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JHarfllirg, Mittwoch, 24. September 1884.
XIX. Jahrgang.
Intrigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Innoncen-Bureaux »onHaasenstein unbSBogler in Iranlfurt a M., Ham- barg, Magdeburg u. Wien: SiudolsMoffe in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund jtoln: ®. L- Daube und Eo- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst. Adolf Steiner i. Hamburg! ♦ Jnvalidendank in Berlin' Dresden und Leipzig - I. Barck u. Co- in Halle • W. Thienes in Elberfeld.
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Die Verbesserung der Lage der Handarbeiter. (Krankenkasse und Unfall-Versicherung.)
Daß die erlassenen Gesetze den vorhandenen Nebel- ständen gegenüber nicht genügten, wurde in den Verhandlungen des deutschen Reichstages wiederholt hervorgehoben. ®tn Antrag des Abgeordneten v. Galen (Zentrum) (3. Legislaturperiode, 1. Session, Nr. 74 der Drucksachen) im Jahre 1877, Anträge der Abgeordneten Dr. Hirsch (Fortschritt), Frhrn. v. Hertling (Zentrum), Struckmann (Nat.- 816.), Hasenclever (Sozialdemokrat); im Jahre 1878 (3. Legislaturperiode, 2. Session, Drucksachen Nc. 28, 48, 134, 128), eine Interpellation des Frhrn. v. Hertling, ein Antrag des Abgeordneten Stumm im Jahre 1879 (4. Legislaturperiode, 2. Session, Drucksachen Nr. 23,16, 314), eine Interpellation veö Abgeordneten Stumm im Jahre 1880 (4. Legislaturperiode, 3. Session, Drucksache Mr. 17) beschäftigten sich mit diesen Fragen. • k Die Mehrzahl dieser Anträge und Anfragen bezweckte One Ausdehnung und Abänderung des Haftpflicht-Gesetzes, Mr der Antrag deS Abgeordneten Stumm enthielt einen neuen Gedanken.
V; Dieser der freikonservativen Partei angehörige Abge- Mnete, einer der bedeutendsten Eisen-Industriellen von Deutschland, legte einen Gesetzentwurf vor, welcher bezweckte, nach dem Muster der für den Bergbau und teilweise für die Hüttenindustrie bestehenden KnappfchastSkasien für alle Fabrikarbeiter PmstonSkaffen mit Beitrittspflicht zu errichten und diesen die Gewährung von Kranken Unter- stü^ungen u. f. w. ebenfalls zu gestatten.
Der Antrag wurde nach einmaliger Beratung im Plenum äner Kommission überwiesen. Hier wurde ein Gegenentwurf, auf dem Prinzip der freien Kasienbildung beruhend, eingebracht; die Kommission in ihrer Mehrheit cktschted sich indessen sür die ZwangSkassenbilvung und wrmulierle einen Antrag, den Herrn Reichskanzler zur I" 17 vruder»«-Schwester.
, , Erzählung von M. Gerhardt.
< .Halt, Kutscher, ich fahre mit!" rief in diesem Augenblick von der andern Seite der Straße ein Herr, der den Vorgang lächelnd beobachtet hatte. Gleich darauf stand er vor Else.
.Belieben Sie einzustrigen, mein Fräulein, ich werde die Ehre haben Sie nach Hanse zu bringen."
Else, die mit fliegendem Athem, an allen Gliedern zitternd vor Müdigkeit und Aufregung und gänzlich ratlos dagrstanden hatte, blickte auf. Derr Herr streckte bereilS mit verbindlicher Miene die Hand aus, ihr beim Einsteigen behülflich zu sein. Er sah noch jugendlich und entschieden hübsch und interesiant aus und war mit einer nachlässigen Eleganz gekleidet, die seiner Erscheinung etwas Auffallendes, PtertscheS gab; bei näherem Hinsehen schien es aber, als dieser Eindruck mit studierter Absichtlichkeit herbeigeführt, Wtz ein eigentümlicher Widerwille ergriff Else, als sich ihr E, bei genauer Betrachtung welkes und hohläugiges Ge- mit häßlichem Lächeln näherte. Wie durfte dieser ekannte ihr so ohne weiteres seine Begleitung aufdrängen? — Hatte sie denn bereits jeden Anspruch auf Achtung verlor« ?
.Ich danke;" erwiderte sie kurz und schlug rasch die entgegengesetzte Richtung ein. Der Herr folgte ihr jedoch nnd hatte sie bald eingeholt.
.Aber mein Fräulein," sagte er ein wenig spöttisch, »Sie geraten ins freie Feld, wenn Sie weiter gehen, und da« dürste bei einbrechender Nacht nicht ratsam sein."
„O mein Gott" rief Else in heftig ausbrechender Verzweiflung, „waö soll ich beginnen?"
Vorlage eines entsprechenden Gesetzentwurfes aufzufordern. Wegen des Schluffes der Session kam der Antrag nicht zur Beratung im Plenum und die Interpellation deS Abg. Stumm im folgenden Jahre wurde dahin beantwortet, daß die Verhandlungen unter den verbündeten Regierungen noch nicht abgeschloffen seien.
