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Nr. 880

Marburg, Dienstag, 30. September 1884.

xix. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin, Münchenund Köln; G- L. Daube und C°. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Sonntagfiblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/» Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet

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Bflt*1 Für das mit dem 1. Oktober beginnende neue Vierteljahrs > Abonnement ersuchen wir die Bestellungen auf die

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Amtlicher Anzeiger

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Zur Kolonial frage.

Bekanntlich ist vondeutsch-freisinniger* Seite neuer­dings das Schlagwort auSgcgeben worden, daß die Partei mit der vom Fürsten Bismarck vertretenen Auffasiung unserer kolonialpolittschen Ziele und Aufgaben einverstanden sei. Wie wenig aber diese notgedrungene offizielle Stellung­nahme den Herzensnetgungen der Führer entspricht, be­weisen die bei jeder Gelegenheit angebrachten Ausfälle und Sticheleien gegen das Kolonialwejen deutlich genug, ob­wohl man dieselben durch Annahme einesmarkierten Feindes", d. h. einer angeblich bestehenden chauvinistisch­phantastischen kolonialpolitischen Strömung zu verdecken sucht, gegen die man dann freilich ungestraft polemisieren kann. Auch die Generalversammlung deS deutschen Kolonial­vereins zu Eisenach hat zu derartigen Nörgeleien Anlaß geboten, an denen sich nicht bloS untergeordnete Organe wie dasBerl. Tagebl.", sondern auch sog.vornehme" Blätter wie dieNat.-Ztg." beteiligen. Mit Nachdruck wird unter anderem darauf hingewiesen, daß die beiden Hauptbeteiligten an der Erschließung Afrikas für Deutsch­land, die Herren C. Lüderttz - Bremen und Woermann- Hamburg, jede nähere Auskunft über die Errichtung von Ackerbauniederlassungen abgelehnt hätten, während Herr A. Woermann sogar aus diebesonderen Schwierigkeiten" ausmerksam gemacht habe, welche daS deutsche Volk in Afrika zu überwinden haben werde. Als ob das irgend jemand überraschen könnte! Wer hat daran gezweifelt, daß mit der Einleitung einer Kolonisationöärabesonder« Schwierigkeiten" verknüpft sein müsien und werden? Die Herren Lüderitz und Woermann haben in der That nicht nur daS Recht, sondern sogar die Pflicht, sich in dem Sinne zu äußern, wie sie eS gethan, weil eS überall in der Welt und auch bet unS leichtgläubige und unvorsichtige Menschen giebt, die Hab und Leben an neuen Unter­nehmungen von unabsehbarer Tragweite zu wagen bereit sind und deshalb gewarnt werden müssen. Darum fällt

eS aber weder dem Einen noch dem Andern ein, die an­gefangene Sache aufzugeben. Wer ihre Warnungen in diesem Sinne auffaßt und darstellt, der meint eS mit der Zukunft unseres Volkes entweder nicht gut, oder er ist in jenem engen Philistertum befangm, dem wir eS zu danken haben, daß andere Nationen im Wettbewerb deS großen Weltgetriebes einen so ungeheueren Vorsprung vor unS haben gewinnen können. Die Deutschen, wie sie heute noch sind, muß man nicht zurückhalten, sondern antreiben. Daß daS mit der gehörigen Vorsicht und Umsicht ge­schehen muß, haben wir schon gesagt. Unter dieser Vor­aussetzung aber heißt es: Vorwärts mit Gott in die freie, große Welt und nicht mit Herrn Bamberger hinter den Ofen zurück!

Deutsche- Reich.

