-rr. 211
Marburg, Donnerstag, 11, September 1884,
XIX. Jahrgang
WchefW J eitmg
IS,
;ein.
d«x.
|a(amta,
ktb. iBriel.
6
bei:
le«
urg, >
n bei l iin [3451
Cassel 1884.
einer 8 Bep
Bruder » « d Schwester Erzählung von M. Gerhardt.
Cham- tgn.Ver> rovision. 1 an die le & Co., [3404
teere ihm gründ
)i >24 31
)' >21
>21
>84 '6
>8i I2i
19 i >98
71 'ft!
3
•6 7
91
9!
erbaute Haus, welches Doktor Roderich Halden, der Vater des jungen Egbert, seit einigen Jahren bewohnte. Hier fand er die Ruhe und Abgeschlossenheit, deren seine, durch eine lange und thätige Schriftstellerlaufbahn angegriffenen Nerven bedurften, und war doch nicht aus dem Gesichtskreis der Großstadt verbannt, deren rascher Pulsschlag auch die Atmosphäre seiner grünen Einsamkeit in leise nachzitternder Bewegung erhielt. Die Wenigen, welche dies Haus betreten durften, wußten den edlen, künstlerischen, fein abwägenden Geschmack, der die Umgebungen des Dichters mit den Bedürfniffen eines hochgestimmten, äußerst empfindlichen Schönheitssinns in Harmonie gesetzt, nicht genug zu rühmen. Den Anforderungen des praktischen Lebens war in ebenso sorgfältiger, wenn auch durchaus nicht luxuriöser Weise Rechnung getragen.
Bor wenig Jahren noch hatte man Roderich Halden zu den hervorragenden dichterischen Größen seines Vaterlandes gezählt. Er hatte die Vorzeit deffelben rastlos durchforscht und mit glücklicher Gestaltungskraft zu neuem, poetisch verklärtem Leben erweckt. Die Gelehrten konnten seinem Wiffen die Achtung nicht versagen, die ungelehrte Lesewelt und besonders die Jugend sah voll Entzücken in einer Reihe formschöner Romane und Erzählungen eine versunkene eigenartige Welt vor sich aufsteigen und freute sich der Fälle geistiger Anregung und wissenschaftliche» Erwerbs, die ihr mühelos zufiel. Auch war das Publikum nicht undankbar gewesen. Von den Werken hatte es seinen Enthusiasmus auf den Verfaffer übertragen, man hatte sich zu ihm gedrängt, ihm begeisterte Ovationen gebracht, hier sich am Ende ermüdet und belästigt von der mitunter takllosen Zudringlichkeit seiner Verehrer zurückzog und nur
ES kam dazu, daß nach einer Periode rastlosen Schaffens in der That eine innere Erschlaffung bei dem Dichter eingetreten war. Der Flug seiner Phantasie schien ermattet, eine düstere Weltanschauung, teils von nervöser Ueberreizt- heit, teils von einer tiefen seelischen Verstimmung, einer inner» Unbefriedigtheit herrührend, die ihm sein Leben zu- weilm als eine Last und alles Erreichte als wertlos erscheinen ließ, lähmte die Schwingen seine« Geistes. — Er hätte gern in der Stille neue Kräfte und eine glücklichere Stimmung erwartet, aber jetzt riß die Sorge um feinen Ruhm, die Furcht, vergeffen zu werden, ihn aus der Ruhe auf. Ein fieberhafte« überstürztes Schaffen begann. E« sollten Werke entstehen, welche die Augen der Welt gewaltsam auf ihn lenkten, neue RuhmeSkränze sollten die alten verdunkeln. Aber die Gunst der Musen läßt sich nicht erzwingen. Die Kritik fiel unbarmherzig über die neuen Werke her und selbst die Freunde deS Dichter« schüttelten oevauernd die Köpfe und zuckten die Achseln. — Da erschien in einer vielgelesenen Zeitschrift ein Aussatz: Kritik
woiden waren, da« Verhältnis zwischen Publikum Dichter wurde lau und am Ende kalt. — ES traten
