Rr. 290
JRarfllirg, Donnerstag, 18 September 1884.
XIX. Jahrgang.
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Die Sozialreform und Die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881.
II.
Das aber, was in der Wirtschaftspolitik bis jetzt geschehen, hat seine Grundlage in der Kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881. Dieselbe sei hiermit wieder in Erinnerung gebracht, sie lautet:
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc. thuen kund und fügen hiermit zu wissen:
Wir haben den im vorigen Reichstag kundgegebenen Wünschen entsprechend, dem früheren Brauche entgegen, den Reichstag noch im laufenden Jahre berufen, um seine THL- tigkeil zunächst für die Feststellung des RetchShauS- Halts-Etats in Anspruch zu nehmen. Der Entwurf wird dem Reichstage unverzüglich zugchen. Derselbe zeigt ein erfreuliches Bild der vorschreitenden finanziellen Entwickelung des Reichs und der guten Erfolge der unter Zustimmung des Reichstags eingeschlagenen Wirtschaftspolitik. Die Steigerung der den einzelnen Bundesstaaten vom Reich zu überweisenden Beträge ist erheblich höher, als die Steigerung der Matrikular,- Beiträge. Daß der Gesamtbetrag der letzteren im Vergleich mit dem laufenden Rechnungsjahre eine Erhöhung erfahren hat, findet seine Begründung tn Einnahme-Ausfällen und in Bedürfnissen, welche im Interesse des Reiches nicht abzuweisen sind.
Die Einigung, welche mit der Freien Stadt Hamburg über die Modalitäten ihres EtnschlufieS in daS deutsche Zollgebiet erzielt worden ist, wird der Reichstag mit Uns als einen erfreulichen Fortschritt zu dem durch die ReichSverfasiung gesteckten Ziele der Einheit Deutschlands als Zoll- und Handelsgebiet begrüßen. Die verbündeten Regierungen sind der Ueberzeugung, daß der Reichstag den Abschluß der deutschen Einheit nach dieser Seite hin und die Bortelle, welche dem Reich und seiner größten Handelsstadt aus demselben erwachsen werden, durch
12 Bruder««* Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
Ihre Hand lag wieder auf der Klinke und jetzt ging daS Psörtchen von innen auf und Egbert stand vor ihr, unverhohlene Freude tn seinem ehrlichen jungen Gesicht.
„Das ist recht, daß Sie kommen, und so pünktlich," sagte er leise und drückte ihr herzhaft die Hand. „Ich stehe schon eine Viertelstunde hier auf der Lauer. Kommen Sie, kommen Siel"
Else trat schüchtern ein, Egbert verschloß daS Pförtchen steckte den Schlüffe! ein und fühlte sie durch einen schattigen Gang zu einem leicht und geschmackvoll gebauten, von blühenden Schlinggewächsen umrankten Pavillon. Else schwieg in scheuer Befangenheit, die sich auch ihrem Begleiter mitteilte, obgleich er hier, wo er sich als Wirt und Beschützer fühlte, auf festem sichert» Boden stand.
»Ist Herr von Ostrom hier?" fragte Elfe beklommen und blieb zaghaft vor dem Eingang des Pavillons stehen.
„Nein —" erwiderte Egbert zögernd und verlegen, „er hat Dienst und kann erst in einer Viertelstunde hier fein. Er bittet Sie sehr, auf ihn zu warten."
Elfe hatte schon den Fuß zur ersten Treppenstufe erhoben: jetzt zog sie ihn rasch zurück und drehte kurz ent- schlosien um.;
„Dann ist es bester, ich gehe," sagte sie indigniert.
„Ach, das werden Sie doch nicht thunl" rief Egbert bestürzt. „Ich wußte es heut morgen nicht und konnte Sie nicht mehr benachrichtigen. Leo hat mir anfgetragen, ihn zu entschuldigen. Er konnte es wahrhaftig nicht ändern,
den Kostenbeitrag de« Reichs nicht zu teuer erkauft finden und dem hierauf bezüglichen Gesetzentwurf die Zustimmung erteilen werde.
In dem Bestreben, die geschäftlichen Uebelstände zu beseitigen, welche sich au8 der Konkurrenz der Reichstags sesstonen mit den Sitzungsperioden der Landtage ergeben, hatten die verbündeten Regierungen dem vorigen Reichstage einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eineVerlängerung der Legislatur- und Budgetperioden deSReichs vorschlug, über den aber eine Verständigung nicht hat erreicht werden können. Die geschäftliche Notlage der Regierungen und die Notwendigkeit, den Verhandlungen der gesetzgebenden Körper deS Reichs sowohl wie der Einzelstaaten die unentbehrliche Zeit und freie Bewegung zu sichern, veranlaßt die verbündeten Regierungen, der Be- schlußnahme deS Reichstages wiederum eine entsprechende Vorlage zu unterbreiten.
