Nr. 880
Marburg, Dienstag, 30. September 1884.
xix. Jahrgang.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
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Zur Kolonial frage.
Bekanntlich ist von „deutsch-freisinniger* Seite neuerdings das Schlagwort auSgcgeben worden, daß die Partei mit der vom Fürsten Bismarck vertretenen Auffasiung unserer kolonialpolittschen Ziele und Aufgaben einverstanden sei. Wie wenig aber diese notgedrungene offizielle Stellungnahme den Herzensnetgungen der Führer entspricht, beweisen die bei jeder Gelegenheit angebrachten Ausfälle und Sticheleien gegen das Kolonialwejen deutlich genug, obwohl man dieselben durch Annahme eines „markierten Feindes", d. h. einer angeblich bestehenden chauvinistischphantastischen kolonialpolitischen Strömung zu verdecken sucht, gegen die man dann freilich ungestraft polemisieren kann. Auch die Generalversammlung deS deutschen Kolonialvereins zu Eisenach hat zu derartigen Nörgeleien Anlaß geboten, an denen sich nicht bloS untergeordnete Organe wie das „Berl. Tagebl.", sondern auch sog. „vornehme" Blätter wie die „Nat.-Ztg." beteiligen. Mit Nachdruck wird unter anderem darauf hingewiesen, daß die beiden Hauptbeteiligten an der Erschließung Afrikas für Deutschland, die Herren C. Lüderttz - Bremen und Woermann- Hamburg, jede nähere Auskunft über die Errichtung von Ackerbauniederlassungen abgelehnt hätten, während Herr A. Woermann sogar aus die „besonderen Schwierigkeiten" ausmerksam gemacht habe, welche daS deutsche Volk in Afrika zu überwinden haben werde. Als ob das irgend jemand überraschen könnte! Wer hat daran gezweifelt, daß mit der Einleitung einer Kolonisationöära „besonder« Schwierigkeiten" verknüpft sein müsien und werden? Die Herren Lüderitz und Woermann haben in der That nicht nur daS Recht, sondern sogar die Pflicht, sich in dem Sinne zu äußern, wie sie eS gethan, weil eS überall in der Welt und auch bet unS leichtgläubige und unvorsichtige Menschen giebt, die Hab und Leben an neuen Unternehmungen von unabsehbarer Tragweite zu wagen bereit sind und deshalb gewarnt werden müssen. Darum fällt
eS aber weder dem Einen noch dem Andern ein, die angefangene Sache aufzugeben. Wer ihre Warnungen in diesem Sinne auffaßt und darstellt, der meint eS mit der Zukunft unseres Volkes entweder nicht gut, oder er ist in jenem engen Philistertum befangm, dem wir eS zu danken haben, daß andere Nationen im Wettbewerb deS großen Weltgetriebes einen so ungeheueren Vorsprung vor unS haben gewinnen können. Die Deutschen, wie sie heute noch sind, muß man nicht zurückhalten, sondern antreiben. Daß daS mit der gehörigen Vorsicht und Umsicht geschehen muß, haben wir schon gesagt. Unter dieser Voraussetzung aber heißt es: Vorwärts mit Gott in die freie, große Welt und nicht mit Herrn Bamberger hinter den Ofen zurück!
Deutsche- Reich.
Berlin, 27. Sept. Der „Nordd. Allg. Ztg." wird aus Hamburg gemeldet, daß gestern infolge einer Einladung deS Reichskanzlers die hauptsächlichsten Vertreter derjenigen Hamburger Firmen, welche am Handel in Westafrika beteiligt sind, sich nach Friedrichsruhe begeben haben. Der Reichskanzler soll dieselben eingeladen haben, um ihre Ansichten über die zukünftige Regelung der Verhältnisse in den deutschen Niederlasiungen WestafiikaS zu hören. Zugleich verlaute, daß mit Frankreich und England über die Gestaltung unserer nachbarlichen Beziehungen an der Küste von Westasrtka, Unterhandlungen schweben, die alle die Aussicht auf eine freundschaftliche Verständigung über die etwa möglichen Streitpunkte versprechen. — Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Staatsminister Graf v. Hatzfeldt-Wilden- burg, hat den auf kurze Zeit unterbrochenen, ihm aus Gesundheitsrücksichten bewilligten Urlaub wieder ausgenommen. Derselbe wirv während seiner Abwesenheit durch den Unter- staatssekretär, Wirk!. Geh. LegationSrat Dr. Busch vertreten. — Ein hiesiger Korrespondent der „Pos. Ztg." nimmt Notiz von einem Gerüchte, daß Graf Hatzfeldt wieder einen Botschafterposten zu übernehmen wünsche, und daß Graf Herbert BiSmarck zu seinem Nachfolger als Staatssekretär deS Auswärtigen auSersehen sei. — Wie der „Standard" versichert, kann die Ernennung deS Grafen Herbert Bismarck zum Nachfolger deS Grafen Münster als Vertreter des deutschen Kaisers am Hofe von St. James, obwohl noch nicht amtlich angekündigt, jeden Augenblick erwartet werden.