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Nr. «38

Marburg, Freitag, 3 Oktober 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a.M., Berlin, München und Köln: G. L Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen' nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux

Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. Ri.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst. Adolf Steiner i. Hamburg! Jnvalidendank in Berlin'

Dresden und Leipzig! I. Barck u. Co. in Halle: W. ThieneS in Elberfeld'

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/< Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

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f Großer und kleiner Grundbesitz.

Die Forderungen der Vertreter unserer ländlichen und landwirtschaftlichen Interessen richten sich vornehmlich- auf die folgenden vier Punkte: #

Auf Verminderung der dem ländlichen Grundbesitz aufgebürdeten Lasten.

Auf Schutz gegen Zerfplitterung und Ueberschuldung dis Grundbesitzes.

Auf Schutz der landwirtschaftlichen Produktion gegen die ausländische Konkurrenz.

Besteht rückstchtlich dieser Forderungen irgend welche Verschiedenheit zwischen Jnteresien großer und kleiner Grund­besitzer?

In bezug auf die zwei ersten Punkte liegt die Sache so einfach, daß die sortfchrittlichenBuernfreunde" dieselben mit Stillschweigen zu übergehen pflegen, wenn sie dem Bauern zu beweisen versuchen, daß der Großgrundbesitzer sein gefährlichster Feind sei. Grund- und Gebäudesteuern, Kreis- und Provinztalsteuern werden von kleinen und großen Grundbesitzern nach demselben Maße erhoben. Es ist auch nicht von einer veränderten Verteilung, sondern von Ver­minderung derselben und von stärkerer Heranziehung der großstädtischen Kapitalisten zu den Staatslasten die Rede. Da Geldspekulanten auf Rittergütern und Bauern­höfen gleich selten gefunden werden, und da die Bewohner der einen wie der andern von einer Verminderung der auf dem Grund und Boden ruhenden Lasten in gleicher Weise Vorteil ziehen würden, so läßt sich von niemand bestreiten, daß sie in Sachen dec Steuerfrage LeidenSgenosien sind, denen an der Durchführung der Steuerreform tn gleichem Maße gelegen fein muß.

Daß der Großgrundbesitz die Jnteresien der Bauern und kleinen Landwirte als feine eigenen ansteht, zeigt sich rückstchtlich de» zweiten Punktes mit besonderer Deutlichkeit. Es sind von jeher die den konservativen Parteien angehören­den Vertreter deS Großgrundbesitzes gewesen, welche der Bodenzersplitterung und der durch unzweckmäßige Erbtei­lungen bewirkten Verschuldung des bäuerlichen Grundbesitzes entgegen arbeiten. Von ihnen ist der Vorschlag ausgegangen, allen Grundbesitzern durch das Institut der Höferolle die Zusammenhaltung ihres Besitzes zu erleichtern. Derjenige Hofbesitzer, der den Wunsch hegt, seinen Hof vor Zer- fplitterunz und Ueberschuldung zu bewahren'und einem seiner Söhne (dem Anerben) unter erträglichen Bedingungen zu übertragen, soll das tn kostenloser Weise thun können, indem er seinen Besitz in die Höferolle eintragen läßt. Die Freiheit, von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen, soll allen in gleichem Umfang gewährt werden, und auch in dieser Beziehung kein Unterschied zwischen groß und klein obwalten.

Wie steht eS nun mit dem Interesse des Bauernstandes an dem Schutz der einheimischen Vieh- und Kornproduktton gegen die Konkurrenz des Auslandes?

