Nr. 28»
Marburg, Sonntag, 21. September 1884.
XIX. Jahrgang.
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ObchkWic jritniig
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Was mutz geschehen zum Schutze -er einheimische« Produktion mit besouderer Berücksichtigung der Landwirtschaft nnd der bisherige« Wirlnng des Zolltarifs.
(Schluß.)
Warner genug sind schon laut geworden vom unerschrockenen Autodidakten und Dorsschulmeister Niendorf an bis zu den ersten Zierden der deutschen Hochschulen und vom ritterlichen Opfer seiner Borkämpferschaft, v. Wede- meyer bis zu den trefflichen Führern der Bauern-Bereine in den verschiedensten Landesteilen. Was aber erreichen diese wenigen getreuen Eckarte der Nation gegen die Kapi- talSringe unserer vielköpfigen Vertretungen im Reichstage so gut wie in der letzten Handelskammer? Wer schafft die Mitlel zur Agitation von Danzig bis zum Bodensee? Die finanziell ers löpften Kräfte deS Platten Landes? Nein die Metropolen der G.ldmacht uns der Börse, die internationalen Allianzen der Rothschild und Genoffen schreiben dem deutschen Reiche vor, welche Jntereffen eS wahrzu- nchmen hat. Mit allen Kniffen der Spekulation eines gewiegten Finanziers werden die Kräfte in Bewegung gefetzt, welche die Massen der Bevölkerung täuschen sollen über deren wahre Bedürfnisse. Während für jeden Volks- sreund und Kenner der Geschichte eS eine unwiderlegliche Wahrheit ist, daß mit dem Wohl der Grundbesitzer auch der Bestand des StaatSwcsenS unzertrennlich verbunden ist, wird von allen Dächern gepredigt von der Gefahr einer Agrarpolitik und der Uebermacht der Junker und Pfaffen. Hatte doch ein Freihandelsblatt die Keckheit, kürzlich zu schreiben, wir lebten unter der Herrschaft der Agrarier, in einem Moment, wo die gesegnete Ernte dieses Jahre« durch die Handelspolitik der herrschenden Kreise dem Bauer gerade unverkäuflich gemocht wird. Wie steht e« aber in Wahrheit? 4/$ des deutschen Grundbesitzes ist überschuldet und bewußt oder unbewußt der Machtsphäre deS mobilen Kapitals verfallen. Von der Schmeichelei, die sich an die höchsten Träger der Staatsmacht herandrängt, bis zu der
iö Bruder «ud Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
Und dennoch — sollte sie ohne Kampf ihr Recht auf« geben? — Scheu tragen, zurückzufordern, was ihr eigen war, ihr Kind in der Gefahr mutlos verlaffen? — Ach, wer bürgte ihr denn dafür, daß bei ihr das Heil war, dort das Verderben? — Und wie, wenn das Mädchen selbst, mitten inne gestellt zwischen erzwungener Entbehrung und Erfüllung heißester Wünsche, Kindespflicht utt) Kindesliebe verleugnete, und sich freiwillig lossagte von der Mutter? — Sollte sie selbst den tötltchen Schlag über sich herausbe- schwören? — In wahnsinniger Vermeffenhett den Gegner herausfordern, den einzigen, vor dem ihr tapferes Herz schreckensvoll zurückbebte?
Ruhelos, in qualvollem Seelenkampf war Frau Werner in der stillen Straße auf und nieder gewandert, — und jetzt hatte sie, nur halb wollend, nur halb wiffend, was sie that, das grünumhegte Eisengitter ringS umschritten und stand vor dem Eingang deS stattlichen Hauses. Ihre Hand hatte auf den Messingknopf im Thürg-rüst gedrückt, — die Thür stand offen und ein Diener vor ihr.
.Ich wünsche Doktor Halden zu sprechen," sagte Frau Werner in stolzer Haltung.
„Bedaure — um diese Stunde ruht der Herr." „Wann ist er zu sprechen?"
Der Diener zuckte die Achsel. „Wenn er jetzt klingelt bringe ich den Kaffee, später macht er einen Gang durch den Garten und setzt sich zur Arbeit. Entweder draußen auf der Veranda oder in seinem Studierzimmer. Da habe ich strmgen Befehl niemand vorzulaffen."
unerbittlichen Härte, mit welcher die letzte Kuh dem Bauer abgepfändet wird, ist eine Kette zu finden der großen und kleinen Geldmächte meist semitischer, aber auch formal- christlicher Observanz, deren Glieder bereits hunderte früher freier Grundeigentümer gefesselt halten und wäre eS auch nur zu dem Zweck, bei Wahlen ja nur deutsch-freisinnig oder fortschrittlich zu wirken gegen die natürliche, aber freilich alle derartigen Mittel verschmähende konservative Partei. Sehen wir uns nun einmal die jetzigen Parteien in ihrer Stellung zur Landwirtschast und den Getreidezöllen an, denn diese Zölle bilden ja nun einmal den Kernpunkt der Fragen und das beliebteste Schlagwort aller Gegner des Grundbesitzes vom Cityman bis zum rothesten Anarchisten.