— Im Reichs Eiscnbahnamt haben in den Tagen vom 22. bis 26. September er. unter dem Vorsitz des Geheimen Ober- RegierungSrats Körte Beratungen über Aenderungen verschiedener Bestimmungen des Bahnpolizei - Reglements für die Eisenbahnen Deutschlands stattgcfunden. An denselben haben außer mehreren Räten des Reichs - Eisenbahnamts Kommissare der Regierungen von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hesien, Mecklenburg Schwerin, Sachsen- Weimar, Oldenburg, Braunschweig, Sachsen - Meinin-en, Sachsen-Koburg-Gotha wie des Reichsamts für die Ver
waltung der Reichs-Eisenbahnen und der Militärverwaltung tetlgenommen. Die Ergebnisie dieser Beratungen sollen für die in Aussicht genommene Beschlußfassung deS BundeSratS verwertet werden. In gleicher Weife werden demnächst im RetchS-Etfenbahn-Amte Besprechungen über etwa erforderliche Aenderungen einzelner Bestimmungen der Reichs-Signal- Ordnung und der Normen für die Konstruktion und Ausrüstung der Eisenbahnen Deutschlands stattfinden. Die stetig fortschreitende Entwickelung der Technik auf diesen Gebieten erfordert eS, daß von Zeit zu Zeit Revisionen der bezüglichen reichsseitig erlassenen Vorschriften vorgenommen werden. — In der gestrigen Sitzung des ersten deutschen Taubstummen- Lehrer-KongresieS erschien gleich bei Beginn der Kultusminister Dr. von Goßler und hielt an die Versammelten etwa folgende Ansprache: Meine Herren, obwohl das Taub- stummen-UnterrtchtSwesen nur einen kleinen Teil meiner Verwaltung bildet, so hege ich für dasselbe das größte Interesse. Ich hatte in meiner früheren Stellung in Ostpreußen umsomehr Gelegenheit, mich von der Notwendigkeit der geistigen Ausbildung der Taubstummen zu überzeugen, als in Ostpreußen damals eine häßliche ansteckende Krankheit auSbrach, die ganz besonders unter taubstummen Kindern verheerend wirkte. Ein derartiges Vorkommniß muß selbstverständlich auf jeden humanen und religiösen Menschen betrübend wirken. Ich begrüße deshalb die gestern von Hrn. Direktor Rößler proponirten Thesen mit Freuden. ES ist gewiß sehr gut, wenn Sie ein Programm für Ihre Lehrthättgkeit aufstellen. Wenn dasielbe nun nicht so schnell verwirklicht wird, wie Sie es wohl wünschen mögen, so halten Sie da« nicht für einen Mangel an Verständnis der Verwaltungsbehörden. Der Schulzwang für Taubstumme, davon habe ich mich in Ostpreußen hinlänglich überzeugt, ist sehr notwendig. Allein Sie wissen, meine Herren, das Taubstummen-Unterrichtswesen ist in Preußen den Provinzialbehörden unterstellt, und eS entsteht doch die Frage, wie weit sich bei taubstummen Kindern ein Zwang anwenden läßt. Man darf in dieser Beziehung die Sache nicht auf die Spitze treiben. Meine Herren, lasien Sie gefälligst nicht außer Acht, daß ich nicht bloS mit den Gedanken, sondern auch mit den Mitteln rechnen muß, die diese Gedanken zur Verwirklichung bringen sollen. Wir haben ja leider in Preußen blos eine Königliche Taubstummen«Lehranstalt, im Uebrigen ist Alles dezentralisiert. Ich begrüße eS deshalb, daß Sie durch ein planmäßiges Zusammenarbeiten bestrebt sind, eine Unifikation herbeizuführen. Wenn Sie Ihre Wünsche nicht gleich verwirklicht sehen, so verzagen Sie nicht. Seien Sie versichert, die Verwaltungsbehörden werden jedenfalls bemüht sein, Jhr>n Wünschen nach Möglichkeit zu entsprechen, erfreulich ist eS, daß, wie ich aus den Zeitungen ersehen, nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus fremden Ländern Vertreter des Taubstummen - Schulwesens hier erschienen sind. Wenn auch in den verschiedenen Lindern die Bedürfnisie ver-
22 vrndernnvSchwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
Aber so sehr Roderich jetzt gewünscht hätte, mich und ihn von solchen Gelegenheiten bloSzustellen, fuhr Frau Werner fort, die ui8 beiden zur Qual waren, fernzuhalten, er konnte mich nicht bewegen, eine Einladung zurückzuweisen. Und daS hatte seire» guten Grund.
