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Nr. 239

Marburg, Donnerstag, L Oktober 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a.M., Berlin, München und Köln: G- L> Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt.entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frantfurt a.M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank^in Berlin, Dresden unbj Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle W. Thienes in Elberfeld..

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Amtlicher Anzeiger

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Die Beziehungen Deutschlands und Frankreichs.

Der PariserTvlsgraphe" ist in den letzten Tagen mit allerlei Enthüllungen über die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland hervorgetreten, mit denen wir uns eingehender beschäftigen müsien, weil die­selben offenbar, trotz allen tendenziösen und unglaubwürdigen Beiwerks, einen sesten Kern von wahren Thatsachen ein« schließen und denn auch bis zur Stunde von osfiziöser Seite nicht dementiert sind.

DerTölögraphe", der, wie wir von vornherein be­merken, der Regierung gegenüber oppositionell dasteht und etn H-uptrevancheschreier ist, versichert also, Ferry hätte im Mtnifterrat Mitteilungen über die während der Ferien ge­pflogenen Verhandlungen mit Deutschland gemacht. In diesen Eröffnungen betonte Ferry sehr die gute Stimmung des deutschen Reichskanzlers für Frankreich und gab zu ver- stehen, es sei ihm nicht möglich gewesen, die Anerbietungen deS Fürsten Bismarck endgültig abzulehnen. Nachdem Ferry die zwischen ihm und Courcel geführte Korrespondenz auf den Tisch des Ministerrats gelegt, sprach er sich über die Grundlage aus, auf der daS Einvernehmen zu stände ge­kommen sei. Deutschland werde Frankreich in seinem Wider- stanse gegen England unterstützen, ihm seine guten Dienste in Peking leihen, die Franzosen im Handelsverkehr in der Kolonie Kamerun zulassen, dagegen verlange Deutschland von Frankreich für seine Landsleute dieselben Rechte tn allen französischen Kvlonieen, welche sich auf der westlichen Küste Afrika« südlich von Gabun erstreckten, den Kongo und die Straße, die dahin führt, nämlich den Ogowe.

In Berliner Briesen ferner, deren Einzelheiten aller­dings ohne Zweifel nur mit großer Vorsicht aufzunehmen sind, berichtet derTölsgraphe" über die Verhandlungen Frankreichs mit Deutschland noch folgende«: Vor einiger Zeit habe Bismarck einen Brief geschrieben, der die fran­zösische Botschaft und Ferry aufgeregt habe. In diesem Briefe sei gesagt worden, der Reichskanzler habe gegen

24 vruderrruö Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

X.

Leo von Ostrow hatte, berauscht von dem Glück des Wiedersehen«, erfüllt von der holden Nähe der Geliebten, die ihm erst jetzt ganz fest und voll in« Herz gewachsen schien, auf« innigste gerührt von dem frommen Vertrauen, mit dem da« liebliche Geschöpf sich und seine Zukunft in seine Hand gab, den Pavillon verlaffen, jeden Augenblick In Versuchung wieder umzukehren, um noch eine letzte Um­armung, einen letzten Kuß zu erobern. Aber er bezwang sich, und so oft er auch zurückschauend seinen Schritt hemmte, er setzte seinen Weg fort. Ein Gefühl ernster Verantwortlichkeit wurde mehr und mehr in ihm rege und erweckte seine besten männlichen Eigenschaften. Nicht um­sonst sollte Else ihre Zuversicht ans ihn setzen, nicht bereuen sollte sie, der Mutter Trotz geboten zu haben um seinet­willen. Und hatte er die Sache bisher ziemlich leicht ge­nommen und der Zukunft dabei das Beste zu thun anheim­gestellt, so faßte er tn dieser Stunde all ihre Schwierig­keiten ganz ernst und gewissenhaft in« Auge und kam zu dem Schluß, daß der Weg, den er Egbert nur so proble­matisch angrdeutet, der einzige für ihn sei, rasch und sicher anS Ziel zu gelangen, und daß er keine Zett verlieren dürfte, die ersten Schritte dazu zu thun.

Auf dem Sopha in Egberts Zimmer lang auSgestreckt hatte er seinen Plan in reifliche Erwägung gezogen. Jetzt sprang er auf und suchte den Herrn de« Hauses auf. Seinen Beistand gedachte er in Anspruch zu nehmen. Der langjährige Freuno seiner Mutter, der Vater Egberts hatte auch ihm stet« fteundschaflliche« Wohlwollen bewiesen, wenn