Berlin, 27. Sept. DerNordd. Allg. Ztg." wird aus Hamburg gemeldet, daß gestern infolge einer Einladung deS Reichskanzlers die hauptsächlichsten Vertreter derjenigen Ham­burger Firmen, welche am Handel in Westafrika beteiligt sind, sich nach Friedrichsruhe begeben haben. Der Reichs­kanzler soll dieselben eingeladen haben, um ihre Ansichten über die zukünftige Regelung der Verhältnisse in den deutschen Niederlasiungen WestafiikaS zu hören. Zugleich verlaute, daß mit Frankreich und England über die Gestaltung unserer nachbarlichen Beziehungen an der Küste von Westasrtka, Unterhandlungen schweben, die alle die Aussicht auf eine freundschaftliche Verständigung über die etwa möglichen Streitpunkte versprechen. Der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes, Staatsminister Graf v. Hatzfeldt-Wilden- burg, hat den auf kurze Zeit unterbrochenen, ihm aus Ge­sundheitsrücksichten bewilligten Urlaub wieder ausgenommen. Derselbe wirv während seiner Abwesenheit durch den Unter- staatssekretär, Wirk!. Geh. LegationSrat Dr. Busch ver­treten. Ein hiesiger Korrespondent derPos. Ztg." nimmt Notiz von einem Gerüchte, daß Graf Hatzfeldt wieder einen Botschafterposten zu übernehmen wünsche, und daß Graf Herbert BiSmarck zu seinem Nachfolger als Staatssekretär deS Auswärtigen auSersehen sei. Wie derStandard" versichert, kann die Ernennung deS Grafen Herbert Bismarck zum Nachfolger deS Grafen Münster als Vertreter des deutschen Kaisers am Hofe von St. James, obwohl noch nicht amtlich angekündigt, jeden Augenblick erwartet werden. Im Reichs Eiscnbahnamt haben in den Tagen vom 22. bis 26. September er. unter dem Vorsitz des Geheimen Ober- RegierungSrats Körte Beratungen über Aenderungen ver­schiedener Bestimmungen des Bahnpolizei - Reglements für die Eisenbahnen Deutschlands stattgcfunden. An denselben haben außer mehreren Räten des Reichs - Eisenbahnamts Kommissare der Regierungen von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hesien, Mecklenburg Schwerin, Sachsen- Weimar, Oldenburg, Braunschweig, Sachsen - Meinin-en, Sachsen-Koburg-Gotha wie des Reichsamts für die Ver­

waltung der Reichs-Eisenbahnen und der Militärverwaltung tetlgenommen. Die Ergebnisie dieser Beratungen sollen für die in Aussicht genommene Beschlußfassung deS BundeSratS verwertet werden. In gleicher Weife werden demnächst im RetchS-Etfenbahn-Amte Besprechungen über etwa erforder­liche Aenderungen einzelner Bestimmungen der Reichs-Signal- Ordnung und der Normen für die Konstruktion und Aus­rüstung der Eisenbahnen Deutschlands stattfinden. Die stetig fortschreitende Entwickelung der Technik auf diesen Gebieten erfordert eS, daß von Zeit zu Zeit Revisionen der bezüglichen reichsseitig erlassenen Vorschriften vorgenommen werden. In der gestrigen Sitzung des ersten deutschen Taubstummen- Lehrer-KongresieS erschien gleich bei Beginn der Kultus­minister Dr. von Goßler und hielt an die Versammelten etwa folgende Ansprache: Meine Herren, obwohl das Taub- stummen-UnterrtchtSwesen nur einen kleinen Teil meiner Verwaltung bildet, so hege ich für dasselbe das größte Interesse. Ich hatte in meiner früheren Stellung in Ost­preußen umsomehr Gelegenheit, mich von der Notwendigkeit der geistigen Ausbildung der Taubstummen zu überzeugen, als in Ostpreußen damals eine häßliche ansteckende Krank­heit auSbrach, die ganz besonders unter taubstummen Kindern verheerend wirkte. Ein derartiges Vorkommniß muß selbstverständlich auf jeden humanen und religiösen Menschen betrübend wirken. Ich begrüße deshalb die gestern von Hrn. Direktor Rößler proponirten Thesen mit Freuden. ES ist gewiß sehr gut, wenn Sie ein Programm für Ihre Lehrthättgkeit aufstellen. Wenn dasielbe nun nicht so schnell verwirklicht wird, wie Sie es wohl wünschen mögen, so halten Sie da« nicht für einen Mangel an Verständnis der Verwaltungsbehörden. Der Schulzwang für Taub­stumme, davon habe ich mich in Ostpreußen hinlänglich überzeugt, ist sehr notwendig. Allein Sie wissen, meine Herren, das Taubstummen-Unterrichtswesen ist in Preußen den Provinzialbehörden unterstellt, und eS entsteht doch die Frage, wie weit sich bei taubstummen Kindern ein Zwang anwenden läßt. Man darf in dieser Beziehung die Sache nicht auf die Spitze treiben. Meine Herren, lasien Sie gefälligst nicht außer Acht, daß ich nicht bloS mit den Gedanken, sondern auch mit den Mitteln rechnen muß, die diese Gedanken zur Verwirklichung bringen sollen. Wir haben ja leider in Preußen blos eine Königliche Taub­stummen«Lehranstalt, im Uebrigen ist Alles dezentralisiert. Ich begrüße eS deshalb, daß Sie durch ein planmäßiges Zu­sammenarbeiten bestrebt sind, eine Unifikation herbeizuführen. Wenn Sie Ihre Wünsche nicht gleich verwirklicht sehen, so verzagen Sie nicht. Seien Sie versichert, die Verwaltungs­behörden werden jedenfalls bemüht sein, Jhr>n Wünschen nach Möglichkeit zu entsprechen, erfreulich ist eS, daß, wie ich aus den Zeitungen ersehen, nicht nur aus ganz Deutsch­land, sondern auch aus fremden Ländern Vertreter des Taubstummen - Schulwesens hier erschienen sind. Wenn auch in den verschiedenen Lindern die Bedürfnisie ver-

