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Marburg, Sonntag, 14. September 1884.
xix. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Burcaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M.. Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Köln: G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annonccn-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.^ Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrtrte» Sonntagsblatt" durch die Expedition lK o ch'sche Buchdrucker er) bezogen Z'/» Mark, durch dre Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf«
Reklamen die Zelle 25 Pfg. Mr in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Die Wahle« zur Synode
welche morgen (Sonntag den 14. September) nach dem Morgengottesdienste in den evangelischen Kirchen vollzogen werden, sind unter allen Umständen eine Handlung, welche mit dem vollen Ernste ihrer Bedeutung vollzogen werden muß. Dieselben fallen vollständig außerhalb des TageS- streiteS der politischen Parteien und eS kann sich nur darum handeln, Männer zu wählen, welche der Kirche, der sie angehören, mit warmem vollen Herzen angehören und Garantie geben, daß da3 Werk, welches sie schaffen helfen sollen, zum Heile und Segen der christlichen evangelischen Kirche gereichen möge.
Ob heute auch verschiedene Meinungen stch geltend machen über das Ziel, welche« zu erreichen ist, ob man stch zustimmend oder ablehnend gegen die beabsichtigte Verfassung verhalten mag, es ist gleich notwendig, die Wahl auf solche Glieder der Gemeinde zu lenken, welche der positiven christlichen Lebensanschauung angehören und ein lebendiges Jntereffe für ihre Gemeinde hegen. Die Gemeindeglieder werden aber wohlthun, da nun einmal jede Wahl die Vereinigung der Stimmen erfordert, viejenigen Wahlvorschläge anzunehmen, die in Uebereinstimmung mit den Pfarrern und amtlichen Leitern der Gemeinde gemacht werden, stch von allen anderen Agitationen vollständig fern zu halten.
Wir glauben an dieser Stelle noch dir Aeußerungen eines kirchlich wohlgesinnten Mannes mittetlen zu sollen, der aus unserem Lande stch in der „Krenzzcitung" über die beabsichtigte Verfassung der evangelischen Kirche also vernehmen läßt: Am 7. September sind durch eine von den Kanzeln zu verlesende Ankündigung die Gemeinden der hessischen Lanoeskirche zur Wahl von Gemeinde- Vertretern aufgefordert, welche In Gemeinschaft mit unseren Kirchenältesten am 14. September Die Wahlmänner für die demnächstige Wahl von Mitgliedern der nach Königlichem Erlaß vom 23. Juli 1884 zu berufenden außerordentlichen Synode wählen sollen. Es ist damit eine Bewegung innerhalb unserer Landerkitche eröffnet, welche unsere am kirchlich Hergebrachten pietätvoll haltenden und kirchlicher Wahlen ungewohnten Gemeinden zunächst fremdartig ansteht, und auf dec Stelle sind denn auch die Feinde der Landeskirche, die aus der Vermischung nationaler StammeSeigentümlichk.it mit kirchlichen Fragen ein Gewerbe machen, bet der Hand, um den Eindruck des Fremdartigen zu einem GewiffenSdedenken zu steigern und dadurch einen passiven Widerstand auch gegen diesen Versuch eines Ver- sassungSauSbaueS hervorzubringen.
Im Jahre 1869 hatte stch die große Mehrzahl sowohl der Pfarrer als der Gemeinden aller Beteiligung an den Wahlen zu einer außerordentlichen Synore enthalten, weil man in dem Verfassungsentwurf des Ministers von
9 Braver««- Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
„Egbert, du trittst frisch in die Welt und hast nur zu gewinnen; dein Vater hat aber Erworbenes zu bewahren. Er setzt mehr aufs Spiel al« du, wenn er das Glück mit neuem Wagnis herausforvert. Es ist in der Regel leichter, eine Höhe erstürmen, als sich darauf behaupten. Du verstehst deinen Vater nicht, — hast dich auch nie ernstlich darum bemüht."
