Skr. 218
Illarburg, Dienstag, 16. September 1884.
xix. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg». Wien: Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Köln: G- 2- Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlluftrtrteö SountagSdlatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckereij bezogen 2’4 Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Die «aiserbegeguuug.
Die Begegnung der Kaiser von Deutschland, Rußland und Oesterreich findet am Montag und Dienstag statt. Uebereinstimmende Berichte aus Warschau, Berlin und Wien bestätigten bereits am Sonnabend dieses welthistorische Ereignis und gleichzeitig wußte man, daß heute (14.) Kaiser Wilhelm Berlin und Kaiser Franz Joseph Wien verlassen würden, um im Schloß Skierniwicza mit dem Kaiser Äl-xander zusammenzutreffen.
Vergeblich und überflüssig ist daö Bemühen, in die Einzelheiten der Kaiserbegegnung, über welche mit Recht der dichte Schleier des Gehetmniffes gezogen ist, eindringen zu wollen, wohl können aber alle beteiligten Nationen der Gewißheit leben, daß daö Hauptziel der Dreikaiserzusammen- kunft die Erhaltung deS europäischen Friedens und die Förderung deS wirtschaftlichen und sozialen Wohles ist. Möglicherweise kommt auch eine Stellungnahme ver Kaisermächte gegen England, welches in Sachen deS Welthandels und der egyptischen Frage eine anmaßende und nur sein Jntereffe rücksichtslos vertretende Rolle spielt, in Frage, desgleichen dürfte auch die Haltung der Katfermächte für gewiffe Eventualitäten in Frankreich und dessen Konflikt mit China in der Kaiserzusammenkunft vereinbart werden. Waö aber sonst noch an vie Kaiserbegegnung geknüpft wird, ist eitel Erfindung oder gar böswillige Andichtung.
ES wird die Leser interessieren, etwas über Schloß Skierniwicza, das wahrscheinlich der Ort der Begegnung ist, zu erfahren. Schloß Skierniwicza liegt bet der russischen Kreisstadt Skierniwicza etwa 60 Werst von Warschau entfernt.
Daö Schloß ist mehr auf Behaglichkeit, als auf Pracht gebaut, es trägt die charakteristischen Züge, welche die Prä- latenbauten aus dem Anfang deö vorigen Jahrhunderts eigen ist. Zu jener Zeit wurde es von einem Erzbischof von Posen und Gnesen umgebaut und diente den polnischen Primaten zur Sommerrestdenz. DaS Schloß besteht au» dem Hauptgebäude und zwei Flügeln, ein großer freier Platz mit Springbrunnen und Blumenanlagen dehnt sich vor ihm aus. Hinter dem Schloß zieht sich ein großer Park hin mit uralt-n Linden, Ulmen und Kastanien.
Kommt man von der Eisenbahnstation, von welcher eine gutgepflasterte, mit Pappelbäumen besetzte, etwa l1/» km lange Straße zum Schlosse führt und hat man den Platz überschritten, von dem schon gesprochen wurde, so steht man vor dem Hauptportal, durch daö man unmittelbar auf eine breite Paradetreppe gelangt. Rechts und links von dieser Treppe im Erdgeschoß sind die für die erwarteten hohen Gäste in Bereitfchaft gestellten Räume. Und zwar zur rechten Seite die Gemächer für die fremden Herrscher, zur linken die für den russischen Monarchen.
Bon den Räumen de- ersten Stockwerkes des Schloffeö ist namentlich der nicht große, aber sehr geschmackvolle Speisesaal zu erwähnen, In Eichenholz und grünem Samt,
eine Einrichtung, die auf den Feldmarschall Fürsten Baria- tinski zurückweist, der sich hier besonders gern aushielt. Ein Bild BariatinSktS in Lebensgröße hängt in den oberen Gemächern, und durch Erbauung eines Theaters in der Nähe des Schloffes, eines recht eleganten Baues, hat er sich hier ein Denkmal gestiftet.