Nach fortschrittlicher Darstellung ist der deutsche Bauer ein Mann, der weder Viehzucht noch Getreidebau treibt, sondern diese Beschäftigungen dem Großgrundbesitzer über­läßt, sein Brot in der Regel kauft und demgemäß am besten fährt, wenn Fleisch und Korn so wohlfeil wie immer möglich zu Kaufe stehen. Wer jemals einen wirklichen, zumal einen nord- oder mitteldeutschen Bauer gesehen hat, wird zu dieser echt fortschrittlichen Darstellung lediglich die Achseln zucken und die Herren fragen, wovon der Bauer, wenn er sein Vieh und Getreide kaufen muß, denn eigentlich existiert! Wenn die Fortschrittler, statt statistische Kunststücke zu treiben, Umfrage auf dem platten Lande halten wollten, so würden ste alöiald ersehen, wie der Bauer über niedrige Korn- und Fleischpreise wirklich denkt und wie ihm zu Mute ist, wenn er in der Zeitung von den Schleuderpreisen liest, zu welchen amerikanische und indische Produkte auf den Markt geworfen werden. Endlich giebt es Millionen von Landbewohnern, die im Lohn und Brot von Leuten arbeiten, deren einzige Einnahme in dem Verkauf ihrer Produkte besteht. WaS soll auS diesem ärmsten Teil der Landbevölkerung werden, wenn die Feldarbeit, von welcher sie leben, aufhört lohnend zu sein und wenn ihre Ernährer, die Getreideproduzenten, selbst nahrungSloS werden?

Auf all diefe Fragen haben die Fortschrittsprediger, welche die kleineren und mittleren Leute auf dem Lande gegen ihre größeren Nachbarn aufzuhetzen versuchen, keine Antwort, weil es ihnen mit der Erforschung und Berück­sichtigung der Nöte des flachen Landes überhaupt niemals Ernst gewesen ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Okt. Bei der heutigen Generalversamm- lung-des Vereins zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen von Handel und Gewerbe begrüßte namens deS provisorischen Vorstandes Geh. Kommerzienrat Delbrück die zahlreiche Versammlung, in welcher Vertreter deS Handel» und der Industrie aus allen Teilen Deutschlands gegen­wärtig waren. Delbrück betonte, die Vereinigung wolle nicht die Thätipkeit der Handelskammern beschränken, sondern denselben ein reiches Material zur Information bieten; in den hervorragendsten Handelsplätzen Deutschlands müßten sich Lokalkomitees bilden. Bisher sind 763 Mitglieder eingeschrieben. Die Versammlung wählt mit Akklamation Delbrück aus Berlin und Wörmann auS Hamburg zu Vorsitzenden. Rüssel präzisiert die Ziele deS Vereins, berührt dabet die Börsensteuerfrage und wendet sich gegen die prozentuale Besteuerung, welche dc S Arbitragegefchäst völlig untergraben würde. Wer davon ausgehe, daß eS sich im Börsengeschäfte nur um Spekulation handele, kenne die Verhältnisse nicht, überhaupt verstehe man tn der Oeffentltchkeit sehr wenig davon. ES gehe ein Zug von Feindschaft gegen das Kapital, sowie gegen die Kaufleute

