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Nr. a»9

Marburg, Sonntag, 28. September 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vvnHaasenstein undVogler in Franlsurt a M.. Ham­burg, Magdeburg». Wien; Studolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Köln ; G. L. Daube und 60. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst Adolf Steiner i. Hamburg! Jnvalidendank in Berlin! Dresden und Leipzig, I. Barck u. Co. in Halle! W. Thienes in Elberfeld!

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,Jllustrtrte« Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ko ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche- 3 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet

MF Für das mit dem 1. Oktober beginnende neue Vierteljahrs-Abonnement ersuchen wir die Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

nebst wöchentlichen Beiblättern:

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierter GouutagSblatt

bei der Post baldigst machen zu wollen, da ohne vorherige Bestellung und Zahlung seitens der Post die Fortsetzung nicht geliefert werden kann. Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen entgegen, in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21.)

Die revolutionäre Bewegung in Belgien.

Bei den zur republikanischen Liga gehörigen Personen wurde, wie telegraphisch gemeldet, mit der Vornahme von Haussuchungen fortgefahren. DasEcho du Parle- ment" behauptet, es seien dabei Waffen und Munition, sowie anarchistische Schriftstücke gefunden worden, auch will dasselbe von der Entdeckung eines gegen die Sicherheit des Staats gerichteten Komplottes und von vorgenommenen Verhaftungen wissen. Auch dieBoss. Ztg." erhält das folgende Privattelegramm aus Brüffel:Bei allen 78 Personen, welche der republikanischen Liga beigetreten sind, wurden Haussuchungen abgehalten, wobei viele Schriftstücke und Waffen beschlagnahmt wurden. Gegen alle ist die An­klage wegen Komplotts zum RcgierungSumsturz erhoben worden; die Panik in den hohen offiziellen Kreisen ist groß."

Wir entnehmen ferner derNiederrheinischen Volksztg." noch die folgenden, aus Brüffel, 23. September datierten ausführlicheren Mitteilungen:Die Aufruhr predigenden Blätter, deren wir gestern erwähnten, wurden auf direkte Weisung des Justizministers an die Staatsanwaltschaft be­schlagnahmt und alle Verkäufer der roten Pamphlete sowie der Karikatur des Königs verhaftet. Ebenso erhielt gestern abend der Chefredakteur deS radikalenNational", ein Pariser namens Marcht, sein Ausweisungsdekret. Nach Ecenen auf dem Münzplatze zog der VolkShaufe nach der oberen Stadt, um vor dem Königlichen Palais zu brüllen, fand aber dort eine mächtige Abteilung Gendarmen, die energisch in den Pöbel hineinritten und ihn die Madelatne- straße hinabtrteben.Vivela republique t4äbas Cobourg und die Marseillaise brüllend wälzte sich die Menge dte stark abfallende Straße hinab nach dem großen Markt hin, um dort zu Ehren des Bürgermeisters zu johlen; der wette Platz vor dem Rathause war schwarz von Menschen, die wie ein Heer Beseffener heulten; plötzlich ritten aus dem Rathaushofe etwa 100 Gendarmen heraus mit einem Un-

