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JUdtßurg, Sonnabend, 13, September 1884.

XIX. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frantfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Invalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M.,Ham- bürg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Köln? G- L- Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Pre,S für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrtrte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2>/» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Ma

Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

Virchows Ideale.

In kurzer Aufeinanderfolge wird man jetzt den für manchen freilich etwas zweifelhaften Genuß haben, die deutfchfreisinnigen" Größen oder, wie Herr Prof. Virchow in Kiel sich auszudrücken beliebte, die dergemeinen Libe­ralen", ihre politische Weisheit vor den Wählern entwickeln zu sehen. Auch Herr Virchow hat am ersten Tage, an welchem er, zurückk hrend von Kopenhigen, wieder auf deutschem Boden stand, sich dieser seiner Führerpflicht ein­gedenk zeigt, indem er in Kiel den Wählern seines mehr­fachen Kollegen Hänel diedeutschfreistnnige" Politik auS- einandersetzte.

AIS eine rühmliche Ausnahme anzuerkennen ist eS, daß bei dieser Gelegenheit der Herr Professor nicht herabstteg zu dem Niveau, auf welchem sich die Redeleistungen des Herrn Eugen Richter und der Oratoren desdeutschfrei- sinnigen" Wahlbüreaus sonst zu bewegen pflegen, daß er vielmehr in Kiel, wohl mit Rücksicht auf sein Auditorium, den Politiker und nicht den Agitator sprechen ließ, daß er seine Zuhörerschaft nicht durch Angriffe auf Persönlichkeiten zu amüsieren bestrebt war.

Daß Herr Virchow nicht nur in der Form seines Auf­tretens sich in Gegensatz zu Herrn Eugen Richter setzte, sondern in Kiel auch sich tiefgehende sachliche Meinungs­verschiedenheiten, z. B. über die Bedeutung der Fusion, deren Vorgeschichte rc., mit den Auslassungen Richters er­gaben, wurve bereits an anderer Stelle hervorgehoben, und kann man es den H irren selbst überlasten, sich betreffs dieser im DisflnS beruhendenhöheren Einheit" auSeinander- zusetzen. Man hat aber Ursache, Herrn Virchow nicht nur für den Ton da kbar zu sein, in welchem er Wahlagitation trieb, sondern auch dafür, daß er es verschmähte, nach dem jetzt beliebten Rezepte anderer Wahlredner seiner Partei die Grunsanschauungen, auf denen dervorgeschrittene" Libe­ralismus sein HauS aufgebaut hat, mit einem Mäntelchen zu bedecken, daß er vielmehr dieselben in voller Nacktheit seinen Zuhörern ausstellte. Nach dem in derKieler Ztg." also einer gewiß unverdächtigen Quelle nach steno­graphischer Aufzeichnung publizierten Wortlaute seiner Rede sagte Herr Virchow:

Wir wollen Befreiung deS Einzelnen und Ab­schaffung alles dessen, wodurch die freie Thä- tigkeit des Einzelnen gehindert wird. Wenn ich unsere Thätigkeit charakterisieren soll, so kann ich sagen, wir rechnen mehr darauf, daß der int lligente Mensch, welcher sich selbst und die Verhältnisse um sich herum kennt, bester in der Lage sich befinde, um über sein Wohl zu urteilen, als der Staat von seinem erhöhten zusammenfastenden Standpunkte aus. Wir sind immer der Meinung gewesen, daß der Staat nur einzugretfen hat, um daS Wohl der Unmündigen zu der» und die Bedrängten vor Mißhand­lung zu schützen, euer wenn eS sich darum handelt, die

8 Bruderoud Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Daß Egbert ein wenig starrsinnig und verschlvsten ist, und gesellige Höflichkeit als eine, des Mannes unwürdige Schwäche verachtet, das sind jugendliche Rauhheiten, die eine geschickte Frauenhand bald genug glätten würde. Er ist von Herzen brav, und wie mich Leo versichert, überaus tüchtig und fleißig in seinen Studien."

