Nr. SIS
Marburg, Freitag, 12. September 1884.
xix. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund fiölnj G. L. Daube und Co. ,n Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co- in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wSchentlichen Beilage „JllustrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckere») bezo^n Z/, Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa Reklamen die Zeile 3» Pfg. Für «n der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pfg. berechnet.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Sept. Wie berichtet wird, begiebt sich unser Kaiser nächsten Sonnabend in Begleitung des Reichskanzlers an die russische Grenze zum Besuche des Zaren. — ES hat sich herausgestellt, daß sehr viele, auf Grund des allerhöchsten Erlasses vom 22. Juli er. eingereichte Gesuche, Jnvalidenpenstonen betreffend, den Intentionen des Erlaffes keineswegs entsprechen. In demselben ist nicht gesagt, daß alle, welche den Feldzug 1870/71 mitgemacht haben, und jetzt krank oder kränklich sind, sich melden sollen, vielmehr muß gerade so, wie früher, nachgewiesen sein oder werden, daß die jetzige Krankheit eine Folge deS Feldzuges ist. Es ist somit nur beabsichtigt, solchen Leuten zu Hilfe zu kommen, bet denen eine innere Dienstbeschädigung nachweisbar, die aber auS Unkenntnis feiner Zeit den festgesetzten Meldetermin nicht innegeh alten haben. — In betreff der nach den Ferien von feiten der medizinischen Fakultät der Berliner Universität bezüglich der Ernennung des ProfefforS Schwe- ninger zum außerordentlichen Professor derselben zu erwartenden Maßnahmen berichtet die „Allg. Mediz.-Zentr.-Ztg" auf Grund authentische Information, daß dieselben sich einzig und allein auf den bereits gemeldeten Protest beschränken weroen, daß aber alle weiteren, an den in Rede stehenden Vorgang geknüpften bezüglichen Meldungen lediglich auf Vermutungen und Wünschen beruhen. — Unter dem Titel „Neue Reichskorrespondenz" ist von Berlin aus die erste Nummer einer neuen Zeitungskorrespondenz für Redaktionen versandt. Dieser Quelle zufolge dürfte über den genauen Zeitpunkt der Berufung des StaatSratS während der diese Woche zu gewärtigenden Anwesenheit deS Reichskanzlers Fürsten Bismarck in Berlin definitiv Beschluß gefaßt werden. Dem Vernehmen nach sei die Organisation d-S StaatSratS ähnlich wie die äußere Einteilung des preußischen Staatsministeriums gedacht. Darnach würde die Körperschaft in sieben Sektionen geteilt werden, und zwar für Justiz, Finanzen, Landwirtschaft, Auswärtiges, Handel, Kultus und Inneres. ES ist natürlich darauf Bedacht genommen, daß Fachleute in jeder Sektion vertreten sind, doch werden sie nicht ausschließlich die Zusammensetzung derselben bilden. — Im Berliner Arbeiterverein hat der Reichstagsabgeordnete v. Bunsen gestern abeno einen Vortrag über deutsche Kolonialpolitik gehalten, der um so beachtenswerter ist, als der Name deö Vortragenden lange bevor die Kolonialpolitik zum Schlagwort der Wahlagitation geworden ist, in Verbindung mit Kolonialbestrebungcn wiederholt und an hervorragender Stelle genannt worden ist. Herr v. Bunsen beleuchtete zunächst die Verhältniffe im Kongogebiet und hob mit Recht hervor, daß der ganze Streit über die Möglichkeit deutscher Kolonieen daselbst dadurch entstanden sei, daß man es unterlassen habe, zwischen Handelsniederlassungen und Ansiedelungen, auf denen der Deutsche sich mit seiner Familie niederlassen und arbeiten könne, die nötige Unterscheidung zu treffen. Klimatische