2i Bruder »«» Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Deine Geburt, mein Sohn, dte der Höhepunkt unsere« Glücks schien, ward zugleich sein Wendepunkt. ES konnte nicht höher steigen, eS sank und schwand um so schneller. Schon vorher hatten Briefe und Blätter von unerwartet großen Erfolgen berichtet, welche dte Erstlingswerke meine« ManneS errungen unter den Glutstrahlen seine« auf- stetgenden Ruhmes verdorrte unser friedliches Glück. Ge­schäfte riefen ihn in-di--Residenz seine Abwesenheit ver­zögerte sich und als ein Verwandelter kehrte er endlich heim. Ich fühlte daS in der ersten Stunde, wenn ich e« mir auch erst allmälig klar machen konnte. All fein Thun und Treiben bekam etwas Gewaltsames, Gezwungene«; er übertrieb den Fleiß, er übertrieb feine anstrengenden Wande­rungen im Gebirge, ja seine Zärtlichkeit gegen mich und das Kind, er war unstet, friedlos und von unberechenbarem Wechsel der Stimmung. E« ängstigte mich unbeschreib­lich, ihn sich in der Einsamkeit und Weltfremdheit seine« selbstgrwählten Exils verzehren zu sehen, und dabei fühlte ich mit tödlicher Gewißheit, daß meine Macht über ihn nur so weit reiche al« die Grenzen meiner Heimat, und daß mir kein Antell an seinem Leben gegönnt sein werde, sobald eS darüber hinaus wuchs. Entzog sich mir doch schon jetzt der wertvollste Teil desselben 1 Roderich hörte 'auf, mein Lehrer zu sein, dem ich o mit welcher An­dacht I gelauscht, er machte wich nicht mehr zur Ver­trauten seines Dichtens und Denkens und wieS mich zu­weilen rauh zurück, wenn ich ihn mit Fragm zu belästigen wagte. Für unsere harmlosen häuSlichm Freuven hatte er den Sinn verloren, er nahm mir oft da« Buch aul der

gestüm, über das Bürgermeister BulS sicherlich kalte Schauer gefühlt hat, und in weniger als zwei Minuten war der Platz leer; aus den Seitenstraßen, deren 7 auf den Markt­platz auslaufen, brüllten die Banden ihre Wutrufe gegen die Gendarmen und zogen nach den Zentralboulevards. Dort erhielt sich der Lärm bi« gegen 1 Uhr, ohne daß ernstliche Zwischenfälle vorkamen. Im ganzen sind über 100 Verh -ftungen vorgenommen worden. Auch im Opern­theater kamen Demonstrationen vor. Die Feuerwehrmann­schaften, welche hier ein HtlfSkorps der Polizei sind und gleich diesen bei jeder Gelegenheit aufgeboten werden, um die Ruhe aufrecht zu erhalten, waren Sonntag nachmittag im Kommissariat des Sablon-Platzes versammelt, als plötz­lich ein Streit zwischen diesen und den Polizisten entstand und zu einer so großen Meuterei auöartete, daß von beiden Seiten blank gezogen wurde und eS nur nach verschiedenen gegenseitigen Verwundungen dem Kommissar gelang, die beiden Hauptmeuterer zu verhaften. Die Staatsanwalt­schaft ist davon benachrichtigt worden. Mit solchen Ele­menten arbeitet der große Buls und verteidigt sich gegen die Anklagen und die Vorwürfe deS Landes. Heute mittag, als wie alljährlich die Veteranen des belgischen Unabhängig­keitskrieges auf dem Platze der Märtyrer sich zum Gedächt- niffe des damaligen ersten SchlachttageS (23. Sept. 1836) am Monumente ihrer gefallenen Kameraden Stelldichein gegeben hatten, wurden dort plötzlich Pamphlete verteilt, in welcher die Bildung einer republikanischen Liga in Brüssel angezetgt und zum Beitritt aufgefordert wird. DaS Flug­blatt war von dem früheren Abg. Defuisseaux, einem Re­dakteur desNational", und einer Anzahl von Sozialisten unterzeichnet; die Verteilung desselben hatte sofort Ruhe­störungen zur Folge, im Verlaufe deren eine Anzahl Ver­haftungen und die Beschlagnahme des Flugblattes vor­genommen wurde; unter den Verhafteten war der mitunter­zeichnete Redakteur desNational". In diesem Aufruf heißt es u. a.:Die Monarchie hat sich zum Komplicen der Priester gemacht. Sie hat zur Zerstörung unseres öffentlichen Unterrichts mitgeholfen. Die Stunde ist ge­kommen, wo alle Bürger sich um die republikanische Fahne scharen müffen. Wir wollen keine Institution, welche einem Menschen, einem unverantwortlichen Beamten, gestattet, aristokratische Ideen, dte der Vergangenheit angehören, zur Geltung zu bringen und Gesetze für daS Land zu machen. Wir wollen keinen Hof, der unsere gesetzlichen Ansprüche, unsere heiligen Rechte mißachtet. DaS allgemeine Stimm­recht und die Republik können allein den Bürgerkrieg ver­hindern und Belgien den Frieden, sowie die Freiheit bringen." Ebenso bringt derNational" selber direkte Angriffe auf dte Person deö Königs:Herr Cobourg hat vor dem Publikum jede Achtung verloren; die Krone Cobourg hat alles verloren, waö sie zu verlieren hatte." Eine ebenso revolutionäre Sprache führt dieReforme":Der König, der Hüter des Rechts und der Gerechtigkeit, läßt seine kon-