Aufenthaltes des Kaiser« werden daselbst große Jagden abgehalten werden. — Weitere übereinstimmende Meldungen der Wiener Blätter besagen, daß am Donnerstag zahlreiche Hausdurchsuchungen und Verhaftungen vorgenommen wurden. —Im sächstschen Garten wurden einige Individuen arretiert, von denen eines ein Revolver zog, der ihm jedoch durch die Polizisten aus der Hand geschlagen wurde. Die Polizei erfuhr, daß aus Petersburg eine große Anzahl Nihilisten nach Warschau und Umgebung gekommen seien. Die Wachsamkeit der polizeilichen Organe wurde infolge deffen verschärft. Die Strecke von Modlin nach Skterniewice und Warschau ist während der Anwesenheit des Zaren förmlich durch ein Militärspalier besetzt. — Sämtliche Kirchen der Krakauer Vorstadt in Warschau wurden untersucht, ob sich nicht Minengänge vorfinden. Der Bahnhof wurde ganz mit Polizei und Militär besetzt. Sämtliches Militär ist in den Kasernen konsigniert. Das Amtsblatt „Wafchawskij Dnewnik" publiziert ein soeben vom Kaiser Alexander III. sanktioniertes Urteil des Warschauer Kriegsgerichtes, demzufolge der Oberst des 18. Dragoner Regiments „Groß- herzog von Hessen*, Baron v. Renns, der Oberstleutnant desselben Regiments, Samarschi, und der Oberstleutnant der Infanterie Lomtew wegen Teilnahme an geheimen Verbindungen und verschiedener anderen Verbrechen aller ihrer Würden, Aemter, Titel und Orden verlustig erklärt und zur lebenslänglichen Verbannung nach Sibirien, unv zwar in das Gouvernement Tomsk verurteilt wurden.
sife I fei1 stehlt ä
für die vielbesprochene Kaiserbegegnung ist mit dieser Angabe nicht in Einklang zu bringen. — Der Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Staatsminister v. Bötticher, ist am Sonntag abend hier eingetroffen und nach wenigen Stunden, welche er den bei ihm versammelten Teilnehmern an dem Abschiedsdiner, welches zu Ehren des Vizepräsidenten, Geh. Rats Magdeburg, stattfand, widmen konnte, nach Naumburg abgereist, woselbst gestern die Investitur des Herrn v. Bötticher als Domherr stattfand. Auch der Staatsminister v. Putt kam er hat sich nach Naumburg begeben. — Die Besserung in dem Befinden des Finanzministers v. Scholz hält erfreulicherweise an und giebt Hoffnung auf baldige Herstellung. — Der „Reichs- und StaatS-Anz." enthält folgende Bekanntmachung des Ministers der öffentlichen Arbeiten vom 13. d. Mts., betreffend die Unfallversicherung: Mit Bezugnahme auf die zur Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 (R.-G.-Bl., S. 69) erlaffene Verordnung vom 30. Juli d. Js. zu 2, wird bezüglich der berggesetzlich der polizeilichen Beaufsichtigung ter Bergbehörden unterworfenen Betriebe (Bergwerke, Salinen, Aufbereitungsanstalten, Dachschieferbrüche, Traßbrüche und unterirdisch betriebenen Mühlsteinbrüche in den linksrheinischen Landesteilen und der Steiu- und Braunkohlengruben im Geltungsbereiche deS Gesetzes vom 22. Februar 1869 [Ges--S., S. 401] im Einvernehmen mit den Herren Ministern für Handel und Gewerbe und des Innern folgendes bestimmt: 1. In betreff der vorbezeichneten Betriebe sind die in dem gedachten Reichsgesetze den höheren Verw lltungSbehörden zugewiesenen Verrichtungen von den „Ober-Bergämtern" wahrzunehmen. Als untere Verwaltungsbehörden im Sinne jenes Gesetzes gelten die „Revierbeamten'. 2. Die in dem Unfall- verstcherungsgefetze den OrtSpoltzei-Behörden überwiesenen Funktionen werden hinsichtlich der bezeichneten Betriebe von den Revterbeamten bezw. von den als solche fungierenden WerkSdtrektoren wahrgenommen. Die vorstehende Verordnung wird gleichzeitig unter Bezugnahme auf Artikel 13 des Gesetzes vom 1. Januar 1869, betreffend die Einführung deS Preußischen Allgemeinen Berggesetzes vom 24. Juni 1865 in die Fürstentümer Waldeck und Pyrmont, und die Bekanntmachung vom 7. Januar 1869, betreffend die mit der Ausführung des Preußischen Allgemeinen Berggesetzes beauftragten Behörden — Reg.-Bl. von 169, Seite 3 bezw. 6 — im Anschluß an die Bekanntmachung vom 1. d. MtS. — betreffend die Ausführung des § 109 deS UnfallverstcherungS Gesetzes vom 6. Juli 1884 — Reg.-Bl., Seite 49 — auch in Vertretung des LandeSdtrektorS für Arolsen durch Verfügung vom 25. d. MtS. mit dem Beifügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß für das diesseitige Landesgebiet die Funktionen des Ober-BergamteS von dem königlich preußischen Ober- Bergamt zu Bonn, diejenigen deS Revierbeamten von dem königlich preußischen Revierbeamten deS BergrevierS Brilon