Der zweite Stock des Schlosses enthält eine lange Reihe zum Teil höchst originell ausgestatteter Gemächer, mit persischem und cirkasstschem Gerät, mit Billardsaal, Bibliothek, einem Speisesaal mit einer großen, auf den Park gehenden Veranda, von der auS man eine sehr schöne Aussicht genießt. Ein großer Teich zieht sich vor dem Park her, aus dem ein Flüßchen abfließt, daS sich nach dem Skierniwtcze- fluß wendet. Auch eine griechische Kapelle fehlt in dem Schlöffe nicht. Es bietet in seiner Ausdehnung genügende Bequemlichkeit auch für einen größeren Zusammenfluß hoher Gäste und würde gegen alle Versuche, in die Geheimnisse einer diplomatischen Zusammenkunft zu dringen, durch seine vollständige Abgeschlvffenheit die denkbar größten Garantieen bieten.
Dentsches Reich.
Berlin, 13. Sept. Der Kaiser empfing heute vormittag den Gesandten Graf Herbert von Bismarck in längerer Audienz, machte hierauf eine Ausfahrt und konferierte nach seiner Rückkehr mit dem Vizepräsidenten des Staatsministeriums v. Puttkamer. — Skierniewice ist jetzt definitiv nun der Ort der Kaiser-Entrevue. Der Kaiser reist morgen abend 11 Uhr über Thorn-Alexandrowo dorthin ab. Sein Gefolge besteht aus den beiden Generalen ä la Suite Grafen v. Lehndorff und Fürsten Anton Radziwill, dem Chef des Militärkabinetts, General v. Albedyll, sowie dem Oberstleutnant v. BomSrorff. Neben den beiden Leibärzten, Generalarzt Leuthold und Dr. Liman, bilden etliche Hofstaatsbeamte das weitere Gefolge des Monarchen. Der der Person des Kaisers attachierte russische Militärbevollmächtigte, General Fürst Dolgorucki, folgt gleichfalls dem Kaiser, ebenso wie der deutsche Militärbevollmächtigte General v. Werder dem Zaren. Der Reichskanzler wird zunächst von seinem Sohne, dem Gesandten Grafen Herbert von Bismarck, begleitet sein, dem sich wahrscheinlich eine zweite Persönlichkeit aus dem auswärtigen Amte anschließen wird. Die vielfach verbreitete Meldung, der Staatssekretär des Auswärtigen, Graf v. Hatzfeldt, werde an der Reise teil nehmen, ist eine irrtümliche. Die Ankunft in Sktemiewice soll am Montag zwischen 11 und 12 Uhr deS Vormittags erfolgen, die Rückreise am Dienstag den 16., abends 11 Uhr. Die Ankunft des Kaisers in Berlin wird am Mittwoch Mittag erfolgen. — Der Kaiser hat eine Kabt- nettSordre an den Chef der Admiralität erlaffen in welcher er dem Kommandanten und der Mannschaft der Korvette „ Sophie* seine Anerkennung ausspricht für ihr Verhalten bei dem Zusammenstöße mit dem »Hohenstaufen.* — In den Etat
deS Kultusministeriums pro 1885 wird für die Universität Berlin eine außerordentliche Profeffur für Dermatologie ausgenommen werden, die für Herrn Schwenninger bestimmt ist. — Großfürstin Wladimir ist von Schwerin kommend auf der Reise nach Warschau hier durchpasstert. — Die Abreise des neuen chinesischen Gesandten Shu-Tsin- Tcheng wird jetzt offiziell bestätigt. Derselbe bringt 14 neue Gesandtschaftmitglieder mit. Von den Mitgliedern der alten Gesandtschaft bleiben der Dolmetscher-Sekretär Dr. Kreyer und Oberst Tschenkitong hier. Auch Li-fong- Pao wird nach Ankunft seines Nachfolgers noch längere Zeit hier bleiben, um ihn hier einzuführen. — Die nächste Expedition nach der Lüderitzschen Besitzung Angra Pequena geht am 7. Oktober von Bremen ab. Sie wird außer einer Ladung Kohlen auch die nötigen Werkzeuge für Bohrungen mit sich führen. Der leitende Ingenieur Herr Conrad hält sich hier auf, um Bohrgestänge verschiedenster Konstruktionen, Maschinen, Werkzeuge und Waffen für die Expedition anzukaufen. Außer ihm ist noch ein Berliner Zimmermann und ein Schmied engagiert. Die Bohrungen haben den Zweck, Süßwasser zu finden.