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Gründe machen nach den Erfahrungen deS Vortragenden die letzteren an der Westküste von Afrika unmöglich, besonders würden die an der Kamerun-Küste befindlichen Pestgebiete der Fortpflanzung der Familie hinderlich sein. Ganz in Uebereinstimmung mit den Ausführungen Virchows in seiner neulichen Kieler Rede warnte Herr v. Bunsen, große Erwartungen für Handel und Gewerbe auf das Kongv- gebiet zu setzen, da es dort an Konsumenten fehle, und erklärte das vom Fürsten BiSmarck in der ReichStagssttzung vom 14. Juni entwickelte Programm für die deutsche Kolonialpolitik als den einzig zutreffenden Standpunkt. Für deutsche Ansiedlungen wird nach wie vor Amerika empfohlen. Schließlich machte der Vortragende auf die große Bedeutung der von Dr. Höpfner geplanten Expedition aufmerksam, welche einen Weg nach Norden zu einem Zufluß des Kongo finden und damit die Schwierigkeiten der Schiffahrt auf dem unteren Kongo beseitigen will. Auch Nachtigal verfolgt den Plan zu einem nördlichen Zufluß des Kongo zu gelangen, der von Kamerun etwa ebensoweit entfernt ist, als von der Kongomündung. — Je mehr das Jntereffe für die Vorgänge an der Küste W-stafrikaS steigt, desto mehr fällt eS auf, daß die Reichsregierung über dieselben noch nicht die geringste offizielle Mitteilung veröffentlicht kat. Die Berichte deS Dr. Nachtigal müssen dem Auswärtigen Amte doch längst zugegangen sein, nachdem Hamburger Handlungshäuser bereits ausführliche Privatbriefe über die Vorgänge erhalten haben. Die offizielle Schtveigsamkeit ist um so auffallender, da bekanntlich über die staatsrechtliche Bedeutung der Maßregeln Zweifel und Widersprüche bestehen. — Der hiesigen chinesischen Gesandt schäft ist von einer offiziellen Kriegs - Erklärung gegen Frankreich auch bis zur Stunde noch nichts bekannt. Dieselbe wird auch nach wie vor für unwahrscheinlich erklärt.
— Die Erforderniffe zur Erlangung der Doktorwürde haben die Universitäten deS deutschen Reichs neuerdings einer Revision unterzogen und dabei sind eine Reihe von Ungleichheiten in den Satzungen der einzelnen Fakultäten beseitigt worden. Dagegen sind die Honorarbedingungen in ihrer Mannigfaltigkeit bestehen geblieben. Während die juristische Fakultät in Leipzig von dem Doktoranden 265 Mark cinfordett, begnügt sich die entsprechende Freiburger Fakultät mit 200 Mark, und die Sätze der übrigen juri- stischen Fakultäten bewegen sich innerhalb dieser Grenzen. Von den medizinischen Fakultäten hat Göttingen den höchsten Satz mit 434 Mark, Würzburg, München und einige andere den niedrigsten mit 300 Mark, von den philosophischen Fakultäten verlangen Greifswald und Bonn je 340 Mark und Leipzig nur 200 Mark. Im Durchschnitt sind die Sätze an den preußischen Universitäten höher, als an den übrigen deutschen Universitäten. Königsberg stattet dem durchfallenden Doktoranden nichts von dem eingezahlten Honorar zurück, während die sämtlichen übrigen Fakultäten einen erheblichen Bruchteil zurückzahlen. Die
Mehrzahl der Universitäten fordert von dem Doktoranden falls er Inländer ist, den Nachweis eines drei- oder vierjährigen Studiums und die Beibringung des Reifezeug- niffeö. Tübingen und Würzburg sehen von letzterem Erfordernis ab. Promotionen in absentia und auch der DiSpenS von Einreichung der Jnauguraldiffertation sind überall ausgeschloffen, dagegen gestatten Göttingen, Rostock und Gießen, daß eine für eine vorauSgegangene Staatsprüfung gemachte Ausarbeitung als Differtation vorgclegt werde. Der Druck der Arbeiten hat nach dem Statut einzelner Fakultäten in jedem einzelnen Falle zu erfolgen, andere behalten sich das Recht vor, den Doktoranden zu verpflichten, feine Arbeit drucken zu lasten, und noch andere kennen eine solche Verpflichtung schlechtweg nicht. Die Distertationen können sowohl in deutscher, wie lateinischer Sprache geschrieben werden, ist aber das Thema der klassischen Philologie oder der alten Geschichte entlehnt, so schreiben einzelne Fakultäten die Darstellung in den lateinischen Sprache vor. Bei fast allen Universitäten erfolgt eine öffentliche Disputation, in welcher Thesen, die auS der Distertationsschrift entnommen sind, zum Gegenstände des Angriffs von wenigstens zwei Opponenten gemacht werden, während z. B. Göttingen von der öffentlichen Disputation Abstand nimmt.