Leo weiß davon jedenfalls mehr als ich," entgegnete Halden verstimmt.Die materialistische Richtung, zu der da« Studium der Medizin meinen Sohn geführt, wider­strebt mir allerdings im Innersten, aber es gelingt mir auch in keiner Weise, Einblick in den Entwickelungsgang seines Geistes zu gewinnen. Er zieht sich mißtrauisch von mir zurück, geht feinen eigenen Weg, besten Hauptricht­schnur zu sein scheint, daß er demjenigen diametral entgegen­gesetzt liege, den sein Vater eingeschlagen und für ihn er­sprießlich hält. Für Poesie hat er gar keinen Sinn, ja gegen mein Wirken und Streben hat er sich gerade in Opposition gesetzt. Ich glaube nicht, daß er etwas von mir gelesen, seit er erwachsen ist."

Unbegreiflich!" rief Frau von Ostrom, die, während Halden sprach, ein kleines Gähnen geschickt hinter ihrem Tuche verborgen hatte.Aber nun entlasten Sie mich, lieber Freund; es ist Zeit für mich, zum Diner Toilette zu machen."

Halden begleitete Frau von Ostrom zur Thür und drückte noch einmal warm ihre Hans, im Gefühl, daß er für sich und seinen Sohn etwas bei ihr gut zu machen habe.

Hätte Egbert eine Mutter, wie ich sie ihm gewünscht,

Aufaaben, die der Einzelne nicht mehr bewältigen kann, zu vollführen. Aber wo es sich darum handelt, dem Bürger eine selbständige Entwickelung zu garantieren, hat der Staat nicht weiter einzugreifen, als daß er die Schranken beseitigt, welche den Einzelnen hindern können. Dies nennt man die freie Konkurrenz."

Wie schon gesagt, wir sind dem Herrn Profestor sehr dankbar für diesen Ausspruch, mit welchem er sich und seine Partei gegen den Vorwuif der Negativität verteidigen wollte dagegen, daß man nicht alles wolle, was der Kanzler für das Wohl des Volkes auSgedacht habe; denn einfacher und deutlicher als in diesen Sätzen ist die man« chesterlich-demvkratische Staatstheorie wohl kaum jemals zu- sammengefaßt worden.

Nach Herrn Virchow hat der Staat pure et simple die Schranken zu beseitigen, das alles abzuschaffen, was den Einzelnen hindern könnte. Wir möchten diesem AuS- spruche gegenüber zunächst einmal daran erinnern, wie wir von den Freunden deS Herrn Virchow verketzert worden sind, wenn wir behauptet haben, die fortschrittliche Welt- weiSheit gehe hinaus auf ein Niederreißen jeder Schranke, die vom Staate und von der Gesellschaft gegenüber dem Egoismus des Individuums zur Erreichung höherer, der Allgemeinheit dienender Ziele errichtet worden sei. Hier haben wir nun aus dem Munde des Herrn Virchow den Bambergerschen Nachtwächterstaat in seiner vollen Nacktheit entwickelt!

Aber, wird man einwenden, so schlimm hat es Herr Virchow ja gar nicht gemeint, er sagt ja selbst: Aufgaben, die der Einzelne nicht vollführen könne, solle der Staat auf sich nehmen dürfen. Ganz richtig; aber ein paar Sätze weiter belehrt uns Herr Virchow, wie diese s e i n e Positivität des Staates zu verstehen sei, wenn er sagt:

Der Staat hat weiter nichts zu thun, als Schulen einzurichten, nichts weiter, als jedem Kinde die Möglichkeit zu feiner geistigen Entwickelung zu geben, die jedes Kind also in sich aufnimmt. Jedem Einzelnen wird dadurch die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu fördern, so lange und so weit seine Kräfte und fein guter Wille reichen.

