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Nr. *8«

Marburg, Sonnabend, 4. Oktober 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die ExpedUion b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a.M., Berlin, München und Köln; G L Daube und Eo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld;

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageZlluftrirte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

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Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierte« GomrtagSblatt

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Das parlamentarische Regiment.

DaS Wesen des parlamentarischen Regiments besteht darin, daß die jeweilige Majorität des Parlaments den Ausschlag giebt für die Richtung der Politik und die Wahl der Minister, welche der König aus dieser Majorität zu entnehmen hat, ohne Rücksicht auf seine persönlichen An­schauungen und Ueberzeugungen. Die Folge davon ist, daß das, waS gestern noch die Richtschnur der RegierungS- politik bildete, heute umgestoßen werden kann, wenn der Zufall der Wahlen die bisherige Minorität zur Majorität gemacht hat.

Die Meinung, daß diese Wechselwirtschaft in der Re­gierung und in der Politik des Landes den Gipfel der Bollkommenheit habe, war früher ziemlich verbreitet, zumal -Staaten, welche im hohen Ansehen stehen, nach diesem System regiert werden. Aber die Zahl derer, welche von dieser Ansicht bekehrt worden sind, wird immer größer, und ganz besonders dort, wo man das parlamentarische Regiment und seine Wirkung aus eigener Erfahrung kennen gelernt hat. Trotzdem lasien sich unsere Fortschrittler und Frei- sinnler von ihrem Ideal nicht abbringen und arbeiten mit Eifer an der Verwirklichung desselben.

Vielleicht aber gehen auch ihnen jetzt die Augen auf, seitdem sie die Konsequenzen sehen, zu welchem daö parla­mentarische Regiment in dem konstitutionellen Musterstaat Belgien führt. Dort beherrschen zwei Parteien daS Land, die liberale und die klerikale, von denen bald die eine, bald die andere durch den Zufall ter Wahl in den Besitz der Herrschaft gelangt und nach dem Antritt derselben nicht« Eiligeres zu thun hat, als das Werk ihrer Vorgängerin mit Stumpf und Stiel auSzurottcn. Im Jahre 1879 ste,te der Liberalismus, welcher sofort den Einfluß der Kirche auf die Schule brach; jetzt haben die Klerikalen da« Heft In Händen und demgemäß haben sie sofort den Ein­fluß des Klerus in der Schule wieder hergestellt. König Leopold hat als konstitutioneller König heute wie damals den Willen der Majorität vollzogen und es abgelehnt, den Bitten und Vorstellungen des Liberalismus nachzugcben, welcher dem König riet, daö neue Schulgesetz nicht zu , 11 '

26 vruderuudSchwtster.

Erzählung von M- Gerhardt.

-Warum schreiben Sie unS nicht einmal ein gutes Stück?" warf der Schauspieler hin. Als wir uns vor vier Jahren zuletzt trafen, hatten Sie die Absicht. Ich habe mich umsonst darauf gefreut, in Ihrem Heinrich IV. aufzutreten. Dafür wird mir jetzt zugemutet, ein Zerrblld Ihres Helden vor die Lampen zu bringen. Das hat mich heut lebhaft in die prächtigen Nachtstunden zu RüdeSheim zurückversetzt, als wir unter Rebenlaub bei blinkenden Römern Ihren Entwurf durchsprachen. Ich war so erfüllt davon, als handelte rS sich um mein eigenes Werk. Ich kann Ihnen nicht vergeben, daß Sie eS über Ihrem Kampf gegen die Philister, so zeitgemäß unv ruhmvoll er war, ver- grsien haben."

.Ein Zerrbild meine« Helden? waS ist da«?' fragte Halden.

DaS ganze Machwerk ist eigentlich ein Zerrbild Ihre« Drama«, wie es damals in meiner Phantasie Gestalt ge- wvmmen;" erwiderte der Schauspieler ärgerlich. »Ein Trauerspiel .Heinrich IV.," daS der Intendant womöglich noch währens meiner Anwesenheit auffahren lasien will. Er ist vernarrt in da« Ding und ich soll nun meine Mei­nung geben, Rat schaffen, wie eS lebensfähig zu machen sei. Aber da hilft keine Operation. ES ist ein Wechsel­balg, bet dem man an seinen eigenen Sinnen irre wird. Gestalt und Gliederbau eines Gottes, aber daS blödsinnige Grinsen und Stieren eines Crettn«. Kurz, ich sage Ihnen, Halden, es ist Ihr Entwurf, Ihre Composition, der ganze große Zug der Handlung ist von Ihnen, ich weiß nicht,

sanktionieren, d. h. einmal den Liberalen zu liebe von der durch die parlamentarische Regierungsform vorgeschriebenen Regel abzuweichen und somit daS parlamentarische Regiment über den Haufen zu werfen. Was würden die Liberalen in Belgien wohl sagen, wenn ihre Gegner, sobald sie wieder unterliegen, an den König mit derselben Bitte herantreten und wenn der König dann dieser Bitte nachgeben wollte!