Breslau, 10. Sept. Auf der Versammlung schlesischer Katholiken faßte gestern die Sektion zur Beratung der sozialen Frage eine Resolution, welche sich für die Gründung katholischer Arbeitervereine und die Behinderung der Austreibung der religiösen Orden aussprach, sowie ferner dem Zentrum Dank für die Vertretung der Jnteresten deS HandweikerstandeS ausdrückt. Abends war eine öffentliche Versammlung, in welcher der Abgeordnete Metzner di- schädlichen Folgen der Gewerbefreiheit und Lizentiat Mücke die Lösung der sozialen Frage besprach. AlSaann wurde die Katholiken-Versammlung geschlossen.
Greiz, 7. Sept. Als der regierende Fürst Reuß ält. L. gestern abend im Begriff war, nach Schloß Waldhauö zur Jagd zu fahren, wurde das Geführt deö Fürsten im Walde von zwei jungen Leuten angefallen, welche den Pferden in die Zügel fielen und auf Kutscher und L-ibjäger mit ihren Stöcken einschlugen; der Kutscher wehrte sich zwar so gut eö ging mit der Peitsche, doch trug er immerhin ganz erhebliche Verletzungen im Gesicht und auf dem Kopfe davon. Schließlich drohte der Fürst, von seinem Jagdgewehr Gebrauch zu machen, worauf die Vagabonden in den Wald entflohen. Dieselben wurden heute vormittag in dem früheren Reitknecht Geßner und dem Kutscher Güther entdeckt und zur H fft gebracht.
Müucheu, 9. Sept. Der Kronprinz und der Prinz Heinrich von Preußen sind beute abend hier eingetroffen und von dem Regierungspräsidenten, dem Stadtkommandanten, dem Polizeidirektor und dem Bürgermeister am Bahnhofe empfangen worden. Am Bahnhofe und in den
7 Bruder und Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
„Verlange ich Worte? — Aber verzeihen Sie mir, Sidonie l — Sie wissen, ich bin ein unglücklicher Mensch. Daß Sie noch nicht an mir zweifelten, war der einzige unveränderlich feste Halt in all diesem Wanken und Schwanken. Er beginnt unsicher zu werden; Sie glauben nicht mehr an meinen Genius; Sie hören auf mich zu verstehen."
Sie kränken mich mit diesem Vorwurf, Roderich. Wenn der Flug Ihres Geistes über den Fastungskreis einer einfachen Frau geht —"
„O über den Ihrigen durchaus nicht; meine Verse vermochten nur die schweifenden Gedanken nicht zu festeln. Hören Sie nur, wie Sie dieselben lasen."
Er wleverholte einige Verse mit dem leeren Pathos, in dem Frau von Ostrow sie vorgetragen, und las dann den ganzen Monolog mit hinreißender Wärme uud feiner Nüan- zierung der tiefgründigen, sich scheinbar durchkreuzenden Seelenströmungen, die sich darin aussprachen.
„Wer Sie so hören könnte!" flüsterte Frau von Ostrow begeistert. „Herrlich! — göttlich! —"
Halden ließ das Manuskript sinken und blickte ihr s harf und mißtraurisch in die verklärten Züge.
„Und doch widerraten Sie mir, da« Werk an die Oeffrntlichkeit zu bringen."
„Ao die Oeffentlichkeit? — Habe ich mich so falsch ausgedrückt? — Es wäre ja eine Sünde, rin solches Meisterwerk im Pult zu vergraben."
„Ein gedrucktes Drama ist so gut wie in der Geburt erstickt!" rief Halden und warf das Manuskript im stiefsten
Unmut auf den Tisch. „Und Sie wollen ja, ich soll eö nicht auf die Bühne bringen, wo es erst zu feinem eigentümlichen Leben erwachen würde."