„Die Getreidezölle existieren, es gilt, sie unter allen Umständen aufrecht zu erhalten, sie nach gewissenhafter Prüfung der Lage zu erhöhen, olle übrigen landwirtschaftlichen Produkte vor der ausländischen Konkunerz wahrhaft zu schützen und eine Ordnung in den Getreidehandel zu bringen, die Stadt und Land gerecht wird."
Das ist die alte Forderung der deutschen Konservativen seit Jahren, die« der Streitpunkt in der Wirtschaftspolitik seit der Zollvereinszeit, die Kc-rdinalfrage an jeden Reichstagskandidaten, der auf Stimmen des platten Landes Anspruch macht.
Deutschland kann sich noch selbst ernähren. Dies ist schon im Jahre 1879 mit Zahlen nachgewiesen worden von den argrarischen Vertretern, eS bedarf nur der Sicherung einer minimalen Rente und der Roggenbau allein deckt den Bedarf an Lebensrnitteln der deutschen Nation.
Deutschland ist leicht im Stande, noch weite Flächen dem Getreidebau zu erschließen, auf den jetzigen Aeckern die Produktion zu steigern, sobald die Milliarden wertvoller Dungstvffe, welche die Städte jetzt verloren gehen lasten, dem Landbau zugeführt, die Arbeitskräfte, welche planlos dem platten Lanse entzogen werden, durch Regelung der Freizügigkeit und des UnterstützungSwohnsttzeS stabilisiert, der Absatz an die nächste Konsumtionsstelle nicht durch unnatürliche Handelspraktiken erschwert, die Eigentümlichkeit des landwirtschaftlichen Kredits berücksichtigt und die staatlichen Verkehrsanstalten den Jnteresten deS Ackerbaues angepaßt werden.
Diese Sätze muß eine Partei unterschreiben, welche wahrhaft national wirken will; sehen wir uns nun gleich einmal die Nationalliberalen darauf an, ob wir auf dieselben darin werden rechnen können. Der größte Teil der Partei wurzelt nicht auf dem platten Lande, sondern in den großen Städten, einige adlige Grundbesitzer dieser Partei dürften kaum dem Notstand der Landwirtschaft Rech, nuna tragen, da sie, mit geschützten landwirtschaftlichen In- dustrieen liiert, die Lage wie in rosenrotem Lampenlicht anzusehen nur zu geneigt sein dürften, außerdem ist die Partei viel zu staatsmännisch, um gern von Dünger und Ackererde, Vieh und Insektenplage zu reden, ihr Terrain ist der Kulturkampf, nicht Tiefkultur, UnitariSmuS, nicht land-
„Sie müsten mit mir eine Ausnahme machenerklärte Frau Werner in gebietendem Ton und legte ein Gelostück in deS Dieners Hand. „Sagen Sie Ihrem Herrn, daß eine wichtige Angelegenheit — die keinen Aufschub duldet, mich herführt."
Der Diener schielte nach dem Geldstück hinunter, da« allerdings nicht Gold war und reichte es achselzuckend zwischen Daumen und Zeigefinger zurück.
„Thut mir leid — ganz unmöglich, meine Dame — würde meinen Dienst verlieren. —"
Eine elegante Equipage rollte in diesem Augenblick so dicht an den Eingang heran, daß Frau Werner gezwungen zurücktrat. Der Diener war, ohne sie ter geringsten Beachtung weiter zu würdigen, an den Schlag gesprungen. Die reichgekleidete Dame im Wagen nickte ihm freundlich zu.
„Belieben auszusteigen, gnädige Frau? will dem Herrn sogleich Meldung machen."
„Ist er denn schon sichtbar, Franz?"
„O für gnädige Frau doch ohne Frage," meinte dieser, geringschätzig nach Frau Werner zurückichtelend, di« noch immer, hoch aufgerichtet, wie zur Bildsäule erstarrt dastand und einen glühenden Blick, der daS Gewebe deS Schleiers zu durchbohren schien, auf Frau von Ostrow richtete.
Diese ließ ebenfalls ihr Auge mit nachlässiger Neugier über die hohe Frauengestalt gleiten, während sie mit einer Handbewegung dem Diener wehrte, der den Schlag öffnete und den Tritt herabließ. „Lasten Sie nur, Franz; ich habe keine Zeit. Vielleicht können Sie mir sagen, ob Herr Doktor daran denkt, heut das Theater zu besuchen?"
