institut. Aber wir reisen erst morgen abend, und wenn Sie wollten*

Wie heißen Sie, mein Kind?«

Else Werner.«

Else Werner? Ich hatte ein Töchterchen, daS Else hieß;« sagte Halden sinnend und wehmütig.Sie könnte jetzt in Ihrem Alter sein. Ihr Vater wer ist Ihr Vater?«

wirken verschiedener Umstände wurden die Grundlagen der Gesellschaft erschüttert. Durch die Einführung der Maschinen wurde der Gewerbebetrieb und der Verkehr radikal umge­staltet. Das Kapital erlangte einen vorher nicht gekannten, Den Kleinbetrieb erdrückenden Einfluß, die mittleren Be­rufsstände wurden immer mehr zerrieben; Tausende ver­loren ihre gewerbliche Selbständigkeit, ein ganz neuer Stand der Stand der ganz von dem gewerblichen Groß­betrieb abhängigen Fabrikarbeiter entstand und nahm rasch ungeheure Dimensionen an. Die Wirkung dieser Ursachen dauert fort, löst die Gesellschaft immer mehr in ihre Atome auf, ballt die Reichtümer auf der einen Seite in wenigen Händen zusammen, während die große Masse des Volkes, immer mehr besitz- und vermögenslos, mit ihrer ganzen Existenz auf die unsicheren Arbeitsverhältniffe angewiesen ist und zwar ohne Aussicht, irgend einmal aus diesen AbhängigkätSverhältniffen heraus zu einer wirtschaftlichen Selbständigkeit zu gelangen. Wenn wir nicht sozialen Zu­ständen entgegengehen wollen, wie ste im untergehenden Rom herrschten, wenn wir einen lebensfähigen, wirtschaftlich gut situierten Mittelstand, in welchem immer die Kraft der Nation liegt, erhalten wollen, dann muß mit dem liberalen Prinzip des GehenlaffenS gebrochen werden und eS müssen Einrichtungen getroffen werden, welche dem natürlichen Egoismus deS Kapitals Zügel anlegen und der sozialen Auflösung durch organische und korporative Zusammen­fassung der naturgemäß zusammengehörigen Berufskreise, durch Stärkung der erziehlichen und autoritären, sozialen Institutionen einen Damm entgegensetzen.

Wer soll daS aber thun? Die politischen Parteien fönnen es nicht, weil keine die Macht dazu hat; und wenn diese sozialen Aufgaben den politischen Parteien überlasten werden, dann führen ste, wie die Geschichte aller Zeiten gelehrt hat, zur Revolution. Der einzige Weg, dieser blutigen Entwickelung vorzubeugen, ist der, daß das über allen Parteien stehende Königtum die Lösung dieser sozialen Ausgaben in die Hand nimmt, die soziale Fahne erhebt und die Parteien zur Mitarbeit auffordert. Diese große Aufgabe haben die preußischen Könige immer verstanden, vom großen Kurfürsten, Friedrich dem Großen und Fried­rich Wilhelm III. bis zu unserem Kaiser, und deshalb ist Preußen mehr als jedes andere Land vor Revolution be­wahrt geblieben. WaS hat der alte Fritz zur Hebung der wirtschaftlichen und sozialen Notstände unter dem Groß­grundbesitz und Bauernstände gethan: wir erinnern nur an die Errichtung der Ritterschaftsbanken und gab es eine tiefere und durchgreifendere Reform, als die Emanzipation der Bauern durch Friedrich Wilhelm III.? Ohne Kamps und Widerspruch ist sreilich niemals eine soziale Reform durchgefübrt worden; wie damals der Feudalismus, so sträubt sich jetzt der Groß-Kapitalismus und Groß-Jn- dustrialiSmuS gegen Bestrebungen, welche darauf gerichtet sind, für den gewerblichen Mittelstand eine sichere und freie

Ich habe ihn frtzh verloren,« antwortete Else stockend und verlegen.

Halden blickte ste betroffen an, forschte aber nicht weiter. In nachdenklichem Schweigen legte er den Rest des Weges zurück, bis das Haus erreicht war. Die Thür war noch offen. In eigentümlicher innerer Bewegung hielt er die Hand seines Schützlings in der feinen und blickte lange in daS unschuldige blaffe Gesichtchen, in dem die Thräncn- spuren noch deutlich sichtbar waren.

Seien Sie getrost, Fräulein Else,« sagte er weich. Wir irren Alle, nicht nur in der Jugend, sondern bis ins Alter hinein. Das Leben ist ein Labyrinth, und wenn wir am Ziel stehen, sehen wir, daß wir unö zwecklos durch seine vielverschlungenen Pfade gemüht, und nichts erreicht haben, als daraus erlöst zu sein. Bewahren Sie sich Ihr reines Herz, es ist der Ariadnefaden, der allein sicher durch diese Irrwege führt. Leben Sie wohl, mein teures Kind.«

Aber Sie kommen morgen, nicht wahr?« bat Else, seine Hand festhaltend.

Ja nein vielleicht;« erwiderte Halden unschlüssig, drückte ihr noch einmal die Hand und ging.

ES war eine seltsame Gemütsverfassung, in der er heim­kehrte, und die ihn bis spät in die Nacht wach erhielt. Aus und ab, auf und ab schritt er durch die Reihe hoher Gemächer, durch deren leicht verhüllte geöffnete Fenster eine Flut von Mondlicht und erfrischender Nachtluft ein­drang. Der ganze traumhafte Zauber längst verklungender Jugendtage ward wieder lebendig. O wie war sein Herz damals so weit, so reich, so voll innerer Poesie und unver- steglicher Schöpserkrast gewesen l Wie hatte die ruhelose Phantasie eine Welt um ihn her au» dem Nichts gerufen,