Wenn man nun aber meint, daß dieser fortwährende Wechsel wirklich den Jnteresien des Volkes entspräche, indem in bestimmten Zwischenräumen bald den Bedürfnissen des einen Teils, bald denen de« anderen Genüge geleistet und so allmählich ein Ausgleich der Jnteresien und ein Gleich­gewicht hergestellt wird, so sind die neueren Vorgänge in Belgien geeignet, diese Meinung gründlich zu widerlegen. Statt daß sich die Jnteresien allmählich auSgleichen, werden die Gegensätze immer schärfer und die Leidenschaften immer zügelloser. Jeder Wechsel in der parlamentarischen Regie­rung ist mit den ernstesten Unruhen verknüpft, der Haß und die Erbitterung der Geschlagenen führen ebenso zu be­denklichen Ausschreitungen wie der Uebermut der Sieger. Da das Parlament und der parlamentarisch regierende König den Unterlegenen nicht helfen kann, suchen sie Hilfe und Rettung in Straßentumulten, und da sich auch diese als unwirksam erweisen, führt die Leidenschaft zu geheimen Anschlägen auf die bestehende StaatSverfasiung. Nicht nur die öffentliche Ordnung, sondern der Staat selbst ist be­droht und erschüttert, und eS fehlte nicht viel daran, daß die Straßen Brüssel« der Schauplatz eines förmlichen Bürger­krieges wurden.

Ist das etwa ein Zeichen derVollkommenheit" des parlamentarischen Regiment? Oder ist daS nur eine unbedeutende Kleinigkeit, die man ruhig mit in Kauf nehmen kann, wenn man sich im Besitz desIdeals" befindet? Wir meinen, die Vorgänge in Belgien find ein unzwei­deutiger Beweis dafür, daß die parlamentarische Regierungs­form nicht etwa der Talisman ist, der alle Schwierigkeiten der Staatskunst überwindet, sondern eine Einrichtung, die solche in erhöhtem Maße hervorruft und den Staat der Revolution entgegentreibt.

Deutsche« Reich.

Berlin, 2. Ott. Dem Vernehmen nach beabsichtigt dir kronprinzliche Familie von München aus nach Tirol zu gehen und dort einige Wochen incognito zu. bleiben. Prinz Heinrich wird, nachdem seine Eltern und jüngeren Schwestern die längst beabsichtigte Reise nach der Schweiz angetreten haben, noch einige Tage bei den Großeltern in Baden Baden verweilen und dann nach einem kurzen Aufenthalte in Berlin resp. Potsdam nach Kiel für den Winter übersiedeln, um dort die Vorlesungen der Marine-Akademie, welche gegen Mitte de« Monats ihren Anfang nehmen, zu besuchen. Der Prinz wird, wie immer, im Königlichen Schlosse Wohnung nehmen, daö zum größeren

durch welche Hexerei in die Hände eines fingerfertigen Tausendkünstlers geraten, der eS befchnitzelt, verkleistert, schön bunt angestrichen, mit Läppchen und Flittern seiner eigenen Erfindung behangen, mit allerhand gelehrtem Schnick­schnack aufgestutzt hat, den das liebe Publikum unbändig anstaunen wird. Der Intendant soll es lasien wie eS ist, ich werde ihm zn Gefallen den Kaiser spielen, und Sie werden sehen, Halden, daS Ding wird daS Ereignis der Saison und macht volle Häuser und volle Kassen."

Im Eifer der Rede hatte der Schauspieler ein Heft aus bet Tasche gezogen, das er lebhaft gestikulierend in der Hand bewegte. Halden streckte mechanisch die seine danach aus. Aber Rosenberg zog eS zurück.

.Ich darf nicht ich habe Geheimnis gelobt."

.Sie haben mir zu viel gesagt, Rosenberg, um mir jetzt vollen Einblick in die Sache zu verweigern. Denn mit einem Wort mein damaliger Entwurf ist au«- geführt fast in derselben Fassung, die ich Jhnm damals mitteilte. Niemand als Sie hat davon Kenntnis gehabt."

Durch mich hat Niemand davon erfahren," versicherte der Schauspieler.UebrtgenS habe ich diesen Herrn Wend­heim nie gesehen."

Wendheim also ist e«', sagte Halden wegwerfend.

Ja, und da Sie so viel wisien, und unter diesen Um­ständen wohl ein Recht darauf haben, so nehmen Sie das Manuskript. Sie werden mich nicht in Ungelegenheiten bringen, wenn es nicht sein maß."