Schon im Februar diese« JahreS haben wir Unsere Ueberzeugung aussprechen lasten, daß die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung deS Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde. Wir halten eö für Unsere Kaiserliche Pflicht, dem Reichstage diese Aufgabe von neuem anS Herz zu legen, und würden Wir mit um so größerer Befriedigung auf alle Erfolge, mit denen Gott unsere Re> giernng sichtlich gesegnet hat, zurückblicken, wenn eS UnS gelänge, dereinst das Bewußtsein mitzunehmen, dem Vaterlande neue und dauernde Bürgschaften feines inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit und Ergiebigkeit deS Beistandes, auf den sie Anspruch haben, zu hinterlassen. In Unseren darauf gerichteten Bestrebungen sind Wir der Zustimmung aller verbündeten Regierungen gewiß und vertrauen auf die Unterstützung des Reichstags ohne Unterschied der Parteistellungen.
In diesem Sinne wird zunächst der von den verbündeten Regierungen in der vorigen Session vorgelegte Entwurf eines Gesetzes über die Versicherung der Arbeiter gegen Betriebs-Unfälle mit Rücksicht auf die im Reichstage stattgehabten Verhandlungen über denselben einer Umarbeitung unterzogen, um die erneute Beratung desselben vorzubereiten. Ergänzend wird ihm eine Vorlage zur Seite treten, welche sich eine gleichmäßige Organisation deö gewerblichen Krankenkassenwesens zur Ausgabe stellt. Aber auch diejenigen, welche durch Alter oder Invalidität erwerbsunfähig werden, haben der Gesamtheit gegenüber einen begründeten Anspruch auf ein höheres Maß staatlicher Fürsorge, als ihnen bisher hat zu teil werden können.
Für diese Fürsorge die rechten Mittel und Wege zu finden, ist eine schwierige, aber auch eine der höchsten Aufgaben jedes Gemeinwesens, welches auf den sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens steht. Der engere
so fatal es ihm war. Wollen Sie gehen und ihm nicht einmal Lebewohl sagen?"
Ein Lächeln zuckte über das Gesicht des Mädchens, wie ihr barscher Freund so ratlos bittend vor ihr stand. „Gut denn, so will ich eine Viertelstunde hier warten. Ist eS sicher, daß mich Niemand sieht?"
„Niemand. ES kommt kein Mensch in den Garten, am wenigsten in den Nachmittagsstunden. Mein Vater ist sehr empfindlich gegen die leiseste Störung."
Egbert schob dienstfertig einen der Rohrstühle zurecht und Else nahm Platz, während er an einen der geschnitzten Pfeiler gelehnt tn ihrer Nähe stand. AllmSllg schlug ihr Herz ruhiger, ja ein freundliches Behagen begann sich tn der lieblichen Stille voll Sonnenschein und Blütendust auf sie niederzusenken, das die Gegenwart ihres Gefährten nicht störte. Neugierig und erfreut blickte sie durch die farbigen Glasscheiben und die grünumrankten, Bilderrahmen ähnlichen Oeffnungen in den, mit künstlerischem Geschmack angelegten Garten hinaus.
„Wie wunderschön eö hier ist! — Ich liebe die Blumen über alles und habe mir nie etwas so sehr gewünscht al« einen Garten, in dem ich sie selber pflegen und nach Gefallen Sträuße winden dürfte."
„Pflücken Sie doch von den Blumen," bat Egbert; „oder lasten Sie lieber mich —"
Er sprang hinaus und kam bald daraus mit einer Handvoll Fuchsien, Astern und Rosen zurück.
„O da« hätten Sie nicht thun sollen I" rief Else erschreckt. „Wenn Ihr Vater es bemerkte —"
„Er sicht nie das Einzelne; und was bedeuten ein paar Blumen in dieser Menge?"
Anschluß an die realen Kräfte dieses Volkslebens und das Zusammenfassen der letzteren in der Form korporativer Genossenschaften unter staatlichem Schutz und staatlicher Förderung werden, wie Wir hoffen, die Lösung auch von Aufgaben möglich machen, denen die Staatsgewalt allein in gleichem Umfange nicht gewachsen sein würde. Immerhin aber wird auf diesem Wege daS Ziel nicht ohne die Aufwendung erheblicher Mittel zu erreichen fein.