Gewiß hat der Staat Schulen einzurichten, oder dafür zu sorgen, daß eS geschehe; hiermit aber die positiven Auf­gaben des Staates erfüllt sein lasten zu wollen, das heißt denn doch in letzter Konsequenz den Staat auflösen in Atome schulgenossenschaftlicher Organisationen, und eben der Schlußsatz des letzten Zitates zeigt wiederum, auf was der Virchow-Rousteausche Jdealstaat hinausläuft, nämlich auf die wirtschaftliche Ausbeutung der Masten durch die wenigenIntelligenten", welche in der durch Niederlegung jeder Schranke herbeigeführten volkswirtschaftlichen Anarchie die Oberhand behalten, bis anderenoch Intelligentere" auch sie unterdrücken; denn Herr Virchow sagt es ja selbst, daß die einzige positive Aufgabe, die er dem Staate be­

er hätte sich zu meinerund der Menschen Freude entwickelt;" sagte er leise und bedeutungsvoll.

Frau von Ostrvw errötete in anmutiger Verwirrung, schlug bie Augen nieder, und dann mit vielsagendem Blick wieder zur denen des Dichters auf.

IV.

Egbert trat in sein freundliches Zimmer, das mit breiten Flügelthüren auf eine Seitenveranda am Giebel des Hauses führte, in besten Einrichtung er aber nichts duldete, das ihn einer Neigung zur Eleganz oder Bequemlichkeit hätte ver­dächtig machen können. Hier fand er den jungen Leutnant Leo von Ostrvw, der seine schöne Gestalt behaglich in einem S-stcl in der Nähe der geöffneten Thür ausstreckte und in der Hand einige engbeschriebene Blätter hielt. Die fin­stere Stirn Egberts glättete sich beim Anblick des Freundes, der, einige Jahre älter als er, ihm von frühester Kindheit an ein bewundertes Vorbild und der einzige Mensch auf Erden war, an dem sein verschlostenes Gemüt mit warmer Siebe und unbegrenztem Vertrauen hing.

Deine Gelehrsamkeit geht bereits weit über meinen Horizont", sagte Leo, ohne seine Stellung zu ändern, sein hübsches Gesicht mit freundlichem Nicken zu dem Studenten erhebend der hinter ihn getreten war und einen Blick auf die Blätter warf.Dies ist deine Examenarbeit, nicht wahr?"

Vorarbeiten dazu", erwiderte Egbert.Sie führen mich weiter, als ich gedacht."

So viel ich davon verstehe, fastest du die Frage, um bie e« sich handelt, auö ganz neuem Gesichtspunkt auf?"

Egbert nickte.®ie Wahrheit liegt am Wege, aber bie Herren Gelehrten stolpern so lange daran vorbei, bis

lasten will, die Schule, den Einzelnen nur zu fördern ver­mag,so weit seine Kräfte reichen"!

So also sieht dieFreiheit" ans, für welche Herr Virchow seine Zuhörer begeistern will, in deren Namen er spricht, wenn er weiter sagt:

Die Freiheit, ich will eS zugestehen, ist an sich ein idealer Begriff, und wenn wir, bie wir als Jünglinge für die Freiheit schwärmten und später als Männer für die Freiheit stets auftreten, rufen:Streitet für die Freiheit!" fo ist das nicht etwa eine leere herzlose Redensart, was unsere Gegner behaupten möchten. Die Männer, die dies aussprechen, haben kein Herz für das Volk. Wir waren im Voraus der Ueberzeugung,, daß die Wege, welche die Regierung eingeschlagen hat, nicht dahin führen werden, die sozialen Schäden zu beseitigen, und nicht auSreichen, um sie in dem Maße zu mildern, daß große Kreise da­durch beruhigt werten. Wir werden durch den Gedanken schmerzhaft bewegt, daß die Meinung erregt wurde, e« könnte überhaupt durch Staatseinrichtungen daS Ziel des Einzelnen sicher gestellt werden, ohne daß er selbst etwas dazu zu thun hätte.