„Hat etwas Anderes als meine Freundschaft, meine Sorge um Sie, Halden, mir diesen Rat eingegeben? Zu warten habe ich Sie gebeten, bis der Groll Ihrer Feinde besänftigt, Ihre eigene Gesundheit gekräftigt sein wird. Wollen Sie in Abrede stellen, daß Sie so gut wie ich die Folgen voraussehen, die Ihr übereiltes H-raustreten mit einem bedeutenden Werk, auf einem Ihnen neuen Gebiet unabwendbar haben würde? — Die Wunden, die Sie geschlagen, bluten noch, man lechzt nach der Gelegenheit zur Rache, von allen Seiten würde man über Sie herfallen, Ihr herrliches Werk zerreißen, in den Staub ziehen, lächerlich machen. Sie würden das nicht überstehen, Roderich! — Sie ahnen nicht, welch schweren Stand Ihre Freunde diese Zeit her hatten. Machen Sir es ihnen nicht zur Unmöglichkeit, für Sie einzustchen."
Halden faß, die Stirn in der Hand gestützt, mit tiefge- senkiem Haupt; ein tiefer gramvoller Zug grub stch in sein geistvolles Antlitz.
„Sie haben Recht;" sagte er endlich, mit schwerem Seufzer die Stirn hebend. „Eine Niederlage würde mich zu Grunde richten, — mein geistiger Tod werden, — vielleicht mein leiblicher, — im glücklichsten Fall. — ES ist so weit mit mir gekommen, daß ich daS Höchste und Beste, waS ich zu geben habe, vor meinem Volk, für daS ich schaffe, wie vor einem Feinde verbergen unb verteidigen muß. Kein Wort weiter darüber."
„Ach Halden," sagte Frau von Ostrow nach einer Pause in bewegtem Ton, „wenn nicht Ihre unglückliche
Reizbarkeit eS so schwer machte, Ihnen wohl zu thun! — Wenn Sie nicht in den Wünschen Ihrer besten Freunde nur hinterlistige Attentate auf Ihren Ruhm sehen wollten, so daß Niemand außer mir sie auszusprechen wagt! — Sie haben genug g-than für Ihre Größe, theuercr Freund. Warum wollen Sie stch nicht endlich Erholung gönnen und in Frieden mit stch und der Welt die Früchte eines so reichen Lebens ernten? Sie bedürfen der Ruhe, und wie geist- und schönheitverklärt würden Ihnen die Tage in Ihrer idyllischen Zurückgezogenheit verfließen! Sie würden stch und Ihren Freunden leben, Sie würden —"
«Am Ende würde ich noch dick und fett und achtzig Jahre alt!" vollendete H >lven mit bitterm Lachen. „Halten Sie es wirklich für möglich, Sioonie, daß ich jetzt, mitten im Kampf, die Waffen niederlege und mich in Behaglichkeit des Lebens freue? Sobald ich zu schaffen aufhöre, höre ich auf zu leben, und eher wollte ich mit eigener Hand diefe Ex stcnz vernichten, als in Vergessenheit zurückgesunken, -in jammervolles Gespenst meines Selbst ein verächtliches Dasein hinschlcppen!*
„Ehrgeiziger Mann!" flüsterte Stdonie und fuhr leicht mit ihren rosigen Fingerspitzen üb:r die finster gerunzelten Braunen deS Dichters. „Ihr Feuergeist wird Ihr Glück und Ihr Leben verzehren. Verstehe ich es denn so, wie Sie? — Schaffen sollen Sie und Ihren Ruhm vermehren, nur die aufreibende dichterische Thätigkeit, die Ihre Einbildungskraft überreizt und Ihre Nerven aus di- Folter spannt, sollen Sie lasten. Noch neulich sprach Ihr Verleger, der wahrlich Ihr Freund ist, mit mir. Sie sollten sammeln, zum Abschluß bringen, und Ihre vielseitigen Studien in populär-wistenschastlichen Werken, wie sie jetzt