22 vrndernnvSchwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Aber so sehr Roderich jetzt gewünscht hätte, mich und ihn von solchen Gelegenheiten bloSzustellen, fuhr Frau Werner fort, die ui8 beiden zur Qual waren, fernzuhalten, er konnte mich nicht bewegen, eine Einladung zurückzuweisen. Und daS hatte seire» guten Grund.

Frau Werner atmete rasch und gepreßt, die Bläfie ihrer Wangen machte einer glühenden Röte Platz, die ebenso schnell wieder wich, sie stand auf, ging durch das Zimmer, füllte ein GlaS mit Wasier und trank etwas davon. Sie setzte sich, den Arm auf den Tisch stützend und daS Antlitz mit der Hand beschattend, und fuhr in nicht zu berneistern- drr Erregung in ihrer Erzählung fort, während Egbert, still und mit gespannten Zügen vor sich niederbltckend, in lebhafter Rührung rin, seinem unerfahrenen Sinn wunder­bar und tragisch erscheinendes SchicksalSbllv vor seinen Augen sich entrollen sah und dabei daS seltsame Gefühl hatte, als stehe ElseS liebliche Gestalt neben ihm und blicke mit un­schuldigem Auge zu ihm auf, wie vor einigen Stunden. Else «ar seine Schwester!

Eine unbestimmte Ahnung," nahm Frau Werner das Wort,daß vaS Herz meines Mannes mir nicht mehr ge­höre, bedrückte mich längst. Bei meinen ersten Schritten auf das glatte Parket der Gesellfchastssäle kam mir mit offenen Armen und bezaubernder Liebenswürdigkeit eine junge schöne Frau entgegen die sich selbst eine begeisterte Ver­ehrerin meines ManneS nannte. Sie war eine der ge­feiertsten Erscheinungm dieser Kreise und besaß alle», was mir fehlte: zierliche Anmut, sichere Gewandtheit und einen feingebildeten, in den glänzendsten Farben schillernden Geist;

