Re. 21»
Marburg, Mittwoch, 17. September 1884.
XIX. Jahrgang.
WcWschc Jcitmiß
11
& L-.
m Verka ts an Pi 300 M«
bin hx en im
(3528
ucht [351 Hofswäid
BraderuvdSchwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
Gelt. ! lOlj 101 it 1024 1031 1015 1021
1021 681 771 981
102» 99» 60, 77$ 76» 29ß e 96
2171 1191
59}
welche den Urhebern der neuen Gesetzgebung reichlich zu Gebote standen. Ueberall sah er dieselben Leute als er« barmungslose Konkurrenten im Geschäfte auftreten, die er als die eifrigsten Verfechter der „Freiheit" kennen gelernt und daraus entwickelte sich nach und nach eine Stimmung, an welche diejenigen anknüpfen konnten, die die Freiheit nicht in der Auflösung, sondern in der Ordnung suchen. Vor etwa 10 Jahren begann deshalb eine konservative Bewegung, welche nicht gegkn die Gleichberechtigung der Bürger gerichtet war, wie die Gegner behaupteten und noch behaupten, sondern nur die Einschränkung der AllerweltSfretheit bezweckte, die nichts weiter war, als das Vorrecht des Großkapitals, sich in alle Verhältnisse übermäßig einzudrängen, von denen er sich Gewinn zu versprechen glaubte. Diese Bewegung, die ihren schärfsten Ausdruck in der Begründung der „Vereinigung der Steuer- und WirtschaftSresormer" von 1876 fand, hat einer gesunden Austastung der wirtschaftspolitischen Dinge mächtig vorgearbeitet, weil das Ver- lrauen des Volkes in Deutschland keiner einzelnen Partei gehört, sondern wie gesagt, allein dem Königtum, das es als seinen treuesten Freund kennen gelernt hat. Erst mit dem Augenblick darum, wo dieses Königtum sich an die Spitze stellte, ist in die Reformbewegung der frische und kraftvolle Zug gekommen, der uns Sieg verheißt.
cht
irburg, . 40.
t.
Egbert saß in Gedanken verloren und schien die Frage kaum zu hören.
„Wozu!" sagte er endlich ohne aufzublicken. „Es ist bester, sich von dem Aberglauben an die Heiligkeit dieser Verhältnisse, die doch im Grunde rein stofflicher Art sind, frei zu erhalten. Dankbarkeit und persönliche Ehrfurcht stnd, meine ich, das einzige, was Eltern von ihren Kindern zu fordern berechtigt stnd. Meine Mutter hat auf Beides mir gegenüber keinen Anspruch. — Wahrscheinlich wäre eS auch vergebliche Mühe, sie aufsuchen zu wollen. Und wenn es nun glückte, und ich sie so fände — daß ich wünschen müßte, sie nie gesehen zu haben —"
Der Gedanke hatte eine überwältigende Bitterkeit. Egbert stand auf und trat auf den Altan hinaus. Leo folgte ihm nach einem Weilchen und legte liebevoll den Arm um seine Schulter.
„Du sprichst von Mutterliebe," sagte Egbert endlich. »Wa« hast du davon erfahren?"
Ein schwermütige« Lächeln glitt über die Züge LeoS.