Auch die weitere Durchführung der in den letzten Jahren begonnenen Steuerreform weist auf die Eröffnung ergiebiger Einnahmequellen durch indirekte Reichssteuern hin, um die Regierungen in den Stand zu fetzen, dafür drückende direkte Landessteuern abzufchaffen und die Gemeinden von Armen- und Schullasten, von Zuschlägen zu Grund- und Personalsteuern und von anderen drückenden direkten Abgaben zu entlasten. Der sicherste Weg hierzu liegt nach den in benachbarten Ländern gemachten Erfahrungen in der Einführung des Tabaksmonopols, über welche Wir die Entscheidung der gesetzgebenden Körper deS Reichs herbeizuführen beabsichtigen. Hierdurch und demnächst durch Wiederholung früherer Anträge auf stärkere Besteuerung der Getränke sollen nicht finanzielle Ueberschüffe erstrebt werden, sondern die Umwandlung der bestehenden direkten Staats- und Gemeindelasten tn weniger drückende indirekte Reichssteuern. Diese Bestrebungen sind nicht nur von fiskalischen, sondern auch von reaktionären Hintergedanken frei; ihre Wirkung auf politischem Gebiete wird allein die sein, daß Wir kommenden Generationen daS neu entstandene Reich gefestigt durch gemeinsame und ergiebige Finanzen hinterlassen.
Die Vorbedingung für weitere Beschlußnahmen über die erwähnten sozialen und politischen Reformen besteht in der Herstellung einer zuverlässigen Berufsstatistik der Bevölkerung des Reichs, für welche bisher genügendes und sicheres Material nicht vorliegt. Soweit letzteres im Verwaltungswege beschafft werden kann, wird eS in kurzem gesammelt sein. Vollständige Unterlagen aber werden nur durch gesetzliche Anordnung, deren Entwurf dem Reichstage zugrhen wird, zu gewinnen sein.
Wenn danach auf dem Gebiete der inneren ReichSein- richtungcn weitgreifende und schwierige Aufgaben bevorstehen, deren Lösung in der kurzen Frist einer Session nicht zu bewältigen ist, zu deren Anregung Wir UnS aber vor Gott und Menschen, ohne Rücksicht auf den unmittelbaren Erfolg derselben, verpflichtet halten, so macht eS UnS um so mehr Freude, UnS über die Lage unserer auswärtigen Politik mit völliger Befriedigung aussprechen zu können.
Wenn eS in den letzten Jahren, im Widerspruche mit manchen Vorhersagungen und Befürchtungen, gelungen ist, Deutschland die Segnungen deS Friedens zu erhalten, so haben Wir doch in keinem dieser Jahre mit dem gleichen
„Wie glücklich Sie sind!" rief Else, die Blumenpracht auf ihrem- Schoß ausbreitcnd.
„Glücklich? — ich — des Gartens wegen? — Ich mache mir aus Blumen gar nichts."
„Aber sicherlich macht es Ihnen Freude, daS grüne Laubdach über sich zu haben, durch das sich die goldenen Sonnenstrahlen zitternd stehlen, den Vögeln zu lauschen, den Thau auf Blumen und Gräsern blinken zu sehen und nachts frei zu den Sternen aufblickcn zu können. In unferm Stübchen zwischen Schornsteinen und häßlichem Gemäuer ahnt man nicht, daß eS dergleichen giebt."
„Ich hätte nichts dagegen, Ihnen all diese Herrlichkeiten abzutreten;" erwiderte Egbert, ironisch die Lippen verziehend. „Sie glauben wohl, well mein Vater Dichter ist, müßte ich auch für Mondschein und Vogelsang schwärmen? Ich bin von gröberem Stoff und finde eS schwer begreiflich, daß der Zustand deS Gemüts von der Zahl der Aether- schwingungen oder Luftwellen, die Augen oder Ohr treffen, abhängig sein fett. Jedenfalls beruht das nur auf Selbsttäuschung. Mich lassen Licht- und Schallphänome gänzlich unberührt und intereffieren mich nur als Gegenstand wiffenschastlicher Beobachtungen — die Ihnen natürlich wieder gleichgültig sind."
„O durchaus nicht," entgegnete Else keck. „Aber wäh- renv die Schönheit der Natur auf mich einwirkt, denke ich nicht daran, ihre Erscheinungen zu vergliedern. Ich glaube auch gar nicht, daß Sie so gefühllos sind, wie Sie sich darstellen. Jeder Mensch von gesundem Herzen und Sinnen llebt Blumen, Musik, Abendsonnenschein. Ebensogut könnten Sie behaupten, Sie liebten die Poesie nicht."
(Fortsetzung folgt.)