vor allem aber die Kunst, alle diese äußern und inner» Vorzüge, ja selbst die Trauer um ihren Gatten, selbst die Unschuld ihres Kindes den Zw-cken einer grenzenlosen Ge­fallsucht dienstbar zu machen, für die eS nichts Heiliges gab. Sie überschüttete mich mit Ltebesbewcisen, sie beschützte und begönnerte mich und drängte sich in unser Haus, und Roderich war voll Danks gegen die großmütige Freundin, die sich der unliebsamen Aufgabe unterzog, das rohe Natur- kind für die Gesellschaft zuzustutzen, unv zürnte mir ernst­lich, als ich mich starrsinnig und voll unbesicglichcn Wider­willens gegen die aufgedrungene Freundin sträubte.

Was habe ich gelitten um dieses Weibes willen! Mit schlangengletcher Gewandtheit wußte sie sich bei meinem Gatten einzuschmeicheln, sich einzudrängen in sein Vertrauen, er liebte feine Schmeichelei und ich verstand nichts als die schlichte Sprache des Herzens. Sie hatte von Jugend auf in vornehmen Kreisen gelebt und viel mit Männern von Geist verkehrt der plattesten Anekdote verlieh die Anmut ihres Geplauders einen gewiffen Reiz.

Und Roderich ließ sich von der glänzenden Oberfläche blenden, er überschüttete sie mit den Schätzen seines Geistes, er ließ eS sich gefallen, daß sie mit feiner Gewandtheit seinen Ruhm verkündete und dabei gelegentlich ein witziges Schlaglicht auf die Einfalt vom Lande fallen ließ, an die ein solcher Mann da« Unglück hatte, g« kettet zu sein.

Ich bedarf geistig anregenden Verkehrs," gab er mir einmal stirnrunzelnd zur Antwort, als ich mit stürmischer Inbrunst in ihn gedrungen, sich um meinetwillen, um un­serer Kinder, um seiner selbst willen von dieser Fran zurück­zuziehen.Ich habe lange genug deinetwegen entbehrt, waS mein LebenSelemmt ist. Ich bin eS mir und meinem Volk

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schuldig, meinen Geist biegsam und empfänglich zu erhalten, und das kann ich nur in Gesellschaft hoch- und feingebil­deter Leute."

Und warum wehrst du mir, meinen Geist zu bilden?" rief ich ungestüm.Warum weigerst du mir den Anteil an deinem Innern Leben, den du mir früher gewährt, und deffen ich, wie ich mir wohl bewußt bin, von Tag zu Tag würdiger werde?"

Er zeigte sich verletzt von meinem lauten Sprechen, be­lästigt von meinen Bitten.Als ich dich kennen lernte," erwiderte er mir,warst du nichts als ein reines Echo der dich umgebenden großen Natur, dein Wesen, jedes deiner Worte war mir wie eine hohe Offenbarung derselben. Ich that unrecht, dich diesem Zustand kindlicher Unbefangenheit zu entreißen. Der Spiegel ist jetzt getrübt, dein BildungS- rifer hat dich deines besten Reizes beraubt. Du fühlst nicht, wie schlecht eS dir steht, mit gouvernantenhaftem Eifer zu forschen und zu streiten und die Halbheit und Einseitig­keit deines Wissens in Lächerlicher Weise zur Schau zu stellen. Liegt dir wirklich daran, mir zu gefallen, so ver­suche wieder zu werden, waS du warst ein einfaches Naturkind."

Wahrscheinlich fühlte Roderich selbst den grausamen Hohn nicht, mit dem er die Wiedererlangung seiner Gunst an eine Bedingung knüpfte, deren Erfüllung so unmöglich war, alS daß der Strom wieder zu seiner Quelle zurück­fließe. Ich fühlte daS mehr als ich es verstand, ja ich gab mir die äußerste Mühe, die kleinen Verstöße, Lächer­lichkeiten und Unbeholfenheiten zu vermeiden, die untrenn­bar von dem Uebergang zur Bildung sind und seinen em­pfindlichen Schönheitssinn verletzten. (Fortsetzung folgt.)