Hand, wenn ich allein meinen Wiffensdurst zu befriedigen suchte und nannte das spottend nutzlose Quälerei; und dann schloß er mich in seine Arme und herzte mich so, daß mich seine Leidenschaft erschreckte.

Ich mußte bald erkennen, daß seines Bleibens bei uns nicht länger war. Er verreiste öfters auf längere Zeit und kam jedesmal mit erneuter reuiger Zärtlichkeit, aber immer reizbarer und friedloser hsim, und jedesmal zitterte ich, daß er ganz ausbleiben möchte. Ich setzte all meine Willens­kraft, den ganzen, mir gebliebenen Einfluß daran, ihn zur Ueberstedelung nach der Stadt zu bewegen. Er sträubte sich dagegen, aber dte Liebe zu mir und dem Kinde gewann noch einmal die Oberhand.

Mit schwer beklommenem Herzen nahm ich Abschied von der lieben Heimat, in der ich so glücklich gewesen uns so elend geworden. Aber anfangs schien es, als solle unser Beschluß zum H il gedeihen. Die Lebhaftigkeit, mit der ich all die neuen Eindrücke erfaßte, erfreute und beschäftigte meinen Mann, die Zusammengehörigkeit unser« Sein« er­griff ihn wieder, al« wir gemeinsam unsere freundliche Wohnung ordneten und schmückten, und gemeinsam den ersten friedlichen Schlummer unsere« Knaben in der neuen Heimat bewachten. Ich war voll frommen Danks gegen Gott, voll Muts und neuer Hoffnung, ich bemühte mich redlich, den Ansprüchen meine« Mannes gerecht zu werden und meinen Platz an seiner Seite so gut auSzufüllen, als ich vermochte. Und al« bann Else geboren wurde, vereinigte sich noch einmal die Herzen ihrer Eltern in voller Innigkeit.

Anfang« hatten wir keinerlei Verkehr. Ich wünschte ihn nicht und hatte bemerkt, daß Roderich sich ängstlich hütete, mich mit seinen Freunden und Gefährten bekannt zu

stitutionelle Mission im Stich und schließt sich Kriegs- maßregeln an, die eine parlamentarische Zufallsmajorität gegen die Majorität der Nation richtet." Ohne daß ein liberales Blatt dagegen protestiert, fordert dieGazette Liberale" von VervierS zur geistigen Revolution auf und erklärt mit cynifcher Offenheit:Weil der Bürgerkrieg auf der Tagesordnung steht und man ungestraft predigen kann, geben wir unseren Freunden auch einige Ratschläge. Man darf sich nicht tn ein gefährliches Vertrauen etnwiegen lassen, weil unsere Feinde sich bewaffnen oder durch unsere Minister bewaffnet sind, welche außerdem über das Heer verfügen, das oft blinde Werkzeug der Tyrannei, so müssen wir uns auf den bewaffneten Kampf vorbereiten. Möge sich jeder Liberale eine Flinte und einen Revolver verschaffen, den er stets bei der Hand haben mag, um den klerikalen Narren zu antworten und zwar in einer Weise, daß der Vorteil stets auf seiner Seite ist. Wir können uns keine Illusionen mehr machen: der Bürgerkrieg ist unvermeidlich, er ist nahe, seien wir also bereit! der Mangel an Fürsorge unsererseits würde unseren Feinden den Sieg erleichtern. Bewaffnen wir uns ohne Verzug. Der Feind ist auf dem Platze und er hat mit der Erdroffelung unserer Freiheiten begonnen. Auf! ihr ehrlichen Bürger, auf zu den Waffen! Mögen die Banden der Banditen, die in den Winkeln rekrutiert und von Priestern geleitet werden, sich gegenüber keine unbewaffnete Brust, sondern einen Wald von bürgerlichen Bajonetten finden. Versehen wir unö mit Waffen, denn wir werden sie bald gebrauchen."Wie eS heißt, wird die revolutionäre Bewegung durch Emiffäre aus Paris geschürt.