Frau Werner atmete rasch und gepreßt, die Bläfie ihrer Wangen machte einer glühenden Röte Platz, die ebenso schnell wieder wich, sie stand auf, ging durch das Zimmer, füllte ein GlaS mit Wasier und trank etwas davon. Sie setzte sich, den Arm auf den Tisch stützend und daS Antlitz mit der Hand beschattend, und fuhr in nicht zu berneistern- drr Erregung in ihrer Erzählung fort, während Egbert, still und mit gespannten Zügen vor sich niederbltckend, in lebhafter Rührung rin, seinem unerfahrenen Sinn wunderbar und tragisch erscheinendes SchicksalSbllv vor seinen Augen sich entrollen sah und dabei daS seltsame Gefühl hatte, als stehe ElseS liebliche Gestalt neben ihm und blicke mit unschuldigem Auge zu ihm auf, wie vor einigen Stunden. Else «ar seine Schwester! —
„Eine unbestimmte Ahnung," nahm Frau Werner das Wort, „daß vaS Herz meines Mannes mir nicht mehr gehöre, bedrückte mich längst. Bei meinen ersten Schritten auf das glatte Parket der Gesellfchastssäle kam mir mit offenen Armen und bezaubernder Liebenswürdigkeit eine junge schöne Frau entgegen — die sich selbst eine begeisterte Verehrerin meines ManneS nannte. Sie war eine der gefeiertsten Erscheinungm dieser Kreise und besaß alle», was mir fehlte: zierliche Anmut, sichere Gewandtheit und einen feingebildeten, in den glänzendsten Farben schillernden Geist;
— vor allem aber die Kunst, alle diese äußern und inner» Vorzüge, ja selbst die Trauer um ihren Gatten, selbst die Unschuld ihres Kindes den Zw-cken einer grenzenlosen Gefallsucht dienstbar zu machen, für die eS nichts Heiliges gab. Sie überschüttete mich mit Ltebesbewcisen, sie beschützte und begönnerte mich und drängte sich in unser Haus, — und Roderich war voll Danks gegen die großmütige Freundin, die sich der unliebsamen Aufgabe unterzog, das rohe Natur- kind für die Gesellschaft zuzustutzen, unv zürnte mir ernstlich, als ich mich starrsinnig und voll unbesicglichcn Widerwillens gegen die aufgedrungene Freundin sträubte.
Was habe ich gelitten um dieses Weibes willen! — Mit schlangengletcher Gewandtheit wußte sie sich bei meinem Gatten einzuschmeicheln, sich einzudrängen in sein Vertrauen, — er liebte feine Schmeichelei und ich verstand nichts als die schlichte Sprache des Herzens. Sie hatte von Jugend auf in vornehmen Kreisen gelebt und viel mit Männern von Geist verkehrt — der plattesten Anekdote verlieh die Anmut ihres Geplauders einen gewiffen Reiz.
Und Roderich ließ sich von der glänzenden Oberfläche blenden, er überschüttete sie mit den Schätzen seines Geistes, er ließ eS sich gefallen, daß sie mit feiner Gewandtheit seinen Ruhm verkündete und dabei gelegentlich ein witziges Schlaglicht auf die Einfalt vom Lande fallen ließ, an die ein solcher Mann da« Unglück hatte, g« kettet zu sein.
„Ich bedarf geistig anregenden Verkehrs," gab er mir einmal stirnrunzelnd zur Antwort, als ich mit stürmischer Inbrunst in ihn gedrungen, sich um meinetwillen, um unserer Kinder, um seiner selbst willen von dieser Fran zurückzuziehen. „Ich habe lange genug deinetwegen entbehrt, waS mein LebenSelemmt ist. Ich bin eS mir und meinem Volk
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schuldig, meinen Geist biegsam und empfänglich zu erhalten, und das kann ich nur in Gesellschaft hoch- und feingebildeter Leute."
„Und warum wehrst du mir, meinen Geist zu bilden?" rief ich ungestüm. „Warum weigerst du mir den Anteil an deinem Innern Leben, den du mir früher gewährt, und deffen ich, wie ich mir wohl bewußt bin, von Tag zu Tag würdiger werde?"
Er zeigte sich verletzt von meinem lauten Sprechen, belästigt von meinen Bitten. „Als ich dich kennen lernte," erwiderte er mir, „warst du nichts als ein reines Echo der dich umgebenden großen Natur, dein Wesen, jedes deiner Worte war mir wie eine hohe Offenbarung derselben. Ich that unrecht, dich diesem Zustand kindlicher Unbefangenheit zu entreißen. Der Spiegel ist jetzt getrübt, dein BildungS- rifer hat dich deines besten Reizes beraubt. Du fühlst nicht, wie schlecht eS dir steht, mit gouvernantenhaftem Eifer zu forschen und zu streiten und die Halbheit und Einseitigkeit deines Wissens in Lächerlicher Weise zur Schau zu stellen. Liegt dir wirklich daran, mir zu gefallen, so versuche wieder zu werden, waS du warst — ein einfaches Naturkind."
Wahrscheinlich fühlte Roderich selbst den grausamen Hohn nicht, mit dem er die Wiedererlangung seiner Gunst an eine Bedingung knüpfte, deren Erfüllung so unmöglich war, alS daß der Strom wieder zu seiner Quelle zurückfließe. Ich fühlte daS mehr als ich es verstand, — ja ich gab mir die äußerste Mühe, die kleinen Verstöße, Lächerlichkeiten und Unbeholfenheiten zu vermeiden, die untrennbar von dem Uebergang zur Bildung sind und seinen empfindlichen Schönheitssinn verletzten. (Fortsetzung folgt.)