Nr. 3»8
JRdtfiutg, Sonnabend, 27. September 1884.
xix. Jahrgang.
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Der Bankerott Egyptens.
Nachdem die sommerlichen Beratungen der Londoner Konferenz über die egypttsche Frage keine Einigung zu erzielen vermochten und nur die Offenbarmachung der gegensätzlichen Haltung der Großmächte zu der von England am Nil beanspruchten Stellung zur Folge hatten, haben die Ereignisse der letzten Tage eine weitere Klärung der Sachlage insofern herdeigeführt, alö sie über den Willen eines eigenmächtigen Vorgehens der englischen Politik in Egypten nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen. Mag Gladstone auch noch so feierlich versichert haben, daß ihm jeder Gedanke einer Annexion oder auch nur eines Protektorates am Nil fern liege, so ergtebt sich doch aus der Lage der Verhältnisse, der Anwesenheit beträchtlicher englischer Streitkräfte, sowie mit außerordentlichen Vollmachten auSgestatteten hohen Londoner Regierungsbeamten in Egypten die unwiderlegliche Thatsache, daß mit oder ohne Protektorat England augenblicklich die oberste Gewalt in Egypten auS- übt und daß alle Maßnahmen der Regierung des Khedive nur als AuLfließungen des englischen Willens zu betrachten sind. Seit wenigen Tagen weilt Lord Northbrook nebst dem ihm betgegebenen Emissär des Kabinetts Gladstone auf egyptischem Boden und schon treten die Resultate ihrer Thättgkett durch eine Maßnahme au die Oeffentlichkeit, die sich mit souveräner Verachtung über die früheren Abmachungen der Großmächte hinwegsetzt und außer der Autorität England« keine andere zur Geltung kommen läßt.
Ende voriger Woche schleuderte Rubar Pascha, der nominelle Leiter der egyptischen Staatsmaschine, den Gläubigem des schwer belasteten Landes eine Erklärung ins Gesicht, die Egypten seiner pekuniären Verpflichtungen gewissermaßen entbindet und die Inhaber der egyptischen Papiere vollkommen rechtlos macht. Richt mit Unrecht erkennt man in der neuesten Maßregel Rubar Paschas einen Gewaltakt, der einerseits einen Staatsstreich Englands
2u Bruderua-Schwester.
Erzählung von M- Gerhardt-
Eine stürmische Erregung ging durch Antlitz und Körper der Frau, eine Flut leidenschaftlicher Thränen brach aus ihren Augen.
„Ja, sie haben das Aergste an mir gethan, sie haben mir mein Kind zum Fremden gemacht, ihn gelehrt, die Mutter verachten und verdammen. Sie hatten ja leichtes Spiel I — Was wußtest du von der Entfernten, für die keine Stimme sich erhob, was von den Schmerzen, die sie um dich gelitten, von den ungezählten Thränen, die sie um dich vergossen, wie sie alles gewagt, um nur ein einziges' mal h.imltch und unerkannt sich deines Anblicks ersältigen zu können. Und jetzt — jetzt, wo du vor mir stehst, kalt und fremd, jetzt wollte ich —"
„Meine Mutter!" wiederholte Egbert tief erschüttert aber in unüberwindlicher Befangenheit, indem er näher trat und die Hand der Frau ergriff. Aber sie entzog sie ihm mit stolz abwehrender Bewegung.
„Ich will nichts erzwingen, was dein Herz mir nicht freiwillig entgegenbrtagt. Aber habe ich mrtn Anrecht au deine Liede verloren, verscherzt, Gerechtigkeit wenigstens bist du der Frau schuldig, die dich geboren. Du sollst Richter sein über mich, Egbert, ugd deinem Urteil will ich mich unterwerfen. Setze dich und höre mich au."
IX.
Unfähig, den Wirbel neuer, wuuderbarer, widersprechender Gedanken und Gefühle, die ihn wie eine hereinbrausende Meerflut bestürmten, zu beherrschen und zu klären, folgte der Jüngling stumm der Weisung, während Frau Werner ermattet auf das Sopha nteversank und dm Kopf in die Hand stützte.
am Nil, andererseits einen Bankerott der egyptischen Finanzen in sich schließt. Bekanntlich ließ Nubar Pascha die beiden in Kairo anwesenden Mitglieder der StaatSschuldenkommisston zu sich berufen und machte ihnen die Mitteilung, daß der Ministerrat beschlossen habe, die speziell und vertragsmäßig für die Bezahlung der Staatsschuldenzinsen bestimmten Einkünfte seien von jetzt ab nicht mehr an die internationale Kommission, sondern an den Finanzminister direkt abzuliefern. Gleichzeitig erklärte Nubar in einem an die Staatsschuldenkasse gerichteten Schreiben, daß der Ministerrat angesichts des Defizits von dreiunddreißigtausend Pfund die öffentlichen Käufe zur Liquidation der unifizierten Schuld eingestellt habe. Die Gouverneure der Provinzen seien aufgefordert worden, bis zum 25. Oktober alle Summen, welche nach Deckung des nächsten KouponS der privilegierten Schuld übrig bleiben, an das Finanzministerium abzuführen.