„Wer chere mama kennt, verlangt keine Proben heroischer Aufopferungsfähigkeit von ihr," sagte er leichthin. »Als ich klein und niedlich war, hatte sie mich wahrhaftig fast so lieb wie eine große Puppe oder einen Affenpinscher, dor dem ich noch den Vorzug besaß, daß ich französische Brocken nachplappern lernte wie ein Papagei und die Küsse m Empfang nahm, die an ihre Adresse bestimmt waren. Pfui, wie abscheulich das klingt! — ES empört sich auch Noch immer etwas in mir, wenn ich an jene Zeit denke. Daß sie sich später, als ich eine große Range war und
io 10 10
10
10
6 1
9
6 1
1
1 21 'S
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Sept. Heute und morgen findet in dem Schlosse von Skierniewice die Zusammenkunft der drei Kaiser statt. Die Aufmerksamkeit der politischen Welt ist darum auf daö kleine polnische Städtchen gerichtet, das für einige Tage zum Mittelpunkt der europäischen Politik geworden ist. Mit voller Genugthuung darf man die Zusammenkunft als einen Beweis der friedlichen Gesinnung betrachten, von welchen die Regierungen beseelt sind; daß diese Politik den Wünschen der Völker entspricht, brauchen wir nicht hinzuzufügen. Indes wird das deutfch- österreichisch-russtsche Verhältnis erst dann zu einem den Frieden wahrhaft fördernden, wenn es sich nicht nur als den Ausdruck der guten Beziehungen der drei genannten Staaten unter einander darstellt, sondern auch jeder heraus- fordernden Haltung den übrigen Mächten gegenüber sich enthält. Auch in dieser Hinsicht wollen wir uns keinen Besorgniffen hingeben, war doch bisher das Vorwiegen des deutschen Einflusses im Rate der Mächte gleichbedeutend mit dem Vorwalten friedlicher Bestrebungen. Dem entspricht auch die Aufnahme, welche die Monarchenzusammenkunft anderwärts findet. Man giebt der Ueberzeugung Ausdruck, daß das gute Einvernehmen zwischen den Ost« Mächten den Westen in keiner Weise bedroht. AlS besonders bemerkenswert dürste zu verzeichnen sein, daß die offiziöse Wiener „MontagSrevue" die Befferung des VerhältniffeS zwischen Deutschland und Frankreich erwähnt, ein Beweis,
8 Lehrli, gesucht.
Bl. [35i
istmädcht
Näh. L [35!
e Wirt uf loglo tt größer besorgt 1 [351
S Tiens und Hai ucht. > [35
mit sämi len betten Eintritt j [353
l Bang.
Hand. Führe meine Sache, wie bisher, sprich für mich, entschuldige mich, verkürze ihr die Zeit, und vor allen Dingen — halte sie fest I"
Mit einem raschen Händedruck verabschiedete fich Leo und eilte fort.
V.
Else stand unschlüssig vor dem zierlichen grünumrankten Gitterpförtchen, das Egbert ihr heut früh in kurzen präzisen Worten beschrieben. Ihre Hand suchte zögernd das Schloß, ihr Herz klopfte heftig. Wohin führte der Schritt, den sie zu thun im Begriff stand? — War e« ein Unrecht? eine strafbare Unvorsichtigkeit? — Würde die Mutter ihr je vergeben, wenn sie davon erfuhr? — Die Mutter, die jeden Schritt ihres Lebens so sicher gelenkt, und der sie jetzt um eines Fremden willen, den sie erst feit Monaten kannte, mit Ungehorsam und Hintergehen lohnte?
Die kleine Hand zog sich vom Schloß zurück, zaudernd that der Fuß einen Schritt und noch einen von dem Gitter- pförtchen fort. Beim Umwenden berührte ein ganz leises Knistern das Ohr des Mädchens. Das war bet Brief, ben Egbert ihr heut früh in die Hand gedrückt, den sie sicher in ihrem Kleide bewahrte — Leos Brief! — O wie liebeathmend, wie ernst und innig war jedes Wort, das darin stand! — Hätte fie ihn noch nicht geliebt, aus diesem Schreiben hätte fie Liebe und Vertrauen, felsenfeste« Vertrauen gesogen. Und Egbert — ihn kannte sie erst seit gestern und doch fühlte sie, daß er ihr von Herzen ergeben war, wie ein Bruder, — gewiß hätte er sie zu keinem Unrecht, in keine Gefahr verlocken mögen. Und welche Be- we, gründe die Mutter bestimmen mochten — wer konnte e« wissen? (Fortsetzung folgt.)
