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Nr. 29»

JHarßurg, Sonnabend, 20. September 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt o. SU., Berlin, Münchenund Köln: G- 2 Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidcndank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilagezllustrtrte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerci) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr., - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

ME** Für das mit dem 1. Oktober beginnende neue Vierteljahrs - Abonnement ersuchen wir die Bestellungen auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst wöchentlichen Beiblättern:

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierter Gormtagsblatt

bei der Post b a l d i g st machen zu wollen, da ohne vorherige Bestellung und Zahlung seitens der Post die Fortsetzung nicht geliefert werden kann. Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen entgegen, in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21.)

WaS mutz geschehen zum Schutze 8er einheimischen Produktion mit besonderer Berücksichtigung der Landwirtschaft und der bisherigen Wirkung des

Zolltarifs.

Fragen wir zuerst, welche einheimische Produktion ist geschützt, so läßt sich die Antwort leicht erteilen in folgendem:

Die meisten Jndustrieen, welche im Jahre 1879 Schutz beanspruchten und die Notwendigkeit desselben den verbündeten Negierungen und der Kommission des Reichs­tages nachzuweisen in der Lage waren, sind nach Kräften und Berücksichtigung der einschlagenden Jnteresien im Zoll­tarif geschützt worden Manche nicht in dem Maße, wie sie eS wünschten unr hofften, manche gar nicht, weil sie die Beweise und notwendigen Voraussetzungen für eine gesetz­geberische Maßregel zu rechter Zeit nicht beizubringen ver­mochten. Manche auch nicht, weil sie, in handelspolitischen Irrtümern befangen, einen Schutzzoll verschmähten. Manche endlich auch darum nicht, weil ihre wirtschaftliche Bedeutung und Fortdauer nicht endgültig beurteilt und entschieden werden konnte. Die meisten inländischen Betrieben aber erhielten, wenn auch nicht absolute Schutzzölle, so doch Etappen für die Zukunst und vor allem wenigstens gliche ProduklionSbedingungen, wie das günstiger und billiger fabrizierende Ausland, ganz abgesehen von der Steuer­erleichterung in den Einzelftaaten. Denn wer hätte denn die RetchSauSgaben decken müssen? Die Herren Freihändler allein hätten eS sicher nicht gethan, jeder produzierende Arbeiter, Fabrikant, Landmann uns Kaufmann hätte durch direkte Steuern die Millionen müffen aufbrtngen helfen, die jetzt durch die Zolleinnahmen gedeckt werden; was das heißen will, da« wisien unsere Industriellen, die im Aus­lande Filialen haben, am besten. Vor allem aber sind alle notwendigen LebenSbedürfniffe, auch die, welche vom Aus­lande zu uns einströmen, billiger geworden.

Alle Prophezeiungen der Gegner des Zolltarifs sind alseitel Wind" durch die Thatfachen Lügen gestraft. Nicht bloß Getreide und Fleisch, auch Petroleum und sämt­liche sogenannte Kolonialwaren sind billiger geworden, oder der Preis ist zum mindesten gleich geblieben. Da mehr produziert wird, kann vieles doch noch mit Vorteil wohl­feiler verkauft werden, endlich aber haben Millionen Ar­beiter, die feiern mußten in der Freihandels - Aera, wieder lohnende Arbeit und Beschäftigung gefunden. In unseren armen Gebirgsgegenden, wo unzählige Jndustrieen ganz ruhen mußten, ist ein Wetteifer entstanden, in jedweder Produktion kunstgewerbliche Fortschritte, welche zuvor das Ausland gegen uns ausbeutete, sind in deutschen Landen zur Thatsache geworden. Der Export fast aller Waren ist gestiegen, fremder Schund vom deutschen Markt verdrängt, frischer Geist und Intelligenz in zahllose Gewerbszweige eingekehrt. Der Wahn, fremde Ware müßte bester als ein­heimisches Produkt fein, von Jahr zu Jahr mehr im Schwinden, die Steuerkraft der Staaten gehoben, die Spar­kassen im Aufblühen, zahlreiche humanitäre Anstalten zum Wohl der arbeitenden Klassen in der Entwickelung, die Werkstätten der Handwerker, teilweise wenigstens, beschäftigt und die Zahl der Vagabunden im Abnehmen, nur die Landwirtschaft noch wie zuvor das Stiefkind im Wirtschafts­leben, der Bauer ausgeschlossen von der allgemeinen Besse­rung der Verhältnisse und der Pächter wie Besitzer nach wie vor im schweren Kampf umS Dasein.