und Industriellen durch die Welt; die Gesetzgebung aber müsie vor solchen Agitationen im Interesse deS Volks­wohlstandes gewarnt werden. Bei einer größeren Heran­ziehung des mobilen Kapitals zur Besteuerung müsie inner­halb gesicherter Gesetzes-Prinzipien verfahren werden, nicht aber tn dilettantischer Weise. Redner weist auf daS Aktien- gesetz hin, desien Reformbedürftigkeit sich bald Herausstellen werde. Redner ist im allgemeinen mit der Eisenbahn- Verstaatlichung einverstanden, bekämpft dagegen die Ver­staatlichung deS Versicherungswesens und betont die Not­wendigkeit des positiven Mitwirkens des Vereins bei den großen sozialpolitischen Aufgaben. DaS Parlament besitze zu wenig tn dieser Frage orientierte Männer. Der Verein müsie seine Erfahrungen zur Geltung bringen ohne Berück­sichtigung der politischen Parteirichtungen. Darüber, daß die Frage, ob Freihandel oder Schutzzoll, nicht $u disku­tieren sei, seien wohl alle Vereinmitglieder einig. Redner beantragt die Bildung eines auS 45 Mitgliedern bestehen­den Ausschusses, in dem der Schwerpunkt deS ganzen Vereins zu ruhen habe. Er schließt unter lebhaftem Beifall mit einem Appell, in der Wahrung der Standesehre zusammen­zuhalten. Hierauf wird das vorgelegte Statut en bloc angenommen. Einem Privattelegramm derVoss. Ztg." zufolge versichert derManchester Guardian*, die deutsche Kronprinzessin habe während ihrer jüngsten Anwesenheit in England eine Begegnung zwischen dem Fürsten Bismarck und Mr. Gladstone angebahnt, welche binnen kurzem in England stattfinden solle, falls das Befinden des Kaisers gut bleibe. Das Gerücht wird auch in einer Londoner Korrespondenz derKöln. Ztg." erwähnt und wenigstens so viel als Thatsache behandelt, daßdie deutsche Kron­prinzessin, welche Gladstone gelegentlich ihres jüngsten Be­suches in England wiederholt sah, gern eine persönliche An­näherung zwischen Bismarck und Gladstone vermitteln möchte". Im Zusammenhang mit diesen Gerüchten wird an einen am 24. v. MtS. veröffentlichten und jetzt nicht mehr lediglich in dem Lichte einer müßigen Gedankenspielerei erscheinenden Artikel derTimes" erinnert, in welchem ebenfalls dem Gedanken AuSoruck gegeben wurde, daß die jetzt bestehendenMißverständnisse" zwischen englischer und deutscher Staatskunst durch eine persönliche Begegnung BiSmarckS und Gladstones vielleicht ausgeglichen werden könnten. Nach alledem scheint es Thatsache zu sein, daß Bemühungen in der bezeichneten Richtung stattgefunden haben, und Fürst Bismarck, der ja jede gute Intention, auch wenn sie einen noch so sanguinischen Charakter trägt, zu schätzen weiß, mag sich gegen daS Projekt nicht von vornherein ablehnend verhalten haben. DaS dasselbe irgend welche Aussicht auf Verwirklichung hätte, glauben wir allerdings nicht. Fürst Bismarck wenigstens weiß wohl, auch ohne die eigentümlichen Reize der Gladstoneschen Kon­versation au« eigener Erfahrung kennen zu lernen, ganz genau, woran er mit dem englischen Premier ist, und wenn

25 vr«der»»d Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

So verzeihen Sie, daß ich thörtchterwetse gerade bei Ihnen Thdlnahme für meine Wünsche vorausgesetzt, und"

»Mein junger Freund! fiel Halden dem jungen Mann ins Wort, der verletzt und enttäuscht sich entfernen wollte. Glauben Sie mir, ich bin nicht unfähig mit Ihnen zu fühlen. Ich bin eS so wenig, daß ich gerade deshalb Sie von einer Klippe zurückzuhaltm wünsche an der mein eigene» Lebensglück zerschellt ist. Noch kann Ihre Liebe nicht an­nähernd so tiefe Wurzeln gefaßt haben, wie die meine es hatte; und doch ward ich gezwungen, sie ausznrot ten, moch­ten auch unheilbare Risse und Wunden zurückbleiben; weil der dornige Baum, der mir daraus erwuchs, mein ganzes Leben zu verschalten und seine wertvollsten Pflanzungen zu . überwuchern und zu ersticken drohte. ES ist nicht gut, Leo, der Liebe zum Weibe, die im Leben deS Mannes eigenllich nur eine sekundäre Stelle einnehmen darf, zu schwere Opfer zu bringen. Reue und dn zerstörtes Leden wird früher oder später die Folge davon sein, ob wir nun auf unsere Stellung in der Welt Verzicht leisten, oder uns gewalt­sam der Bande entledigen, dir bereit» tief und unzertrenn­lich mit den innersten Fafern unser» Sein» verwachsen sind."

Der Ton schweren trüben Ernste», in dem Hilden sprach, versehlte seine» Eindruck» auf den jungen Mann nicht. Gesenkten Haupte» hörte er zu, aber al» der Dichter geendet, blickte er wieder mit ruhiger Zuversicht auf.