„Unter keinen Umständen, zu dienen, gnädige Fra«.
mannSschastliche Kenntnis praktischer Bedürfnisse. Tischreden bei perlendem Schaumwein, juristische vollendete Nomex, klatur, rnittelstraßliche Phrasen, aber ja nickt ein Anfaffe« der Börsenrnächte und großstädtischer Interessen, das ist ihr Element. Gern wollen wir zugeben, daß in manchen Gegenden, besonders Süddeutschlands, andere Gesichtspunkte noch vorherrschen, vor allem ein praktischerer Blick für handelspolitische Fragen, als im Norden, nur schade, daß diese allianzfähigen Elemente bisher stets noch in der Minderheit blieben. Wo durch leidige konfessionelle Differenzen genötigt, die konservativen Elemente latent sind, da kann es Nationalliberale geben, die ein wahrhaftes Verständnis für die Agrarfrage besitzen, diese sollten sich aber richtiger evangelische Konservative nennen, anstatt dem nationalliberalen Banner nur auö Opposition gegen den UltramontaniSmuS zu folgen. Wie stellt sich dieser selbst nun zu unseren Forderungen? Proteusartig, wie der begabte Führer Windthorst selbst. Wir finden die treuesten Alliierten unserer Sache unter den hochangesehenen Bayern im Reichstage, den Vorkämpfern der Bauernvereine in Westfalen, den wackeren Verfechtern echt deutschrechtlicher Agrargesetzgebung auS dem Süden und Westen, zugleich aber kann man Anträge hören der Perle von Meppen, die Eugen Richters Herz frohlocken lasten als bestes Kampfmittel gegen den preußischen Grundbesitz und oft ist es uns erschienen, als schaukelte der klassische Meister der Rede mit dem Zünglein der parlamentarischen Wage, je nachdem in einer großen Stadt oder einem stillen Bergthale die ultramontane Wahltrommel erschallte. Billiges Brot und kein Flachszoll heißt eö in jenem, Schutz dem Bauernstände in diesem Falle, so daß fester Verlaß wohl nur erst daun auf diese zahlreichste Gruppe wäre, wenn der Peterspfennig nicht in barer Münze, sondern in Kilo Roggen und Weizen gezahlt würde, oder Leo XIII. seine Revenüen aus deutschem Grundbesitz beziehen müßte.
Von den Freisinnigen noch zu sprechen, das hieße doch die Langmut unserer Leser erschöpfen; sie sind die nackten Vertreter deS Getreidehandels der Ostseestädte, die Anglo- Germanen mit dem Unterstützungsfonds für arme fortschrittliche Weltweise, die doch gern in Berlin am Wrbstuhl der Geschichte sitzen und den Tanz um das goldene Kalb in deutschen Gauen verewigen möchten; uns stehen sie in gleicher Front wie die Herren Sozialdemokraten, deren Gefolgschaft längst gelichtet wäre, führte der deutsche Freisinn nicht stets neue Truppen der sozialen Demokratie zu durch sein ganzes Wirken auf, vor und hinter der Tribüne deS Vaterlandes. Nur unabhängig nach oben nie nach unten dastehende Konservative können uns daher die alten berechtigten Forderungen des AgrarprozrammS erkämpfen helfen. Vergesten wir nicht, daß ohne die treue Arbeit der kleinen Schar dieser Männer heute es noch viel schlimmer um den deutschen Ackerbau stände, daß das Eis gebrochen ist, es aber vieler fleißiger Hände bedarf, den Pfad weiter zu ebnen für unsere gute Sache; auch unsere unvergleichliche Armee hätte ohne Nachschub den glorreichen Feldzug nicht beenden Der berühmte Rosenberg war heut vormittag selbst hier den Herrn zu seinem ersten Gastspiel einzuladen, — konnte ihn nicht vorlassen, da gnädige Frau uns eben die Ehre erwies; — Herr Doktor meinten später zwar, ich hätte eine Ausnahme machen sollen, er hätte Rosenberg gern gesprochen, da er in« Theater nickt gehen würde. Es hält mitunter ein Bischen schwer, die Wünsche des Herrn zu erraten," fügte Franz leise hinzu, und warf sich mit einer Miene voll beleidigten Selbstgefühls in die Brust.
Frau von Ostrow saß ein Weilchen überlegend. „Ist Herr Egbert zu Hause?" fragte sie.
„Zu dienen, gnädige Frau; er ist im Garten; — aber — nicht allein;" antwortete Franz mit sehr verschmitztem Lächeln. .
„Nicht allein — eil" sagte Frau von Ostrow und ihre erschlafften Züge belebten sich in unverhohlenem neugierigen Interesse. „Nun, ich will doch lieber einen Augenblick auSsteigen, — ich werbe nicht indiskret sein, Franz," lächelte sie verständnisvoll, während sie, schwerfällig auf den Arm -de« Diener« gestützt, den Wagen verließ. „Ich ziehe mich auf ein schattiges Plätzchen im Garten zurück, bis der Herr herauskommt. Sie brauchen mich gar nicht zu melden."
Sie trat in die Thür, die der Diener respektvoll weit öffnete, gänzlich unbewußt des flammenden drohenden Blicks voll leidenschaftlichen Haffe«, der ihr fohle. Als die Thür sich geschlossen, preßte Frau Werner die krampfhaft geballte Hand an die Stirn, dann raffte sie sich auf und floh, wie von Dämonen verfolgt. (Fortsetzung folgt.)