Und warum das? Weil der Landbau die Lebensmittel für die Städte schaffen soll und seit Jahrhunderten als Paria im Wirtschaftsleben gilt, gut genug, seine Produkte den anspruchsvollen Konsumenten zuzuführen, viel zu sehr Lasttier der handeltreibenden Minderheiten, um gefräst zu werden, ob er auch von seiner sauren Arbeit leben kann. Daß der Sandmann vierfache Steuern zahlt, die besten Kräfte dem Heere stellt, die verbrauchten Arbeitskräfte der Städte aufnimmt, die höchsten Schullasten trägt, sein Hab und Gut den Elementen ausgesetzt steht, dem Wucherer, Güterschlächter, Hausierer zum Opfer fällt, im Krieg jed­wedem Verluste preisgegeben ist, von den Fortschritten der Wissenschaft nur kümmerliche Abfälle sich nutzbar machen kann, ja seine Söhne und Töchter nur zu häufig in den Großstädten verdorben und verloren sehen muß, all das wird vergessen, denn tagtäglich schreiben es die Zeitungen und verkündigen eS die Volksbeglücker des deutschen Frei­sinnes, daß dem Bauer alles ja zuwächst, ter Grundherr nur einheimst, der Adel schwelgt und dem StandeSherrn Tausende durch eine Steuerreform würden geschenkt werben. Und waS wird als Beweis dieser hirnverbrannten Behaup­tungen angeführt? Daß vielleicht in jedem Jahrzehnt etliche Millionäre des mobilen Kapitals sich ein Landgut zu hohem Preise erwerben, um von der Luft der Börsen oder

dem Ruß der Fabriken auSzuruhen, um einen Bruchteil ihrer Schätze oft zinslos der Konjunktur des Welthandels zu entziehen.

Solche Liebhabereien des Großkapitals gelten dann als Maßstab für Schätzung des Grund und Bodens, und mit frivoler Abstchtlgkeit verschweigen dieselben Verfechter deS Aufblühen« der Landwirtschaft, daß oft die Revenuen einer Zeitung, eines Ladens in der Großstadt die Durchschnitts- Erträge deS Ackerbaues zehnfach übersteigen.Aber die Sicherheit der Einnahmen des Ackers?" entgegnen uns oft ganz wohlgesinnte Stadtherren. Ist dieselbe heutzutage denn noch vorhanden? Wird nicht, Gott sei eS geklagt, stets landwirtschaftliches Produkt in unserer Zeit in die wildeste Spekulation und Handelskrisis mit hineingezogen? Seit Eisenbahnen, Dampfschiffe und Telegraphen den Verkehr verwandelt haben, seitdem die fernsten Zonen Europa mit allen Produkten des Landbaues versorgen, Rewyork, London und Odeffa uns die Preise diktieren, der natürliche Schutz der Schwere und der Kommunikation aufgehoben ist, die vierte Dimension der Spiritisten auf dem Produktenmarkte gewiffermaßen schon zur Wahrheit geworden, die Laune Cohns per Draht in einer Stunde den Ertrag der Arbeit und Sorgen eines ganzen Landes dem Landmanne vernichten kann, die Ernten von den Händlern verschachert werden, ehe sie geborgen sind, die eigenen Landsleute als Farmer Amerikas die feindseligsten Konkurrenzen des deutschen Bauern geworden sind und da« große Krämervolk mit der KobdenmaSke freien Weltverkehrs vor der Stirn dem deut­schen Viehzüchter, Kartoffelbauer und Zuckerfabrtkanten unter den nichtigsten Vorwänden den englischen Markt zu- schließt, als sehr praktischer Schutzzöllner für die eigene Tasche seitdem sinkt im deutschen Reiche die Bodenrente, und eine sinkende Bodenrente sollte alle Patrioten zu ernster Prüfung der Lage veranlaffen.__________(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Sept. Kaiser Wilhelm ist heute früh um 7 Uhr mit großem Gefolge über Hannover nach Benrath abgerelst, wo die Ankunft nachmittag« um 4 Uhr erfolgt und großer Empfang stattstndet. Im Gefolge des Kaisers befindet sich auch der russische General Richter. Der Gesandte v. Schlözer ist heute früh nach Breslau abgereist, wo er einige Tage verweilt, um dann über München nach Rom zurückzukehren. In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin, Hamburg, Altona und Leipzig beschlossen. Ein Nachfolger deS Geh. Rats Dr. Struck in dem Posten eines Direktors de« Reichs Ge­sundheitsamtes ist auch bis jetzt noch nicht gefunden; als Stellvertreter des Dr. Struck hat der Geh. Rat Dr. Koch zu fungieren. Die Frage der anderweitigen Organi-