„ES liegt ihm auch blutwenig daran, von mir verstanden zu werden. In Den Hofstaat seiner Schmeichler und Lobhudler könnte er mich mit meiner vierschrötigen Wahrheitsliebe doch nicht einfügen; also ist« ihm und mir bester, ich halte mich fern."
„Anerkennung und Tellnahme braucht der Dichter und Künstler, sie gleicht dem Widerstand der Lust, die den Vogel im Flug aufwärts trägt, Dem ResonanzboDen, der die Töne sammelt und zurückwirft. Ohne Widerhall zerfließen sie wirkungslos im Raum."
„Du erhebst dich ja selbst zu poetijchem Schwung", sagte Egbert gähnend und warf stch ebenfalls in einen Sessel.
Leo lächelte still in stch hinein, indem er einen feinen Goldreif mit einem Vergißmeinnicht, den er am kleinen Finger trug, liebevoll betrachtete.
„Nun?" fragte er nach einer Pause und blickte den Freund mit gespannter Miene an. „Ich hoffe, du zollst dem Heroismus, mit dem ich seit einer halben Stunde hier alle Qualen Der Erwartung ertrage und dir seit fünfzehn Minuten über Dinge von untergeordnetem Jntereffe Rede stehe, gebü-rende Anerkennung. Du hast aber nicht nötig, mich Spaße« halber noch ein Wellchen länger auf die Folter zu spannen. Redel — Wie ist deine Expedition abgelau-
Mühler Anknüpfungen an die zum Ausbau geeigneten Ver- saffungselemente unseres Kirchenwesen« vermißte. Diesmal ist es nicht ein von außen hergebrachter, sondern ein von der jetzigen, unter der landeskirchlichen Geistlichkeit vollberechtigte« Vertrauen genießenden Kirchenbehörde, dem hessischen Konsistorium, ausgearbeiteter Entwurf, den die zu berufende Synode zu beraten haben wird. Seit den Tagen der Reformation hat die hessische Landeskirche ein aus Wahl der Geistlichkeit hervorgehende« Superinten« denten-Amt mit episkopalen Attributen, so daß man nicht mit Unrecht die erste hessische Kirchenverfaffung eine „ Superintendentur-Verfaffung" nennen kann. Fast ebenso alt al« das Superintendentenamt aber ist in unserer Landeskirche da« Bestehen von Presbyterien, also einer Laien- Vertretung innerhalb der Kirchengemeinde. Die Presbyter sind ursprünglich durch Wahl der Ortsgemeinde oder ihrer bürgerlichen Vertretung dem Pfarramt bezeichnet; von diesem acceptiert, haben sie sich weiter durch Kooptation ergänzt. In dem das Pfarramt umgebenden Presbyterium ist offenbar eine Vertretung der gesamten Kirchengemeinschaft durch Pfarrer nnv Gemeindeglieder vorgebildet, und eS hat stch auf genuin reformiertem Kirchenboden aus den Elementen der aus Pfarrer und Aeltesten bestehenden Orts- preSbyterien eine Presbyterial- und Synodalverfaffung entwickelt, die der Lutheraner v. Zezfchwitz in feiner Kybernetik „nahezu ideal" nennt. Auf hessischem Boden hätten stch das episkopale und presbyteriale Element zu einem episkopal- preSbylerialeu VerfoffungSauSbau zusammenschließen müssen, was durch eine Erweiterung der durch den Erbbruderv'r- glelch der Söhne Philipps InS Leben gerufenen aus Superintendenten, Pfarrern und landesherrlichen Abgeordneten bestehenden Generalsynoden möglich gewesen wäre. Aber die geschichtliche Entwickelung wurde durch die Gewaltakte deS Landgrafen Moritz unterbrochen, und statt der Generalsynode erhielt die Landeskirche das aus der Fürstlichen Kanzlei hervorgewachsene Konsistorium, das dermalen unter der Aufsicht des Kultusministers steht, die oberste und einzige Verwaltungsbehörde. Bisher sind alle Versuche, der Kirchengemeinschaft HeffenS eine selbständige Vertretung zu geben, die neben dem Konsistorium die äußern Angelegenheiten der Kirche zu ordnen habe, gescheitert.