Nun freilich! Herr Virchow und feine Freunde waren im Voraus überzeugt", daß bie Wege der Regierung falsche seien! Es ist die alte Geschichte, man kannte die Absichten der Regierung nicht, aber man mißbilligte sie; denn daß man sie nicht kannte und heute noch nicht kennt, daS zeigt Herr Virchow mit seiner Behauptung, die Re­gierung habe vaS Ziel des Einzelnen sicher stellen wollen, ohne daß dieser selbst etwas dazu zu thun hätte. Hätte die Regierung eine solche Absicht gehabt und haben können, nun, bann hätte sie sich freilich nicht bem heute erhobenen Vorwurfe der Freunde deS Herrn Virchow auszusetzen brauchen, ihre Sozialpolitik sei gar keine Sozialreform, da der Einzelne tie Kosten derselben selbst aufbringen müffel

Am Schluffe macht eS nun scheinbar Herrn Virchow Sorge, daß im natürlichen Verlaufe der Dinge ein Tag kommen werde, an welchem dasIdeal" seiner Gegner, der Fürst Bismarck, die Geschicke veS Reichs nicht mehr werde lenken können, und für diesen Tag will Herr Virchow Vorsorge getroffen wissen, indem er sagt:

Eine große Nation muß auf sich selber rechnen können, auch wenn sie keine Republik ist; muß arbeiten, daö Ganze in fruchtbarer Fortentwicklung Zusammenhalten und die Ge­fühle der Verbrüderung der Bürger eines Staates und der übrigen Menschheit entwickeln und alle mehr und mehr davon duichdrlngen, daß alle in großem Zusammenhänge stehen, der nicht vom Standpunkte des einseitigen Staats- IntereffeS bestimmt fein kann. Dann werden sie sich sagen: Alle muffen versuchen, durch humane Gesichtspunkte die Zugänge zum Herzen zu gewinnen und nicht die Hände in den Schoß legen und zu warten, bis der Messias geboren werde, welcher uns zur Seligkeit einführen wirb. Dann werben sie sich sagen: wir müffen selbst arbeiten, selbst

.........

man sie mit ber Nase darauf stößt," sagte er ziemlich ver­ächtlich.

Wofür sie deiner jungen Weisheit möglicherweise kühlen Dank roiffen,* meinte Leo.Was sagt denn dein Alter dazu?"

Weiß nicht. Der hat mit sich selbst zu thun. Vielleicht wäre eS ihm nicht recht, baß ich den Autoritäten ein Schnippchen schlage und mit frecher Hand an geheiligte Irrtümer rühre. Er selbst kann ja feit Monaten nichi zum Entschluß kommen, ob er sein Drama aufführen lassen oder im sichern Schutz seines Pultes vor den Angriffen böswilliger Kritik bewahren soll."

Nun, wozu rächst du?" fragte Leo.

Ich? Mich zu fragen würde ihm wohl ganz zuletzt einfallen. Ich bin ja ein Barbar, den die Musen fliehen. Und riete ihm ein guter Freund, falls er sich wirklich be- wußt ist, etwas Wertvolles geschaffen zu haben, furchtlos damit hervorzutreten und den Feinden Stand zu halten, so wäre die Befolgung dieses Rates vielleicht sein Unglück. So sehr hat ihn das Schwelgen in phantastischen Vorstel­lungen, die gewaltsame Ueberreizung seines Gefühlslebens bereits entnervt, so der Weihrauch, der ihm beständig ge­streut worden, der Götzendienst, den er mit feinem eignen Genius getrieben, feinen gesunden Sinn umdunkelt, daß er vor den Nadelstichen der Kritik, die er doch selbst mit Keulen­schlägen zermalmt hat, wie ein Feigling zittert und bangt und ein möglicher Mißerfolg ihm, glaube ich, das Ende aller Dinge scheint. Plato hatte wohl gewußt, warum er bie Dichter aus seiner Republik verbannte."

Du bist nicht gerecht gegen beinen Vater, lieber Junge", meinte Leo jurechtweisend. (Fortsetzung folgt.)