Selbstverständlich blieb eine Reihe von Protesten gegen diesen Gewaltakt der egyptischen Regierung nicht aus. Nachdem zuerst die Mitglieder der StaatSschuldenkommisston geeen dies rücksichtslose Vorgehen der egyptischen Regierung Einspruch erhoben hatten, folgte, einer Meldung des „Reuterschen BüreauS" zufolge, zuerst das allerdings zumeist in seinen Interessen verletzte Frankreich, dann die drei Kaisermächte Deutschland, Oesterreich und Rußland, so daß augenblicklich nur noch Italien aussteht, um den Widerspruch Europas gegen die anglo - egypttsche Handlungsweise zu einer einmütigen zu machen. Der einzige Staat, der aus den Maßnahmen Rubar Paschas Nutzen zieht, ist England. Englands Soldaten stehen, Englands Beamte regieren am Nil und haben das unglückliche Land mit einem Verwaltungsapparate beglückt, für dessen Kosten eS nur dann aufzukommen vermag, wenn eS sich über seine früher ein- gegangenen Verpflichtungen mit einem Federstriche hinwegsetzt. Sie sind eS, welche schmunzelnd die Goldstücke einstreichen, welche man den geprellten Gläubigern in Frankreich und den übrigen europäischen Staaten entzieht.
Bevor England seine schützende Hand an daS Nildelta legte und Alexandrien in Trümmer schoß, bevor englische Verwaltungsbeamte sich aus dem egyptischen Staatssäckel bereicherten und die Regierung des Khedive den Charakter eines von London aus geleiteten Puppenspieles annahm, sind die Egypter ihren Verpflichtungen wenigstens einigermaßen nachgekommen; die Zinsen der egyptischen Staatsschuld wurden allerdings herabgesetzt, aber sie wurden doch bezahlt Seit England das Regiment am Nil aber in Händen genommen hat, sind die Verwaltungskosten derart gestiegen, daß das Land für sie und seine alten Schulden zusammen schlechterdings nicht mehr aufkommen kann. Da verfällt nun das stets uneigennützige England auf den einfachen Gedanken, die Gläubiger Egyptens feine politischen Experimente am Nil bezahlen zu lassen, ein Ansinnen, das schon auf der Londoner Konferenz durch die Großmächte
„Was man dir von mir gesagt haben mag, ich weiß es nicht", begann sie mit einer Stimme, aus der die krankhafte Ueberreizung ihrer Nerven, die Bitterkeit eines lange und verschwiegen leidenden Gemüts klang, die aber allmählig ruhig und klar wurde und endlich den Ton erhabenen Gleichmuts annahm. „Ich habe mich so oft gefragt, worin ich gefehlt, habe mich so redlich bemüht, die Wurzel deS Unglücks, daS mich betroffen, in meinem eigenen Verschulden zu suchen, daß ich nicht fürchte, dir ein falschgefärbtes Bild von mir und — deinem Vater zu entwerfen. — Dein Vater war jung, feurig und von überwältigendem Zauber der Person und deS Geiste», als ich ihn kennen lernte. Ich — war im Dorf aufgewachsen, die Tochter eines Bauern, der mich und meine Brüder strmg und rechtschaffen erzogen, uns aber keine bessere Bildung zu geben vermochte, als die Dorsschule bot. Roderich Halden war zu un» ins Gebirge gekommen, um Ruhe und Erholung zu suchen; — er hatte sein erstes größeres Werk vollendet und flüchtete, angegriffen von der Arbeit und der aufregenden Erwartung des Erfolges in die Einsamkeit einer rauhen großartigen Natur, weitab von der Heerstraße der Touristen. Er sand, was er suchte, Sammlung und neue Kräfte, daS urwüchsige Leben und Treiben um ihn her Inieressterte und fesselte ihn, er studierte und arbettete und dehnte seinen Aufenthalt bei uns länger aus, als er gewollt, und — daS ward unö beiden zum Umheil."
Frau Werner atmete tief und beklommen auf und fuhr nach einer Pause fort:
„Ich war jung und blühend, von lebhaftem, empfänglichem Geist und voll unruhiger Sehnsucht nach etwoS Höherem, von dessen Art und Beschaffenheit ich aber in meinem eng beschränkten Lebenskreise kaum eine dunkle
I eine entschiedene Abweisung erfuhr. Was damals die englische Diplomatie nicht zu Wege brachte, soll heute durch einen Gewaltstreich rechtSgiltige Kraft erlangen. Die euro- päifchen Großmächte können und dürfen dem nicht gleich- giltig gegenüberstehen und nachdem einmal das von Nubar Pascha bei Seite geschobene Liquidationsgesetz unter ihrer Autorität zu Stande gekommen, nachdem durch die Londoner Konferenz die egypttsche Frage zu einer Angelegenheit von internationaler Bedeutung erhoben worden war, dürfen sie nicht eine Maßnahme mit Stillschweigen hinnehmen, durch welche nicht nur die Interessen ihrer Staatsangehörigen auf da» empfindlichste verletzt, sondern auch eine vor das Forum Europas gehörende Frage in einseitiger Weise nach dem Willen Englands geregelt wird.