Auch diesmal geht man gerade von positiver Seite vorerst nur zaghaft an da« unternommene Werk. Allerhand Schreckbilder von dem, was die gemischte Synode In Zukunft zwingen könnte, haben bei vielen den Namen Synode verdächtig gemacht. Dreierlei dürste sich den Zaghaften zur Beherzigung empfehlen:
1 Die Synode hat mit den Heilsgütern der Kirche, mit der Verwaltung von Wort und Sakrament, mit Lehre und Bekenntnis nun und nie Veränderungen vorzunehmen. Die Synodalen werden ja auf da« Bekenntnis ihrer Kirche berufen und verpflichtet.
fen? — Du hast sie gesehen? — ihr meinen Brief übergeben?"
Egbert nickte.
«Junge!" rief Leo aufspringend, faßte Jenen bei beiden Schultern und schüttelte ihn; „laß dir nicht wieder wie gestern die Worte einzeln »bringen! — Du hast sie ge- seben, du Glückpilz! — Was sagte sie? — wo trafst du sie? — wie sah sie au« ? — war sie heiterer al« gestern ? welches Kleid trug sie? — Wiederhole mir jede« Wort, das sie gesprochen!"
„Laß mich in Ruh!" rief Egbert unwirsch. „Du thust zehn Fragen auf einmal. Ich weiß von alledem nicht«."
„Du bist ein Bär — aber von der Spezle« der edel- herzigen. Komm, sei gut! — Bedenke, ich hätte gern ein 3abr uieineS Leben« gegeben, an deiner Stelle sein zu dürfen."
„Was willst du denn wissen?" lenkte Egbert besänftigt ein. „Aber frage vernünftig, ein« nach dem andern."
„Also ersten«: Ort und Stunde der Begegnung." „Um zehn Uhr wollte sie ausgehen;" berichtete Egbert in abgeriffener, unlustiger Weise. „Natürlich wurde e« halb elf."
«Und du patrouilliertest so lange in der Straße auf und nieder?"
„Was blieb mir übrig?"
»Weiter, weiter! — War fle allein?" „Bewahre!"
„Also hattest du List und Verschlagenheit nötig, um an« Ziel zu gelangen. Du folgtest in sicherer Entfernung —"
»Da« versteht stch doch von selbst — unterbrich mich nicht immer! — Sie ging mit bet Mutter in einen Laden, sah mich und kam allein heran«."
„Und du gabst ihr meinen Brief?"
2. Die Ausgestaltung der Verfaffung ist al« ein Lebens- trieb der Kirche anzusehen, aber auf die Peripherie sich beziehend, wo Kirche und Nichtkirche stch berühren. Ser« faffungöfragen gehören nicht dem Heilsleben der Kirche an und binden das Gewiffm nicht. (Augustana VII.)
3. Der einzige Paragraph in dem zu erstrebenden Ser« faffnngöentwurf: „Kirchliche Angelegenheiten werden nicht geändert ohne Zustimmung der Synode", ist mehr wert zum Schuh der drei Denominationen in unserer Landeskirche, als alle Berufungen ihrer jetzt so angelegentlich Rat erteilenden Hiobsfrennde auf Paragraphen des westfälischen Friedens-Instrumente«.