— Ein Wiener Brief der „Nordd. Allg. Ztg." weist die Behauptung der „Brest. Ztg." zurück, daß daö deutschösterreichische Bündnis schon 10 Jahre vor 1879 während der Herrschaft der liberalen Aera in Oesterreich das Licht der Welt erblickt ober daß der betreffende politische Gedanke irgendwelche Förderung von liberaler Seite in Oesterreich erfahren habe. Der Korrespondent unseres offiziösen Blattes führt in dieser Beziehung u. a. aus: „Alle Welt weiß, daß zur Zeit des Bürgerministeriums, d. i. des ersten parlamentarischen Kabinetts der liberalen Partei (1867 bis 1869), Graf Beust im österreichischen Ministerium des Aeußern waltete und auch im Innern so sehr Herr der Situation war, daß die liberalen Führer Herbst, Giskra u. s. w. ihre Ministerportefeuilles nur seinem mächtigen Fürworte zu verdanken hatten. Wie wenig Graf Beust der Mann war, mit dem Fürst v. Bismarck geleiteten Norddeutschen Bund — daS heutige Deutschland existierte bckanntlich damals noch nicht — ein intimes Bündnis zu schließen, weiß gewiß jeder, der die neueste Geschichte kennt, und daß das Bürgermtnisterium, das sich im Lichte des Beustschen Gestirns bewegte, nicht daran dachte, die Freundschaft mit dem nicht vorhandenen „Deutschland* zum „Angelpunkte seiner ganzen Existenz zu machen", braucht demzufolge wohl auch nicht erst demonstriert zu werden. Wohl änderten sich die Stimmungen in der Aera deS Kabinetts Auersperg. Doch nicht, weil dieses Ministerium der liberalen Partei angehörte, sondern weil zu dieser Zeit bereits Graf Andraffy die Zügel des auswärtigen Amt S führte — dieser altbewährte Freund der Einigung Nord- und Süddeutschland, dem Graf Beust den Vorwurf gemacht hatte, daß er als ungarischer Minister- prästrmt „den Preußen die Mainlinie auf der Schüssel
10 Bruder »«d Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
„Sie sah es einl" wiederholte Leo, der sich wieder in den Sessel geworfen hatte und mit strahlenden Augen wie in seligem Rausch befangen vor sich hinblickte. „DaS Götterkind sah natürlich ein, daß seine Bestimmung ist, mich glücklich zu machen. — Herzensfreund!" rief er aufspringend und Egbert um den Hals fallend, „daS danke ich dir l — Beim Himmel, du bist der größte aller Liebesunterhändler mit deiner göttlich naiven überzeugenden Grobheit. Nimmermehr hätte ich selbst daS erreicht."
„Höre Leo", sagte Egbert sttrnrunzelnd, indem er sich von dem Freunde losmachte und einen Schritt zurücktrat, „eS scheint mir fast, als hätte ich da auf dein Geheiß eine starke Dummheit begangen. Wenn ich daö Mädchen zu etwas verleitet habe, was gegen Sitte und Anstand verstößt, was sie zu bereuen haben könnte, so —*
„Sei ruhig, Egbert," fiel Leo mit ganz ungewöhnlichem Ernst ein; „wenn mein liebstes Mädchen wirklich um meinetwillen etwas wagt, so wäre ich ja ein ganz erbärmlicher Kerl, wollte ich nicht Gut und Blut daran setzen, sie vor jedem Schaden, der ihr etwa daraus erwachsen könnte, zu behüten, und ich weiß, du wirst mir beistehen. Sei überzeugt, den Dienst, den du mir heut geleistet, wird dir einst mein liebes Weib ebenso danken wie ich."