Deutsches Reich.

Berti», 26. Sept. Die Bckanntmachungen deS Ge- samtministeriumS, betreffend die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin und Umgegend, sowie für Altona und Umgegend bis zum 30. September 1885, sind heute publiziert worden. Anläßlich deS heutigen 50jährigen Dienstjubiläums deS Polizeipräsidenten v. Madat verlieh der Kaiser demselben mittelst eines warmen Dankschreibens für dte aufrichtige Hingebung an die Person des Kaisers den Stern zum Roten Adlerorden 2. Klasse. Zur Beglück­wünschung deS Jubilars erschienen der Minister v. Putt- kamer, dte Vertreter der übrigen Ministerien und eine Magistrats-Deputation. Seitens der Beamten des Polizei- Präsidiums uno der Schutzmannschaft wurden 5500 Mark zu einer Madai-Stiftung gespendet. Die Nachricht, Graf Herbert Bismarck sei zum Nachfolger des Grafen Münster in London ausersehen, wird, wie dteNat.-Ztg." schreibt, in regelmäßig gut unterrichteten Kreisen kein Glauben bei- gemcssen. Für wahrscheinlicher erachtet man, daß eventuell ein großes Revirement in den leitenden diplomatischen Posten stattfinden würde, wobei der Londoner Posten von einem anderen der gegenwärtigen Botschafter übernommen werden würde. Trotz entgegenstehender Meldungen wird sich doch

machen. Dann hatte cs sich doch getroffen, daß mich einer und der andere sah, man hatte mich schön und originell ge­funden, und ihn zu meinem Besitz beglückwünscht. Vor­sichtig wagte er den Versuch, seinen nächsten Freunden unser Haus zu öffnen. Ich fühlte mich hier stets an meinem Platz, ich verstand e«, unsre kleine Wirtschaft in gutem Schick zu halten und eS meinem Mann und seinen Gästen behaglich zu machen. Sie lächelten mitunter wohl, wenn ich in meiner derben Unbefangenheit keck und grade mit der Sprache herauSging, aber sie waren mir gut und hielten mich hoch, und Roderich hörte auf, sich meiner zu schämen, ich bekam neuen Wert in seinen Augen, und er bestand darauf, mich in die Kreise, denen er früher angehört, ein- zuführrn, so ungern ich mich dazu verstand.

Wie vorauSzusehen, fiel der Versuch nicht glücklich aus. Unter den fremden eleganten Leuten, bei denen eS auf tadellose Toilette und Tournüre ankam, auf die schwere Kunst, stundenlang zu reden und zu hören, ohne daß etwas gesagt wurde, daS der Mühe des Mundaufmachens ver­lohnte, fühlte ich mich verlaffen und verloren wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich wußte, daß ich bäurisch auSsah und mich ungeschickt bewegte, daß das Auge meines Mannes mir mit Angst und Mißmut folgte, ich merkte, daß meine Worte aufgefangen und insgeheim belacht wurden, und die Winke und geflüsterten Warnungen und Zurechtweisungen Roderich« brachten mich vollends um meine Fassung. Ich wagte nicht mehr den Mund aufzuthun, und brachte irgend eine Behauptung, die mir widersinnig schien, mich dennoch zum Reden, so brach mein Widerspruch rauh und verletzend in den hochtönigen Phrasenaustausch hinein.

(Fortsetzung folgt.)