Vom Jahre 1881 ab gingen die verbündeten Regierungen ihrerseits mit durchgreifenden Reformvorschlägen vor. Die Kaiserliche Botschaft, mit welcher am 17. Nov. 1881 die Sitzungen deS Reichstages eröffnet wurden, wiederholte, was schon die Thronreden vom Februar 1879 und Februar 1881 hervorgehoben hatten, daß die Heilung der vorhandenen sozialen Schäden nicht ausschließlich auf dem Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen erfolgen dürfe, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde. .Wir halten eö", fährt die Botschaft fort, .für „Unsere Kaiserliche Pflicht, dem Reichstage diese Aufgabe „von neuem ans Herz zu legen, und würden Wir mit um „so größerer Befriedigung auf alle Erfolge, mit denen Gott „Unsere Regierung sichtlich gesegnet hat, znrückblicken, wenn „es Uns gelänge, dereinst das Bewußtsein mitzunehmen, „dem Vaterlande neue und dauernde Bürgschaften seines „inneren Friedens und den Hülfsbekürftigen größere Sicher- „heit und Ergiebigkeit des Beistandes, auf den sie Anspruch „haben, zu hinterlassen." Und wiederholt hat seitdem Se. Majestät der Kaiser durch Thronreden und Botschaften ausgesprochen, wie sehr ihm gerade diese Sache am Herzen liege, wie dringend er die Mitarbeit deS Reichstages ohne Unterschied der Parteien an diesem Werke wünsche und wie er sich freue, die verbündeten Regierungen hierbei im Einverständnis mit sich zu wiffen.
Wenn eS dennoch bis zum Sommer 1883 gedauert hat, bevor das erste, und bis zum Sommer 1884, bevor das zweite dieser Reformgesetze zur Verabschiedung kam, so liegt dies hauptsächlich in der Schwierigkeit deS Gegenstandes. Die Gesetzentwürfe betrafen ein Gebiet, auf welchem eS fast vollstänUg an Erfahrung fehlte und die Ansichten über die zweckmäßiger Weife einzuschlagenden Wege gingen anfangs weit auseinander. Ja auch die Regierungen selbst änderten mehrfach in grundlegenden Fragen ihre Ansicht. Nach und nach änderten sich die Meinungen derer, die die Grundgedanken der Regierung« - Vorlagen accepiierten und als 1883 das Krankenversicherungsgesetz, 1884 das Unfallvcr- sicherungSgeß tz im Reichstage mit großer Majorität angenommen wurde, bestand die Minorität, wie in allen großen Reformfragen seit 30 Jahren, wesentlich aus den Mitgliedern der Fortschrittspartei.
Im Frühjahre 1881 hatte die Regierung zunächst ein Unfallversicherungsgesetz vorgelegt, nach welchem die Arbeiter in bestimmten Betrieben gegen die Folgen der Betliebsunfälle bei einer zu gründenden Reichs-Versicherungsanstalt versichert werden follten.
„Meine Bitte erfüllen und in den Wagen steigen. Sehen Sie, er warte noch; einen zweiten dürften Sie in dieser abgelegenen Gegend schwerlich antreffen."
„Nein, nein," beharrte Else, die bet dem Gedanken, sich mit diesem Manne in einen dunklen Kntschenkasten rin- schließen zu lasten, ein Grauen beschlich sie; „nein, ich will nicht fahren; ich danke."
„Wohin führt denn Ihr Weg?" fragte der Fremde.
„Nach der Martinstraße."
„Das ist ein tüchtiger Marsch. Allein finden Sie sich dahin schwerlich zurecht, und es fragt sich, ob Sie hier Bielen begegnen, die Sie nach einer Seitenstraße, wie die genannte ist, dirigieren können. Es trifft sich aber glücklich, daß ich feldst in der Nähe derselben wohne. Ihnen als Führer zu dienen wird mir doch hoffentlich gnädigst gestattet sein?"
Else stand unschlüssig. Hier bot sich ein Ausweg aus einer Lage, die jeden Augenblick peinlicher wurde, sollte sie ihn aus unbegründetem Argwohn verschmähen? — Ausweichen konnte sie ja dem Fremden ohnehin nicht.
„Wenn Sie denselben Weg gehen," sagte sie zögernd, „so — darf ich mich wohl nach Ihnen richten — aber —*
„Gut, gut," sagte der Herr, ihren stolz-scheuen Blick mit überlegenem, halb artigem, halb spöttischem Lächeln erwidernd, „sein Sie ganz unbesorgt, mein kleine« Fräulein, ich halte mich in respektvoller Entfernung."
Er hielt in der That Wort. Er ging vorwärts, ohne sich weiter viel um Else zu kümmern, vor ihr, seitwärts, ja marchmal auf der andern Seite der Straße. Das beruhigte sie und zerstreute ihren Argwohn. Ihre angsthaste Aufregung legte sich, sie konnte wieder tapfer ausschreiten.