An-eigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux »onHaasenstein undVogler in Frantfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin, Münchenund Jt'öln; G- L. Daube und Eo- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
ird für eii irg einet che, da t Stand: i zu führ« und körps übernehm 56 arte
[353
Wohutli vermieth! t Nr. 3.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. öl.; Hermann- sch-Buchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
der Reichskanzler ausdrückte, Könige der kleinen Leute, der Mafien gewesen, die der Hilfe eines gewaltigen Armes bedürfen, weil sie selbst nicht die Einsicht noch den Besitz haben, die im „Kampf ums Dasein" unentbehrlich sind. Nur die Form der Hilfe mußte damals eine andere sein. Bor 200 und vor 100 Jahren waren es Leben, Eigentum und Ehre deS Bürgers und der Bauern, die des Schutzes und der Sicherung bedurften, weil zu jener Zeit ein einzelner Stand übermächtig neben dem Landesherrn dastand. Keine Uebermacht aber ist jemals von Mißbrauch frei geblieben. Die unparteiische Staatsgewalt also galt eö zu festigen und der Willkür des Einzelnen gegenüber unangreifbar sicher zu stellen; das Recht des Bürgers und Bauers galt es gegen das des Edelmanns zur Anerkennung zu bringen, dem kleinen Mann galt es ein freies Eigentum zu schaffen. Das haben die preußischen Könige vom Großen Kurfürsten bis zu Friedrich Wilhelm III. nach und nach durchgeführt. Das war die Sozialreform, wie sie daS Bedürfnis jener Tage erheischte.
Allein die Bedürfniffe wechseln. Bürger und Bauern waren nicht nur frei und selbständig geworden, sie hatten die völlige gesetzliche Gleichberechtigung mit den ehemals bevorrechteten Ständen erhalten, und weil dies in der Verfassung zum Ausdruck kam, die als Errungenschaft deS Liberalismus galt, so mußte die lange Arbeit deS Königtums gegen die Kerze des Liberalismus in den Schatten treten; ihm fielen die Mafien auf Jahrzehnte zu.
Wäre es dem Liberalismus nun wirklich nur um das zu thun gewesen, was er selbst als seine Ziele hinstellte und noch immer hinstellt: Gleiche« Recht und gleiche Freiheit für alle — so würde er seine Herrschaft sicherlich behauptet haben. ES war ihm aber um etwas ganz anderes zu thun: er wollte die Macht der gefchlofienen Berufsstände in Stadt und Land nur deshalb brechen helfen, weil er feine eigene, b. i. die des Großkapitals, an die Stelle zu setzen gedachte. DaS Interesse deS Großkapitals ist aber da am besten gewahrt, wo es nur mit Einzelnen in Mit- bewerb zu treten hat, die ihm als solche nicht gewachsen sind. DaS Absehen des Liberalismus war deshalb auf die Auflösung der alten korporativen Verbände gerichtet, wie sie von Alters her, besonders im Handwerk, noch bestanden; nicht minder nahm er Bedacht darauf, alle gesetzlichen Schranken zu beseitigen, die der unbegrenzten Ausbeutung der Geld macht im Wege standen. Daher die neue Gewerbeordnung, daher die Aufhebung der Wuchergesetze, daher die unbeschränkte Freizügigkeit, rie Aufhebung deS alten Heimatsrechts, daher die Beseitigung der Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften, Theater u. dergl. Alle diese „Freiheiten" wurden dem kleinen Manne als seine Freiheiten angepriesen und äußerlich genommen waren sie eS ja auch. Nur konnte er sich auf die Dauer nicht verhehlen, daß, so lange nichts damit anzufangen sei, aiS ihm die Mittel fehlten, sie noch immer eine schöne junge Wittwe, nicht gern mit mir sehen ließ, und sich überhaupt gar wenig um mich kümmerte, kann ich ihr jetzt viel eher vergeben, so tief eS mich damals kränkte. — Nun, ich habe Welt und Menschen kennen gelernt, und Mama hat sich in die Thatsache gefunden, einen langen Gesellen von Sohu zu haben, und seitdem vertragen wir uns vortrefflich. Sie ist von Herzen gut, von der liebenswürdigsten Nachgiebigkeit gegen mich; sie verdient die Antipathie nicht, mit der du sie beehrst — zu ihrem großen Mißvergnügen, kann ich dir sagen, mein Lieber."
Leo ging in die Stube zurück, nahm seinen Degen und steckte ihn an. Egbert war ihm gefolgt.
„Nun aber die Hauptsache;" sagte der junge Offizier, und ein Sonnenstrahl hellen Glücks brach wieder durch die leichten Wolken auf seiner Stirn. „Sie kommt; — in den Gartenpavillon, nicht wahr? — du hast Alle« pünktlich verabredet? — Welche Stunde?"