„DaS ist ganz schön — aber sie ist arm;" machte Egbert geltend; „und du bist nicht reich und Offizier."
„Heute noch; in kurzem möglicherweise nicht mehr." „Du willst den Abschied nehmen?"
„Sobald ich keinen andern Weg sehe, in EljeS Besitz zu gelangen."
„Du glaubst also nicht, daß deine Mutter etwas für dich thun wird?"
Leo zuckte mit zweifelhafter Miene die Achsel.
„Wenn sie auch wollte — weiß ich, ob sie im Stande dazu ist?"
„Sie hat, denke ich, ein hübsches Vermögen."
„Ich glaube auch — daß sie eS hatte. Ich weiß nichts Bestimmtes über ihre gegenwärtigen Verhältniffe. Aber schon im vergangenen Jahr, als ich sie einmal bat, eine gar nicht bedeutende Schuld für mich zu bezahlen, erklärte sie fich außer Stande dazu, da sie selbst derangiert und zu Einschränkungen genötigt sei. DaS sage ich natürlich nur dir."
Egbert nickte.
„Nun, von Einschränkungen habe ich bis jetzt noch nichts bemerkt:" fuhr Leo fort. „ES scheint mir also geboten, mich auf alle Fälle auf mich allein zu verlaffen."
„Du liebst aber deinen Beruf; eS würde dir schwer werden, ihn aufzugeben.'
„Freilich wohl. Aber tausendmal mehr liebe ich Else, und ich wollte Steine am Wege klopfen, wenn sie auf keine andere Art zu erringen wäre."
Egberts Blick ruhte voll warmer Bewunderung auf dem Freunde, dessen schöne, lebensfrohe Züge einen so mannhaft entschlossenen Ausdruck angenommen hasten.
„Was kann nur ElseS Mutter gegen dich haben?" sagte er nach einer nachdenklichen Pause.
Leo zuckte die Achsel.
„Spießbürgerliches Mißtrauen gegen mein Kleid und daS „von" vor meinem Namen;" erwiderte er etwas von oben herab. „Was könnte sie sonst gegen mich haben, da sie mich kaum von Ansehm kennt. Blinde Mutterliebe spiegelt ihr ungeheuerliche Gefahren vor, denen ihr Kind
durch seine Neigung zu mir ausgesetzt werden könnte. DaS darf man ihr nicht übel nehmen."
„Oder sie spekuliert auf einen reichen Schwiegersohn, — Blinde Mutterliebe! — Dos ist auch solch veraltetes Märchen. Die Tiere sorgen aufopfernd für ihre Jungen, well sie unbeirrt ihren natürlichen Trieben folgen. Die höhern Tiere, die man Menschen nennt, sind ja über die einfachen Gesetze der Natur erhaben: sie hoben Vernunft und wiffm, daß Jeder sich selbst der Nächste ist. Bei ihnen läßt die Mutter daS Kind ohne Bedenken im Stich, sobald es ihr zur Last fällt."
• Leo blickte teilnehmend auf den Freund, in dessen Zügen sich eine tiefe Bitterkeit auSprägte.
„Du denkst an deine Mutter. Hast du je erfahren, was kie Ursache war, daß sie von deinem Vater geschieden wurde?"
Egbert schüttelte langsam und düsterblickend den Kopf. „Er hat mir nie klare Auskunft über sie gegeben. Ich weiß nur, daß sie ein ganz ungebildete« Mädchen war, besten Schönheit ihn festeste. Ich vermute, daß er sie sehr geliebt hat und sehr unglücklich durch sie geworden ist, denn al« ich einst eine Frage über sie zu thun wagte, versetzte ihn daS bei seinem verzärtelten GemütSleben in so krankhafte Verstimmung, daß ich daS Fragen seither ließ. Er hat sie seit oielen Jahren vollständig au« den Augen verloren, sie und meine Schwester, und konnte weder erfahren, wo, noch unter welchem Namen sie lebt."
„Du hast also eine Schwester? — Bist du nie auf den Gedanken gekommen, Nachforschungen nach ihr und deiner Mutter anzustellen?' (Fortsetzung folgt.)