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Nr. 291

Marburg, Freitag, 19. September 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Masse in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Köln: G. L Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Deutsches Reich.

Berlin, 17. Sept. DerSchles. Ztg." berichtet man aus Berlin vom 15.:Der Kaiser, welcher bei der vor­gestrigen Abfahrt sehr aufgeräumt und leutselig war, sagte zu den zurückbleibcnden Herren im Momente der Abfahrt: Auf Wiedersehen, meine Herren! Hoffentlich geht alles gut." Nach dreiviertelstündtger Fahrt hielt der kaiserliche Extrazug an und ließ den fälligen Kurierzug voraus." In einer zweiten Ordre hat ter Kaiser bestimmt, daß, um das Andenken des verstorbenen General - Feldmarschalls Herwarth von Bittenfeld zu ehren, auch die Offiziere des 1. Westfälischen Infanterie-Regiments Nr. 13, dessen Chef der Verstorbene gewesen ist, sowie die des 6. Westfälischen Infanterie - Regiments Nr. 55, ä la suite dessen er ge­standen hat, drei Tage Trauer Trauerflor um den linken Unterarm anzulcgm haben. In bezug auf die Unter­redung, welche der Reichskanzler bei seiner jüngst hier er­folgten Ankunft mit dem französischen Botschafter Baron de Courcel gehabt hat, wird derSchief. Ztg." von hier geschrieben:ES liegen Anzeichen vor, welche darauf hin- deuten, daß Frank,eich wünscht, die Reichsregierung möge den Ausbruch weiterer Feindseligkeiten zwischen dem himm­lischen Reiche und Frankreich verhüten. Sehr beachtenswert und verheißungsvoll für die Möglichkeit eines gütlichen Ausgleiches der schwebenden Differenzen ist die allmählich in Frankreich sich bahnbrechende Ueberzeugung, daß für China eie Aufbringung der anfangs geforderten Entschädigung von 250 Millionen Franks ebenso wie der später auf 80 Millionen reduzierten Forderung ganz unmöglich ist." Das Gerücht, daß Frhr. v. Manteuffel das General-Kom­mando des 15. Armee-Korps abgeben werde, scheint, nach einer Korrespondenz derKreuzztg." aus Straßburg, jetzt seiner Bestätigung entgegen zu gehen. Man nennt als eventuellen Nachfolger des Herrn v. Manteuffel neben dem General v. Kleist auch den General v. Gottberg, welcher

13 BrnderundSchwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Ich Haffe sie sogar, ob Sies glauben oder nicht," sagte Egbert. Die Poesie ist ein schleichend süßes Gift, entnervt und verdirbt Männer und Völker. Für junge Mädchen mag ste ja gut sein. Männer haben Besseres zu thun, als Gedichte zu schreiben. ES sollte gesetzlich verboten werden.

Wie können gerade Sie das sagen!"

Weil mein Vater eine Menge geschrieben hat? Ein so zufälliger Umstand könnte mein Urteil um so weniger beeinflussen, als ich kaum zwei oder drei davon gelesen habe. DaS finden Sie unverzeihlich, nicht wahr? Sie bewun­dern wohl meinen Vater sehr?"

Gewiß, und ich finde, Sie find sehr undankbar und verdienen da« Glück gar nicht, eilten Vater zu besitzen, deffen bloßer Namen ihnen in der Welt jeden Weg bahnt."

Ja, ich verschwinde eben in dem Schatten, den sein Namen wirft. Ich bin der Sohn deS berühmten Halden, weiter nichts, und eS ist freilich sehr anmaßend, daß ich nebenher noch ein eigenes, von dem meines Vaters ganz verschiedenes Leben und Streben habe."

Sie sind stolz und ehrgeizig. Ach, Sie ahnen nicht, was es heißt, ohne Vater und Beschützer aufzuwachsen l"

Egbert blickte nachdenklich und teilnehmend auf da« junge Mädchen.Ihr Vater lebt schon lange nicht mehr?"

Nein da« heißt ich habe ihn nie gekannt," er» »Leite Else verwirrt.

Sie haben keinen Vater und ich keine Mnttter," sagte Egbert.Aber meine Mutter lebt. Sie hat mich und meinen Vater verlassen, als ich noch ganz klein war, und