iioai 10.3 1011 1031
1021
681 771
99) 1021
99i
60
78
77
294
97
218 1191
604
Sie sah sich barhäuptig und barfüßig mit den anderen Dorfkindern am Wege spielen, Steinchen suchen und bi« zum Knie in den Dorfteich waten, um die jungen Entlein zu Haschen, die darauf schwammen. Da hatte eine Kutsche am Wege gehalten, und wie sie gleich den anderen mit großen Augen das unerhörte Wunder angestarrt, war ein Herr herauSzestiegen, hatte mit der Nachbarin, der die Beinen Enten gehörten, gesprochen, und war dann gerade auf Else zugekommen. Alle andern Kinder waren schreiend fortgelaufen, nur sie war verdutzt stehen geblieben, und da hatte der Fremde sie auf den Arm gehoben und geltebkost, ihr Zuckerwerk gegeben, sie in die Kutsche gesetzt und gefragt, ob sie wohl ein Endchen darin fahren möchte. Aber im selben Augenblick war die Mutter dagewesm, hatte sie heftig an sich geriffen und rasch tnS Haus getragen zu dem Großvater. In der andern Stube aber hatte sie später die Mutter mit dem Fremden laut und zornig sprechen gehört. War das ihr Vater gewesen? — Sie hatte das kleine Ereignis nahezu vergeffen gehabt, und konnte sich auch nicht entsinnen, was zwischen diesem Tage und den kindlichen Erlebniffen in der kleinen Stadt lag, wo sie später zur Schule gegangen. Immer dichter wurde der Nebel, je mehr sie sich bemühte, ihn zu zerteilen, und über all den wirren Bildern stieg endlich sanftstrahlmd da« de« Geliebten auf, und goß seligen Frieden au« über Seele «nd Leib.
III.
In der Nähe de« weiten Stadtpark-, von einem schat- sigen Garten umgeben, lag da«, in stattlichem Billmstyl
Deutsches Reich.
Berlin, 9.Sept. Der Kaiser wird, soviel bis jetzt feststeht, am 19. d. Mts. die Parade deS 7. Armeekorps abnehmen, am 20. dem KorpSmanöver beiwohnen, am 21. geschieht die Übersiedelung von Benrath nach Brühl, am 22. wird der Kaiser der Parade und am 23. dem Manöver deS 8. Armeekorps beiwohnen. Am 24. erfolgt der Besuch in Münster und am 25. der in Köln. Die Feldmanöver gehen in diesem Jahre dm KorpSmanövern vorher. Dabei wird der Kronprinz dm Kaiser vertreten. — Die „Köln. Zig." schreibt: Trotz aller beängstigenden Gerüchte, welche sich zum Teil ja auch auf Thatsachm stützen mögen, wird aus der Umgebung deS Kaisers mit aller Bestimmtheit bekannt, daß sich der Monarch in allerbestem Wol lsein befindet und die neuliche Episode bei der Parade für ihn ohne jede nachteilige Folge geblieben ist. Unter solchen Umständen ist denn auch bereits daS vollständige Programm der Kaiserreise für daS große Manöver in Rheinland und Westfalen entworfen worden. Hiernach erfolgte die Abreise des Kaisers nach Benrath am 14. d. MtS., vormittags 9 Uhr, von Berlin aus. Von diesem Termin ab ist für jeden folgenden Tag bis zum 28. September genauestens bis in die kleinsten Einzelheiten Verfügung getroffen. Man weiß freilich nicht, wie weit dies alles inne gehalten werden wird. Ein anderwei'er späterer Termin
einem auscrwählten Freundeskreis ungehinderten Zutritt gestattete. Dann war eine Wendung eingetreten. Man nahm dem Dichter feine stolze Unnahbarkeit übel, er selbst mißte jetzt trotz alledem die lauten Beifallsspenden, die so überdrüssig er ihrer gewesen, doch zum Bedürfnis
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Itudolf Moffe in Frankfurt , M., Berlin, Münchenund Mn; G. L. Daube und So- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
jüngere Talente auf, eine neue Auffassung des Altertums brach sich Bahn, sogar auf seinem eigensten Gebiet sah sich Halden überflügelt. Die rasch lebenoe Gegenwart stand im Begriff, über ihn, wie über einen, der sich selbst überlebt, hinwegzuschreiten.