ES ist sehr erfreulich, daß sowohl die gemeinsame Konferenz der hessischen Pfarrer zu Marburg am 27. August, als die am 5. September zu Gelnhausen versammelte Konferenz der Diözese Hanau-Fulda e« für gebotene Amtspflicht anerkannt hat, nicht allein die vorgeschllebenen Wahlakte auSzusühren, sondern auch mit allem Eifer auf eine möglichst kirchlich-konservative Gestaltung der außerordentlichen Synode hinzuwirken. — Was die Jmpietät der Renitenten gegen ihre geistliche Mutter, wa« ihr eigenwilliger Bersuch, au« Preußenhaß Kirchengeschichte zu machen, eingetragen hat: die kläglichste Zerrissenheit, der Kampf aller gegen alle, ist doch für unö in Hessen zu offenkundig, al« daß e« uns irgend imponieren könnte, wenn sich die „Hessischen Blätter" ein Urteil über die Lebenskräfte in unserer Landeskirche an- maßen.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Sept. Die Abreise de« Kaisers zu der Drei-Kaiser-Entrevue erfolgt am Sonntag: die Abfahrtsstunde ist aber noch nicht festgestellt. Der Kaiser kehrt nach der Zusammenkunft zunächst nach Berlin zurück und geht von dort am 18. September zu den Manövern am Rhein. — Das „Militärwochenblatt" veröffentlicht einer Allerhöchsten Bestimmung gemäß eine vom 1. September datierte Ordre des Kaisers, betreffend die Serleihung de« Ordens pour le merite mit Eichenlaub an den Reichs- tangier. Die Ordre lautet: Der heutige Erinnerungstag, welcher Mir aus den bisherigen 22 Jahren unseres Zusammenwirkens eines der heivorragendsten Ereigniffe vergegenwärtigt, führt Meine Gedanken'auch darauf hin, daß Sie Mir an diesem Tage und während zweier Kriege nicht nur als hochbewährter Mann deS Rates, sondern auch, Soldat zur Seite standen und daß e« in Preußen einen Orden „Für Verdienst" gibt, den Sie noch nicht besitzen. Wenn auch die Bedeutung dieses Ordens eine spezifisch militärische sein soll, so hätten Sie ihn doch schon längst haben müssen, denn Sie haben wahrlich in mancher schweren Zeit den höchsten Mut deS Soldaten bewiesen, Sie haben auch in zwei Kriegen an Meiner Seite voll und ganz be- thätigt, daß Sie neben jeder anderen auch auf die hervor-
Egbert nickte.
„Nun — und wa« sagte sie?"
„Ach da« ist ja ganz gleichgültig,"
„Gleichgültig — o du gefühlloser Barbar! — Laß mich doch nicht um jedes Wort betteln, Egbert!" bat Leo eindringlich und ungeduldig.
„Langweile mich nicht länger!" war die verdroffene Antwort. „Alles Uebtige kannst du fle selber fragen."
„Sie seiber?" wiederholte Leo mit stockender Stimme und jäh errötend. „Weißt du denn, was du da redest — Else selbst?"
„Ich pflege zu wiffen was ich rede, aber du scheinst vergeffen zu haben, daß du mich wiederholt beauftragt hast, ste um eine Unterebung zu bitten."
„Und ste will kommen — w-hr und wahrhaftig? — Ich bitte dich, liebster Junge, treibe keine schlechten Späße mit mir, du weißt nicht, wie mir zu Mut ist."
„Nun?" erwiderte Egbert stutzig, indem er den Kopf zurückwarf und Leo scharf ansah; „ich weiß nicht, was da so Unglaubliche« dabei ist. Du hast hoffentlich nichts Unstatthaftes verlangt."
„Bei Gott, Egbert," sagte Leo, besten Gesicht von Aufregung und Freude glühte, „ich hatte nicht erwartet, daß sie ja sagen würde. Kostete e« Mühe, ste zu überreden?"
„Sie schlug es zuerst rund ab, da« ärgerte mich, und ich erklärte ihr, fle dürfe mir nicht zumuten, dir die Ser« Weigerung deiner selbstverständlichen und leicht zu erfüllenden Bitte zu überbringen, wir müßten beide ein kränkendes Mißtrauen darin sehen, wollte fle es abschlagen, dir in dem Garten meines BaterS, besten Namen ihr ja nicht fremd ist, eine kurze Zusammenkunft zu bewilligen. Sie sah das denn auch ein." (Fortsetzung folgt.)