früher Gouverneur von Straßburg war. Angesicht« der Thatsache, daß trotz der siebenmonatlichen Dauer der letzten Landtagssession die Steuerreform keinen Schritt vorwärts gekommen ist, weist die Handelekammer zu Bochum wieder­holt auf die schwere Belastung der Komunalsteuern hin, unter welcher zahlreiche Kommunen leiden. In Witten wurden 1883/84 gezahlt: 460 Prozent der Staats-, Klaffen-, Einkommen- und Grundsteuer, 115 Prozent der staatlichen Gebäudesteuer, 153V» Prozent der Gewerbesteuer, daneben 50 Prozent evangelische oder 40 Prozent katholische Kirchen­steuer. In Hattingen wurden 430 Prozent der Klaffen-, Einkommen- und der halben Grundsteuer und ein Achtel der Gebäudesteuer, ferner 25,so Prozent evangelische oder 50 Prozent reformierte, oder 100 Prozent katholische Kirchen­steuer erhoben; in Wattenscheid 400 Prozent der Klaffen- unb Einkommensteuer, 200 Prozent der Grundsteuer, 150 Prozent der Gebäudesteuer, 203 Prozent der Gewerbesteuer, 662/3 resp. 40 Prozent Kirchensteuer; in Gelsenkirchen zahlen die 1. und 2. Klaffensteuerstufe 100, die 3 bi« 6. Klaffe 200, die 7. bis 12. Klaffe und die Einkommen­steuerpflichtigen 250 Prozent der Staats-, Klaffen- und Einkommensteuer, 66% Prozent der Gewerbesteuer, 25 Prozent der Grund- und Gebäudesteuer, unter Befreiung der nur bis 12 Mark Klaffensteuer Zahlenden, außerdem 50 respektive 33V» Prozent der Klassen- und Einkommen­steuer an Schulsteuer und 40 resp. 50 Prozent an Kirchen­steuer, endlich I2V2 Prozent der Grund- und Gebäudesteuer an Kirchensteuer. Aber nicht nur die Städte, sondern auch nicht wenige Dorfgemeinden des Bezirks seufzen unter solcher Stenerüberbürdung. So werden an Kommunal­steuern in Prozenten der Staatssteuer entrichtet: in Man­scheid 433 V», in Eppendorf und Linden je 400, in West- mar und Langendreer 360, in Bickern 350, in Eickel 345, in Hamme 300, in Heven 288. Ohne eine wesentliche Verminderung der Kommunalsteuern gehen diese Kommunen unheilvollen Zuständen entgegen. Der Kaiser, der heute abend 8 Uhr hier eintrifft, wird hier übernachten und erst im Laufe deS morgigen TogeS nach Schloß Benrath zur Beiwohnung der rheinischen Manöver abreisen, Fürst Bis­marck wird, wie es jetzt heißt, hier bleiben, auch den Kaiser nicht an den Rhein begleiten. Herr von Schlözer reist morgen auf seinen Posten nach Rom ab. Die Annahme, daß seine Rückkehr sich verzögern würde, sowie die daran geknüpften Bemerkungen auch derGermania" sind also hinfällig.

Ausland.

Wie», 17. Sept. DiePolitische Korresp." meldet ans Skierniewice: Graf Kalnoky erhielt das Großkreuz des AndrcaS-OrdenS, Herr von Giers und Fürst Lobanoff das Großkreuz des Stephans - Ordens. ES verlautet, der Kaiser von Oesterreich dürfte anläßlich der Eröffnung der Arlbergbahn am Sonntag den Großherzog von Baden in

meine Schwester mit sich genommen. So gleichglltig waren wir ihr."

Oh" Else blickte den Jüngling in eigentümlicher Bewegung an, die sich ihm mitzuteilen schien;Sie sind auch ohne Geschwister ausgewachsen?"

Ganz allein."

Und hätten Sie gern Ihr Schwesterchen gehabt?"

Egbert war an die Fensteröffnung getreten und blickte hinaus ohne zu antworten; dann richtete er unter den ge­senkten Lidern den Blick auf das junge Mädchen, das sich ebenfalls erhoben hatte, und an dem Tisch von leichtem Rohrgeflecht stehend ihre Blumen ordnete.

Ich habe nie daran gedacht," antworte er unsicher. Ich habe die Mädchen niemals leiden mögen und ste mich ebmsowenlg. Ich war ein wilder unbändiger Bursche, und wenn ste mich als Kind hübsch auSgeputzt unter die Gäste führen wollten, die häufig bei meinem Vater waren und mich hätschelten um sich bei ihm beliebt zu machen, schrie ich und schlug um mich, rannte fort und versteckte mich, bis ste mich ein für allemal laufen ließen." Er brach in ein laute« Gelächter au«.Nicht wahr, die Rohheit muß mir wohl im Blut stecken? Ich konnte das hoch­gespannte Wesen und die erlogenen Schmeichelreden, mit denen die Leute meinem Vater In den Ohren lagen, niemals ausstehen. Da« ganze Treiben war mir verhaßt. Ich blieb lieber allein für mich. Vielleicht, wenn ich eine Schwester gehabt hätte, ein gutes, einfaches Kind"

Er verstummte, blickte Elfe rasch mit aufstammendem Auge an und wieder weg, zog einen Rosenzweig, der sich außen an die Fensterbrüstung rangle, durch die Finger und

Mainau, sowie den König von Württemberg in Friedrichs Hasen besuchen.

Agram, 17. Sept. Die bisherigen Landtagswahlen ergaben für die Regierung 23, für die Opposition 6 Ab­geordnete.