14 Bruder uu8 Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Ich hätte nicht kommen sollen," sagte Else beklommen. Gewiß, Sie selbst denken so."

Ich denke," sagte Leo, indem er ihre kleine Hand be­wegt und zärtlich an die Lippen drückte,Sie fühlten, daß Sie mir einen Ersatz schuldeten für die Tage hoffnungsloser Verzweiflung, die ich überstanden, Sie dachten an die Zeit unerträglicher Entbehrung und Sehnsucht, die vor mir liegt und wollten mir den kleinen Trost nicht versagen, Ihr liebes Bild noch einmal meinem Herzen einprigen zu dürfen. Aber glauben Sie, ich hätte Str selbst um diesen Preis der kleinsten Gefahr aussetzen mögen?"

Else blickte halb zaghaft halb vertrauensvoll zu Ihm auf und schüttelte leise den Kopf. Ein süße« Lächeln schwebte auf ihren Lippen, ein welcher feuchter Schimmer verklärte den Glanz ihrer blauen Augen, wie eine Rose dem Lichte entgegenblüht, so erglühte ihr zarte« Antlitz unter dem Auge de« Geliebten. Sie ließ e« geschehen, daß er sie sanft an sich zog und ihre Lippen mit den seinen berührte. Egbert hatte sich dem Ausgang des Pavillon« genähert und war im Begriff, sich zurückzuziehen.

O gehen Sie doch nicht," bat Else und streckte die Hand au«, ihn zurückzuhalten.

Bleibe nur, Egbert," fügte Leo widerstrebend hinzu.

Egbert gehorchte und stand abgewandt in scheuer Ver­legenheit getreulich Schildwacht, während die Liebenden, die Hände in einander geflochten, in gesenktem Ton da« herbe Geschick anklagten, da« Trennung über sie verhängte und ratschlagten, wie eine geheime Verbindung herzustcllen sei. Leo teilte der Geliebten seine ZukunftSpläne mit, die, im Einzelnen noch schwankend und zum Teil von abenteuerlicher Kühnheit, doch insgesamt nur ein Ziel hatten: so rasch wie

möglich eine ehrenvolle Selbstständigkeit zu erlangen, um ihres Besitzes würdig zu werden.

VI.