Würden die Großmächte den englischen Staatsstreich in Egypten widerspruchslos hinnehmen, so entäußerten sie sich aller jener Rechte, die ihnen durch den Zuzug zur Londoner Konferenz eingeräumt wurden, die englischen Eigenmächtigkeiten erführen eine staatliche Sanktion und Egypten wäre damit wieder von der Tafel der internationalen Fragen abgesetzt. Daran ist aber nicht zu denken, zumal auch die egypttsche Frage in den Rahmen jener politischen Angelegenheiten inbegriffen sein dürfte, die den Besprechungen der drei Kaiser zu Skierniewice zu Grunde lagen. Frankreich erfreut sich, wie bereits auf der Londoner Konferenz zu tage getreten, in seiner egyptischen Politik der Sympa- thleen Deutschlands — es darf nunmehr auch des Beistandes Oesterreichs und Rußlands gewiß fein. Bet einem derartigen Zusammenhalten der Großmächte wird sich Italien hüten, auf die Seite Englands zu treten: dieses aber sieht sich einer Koalition sämtlicher europäischer Großmächte gegenüber. Europa und England heißt die Losung, welche seit dem Vorgehen Nubar Paschas die Tagespolitik beherrscht, sie wird auch einer neuen Konferenz die Signatur verleihen, die zur Sicherung der gefährdeten europäischen Interessen mehr als wahrscheinlich geworden ist. England spielte ein gewaltiges Spiel, alö es die Ftnanzkomödie am Nil in Scene setzte: Lord Northbrook war der Ueberbringer des Stichworts, Nubar Pascha hat die erste Scene mit einem Gewaltstreiche zum Abschlüsse gebracht, aber die englischen Regisseure werden in der nun folgenden auch mit den Staatsmännern des übrigen Europas als Mitspieler zu rechnen haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Sept. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Nach einer Anzeige des deutschen Konsuls in Canton hat China die von deutschen Staatsangehörigen anläßlich der Unruhen am 10. Sept. 1883 erhobenen Schadenersatz-Forderungen anerkannt und dieselben in der Gesamthöhe von 57,000 Dollars ausgezahlt. — Nach hier eingegangenen Privat- nachrichien aus der Umgebung des Kaisers hat der Monarch
Ahnung hatte. Wie ein überirdisches Wesen trat dein Vater in diesen Kreis, der jetzt plötzlich eine neue, unermeßliche Welt in sich zu umschließen schien. Er beschäftigte sich viel mit mir, eS machte ihm Freude, die schlummernden Keime meines Denkens und Empfindens zu wecken und zu nähren. Die Größe der Natur um uns, die ich als seine Führerin auf weiten gefahrvollen Wegen ihm erschloß, erfüllte un« Beide mit Schauern ahnungsvollen Entzückens und entflammte unsere Herzen in der gleichen erhabenen Andacht. An seiner Begeisterung für alles Hohe und Schöne entzündete sich der schlummernde Funken der meinen, und in ihm verkörperte sich mir alles, was die Welt Göttliche« enthielt. Es währte nicht lange, so wußte ich, daß er mich liebte, und ich — erwiderte diese Liebe mit allem Feuer einer unverdorbenen urkräftigen Natur. Er hielt mich zu hoch, die Befriedigung seiner Leidenschaft auf Kosten meiner Ruhe und Ehre zu suchen, er warb um mich und wir wurden Mann und Frau, so ungern auch mein Vater seine Einwilligung gab, und so sorgenvoll er an meine Zukunft dachte. — Roderich Halden beabsichtigte ganz bei un« zu leben, wir bezogen ein kleine«, in romantischer Wildnis gelegenes HauS, wo er sich bald in seine Arbeiten vertiefte. Er glaubte, nie so glücklich im Ersinnen, so sicher und rasch im Vollenden gewesen zu sein, und waS er schrieb, war für mich, da« ungebildete Dorfkind war ■tym damals das Publikum, seine Welt.
Ein Jahr namenlosen überirdischen Glück« verlebten wir in diesem verschollmen Erdwinkel. Die« Jahr — o mein Gott, vergib mir, wenn ich undankbar war! — die« Jahr ist durch ein lange« Leben voll Schmerz und Entbehrung nicht zu teuer erkauft. (Fortsetzung folgt.)