Die Regierung stellte sich also schon damals auf den seither festgehaltenen Boden der obligatorischen Versicherung und hielt einen Versuch auf dem Wege einer Ausdehnung und Abänderung des Haftpflichtgesetzes Abhilfe zu schaffen, sür ungenügend. Hierin stieß sie auf entschiedenen Widerstand auf der liberalen Seite des Reichstages, welche das Hasipflichtgesetz ausbauen und das Arbeiter-Versicherungswesen nicht einer Staatsanstalt überwiesen, sondern die Privat-VersicherungSgesellschatten erhalten wollte.
Für die konservativen Parteien, welche bereit waren, das Gesetz auf der Grundlage deS RegierungS - Entwurfs zu vereinbaren, trat hierdurch die Notwendigkei ein, sich über die Einzelheiten mit dem Zentrum zu verständigen und diesem die auch von der Regierung nicht unbedingt bekämpfte Ersetzung der ReichSversicherungs - Anstalt durch LandeSversicherungS » Anstalten der Einzelstaaten zu konzedieren. Die von der Regierung vorgeschlagene Uebernahme eines Teils der Versicherungsprämie auf das Reich fand keine Majorität.
Von der wesentlich durch Konservative und Zentrum gebildeten Majorität im Reichstage wurde das Gesetz angenommen. Zur Publikation gelangte dasselbe indeffen nicht, weil man sich in den Kreisen der Regierungen inzwischen überzeugt hatte, daß eine Umarbeitung mit teilweiser Veränderung der Grundlagen wünschenswert sei.
Die Verhandlungen im Reichstage hatten zu einer eingehenden Erörterung der einschlägigen Fragen und damit vielfach zu einer Klärung und Aenderung der Meinungen geführt. Außerdem hatte daS Vorgehen der Reichsreaierung nicht nur in Deutschland selbst eine lebhafte öffentliche Diskussion ter Arbeiter - Versicherungsfrage hervorgerulen, sondern auch den Anstoß gegeben, daß man in den übrigen europäischen Ländern anfing, diese Fragen wissens gastlich zu diskutieren und durch die Gesetzgebung zu ordnen. Dies wirkte auch auf die Beurteilung der Fragen innerhalb ter deutschen Regierungskreise zurück. Man trat dort mit dem früheren österreichischen Minister Dr. Schäffle in Verbindung. Vor allem aber hatte man sich bei den Reichstagsverhandlungen davon überzeugt, daß die Durchführung der Unfallversicherung eine genügende Fürsorge für Krankheitsfälle zur Voraussetzung habe.
Deutsches Reich.
Berti«, 22. Sept. Fürst Bismarck ist mit bim Grafen Wilhelm Bismarck heute nachmittags um 3 Uhr 40 Mtn. nach Friedrichsruhe abgereist. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Ministers des Innern, durch welchen die Auslegung der Wählerlisten für die ReichStagS- wahl auf den 30. September angeordnel wird. — Der Bischof von Kulm hat folgende Verordnung erlassen: „Im Interesse der Wahrung der kirchlichen Autorität und der e sprießlich-n Verwaltung der Diözese finde ich mich veranlaßt, anzuordnen, daß jeder Priester meiner Diözese ---~~ " i nn----------------- ।—1 Bald kam man In belebtere Straß m, der Abend brach herein, die Gasflammen wurden angezündet. O wie mochte die Mama warten und sich ängstigen I — Aber jetzt war sie bald bei ihr und ein reumütige« Geständnis — ach das war ja unmöglich, sie durfte Leo nicht verraten!
Else blieb stehen und sah sich um; sie hatte ihren Führer <-uS den Augen verloren; aber im nächsten Moment war , er ihr freundlich zunickend, neben ihr
„Fürchten Sie nicht«, ich werde Ihnen nicht untreu;" ssg e er, und jetzt blieb er an ihrer Seite und sie hätte es unrecht und undankbar gefunden, sich dagegen zu sträuben. Er war ohne Zweifel ein feingebildeter Mann und sein Geplauder lo geistreich und amüsant, er hatte eine solche Fülle scherzhafter Anektoden, pikanter, mitunter auch boshafter Einfälle bei der Hand, daß Else nicht umhin könnt', mit Vergnügen zuzuhören, obgleich sie nichts »zur Forsetzung de« G spräch« that.
„Wo sind wir?" fragte sie endlich, als man in eine elegante Straße einbog. „Mich dünkt, wir müssen jetzt sogleich die MartinSstraße erreicht haben.
„Die MartinSstraße?" fragte der Herr. „Sie wollen nach der MartinSstraße?"
Else blieb erbleichend stehen und blickte ihren Begleiter wie versteinert an. Dieser schlug an seine Stirn.
„Sagten Sie denn nicht MarkuSstraße? — oder habe ich in der Zerstreuung die Heiligen verwechselt? — Gleichviel, einer ist so gut wie der andere, nur daß der heilige Martin fein Schutzamt auf der entgegengesetzten Seite der Stadt auSfibt. Und Sie sind erschöpft, und e« ist nicht daran zu denken, daß Sie ihren Maisch weiter fvrtsctzen, am wenigsten allein." (Fortsetzung folgt.)