Während die drei jugendlichen Verbündeten voll sorg­loser Zuversicht die Segel hißten, um gemeinsam die Fahrt nach dem unentdeckten Eldorado Irdischer Glückseligkeit an­zutreten, harrte an der Pforte, durch die Else eingetreten, eine schwarzverschleierte dichtverhüllte Frau in wachsender Seelenangst bald vergeblich versuchend, einen Blick In da« Innere des Garten« zu werfen, bald mit nervösem Griff bemüht, die festverschlossene Thür zu öffnen, bald mit hasti­gem Schritt, die Blicke der Vorübergehenden nicht beachtend, in der Straße auf und niederwandernd.

Sehr bittere Gedanken waren e«, welche die Seele der Einsamen durchstürmten. Wie sicher war sie ihre« Kinde« gewesen, des einzigen, köstlichen Besitze«, der ihr geblieben, den ganz sich zu eigen zu machen die Aufgabe ihres Lebens gewesen I Noch in dieser Nacht, al« die herben Wechsel­fälle ihre« Geschicke« an ihrem unruhig erregten Geist vor­überzogen, hatte sie mit reuiger Zärtlichkeit den schlum­mernden Likbting betrachtet, der voll kindlicher Erhebung Wohl und Weh aus ihrer Hand empfing. E« war Heuchelei gewesen. Schon war der Verrat angesponnen, ihr Kind, befielt Seele bisher rein wie durchsichtiger Krystall vor ihrem Blick gelegen, hatte sie betrogen, lieferte sich selbst, frei­willig in die Hände jener feindlichen Macht, die ihr eigene« Leben verwüstet, vor bet sie ihr letze« Gut geflüchtet In nie rastendem Argwohn, der sie es noch zuletzt in heißem, schmerzlichem Kampf entrungen für Immer, wie sie meinte. Und er, Jener Jüngling, bet ihr wie ble Verkörperung ihrer geheimen, sehnsüchtigen Wünsche erschienen, er war ein Werk­zeug in der Hand bet Feinbin 1

Warum war sie nicht fern geblieben? Sie hatte in sicherer Verborgenheit gelebt. Warum war sie bem un­widerstehlichen Zuge gefolgt, der sie in diese Stadt geführt, in dunkler, selbstquälerischer Begierde nach dem Quell bit­terster Schmerzen! Wie oft war sie herumgeirrt in der Nähe dieses Hause«, unerkannt, unbeachtet, tn vergeblichem Suchen und Forschen! Nicht um zu finden, wa« sie verloren, war sie gekommen, sondern um noch da» Letzte, was sie auf Erden besaß, hinter diesen Mauern dahin schwinden zn sehen!

Und warum hatte sie nicht den Mut gehabt, einzugreifen, so lange es noch an der Zett war? Fehlte doch nicht jede Warnung. Wie ein Wetterstrahl hatte e« sie getroffen, als sie heute früh beim Heraustreten au« einem Laden die Tochter tn leisem, vertraulichem Gespräch mit jenem Jüng­ling gesehen, dessen flüchtige Begegnung sie gestern so tief erschüttert. Ein wilder Argwohn stieg in ihr auf; War er abgefanbt, ihr da« Kind zu entreißen? Sie war Else nachgeschlichen, als diese nachmittag«, unter dem Vorwand, von ihren Lehrern Abschied nehmen zu wollen, das Hau« verlassen. Von fern war sie ihr gefolgt bis an diesen Garten, hatte beobachtet, wie Egbert die Thür öffnete und sie hineinführte. Warum hatte sie ihr nicht die Erlaubnis zu diesem Gange versagt? Warum war sie nicht herbei- geeilt, sie zurückzuhalten? War e« Stolz? Das Ge­fühl ihrer Ohnmacht, einem unausweichlichen Geschick gegen­über? Kraft- und willenlos hatte sie bageftancen, trotz bet rollben Verzweiflung, bie in ihr wühlte, hatte bie Tochter ihren Blicken entschwinden gesehen, unb ba« Gitter um­klammert, da« sie von ihr trennte, auf immer vielleicht, benn von diesem Orte sie zurückzusordern besaß sie keine Macht. (Fortsetzung folgt.)