Halden bewegte verneinend den Kopf, nahm da« Heft und durchblätterte eS schweigend mit gespannter Aufmerk­samkeit, während seine Züge allmälig starr und bleich wurden, und die Hand, welche die Blätter umwaudte, leise

Teile einer gründlichen Reparatur unterzogen wird. So sind diejenigen Räume, in denen sich eine Reihe von Jahren die Bureaux der Marinestation der Ostsee befanden und in dem linken Flügel im Schloßhofe lagen, von Grund aus renoviert. Diese Bureaux werden in das im vorigen Jahre angekaufte bisherige Postgebäude in der Schloßstraße verlegt. DaS Hofstaatsbureau des Prinzen, welches bis­her in einem höchst unbequemen und ungeeigneten alten Nebenhause untergebracht war, soll nunmehr in die repa­rierten Räume des Schlosies verlegt werden, wo auch der militärische Begleiter dcS Prinzen, Korvetten-Kapitän und Flügeladjutant Freiherr von Seckendorff, seine Dienst­wohnung hat. Wie eS heißt, wird Prinz Heinrich im nächsten Frühjahre wieder eine größere Seereise machen, jedoch vorher noch seine Beförderung zum Kapitänleutnant erhalten. Im ReichsverstcherungS-Amt haben gestern die Sitzungen ihr vorläufiges Ende erreicht. ES haben nicht, wie verschiedentlich gemeldet wurde, zwei, sondern neun Sitzungen stattgefunden, von welchen die ersten sich mit der Auf­stellung der Geschäftsordnung befaßten, welche bereit« dem Staatssekretär im Reichsamt de« Innern zur Genehmigung unterbreitet ist. Die weiteren Verhandlungen betrafen die Ausdehnung des Unfallversicherungs-Gesetzes auf den Eisen­bahnbetrieb, die Land- und Forstwirtschaft. ES soll nun­mehr feststehen, daß weder der Kaiser noch der Kronprinz der auf den 27. Oktober festgesetzten Einweihung des neuen UniversitätSgebäudeS in Straßburg beiwohnen werden. Laut den offiziellen Listen wuchs die Zahl der Wähler in Berlin von 218693 im Jahre 1881 auf 285818, der sechste Bezirk zählt 76000 Wähler. Eine offizielle . Korrespondenz schreibt bezüglich der in einigen deutschen Blättern kolportierten Nachricht über einen angeblichen Be­such deö Fürsten BiSmarck bei Gladstone in England das Folgende: Die fetteste Ente, welche zur Zeit auf dem Tische der auswärtigen Politik prangt, ist jedenfalls das in England auSgeheckte Gerücht, daß Fürst Bismarck seinem dortigen Kollegen Gladstone einen Besuch zugedacht habe. Wir möchten bloS wisien, waS der Fürst dort verloren oder zu suchen haben könnte.

Stettin, 1. Okt. DieNeue Stett. Ztg." schreibt: Dänemarck ist feit langem ein Herd der sozialdemokratischen Bewegung; in Kopenhagen find bekanntlich mehrfach Kon- gresie der Sozialdemokraten abgehalten worden. Die deutsche Polizei späht daher sehr eifrig nach Import dieser Art au« Dänemarck. Nachdem bereits zwei in unserem Hafen eingetroffene Dampfer, einer sogar mit Erfolg darauf­hin untersucht worden, ist auch der heute vormittag hier angekommene dänische DampferAarhuuS" seitens der hiesigen Polizei einer Durchsuchung nach sozialdemokratischen Schriften unterworfen; die Ausbeute war gering. Man fand nur ein Exemplar des in dänischer Sprache erschie­nenenSozialdemokraten", welches durch vielen Gebrauch schon defekt geworden war; natürlich wurde eS sofort ton«

zitterte. Der Schauspieler hatte inzwischen die Weinkarte durchmustert und dem Kellner Befehl gegeben, eine frische Flasche zu bringen.

Endlich schlug Halden daS Heft zusammen, warf es auf den Tisch, wischte mit seinem Tuch die Hand ob, in der er eS gehalten und sprach zwischen den Zähnen: .DaS ist unerhört I"

Also in der That ein bescheidene» Anlehen?"

.Nein, sondern frecher Raub;" entgegnete Halden lang­sam und mit scharfem Nachdruck.Dies Machwerk ist Zug für Zug meinem Heinrich IV. nachgebildet, der seit vier Monaten vollendet in meinem Pult liegt. Der Auf­bau der Semen die Entwickelung, die Katastrophe wie wollen Sie das erklären? Noch nie habe ich zwi­schen meinen Intentionen und denen WendheimS eine Spur von Wahlverwandtschaft entdeckt. Mein Manuskript ist in keine fremden Hände gekommen, außer"

Halden sprang plötzlich abbrechend auf und schritt in heftiger Aufregung in dem freien Raum zwischen den umher- stehenden Marmortischen und Stühlen auf und nieder.

Der Schauspieler steckte die Blätter bedachtsam ein und fragte:und warum sind Sie nicht früher mit Ihrem Werke hervorgetreten, lieber Freund?"

Ans jämmerlicher Zaghaftigkeit!" brach Halden in wlldem Ingrimm los.Aber wie konnte ich ermatten, daß solch ein nichtswürdiger Schnapphahn mir zuvorkommen würde? Wenn ich nun mein Werk an die Oeffentlichkeit bringe, wird eS heißen, ich habe Herrn Wendheim bestohlen vielmehr, die Veröffentlichung ist zur Unmöglichkeit, die bedeutendste Arbeit meine« Leben« ist Makulatur ge­worden." (Fortsetzung folgt.)