Rom, 16. Sept. Gestern tarnen in ganz Italien 613 Erkrankungen an der Cholera vor, von denen 470 auf die Stadt Neapel und 18 auf die Stadt Specia fielen, ferner 351 Todesfälle, von denen auf Neapel 283, auf Specia 6 fielen. In der Provinz Rovigo tarnen einige verdächtige Fälle, in Rom tarn kein Cholerafall vor.

Neapel, 17. Sept. (Munizipalbericht.) Von vorgestern um Mitternacht bis gestern um Mitternacht sind 463 Er­krankungen und 258 Todesfälle an der Cholera hier vor­gekommen. Während die Cholera in Neapel stetig abnimmt, nimmt dieselbe in Restna zu.

Loudon, 17. Sept. Lord Granville teilte der Handels­kammer in Glasgow mit, der britische Generalkonsul in Shanghai habe den dortigen chinesischen Behörden empfohlen, die beabsichtigte Absperrung des Hafens aufzufchieben. DieTimes" meldet aus Futcheu, 5 französische Kriegs­schiffe seien nach Matson zurückgekehrt.

Brüffel, 17. Sept. Der König empfing vormittags um 10 V» Uhr die Bürgermeister von Brüffel, Gent, Lüttich, Mons Arlon und Antwerpen, welche die Verein­barung der Kommunen betreffs des neuen Schulgesetzes mitunterzeichnet haben. Aus die Ansprache deö Bürger­meisters von Brüffel, welcher auf die große Bedeutung der Petitionen von 820 Kommunen mit 2 800 000 Einwohnern hinwleS, erwiderte der König: Ich nehme Ihre Petitionen als den Ausdruck der Wünsche einer großen Anzahl von Bürgern entgegen, welche Magistrats- und Kommunal- ämter bekleiden; ich habe aber auch eine sehr große Anzahl von Petitionen erhallen, welche sich in entgegengesetztem Sinne aussprechen. Angesichts dieser so verschiedenen Mei­nungen muß ich mich dem Willen des Landes, wie er durch die Majorität der beiden Kammern zum Ausdrucke gebracht worden ist, anschließen. Sie beurteilen mich zu wohlwollend, wenn Sie meine Weisheit rühmen, aber ich acetyliere Ihre Worte über meine gewissenhafte Beobach­tung der Pflichten eines konstitutionellen Souveräns Ich werde meinem Eide stets treu bleiben und fortdauernd be­müht fein, den regelmäßigen Gang der parlamentarischen Regierung stcherzustellen. Ich werde niemals einer Unter­schied zwischen den Belgiern machen, sondern für die einen dasselbe thun, was ich für die anderen gethan habe. Mein Verhalten wird unter den gegenwärtigen Umständen das nämliche sein, wie im Jahre 1879. Indern ich von den mir zustehenden Prärogativen im Geiste der Verfassung Gebrauch mache, diene ich Belgien, unseren zwei großen politischen Parteien und der Sache der Freiheit, der ich tief ergeben bin. Ich danke den Bürgermeistern für die Gefühle, die ste für mich persönlich an den Tag gelegt

beachtete nicht, daß die Dornen diese blutig rissen. Else hatte ihren Strauß hingelegt und war neben ihn getreten.

So sind Sie wohl manchmal recht verlaffen gewesen?" fragte ste mit welcher Stimme.

Egbert nickte heftig, eine ihm ganz fremde Rührung, ein nie gekanntes Mitleid mit sich selbst überwältigte ihn. f7Mein Vater war viel auf Reisen und lebte bald hier bald dort und überall nahm er mich mit sich. Freund­schaften mit Altersgenossen habe ich erst auf der Universität geschloffen uno auch da nur wenige und flüchtige. Ich war zu störrisch und ungesellig geworden. Nur Leo" er atmete tief auf, e« war ihm als müffe er ersticken,Leo ist eigentlich mein einziger Freund."

Er blickte starr vor sich nieder und eS überlief ihn glühend heiß, al« feine Hand die de« Mädchen« zufällig streifte. Das Herz war ihm voll zum Zerspringen. All die einsamen freudlosen Kindheitstage zogen, von den Worten des Mädchen« heraufbeschworen, vor seiner Seele vorüber; und die unbestimmte Ahnung eine« ihm ganz fremden, beseligenden Glücks brach verwirrend über ihn herein.

Ein elastischer Schritt ward draußen auf dem Kieswege und gleich darauf auf den Stufen de« Pavillons hörbar. Al« die beiden jungen Leute sich umsahen, stand Leo vor ihnen. Ein Schatten von Erstaunen und Mißvergnügen verdunkelte den Blick, den et auf die Beiden, so nahe und vertraulich bei einander Stehenden richtete, ward aber im nächsten Augenblick von einem Strahl reinen Entzückens aufgesogen, als Else ihm schüchtern und tief errötend einen halben Schritt entgegentrat, und die Hand nahm, die er ihr bot. (Fortsetzung folgt.)