Frankreich viel guten Willen gezeigt und e« sei ihm augen­fällig, daß beide Länder geeignet seien, sich einander näher zu treten; er halte den Augenblick für gekommen, um die« zu verwirklichen; er habe sich hierauf über die Fragen be­treff« der afrikanischen Westküste ausgelaffen und besonder« über Kvlonieen ganz unerwartete Ansichten ausgesprochen, die Courcel und Ferry in Staunen gesetzt hätten; endlich, nachdem er angedeutet, was er wolle, habe er bemerkt, daß tn dem wenig wahrscheinlichen Falle, daß man dieses An­erbieten nicht annehme, er sich nach einer anderen Seite wenden werde. Infolge diese« seltsamen Vorgänge« sei Courcel nach Pari« und dann nach Varztn gegangen. Hier erklärte er, daß Frankreich deutschen Kaufleuten gestatten werde, sich in allen seinen Kvlonieen der afrikanischen West­küste nördlich von Gabun niederzulaffen; al« Gegenleistung sollten die französischen Kaufleute sich in der Kolonie Kamerun niederlaffen, jedoch nicht in Angra Pcquena. Bevor Bismarck auf diese Forderung kam, hatte er Courcels Aufmerksamkeit auf Egypten gelenkt und vor seinen Augen eine mächtige Hilfe schillern lasten, welche den französischen Jnteresten am Nil sehr zu statten kommen würde. Courcel wich au«. Bismarck sprach nun von einer neuen Konferenz, welche in Paris unter seiner persönlichen Mitwirkung stattfinden und England den Beweis eines engen BündnisteS zwischen beiden Ländern liefern sollte. Courcel hielt diese Pariser Konferenz für unmöglich und der Plan wurde fallen gelasten. Das Einverständnis wurde ostensibel auf die westafrikanischen Fragen beschränkt, aber eS wurde ausgemacht, daß Frank­reich auf Deutschlands gute Dienste tn China und Deutsch­lands Unterstützung in der egyptischen Frage rechnen könne.

Neuerdings bringt derTölögraphe" noch folgende Mel­dung:Man zeigt die Ankunft deö Grafen Herbert von Bismarck tn Paris an. Seine Reise wäre durch das Ein­vernehmen verursacht, welches zwischen der deutschen Regie­rung und derjenigen der Republik soeben zu stände gekommen ist und welches die egyptischen Angelegenheiten und die französischen Kvlonieen auf der Westküste Afrikas betrifft. Außerdem ist von einer Konferenz die Rede, welche in Berlin am 23. Oktober in betreff des französisch-deutschen Ueberetnkommen« stattfinden werde."

An diese Mitteilungen deSTölögraphe", die, wie ge­sagt, bis jetzt ohne Dementi geblieben sind, schließen wir die folgende, parallel mit den Enthüllungen dieses Blattes laufende Auslastung desFigaro":ES scheint,daßFerry die Lehre, welche er bei den Vorverhandlungen der Londoner Konferenz bekam, genutzt hat. Er hatte zu dieser Zeit den Fehler begangen, sich zum Sprecher von Kontinental Europa zu machen; er leitete die Unterhandlungen mit England; er glaubte gesiegt zu haben, während er einer Enttäuschung entgegenging. Die Konferenz scheiterte. DaS glücklichste, waS ihm begegnen konnte, war, daß er von den drei Kaiserreichen nicht aufgegeben wurde. Herr v. BiSmarck verstand in einer Zusammenkunft, die berühmt bleiben wird,

es auch nicht eben seine Sache war, einem so viel jüngeren Mann eingehendes Verständnis und ernstes Jutereste zu widmen.

Halden empfing den jungen Offizier, besten frische«, heiteres Wesen ihm ungemein behagte, sehr freundlich. Er fragte nach seinen jüngsten Erlebnisten und erwähnte, daß der Gelegenheit gehabt, durch einen hohen Vorgesetzten Rühm­liches von ihm zu hören. Er habe sich bei den Vorübungen zum Manöver ausgezeichnet.

Leo errötete und seine Augen glänzte».

Ich wollte", sagte er lächelnd,da« Lob käm von Ihnen, Herr Halden, und nicht von meinem alten Obersten. Da« wäre mir ein weit günstigeres Prognostikon für die Zukunft."

Wie da«?" fragte Halden erstaunt.Bin ich etwa zu einer Autorität in Militärsachen avanciert?"

Das nicht, aber mein Ehrgeiz hat sich neuerdings auf daS Felo verirrt, auf dem Sie Ihre Lorbeeren geerndtet haben."

Ah so Sie haben etwas geschrieben?"

Leo gestanv mit demütiger Miene, daß er sich aller­dings eines Mißbrauch« von Papier und Tinte schuldig ge- macht habe, den für Poesie auszugeben er indes nicht un­verschämt genug sei.

Halden lächelte gutmütig und fragte, ob Leo ihn etwa zum Vertrauten seiner Extravaganz machen wolle. Ein tapferer KriegSmann, den eS einmal abwechslungshalber gelüste, den hohen Damen auf dem Parnaß den Hof zu machen, habe den strengen Kritiker in ihm nicht zu fürchten.

