Nr. 386
Marburg, Donnerstag, 25. September 1884,
xix. Jahrgang.
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(Olicrlicffifdir Ickiniz
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Die tkoloutalsBauk.
Nach längerem Zurückhalten wird jetzt, wo sich der Herbst uns damit die intensivere politische Thätigkeit nähert, auch daS Projekt der Reichskolonialbank wieder in den Vordergrund geschoben. Und obgleich für keinen Kenner der näheren Verhältnisse und Beziehungen über den Ursprung und neuen Anstoß dieser vorläufig nur journalistischen Bewegung ein Zweifel besteht, so wird doch mit großer Beflissenheit die Reichsregierung in den Hintergrund des Ganzen gestellt, als ob dieser noch daran liegen könne, nach den Erfahrungen, die sie gerade in dieser Angelegenheit gemacht hat, noch weiter die Geschäfte der Börse zu besorgen. ES liegt ja wohl auf der Hand, daß den internationalen Bankiers eine Anstalt wie die Deutsche Reichsbank ganz außerordentlich gefällt. Sie beuten damit ohne Kosten und mit außerordentlichem Vorteil das Ansehen und den Kredit des Deutschen Reiches ebenso aus, wie sie sonst den Privatkredit auSzubeuten gewohnt sind, und dabei giebt man sich immer noch das Ansehen, als habe die Bank schon irgendwie dem regelmäßigen Handel und dem darstellenden Gewerbe einen Vorteil gebracht.
Daß der Kredit und daS Ansehen einer Bank, die in ähnlichem Verhältnis wie die Reichsbank zum Deutschen Reich steht, im AuSlande ein ganz außerordentlich?« sein würde, unterliegt keinem Zweifel; ohne Zweifel werden die Zweiganstalten der Bank, überall wo dergleichen errichtet werden, an die Spitze der Kredit - Institute des Gebiets treten; lediglich deshalb, weil die Garantie des Reiches ihren Kreditpapieren einen unantastbaren Umlauf überall, wo internationaler Handel getrieben wird, sichern muß. Die „Geschäfte", welche die Bankiers, welche die Leitung der Bank, wie such die der RetchSbank thatfächlich in der Hand haben würden, würden also nicht nur ungeheuer umfangreiche, sondern auch in gleichem Grade gewinnbringende Ge'chäfte mit der Bank machen. DaS Reich und sein Ansehen würden für diese Bankiers ein neuer Hebel sein, um
iS vruderuurSchwefter.
Erzählung von M. Gerhardt.
„Ich werde aber doch gehen;" erwiderte Else tonlos aber entschlossen, und lehnte, in der That aufs Aeußerste erschöpft, an einen Thorbogen.
„Mein schönes, junges Fräulein, sein Sie nicht so grausam gegen mich;' flüsterte der Unbekannte jetzt, dicht zu ihr herantretend und seinen Arm ganz leicht um sie legend. „Wenn Ihr Liebreiz mich zu einer Kriegslist verleitet, wollen Sie mich verdammen? — Wozu überhaupt diese Eile, diese übertriebene Gewisienhaftigkeit? — Sie sind doch bereits über den Urlaub auSgebltcben, ein Stündchen mehr oder weniger wird in der Strafpredigt, die Sie erwartet, keinen Unterschied machen.' Der Augenblick hat Flügel, Haschen wir die Rosen, die er uns im Vorüberschweben zuwirst. Kommen Sie; Sie bedürfen notwendig einer Erholung; die Oper hat soeben begonnen, ich habe ein paar reizende, ganz versteckte Plätze in der ProszeniumS- loge; niemand wird Sie sehen, niemand verraten. Kennen Sie Faust und Margarethe schon?"
„Hinweg I" rief Else empört und stieß den Zudringlichen, dem sie bis jetzt in einer Art willenloser Betäubung zugehört, und der jetzt versuchte, halb mit Gewalt ihren Arm in den seinen zu ziehen, heftig zurück. Die Verzweiflung gab ihr neue Kräfte; beflügelten Schritts floh sie vor ihm her während sie seine Stimme schmeichelnd, bittend und halb spöttisch hinter sich hörte. Nur wenige Schritte hatte sie noch vor ihm voraus, da öffnete sie mit raschem Entschluß eine GlaSthür, die in einem hell und glänzend erleuchteten Raum führte — welcher Art derselbe war hatte sie nicht Zeit gehabt zu untersuchen.
ihren Gewinnkreis zu erweitern und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie diesen Hebel nach außen hin ebenso scharf gebrauchen werden, wie sie nach innen die RetchSbank spielen lassen.