„Vier Uhr nachmittag«, wenn der Alte seine Siesta hält."
„O weh, ich habe Dienst; ich kann vor halb fünf nicht hier fein; daö ist ein verwünschtes Zusammentreffen! — Wird sie auf mich warten?"
„Weiß nicht;" erwiderte Egbert achselzuckend. „Ich glaubte du wärest heut nachmittag frei."
»Ich hoffte e« auch. Aber du wirst sie überreden zu bleiben, nicht wahr? Du vermagst ja alles bei ihr. Weißt du auch, daß ich anfange vor dir zu zittern?"
Egbert fuhr wie elektrisiert auf und warf dem Freunde einen halb scheuen, halb zornigen Blick zu. „Bist du toll?"
„Sei nicht böse, lieber Kerl! — Ich wollte dich nicht beleidigen. Du hast ja all mein Wohl und Weh io deiner
KUk" Für das mit dem 1. Oktober beginnende neue Vierteljahrs-Abonnement ersuchen wir die Bestellungen auf die
Oberhesfische Zeitung
nebst wöchentlichen Beiblättern: v
Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustriertes GouutagSblatt
bei der Post baldigst machen zu wollen, da ohne vorherige Bestellung und Zahlung seitens der Post die Fortsetzung nicht geliefert werden kann. — Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen entgegen, in hiesiger Stadt die Expedition (Markt 21.)
Die Sozialreform und die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881.
I
Unter Sozialreform ist an sich nichts Anderes zu verstehen, al« Umgestaltung der bestehenden öffentlichen Zustände gemäß dem Bedürfnis der Zeit. In diesem Sinne sind Moses, Lykurgos, Caesar, Karl derGroße u. s. w. Sozialreformer gewesen. Auch die Bewegung von der Deutschland seit einem Jahrzehnt ergriffen ist, kann kein anderes Ziel haben. Die besonderen Schwierigkeiten, mit denen wir dabei zu kämpfen haben, liegen aber darin, daß die Entscheidung nicht, wie ehedem, in die Hände einzelner genialer Gesetzgeber gelegt ist, die au« tiefster Kenntnis der Volksnatur und der Verhältnisse heraus zu handeln wissen, sondern daß neben dem Kaiser und seinen Verbündeten zahlreiche Parteien verfafiungsmäßig berufen sind, ihre Meinung geltend zu machen, wobei eS denn nicht ausbleiben kann, daß bei aller allgemeinen Uebereinstimmung in den Zielen die Ansicht darüber, was im einzelnen an- gestrebt werden soll, durch Sonderinteressen aller Art wesentlich beeinflußt wirv, daß es sich nicht mehr um ein Zusammenwirken zu handeln scheint, sondern um einen Kampf auf Tod und Leben.
Wenn wir gleichwohl der Hoffnung leben, daß dieses Chaos sich klären und ein neuer den veränderten Zeit- verhältniffen angepaßter Zustand der Gesellschaft daraus emporwachsen werde, so thun wir daS vornehmlich, weil die Hohenzollern an der Spitze stehen und weil daö deutsche Volk den Hohenzollern zu glauben, sich ihrer Führung nach außen wie nach innen willig anzuvertcauen versteht. Nicht zum erstenmale widmen sich die preußischen Könige der Soztalreform. Was fie vor 200 und vor 100 Jahren gethan haben, war nichts andere«, als was sie heute thun, immer handelte es sich darum, den Kleinen gegen den Großen, den Schwachen gegen den Starken in Schutz zu nehmen, immer sind die Hohenzollern, wie sich
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „glluftrirt-S Sonntagsblatt" durch die Ervedition tK o ck'lcke Buchdruck-re,) bezogen Z'/. »tark. dur» d,e Postämter de- Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) -Jns-rtionsgebühr für di- gespaltene Seite 10 «fa * $
_________ Reklamen die Zeile 2» Pfg, Für ,n der Expeditron zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
M ralion,
Schlachh aellftei^ Schlachh ter seins!, rlas 8ie m eliui [35!