Aber ich möchte gerade die volle Strenge Ihrer Kritik herauSfordern;" versetzte Leo, noch demütiger da« Haupt

die vereinigten Länder enger zu knüpfen. Der Eigendünkel Englands that da« übrige. Da« kontinentale Europa tritt vor es hin, entschlossener denn je, um ihm Halt zu ge­bieten, und Frankreich befindet sich nicht mehr an der Spitze dieser Koalition, sondern Deutschland; Herr Jule« Ferry handelte klug, Herrn BiSmarck den Vortritt bet den Unter­handlungen abzutreten, zu welchen die identischen Proteste der Vertreter Frankreichs, Deutschlands, Oesterreichs und Rußlands tn Egypten gegen die Handlungsweise Groß­britanniens Anlaß geben werden. Ernste Zerwürfnistr müssen zwischen diesen Mächten und England bestehen, um erstere zu bestimmen, ein direktes und nahes Einver­ständnis herzustellen. E» handelt sich weniger um daS Nilthal, als um die freie Durchfahrt durch den Suezkanal, welche das kontinentale Europa sich tn der Weise sichern will, daß da« Recht der Durchfahrt nicht von dem Willen einer einzigen Macht abhängt. Die vier Kabinette wollen die Neutralität deS Kanals durchsetzen und werden sie selbst um den Preis eines Kriege« erstreben, falls England dar­auf beharren sollte, die Schlüssel deS Kanals zu behalten. Die Mächte sind entschlossen, ernst vorzugehen." In ähnlicher Weise telegraphiert der Berliner Korrespondent de«Tempö", er könne aus sicherer Quelle mitteilen, daß da« Berliner Kabinett es mit dem der egyptischen Regierung übersandten Proteste sehr ernst nehme und daß Fürst Bismarck entschlossen sei, die Aktion Frankreichs energisch zu unterstützen. Der Reichskanzler interesstere sich nicht besonders für die BondholderS und würde gewiß seine Zu­stimmung zur Abänderung deS LiquidationSgesetzks gegeben haben, das Verfahren der englischen Regierung scheine ihm aber den Pflichten einer Macht zuwider zu sein, welche sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt ist. Die englische Diplomatie mache große Anstrengungen, um Deutschland und Oester­reich von dem Zusammengehen mit Frankreich abzubringen; ihre betreffenden Bemühungen würden aber, wie der Kor­respondent deSTemps" versichern kann, von keinem Er­folg begleitet fein.

E« versteht sich von selbst, daß diese Enthüllungen deS Tölögraphe" und die sie wenigstens zur Hälfte unter­stützenden Angaben und Ausführungen desFigaro" und desTempS" für die gesamte OpposttionSpresse daS Stich­wort zu maßlosen Angriffen gegen das Kabinett Ferry und speziell gegen den Ministerpräsidenten selbst gegeben haben, der als der Prologs des Herrn von BiSmarck bezeichnet und beschuldigt wird, die nationale Ehre preiszugeben und Frankreich zum Satelliten Deutschland« zu machen. Ent­sprechend ist denn auch tn den letzten Tagen jeder sich dar­bietende Anlaß die Enthüllung der Statue Chanzys in Bugaucy, die Einweihung eine« Denkmal« zu Ehren einiger im Jahre 1870 erschossener Franktireurs, eine Demon­stration an der Statue der Stadt Straßburg in Pari« mit besonderem Eifer benutzt, um das chauvinistische Feuer zu schüren und den alten blinden Haß gegen Deutschland

senkend.Ich möchte wissen, ob ich auf die Gunst der hohen Damen bauen könnte, wenn ich mich erkühnte' das Schwert mit der Leier oder sagen wir einfacher, mit dem Federkiel meinetwegen de« Journalisten zu ver­tauschen."

Halden stutzte und blickte den jungen Mann betroffen an.

Da« ist doch nicht Ihr Ernst, Leo?"

Gewiß mein voller Ernst."

"Und wie kommt Ihnen solch eine Idee? Ich will doch nicht fürchten"

Ich habe nicht« Böses gethan, Onkel Halden, auf Ehre, weder mehr Schulden, al« notwendig, noch nächt­lichen Unfug getrieben, noch einen Vorgesetzten beleidigt. Ich habe nur Unglück gehabt oder Glück vielmehr, kolossale« Glück. Ich habe nämlich Herz und Seele an da« holveste, liebste Geschöpf auf Gotte« Welt verloren; und da der liebe Gott sie so reich mit Schönheit und HerzenSreinheit ausgestattet hat, daß er billigerwetse nichts weiter für sie thun konnte, so fällt eS jetzt mir anheim, da« schnöde Metall herbei zu schaffen, ohne welche« die kleinste Hütte für da« genügsamste junge Paar nicht erbaut werden kann."

Sie wollen heiraten Sie, Leo, mit Ihren zwei und zwanzig Jahren, ein arme« Mädchen Sie, der selbst so gut wie kein Vermögen hat? Sie wollen eine vielverheißende Karriere aufgeben, mit der dornenvollen unsicher« Laufbahn de« Schriftsteller« vertauschen, um einer flüchtigen Jugendnetgung willen, haben Sie bedacht, wa« das heißen will?"

Leo richtete sich hoch auf und blickte dem filtern Freund ernst und entschlossen in die Augen.