Der „Berliner Börsen-Kourier", den man trotz seiner bekannten Aufschneiderei besonders in Sachen der Agiotage doch eine gewisse Autorität hinsichtlich derselben zugestehen muß, hat vor Jahr und Tag behauptet, die Börse habe in den wenigen Jahren seit dem Frankfurter Frieden den gesamten Betrag der französischen Kriegsentschädigung vermittelst der Arbitrage wieder nach Frankreich übergeführt. In klares, verständliches Deutsch übersetzt, würde dies heißen, daß durch die Agiotage nicht weniger als jener Betrag aus dem Besitz der deutschen Nation in den internationalen Besitz der Börsenleute binnen zehn Jahren übergespielt worden wäre. Dies ist wohl zu glauben; eS zeigt sich in der fortwährenden Zunahme der hypothekarischen Verschuldung ebensowohl wie in der Zunahme der Aktien- Gesellschaften auf allen Gebieten, insbesondere auch auf industriellem. Dies aber bezeichnet nicht nur einen Besitz- Wechsel, sondern eS bezeichnet auch eine gesteigerte Belastung der nationalen Arbeit und des nationalen Vermögens. Denn regelmäßig findet bei dem Uebergang von Werten aus dem Privat- in den Aktien-, also in den internationalen Besitz, eine unverhältniSmäßige Belastung derselben mit Kapitalansprüchen statt, wie z. B. kürzlich erst die Aktien der Niederwaldbahn mit fast dem sechsfachen Betrage ihres Wertes an die Börse gebracht worden sind.
Wenn nun aber, wie auS der oben erwähnten Erörterung des „B. B.-C." über den unserem nationalen Vermögen durch die Börse zugefügtrn Verlust hervorgeht, jene selbst vorauSsetzt, daß dieser Verlust einen Gewinn für die unS feindlichen Nationen bedeute, so haben wir doch wohl allen Grund, umS auch vom politischen, und zwar ganz besonders vom politischen Standpunkt aus alle Bestrebungen, welche daS Aktienwesen alsbald aufpflanzen wollen, überall wo irgend eine nationale wirtschaftliche Thätigkeit sich regt, sehr pessimistisch zu betrachten. Und wenn eS sich um koloniale Bestrebungen handelt, so fehlt es außerdem nicht an sehr beachtenswerten Beispielen dafür, daß daS rohe Bankaktienwesen hier unbedingt zum bodenlosen Schwindel führt. Nicht nur der Mississippi- und der Südseeschwindel beweisen dies in kcaffer Weise. Auf dem Kolonialgebiet lehrt die Erfahrung unbedingt — und da wir so spät zu kolonisieren beginnen, so sollten wir jedenfalls die Erfahrung nicht in den Wind schlagen — daß bloße Finanzinstitute, welche lediglich zum Zweck haben, die neuen Unternehmen auSzubeuten, bevor sie selbst noch die nötigen Mittel zu einer sicheren wirtschaftlichen Grundlage haben ansammeln können, niemals beitragen werden, dieselben zu heben, sondern nur vermögen, sie in der Wurzel anzufreffen und ihr die Quellen deö Gedeihens abzugraben.
ES ist also ein im höchsten Grade bedenkliches Projekt
VIII.
Egbert hatte Else nachgeblickt, bis sie um die nächste Ecke verschwunden ES war ihm so neu, für jemand Sorge zu tragen und nun gar für ein Mädchen! — ES ward ihm warm umS Herz beim Gedanken an seine Schutzbefohlene, und eS erfüllte ihn mit freudigem Stolz, daß Leo im Grunde ihm sein Glück danken werde, — und dann glühten ihm die Wangen vor Zorn und Scham, wenn er an Frau von Ostrow dachte. Wohl ihr, daß sie die Mutier des Freundes war! — Wer mochte wissen, was ihre frivole Zunge anzurichten im Stande war. Sicher hatte sie ihn — Egbert — im Verdacht! Und was dann weiter? Beffer, als daß sie die Wahrheit ahnte und ihrem Sohn neue unberechenbare Schwierigkeiten bereitete.
Die Vorstellung, daß man ihm ein Liebesverhältnis mit einem Mädchen zutrauen könne, hatte etwas, das Egbert gleichzeitig empörte und reizte, und eine Flut ganz neuer, zum Teil sehr seltsamer und holder Gefühle erwachten und trieben das Blut rascher und heißer durch seine Adern. So viel war fiter, sollte er jemals für ein Mädchen etwas fühlen, so durfte sie nicht ander« sein als Else. Ja sie — aber wie er den Gedanken verfolgte, schrak er in sich zusammen, als habe er bereits Verrat an dem Freunde geübt.
Er war in dem Seitengäßcheo, durch das er Else geführt, stehen geblieben und eben im Begriff in den Garten zurück zu kehren, als er daS Geräusch der durch die nächsten Straßen jagenden Feuerwehr hörte. Er eilte der Brandstätte zu, fand aber die Straße gesperrt, und eS fiel Ihm schwer aufS Herz, ob Else sie wohl bereit« vorher passiert gehabt und sich glücklich zurecht gefunden haben mochte.