Was für Sie gewiß volle Geltung hatte, trifft mich doch nur in sehr bedingten Maße. Ein hervorragender Geist, wie Sie, hat Verpflichtungen gegen Welt und Nach­

welt, denen et wohl sein Gemütsleben unterzuordnen haben mag, ich darf mir darüber kein Urteil erlauben. Ich bin kein bedeutender Mensch, daß weiß ich ganz genau, und daher kann ich mich sehr wohl mit der Aufgabe begnügen, das Glück eines geliebten Weihe« zu begründen, indem ich einen beschränkten Wirkungskreis ehrenvoll ausfülle. Ich denke, dazu soll meine Kraft und auch mein fester Wille ausreichen."

Sie beharren also auf Ihrem Sinn. Ein Ver­sprechen aber verlange ich, Leo, im Namen Ihrer Mutter: thun Sie keinen entscheidenden Schritt, ohne mich vorher davon in Kenntnis zu setzen."

Leo zögerte, reichte bann aber doch dem väterlichen Freunde die Hand.

ES soll geschehen, ich verspreche eS."

Er ging, und Halden folgte der schlanken aufrechten Gestalt mit den Augen, und etwas wie Bewunderung, ja eine Art schmerzlichen Neide» kam ihm zum Bewußtsein. Wie unbeirrt, wie leichtherzig entschlossen dieser Jüngling auf die Klippe lossegelte, die Ihm soeben in ihrer ganzen Gefährlichkeit gezeigt worben 1Er hat Verstand genug, sich nicht bagegen zu verblenden," sagte Halden sich.Aber so sind diese beschränkten Naturen; ihrer selbst gewiß, da sie nicht höher streben, al» ihr Flug ste mit Sicherheit trägt; ste sind die Glücklichen! Er wird eS durch­setzen ober rechtzeitig zum Einsehen kommen; ich bin nicht bange um ihn."

Er machte einen Gang durch den @artm, in dem e» bereits zu dunkeln beginn. DaS Gespräch mit Leo hatte die bittersten Erinnerungen seine» Leben» geweckt, die er sich

sonst geflissentlich fern zu halten suchte, und e» war nicht möglich, sie wieder zu verbannen. Ein Bild nach dem andern tauchte au» dem Nebel auf und rührte mit leisem Finger an die halbvernarbten Wunden seine» Innern, und wieter begannen ste zu brennen unv zu bluten--

Halden verließ den Garten und kehrte in sein Studier­zimmer zurück. Ein Billet für da« Schauspielhaus, das auf feinem Schreibtisch lag, fiel ihm ins Auge, und er er­innerte sich der Einladung eine», ihm von früher her be­freundeten Schauspieler», sein erste» Gastspiel anzusehu. Die Einsamkeit war ihm gerade heut unerträglich, junb seinem frühem Vorsatz zuwider beschloß er hinzugehen.

ES war noch zu früh für das Theater und Halden trat in ein Cafö Restaurant in der Nähe desselben, in dem die Mitglieder der Bühne und die Vertreter der Presse zu verkehren pflegten. Ein nicht mehr junger Herr von mar­kierten ausdrucksvollen Zügen, der im Begriff stand, den hell erleuchteten aber noch menschenleeren Saal zu ver­lassen, blieb bei Halden» Eintritt stehen und begrüßte ihn mit lebhafter Freude. Auch Halden schien erfreut. Er hatte mit Rosenberg, eben jenem berühmten Gast de» Schau­spielhauses, vor Jahren manche gute Stunde in Ernst und Frohsinn verlebt, und die Erinnerung daran, die der Schau­spieler mit liebenswürdiger Gesprächigkeit heraufbeschwor, stimmte auch ihn heiterer. Die Zustände der Litteratnr und de» Theater» bildeten bald den Gegenstand eifriger Erörterungen, und Rosenberg, der niemals Veranlassung gehabt, sich über Holden zu beklagen, stimmte lebhaft bei, als dieser den zunehmenden Verfall derselben mit Bitterkeit und Schärfe rügte. (Fortsetzung folgt.)