Zur Reise deS Zure«.
Wie aus Warschau mitgeteilt wird, sind der Kaiser und die Kaiserin gestern vormittag 10 Uhr mit dem Großfürsten - Thronfolger und den Großfürsten Georg, Wladimir und Nikolai dem Heiteren daselbst eingetroffen und wohnten sofort nach der Ankunft dem Gottesdienste in der griechisch-katholischen Kirche bet. Um 11V» Uhr be- flamt auf dem Motokowski-Feld das Manöver, welches um 2 Uhr beendet war.
Nach Wiener Blättern ist folgendes Programm für den Aufenthalt des Zaren festgestellt: Am ersten Tag Hofball, bann Behörden - Empfang; am zweiten Militär - Revue, Militär-Diner; am dritten Instituts-Besuche, abends Ball beim Gouverneur Gurko, wozu auch gutgesinnte Mitglieder der polnischen Aristokratie geladen sind. Diesem Balle wird in polnischen Kreisen eine große politische Bedeutung bei- gemeffen. TagS darauf Ueberstedelung nach dem Jagdschloß Skterniewice, wo der Kaiser von Oesterreich Montag den 15. September eintreffen soll. — Die Vorsichtsmaßregeln, welche für die Tage des kaiserlichen Aufenthalts getroffen wurden, find außerordentlich. So wurde allen Hauseigentümern und Hanptmietern das folgende Schriftstück zur Unterfertigung unterbreitet: „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit, daß er genaue Kenntnis hat von den schweren Folgen und der großen Verantwortung, die ihn treffen würden, wenn er während der Tage des Aufenthaltes der kaiserl. Familie in Warschau in seiner Wohnung Persönlichkeiten Unterstand geben würde, welche irgend welche verbrecherische Absichten haben würden, oder wenn in seiner Wohnung irgend eine verbrecherische Übertretung vorkommen sollte.' — Am Sonnabend hat die Warschauer Polizei den Wachtdtenst den aus Petersburg dorthin gesendeten Polizisten übergeben. Der Verkehr dieser Aufsichtsorgane mit der Bevölkerung ist dadurch sehr erschwert, weil die Petersburger Polizisten der polnischen Sprache nicht mächtig sind, während andererseits das Gros der Warschauer Bevölkerung nicht Russisch versteht. Das königliche Schloß und das Lustschloß von Lazienki werden strengstens bewacht und seit Wochen jede Annäherung des Publikums an diese Gebäude verhindert. Selbst das Betreten des Gartens von Lazienki, eines beliebten Spazierganges der Warschauer Bevölkerung, ist jetzt untersagt. Die Hofbediensteten und deren Gehilfen haben eigene Passierscheine erhalten, auf deren Rückseite die Photographie des Inhabers angebracht ist. Nur gegen Vorweisung dieser Legitimation wird ihnen der Zutritt in daS Innere deS SchloffeS gestattet. Auch in Skterniewice sind die Vorbereitungen zum Empfange des Zaren bereits beendet. Skterniewice, ein kleines, schmutziges Landstädtchen, ist mittels Bahn von hier in anderthalb Stunden zu erreichen. Das Palais ist ein ziemlich geräumiges, einstöckiges Gebäude. Der Schloßgarten ist mehr als eine Melle groß und enthält zahlreiches Wild. Während deö
Erscheint täglrch außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnstrtrte« SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker er) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (erd. Bestellgebühr.! - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
______Reklamen die Zeile 25 Pfg. Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.