an sich schon, das man in der Reichs-Kolonial-Bank zu fördern sucht. Und wenn in der That die durch die Börsenpreffe verbreitete Behauptung, daß die RelchSreglerung dasselbe im Sinne der Börse lanciere, sich bestätigen sollte, so würden wir dasselbe für ein böses Omen für unsere Kolontalpolitik halten müssen. Denn darüber sind doch alle Kenner der Finanzgeschichte einig, daß ein Land schon wirtschaftlich sehr erstarkt sein muß, wenn eS die Wirksamkeit einer Aktienbank aushalten soll, ohne zu Grunde zu gehen. Und wenn wir Kolonialpoltttk treiben wollen und zwar zunächst unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, wie können wir da erwarten, daß eS möglich sein werde, die Gewinnansprüche einer Bank, und noch dazu einer großen, zu befriedigen? Groß aber soll ja die Bank werden; in beu Reklamen für dieselbe lesen wir sogar, daß sie auch im Umfang auf einen Fuß mit der Reichsbank gestellt werden soll. ES bestehen, wenn wir sofort bet Beginn unserer kolonialen Thätigkeit sogleich eine Kapitalbank mit derselben in Verbindung bringen, nur zwei Möglichkeiten: entweder saugt die Bank allen Kolonialgewinn, der zunächst ausschließlich auf die Befestigung der Verhältnisse der Kolonieen selbst und auf Sicherung und Stärkung der wechselseitigen Verkehrsbeziehungen verwendet werden sollte, auf, und fühlt ihn der internationalen Agiotage zu, also — nach dem Zugeständnis des „Berliner Börfen-Courier" einem uns feindlichen Element — oder sie macht keine Geschäfte. Ein Drittes giebt es nicht.
Nun denkt natürlich die Börse, indem sie sich schleunigst an unsere kolonialen Bestrebungen heranzuschlängeln sucht, nicht daran, keine Geschäfte zu machen. Im Gegenteil, da» ist ihr Ziel unter allen Umständen; und außerdem will sie Geschäfte machen nicht auf langen Wegen, sondern sofort und ohne alle Rücksicht. Dennoch ist eS nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, daß die Rentabilität der Bank sich nicht so nett macht, wie sich die der Reichsbank gemacht hat. Da ist natürlich die erste Folge, daß die Aktien, denen bei der Emission selbstverständlich eine ungeheuere Rentabilität angemalt werden wird und die man demzufolge mit dem entsprechenden Agio auSstatten wird, nach dem ersten Abschluß so tief als möglich sinken werden. Wir reiften aus Erfahrung, daß Banken unter angeblich glänzenden RentabilitätSauSstchten, welche im Spiegel der Börsenlüge sich noch vervielfachten, bis zum fünf- und mehrfachen ihres Nennwertes getrieben und später unter das Drittel des Nennwertes herabgeworfen worden sind. Und wenn zuerst die internationale Börsen« klique beim Verkauf der betreffenden Papiere und beim Schacher deö Hochtreibens ungeheure Gewinne einstrich, so fi-len ihr dieselben dann wieder um Spottpreise in die Hand und sie konnte mit denselben nun um so mehr eine Festigung der Geschäftöverhältnisse deS betreffenden Instituts oder jauch eine Liquidation desselben abwarten, als ste eigentlich für diese Papiere nicht nur nichts gezahlt,
Von rasch aufsteigender Besorgnis getrieben eilte er Ihr auf dem nächsten freien Wege nach — jedenfalls überholte er sie, ehe ste zu Hause anlangte. Aber er sah nicht« von ihr und nach einer Viertelstunde ungeduldigen Harren«, nur von dem Verlangen getrieben, sich über ihr Verbleiben Ge« wißhelt zu verschaffen, war er die drei Treppen zu ihrer Wohnung hinaufgesprungen und hatte geläutet, ehe er sich noch die Frage vorgelegt, welcher Empfang ihm wohl 6d ihrer Mutter zu teil werden möchte.
Die Thür ward geöffnet, und er stand einer hohen bleichen Frau gegenüber, — derselben, die ihn gestern auf der Treppe angeredet; aber heut war der seltsame traumhafte Ausdruck, der ihn gestern so unheimlich berührt, verschwunden. Streng und zürnend traf ihn, der verlegen seinen Namen nannte, der Blick ihre« leuchtenden blauen Auges, der tiefe gebietende Ton ihrer Stimme.
„Wo ist meine Tochter? — wo ist Else?"
Unter der Macht eine« Eindrucks, wie ihn noch nie die Gegenwart oder da« Wort einer Frau auf ihn auSgeübt, fragte Egbert niedergeschmettert dagegen: „sie ist noch nicht heimgekehrt?"
„DaS fragen Sie?" versetzte Frau Werner In mühsam beherrschter Aufregung. „Lasten Sie jetzt jeden Versuch, mich zu täuschen, ich weiß, daß Else Hel Ihnen war, im Garten Ihre« Vater«, und ich verlange zu wissen, wa« au« meinem Kinde geworden ist."
Die Glut beleidigten Stolze« stieg in Egbert« Gesicht. „Ich bin kein Lügner;" entgegnete er schroff, „und da« Wohl Ihrer Tochter ist mir ebenso heilig, wie Ihnen, sonst — wäre ich nicht hier."