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Nr. 213

Marburg, Mittwoch, 10. September 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffc in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Kölns G. L. Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendanl in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; Ä. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJklustrtrteS IonntagSblatt" durch die Expedition fK o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/» Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Heile 10 Ufa

Reklamen die Zeile 25 Pfg, Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Saisereutrevue und die polnische Frage.

Alle Erörterungen, die bis heute in die Orffcntüchkeit über die aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe dieser Woche bevorstehende Monarchcnbegegnung angestellt worden sind, tasten nur an der Oberfläche dieses bedeutsamen Ereignisse« herum. ES wird viel und breit darüber gesprochen, wann und wo die Begegnung staitfinden wird, ob Kaiser Wilhelm teilnehmen oder ob er sich durch seinen Sohn vertreten laffen wird, aber eS mangelt bisher an jedem ErklärungS versuche, der in das Geheimnis dieser Entrevue einzudringen sich bemühte. Man hat nicht einmal untersucht, von wem wohl die Anregung ausgegangen sein möchte, oder vielmehr, eS schien festzustehen, daß eS ausschließlich Fürst Bismarck gewesen, durch besten Initiative jetzt eine neue Auflage der Berliner Dreikaiserentrevue vom September 1872 zustande kommen soll.

Und doch muß eS dem aufmerksamen Beobachter mehr als fraglich sein, ob die Dinge diesmal wirklich so verlaufen sind. Man braucht gar nicht einmal ein volles Jahr in die Geschichte zurückzugehen, um auf die Spuren einer sehr tiefen Spannung zwischen Deutschland und Rußland zu treffen. Aengstliche Leute sprachen bereits von einem Kriege und die Truppenbewegungen an der Grenze deuteten in der That nichts Gutes an. Damals (es ist da« niemals in weiteren Kreisen bekannt geworden, aber eS ist eine ver­bürgte Thatsache) hat Kaiser Wilhelm persönlich die Spannung gelöst, indem er in einem Schreiben an den Zaren die Hand dazu bot, die Ursachen der Mißstimmung des Petersburger Kabinetts, soweit als möglich zu zerstreuen. Selbstverständlich konnte ein solcher Schritt, bei dem viel auf dem Spiele stand, nicht geschehen, ohne daß Fürst Bismarck, der erste Ratgeber des Kaisers, denselben zuvor gekannt und gebilligt hätte. Jndesten man ist in den sehr engen Kreisen, tn denen man von diesen merkwürotgen Vorgängen des vergangenen Herbstes weiß, doch nie recht den Eindruck los geworden, daß der Reichskanzler in diesem Falle nicht die Initiative ergriffen, sondern nur einen starken und, wie die Folgezeit gelehrt hat, richtigen und heilsamen Impulse von außen nachgegeben hatte. Dem Zaren und seiner Regierung aber mochte e« mehr als erwünscht, ja geradezu eine Lebensfrage sein, au« der Zwickmühle der wachsenden Konflikte mit Deutschland und mit Oesterreich- Ungarn herauszukommen. Und wenn man nach alledem die deutsch - österreichisch - russischen Wandlungen deS letzten Jahres auf eine kurze Formel bringen will, so kann man vielleicht sagen: Den größten Nachteil von der Spannung und folgerecht den größten Vorteil aus dem erneuerten Dreibunde hatte früher und hat jetzt Rußland. Fürst Bismarck aber pflegt und behandelt daS ihm außerordent­lich nützlich erscheinende Verhältnis nicht anders, als wenn er selber eS geschaffen hätte, und eS kann unter diesem Gesichtspunkte, und da der Effekt der nämliche ist, gletch- giltig bleiben, ob der größere Anteil an der Wiederherstellung

der alten Beziehungen der Kaiser Wilhelm oder dem Reichs­kanzler gebührt.

Sieht man von den vielfach komplizierten Fragen der auswärtigen und besonders der Orient-Politik ab, welche eine Annäherung Rußlands an die mitteleuropäischen Mächte in jedem Betracht wünschenswert machen, weil dadurch die denkbar sicherste Friedensbürgschaft geschaffen wird, so gibt eS in den gemeinsamen internen Verhältnissen der drei Staaten allerdings einen Punkt, um deffen Willen der Reichskanzler immer den lebhaftesten Wunsch gehegt haben mochte, alle Interessengegensätze aus der Welt zu schaffen und daS ist die polnische Frage. Wer auf diesem schwierigen Gebiet eine gewiffe Stabilität herbeizuführen vermag, der hat sich damit zugleich den Weg freigemacht für die Be­herrschung von Verhältniffen, die scheinbar weitab liegen und mit der auswärtigen Politik kaum noch etwas zu thun haben. Die Rolle, welche die Polen in den Varziner Be­sprechungen des Fürsten Bismarck mit dem Grafen Kalnoky gespielt, gibt darüber schon einige erläuternde Aufschlüsse, und es macht durchaus den Eindruck der Wahrheit, wenn KatkoffS Moskauer Organ erzählt, wie der Reichskanzler den österreichischen Staatsmann davon überzeugt, daß die nationalpolnische Propaganda in Galizien eine Gefahr für die Nachbarreiche sei, daß aus den polnischen Revolutionären das Material für den Anarchismus entnommen werde und daß es notwendig sei, nicht bloö gemeinsame Maßregeln gegen die sozialistischen, sondern auch gegen jene von den Polen her drohenden Gefahren zu treffen. Schon als Graf Kalnoky die Reise nach Hinterpommern antrat, war in der polnischen Preffe, im KrakauerCzaS" ebensowohl, wie in den Blättern der Provinz Posen und in der geistes­verwandtenGermania" eine starke Beklemmung bemerkbar, welche auö der uneingestandenen Ueberzeugung hervorging, daß eie beiden Staatsmänner wohl Anlaß haben könnten, sich über die wachsenden Einflüsse der galizischen Polen auf den Gang der österreichischen inneren Politik zu unterhalten: Wenn Fürst Bismarck diese delikaten Fragen, welche am letzten Ende die Entscheidung über die Zukunft des Kabinetts Taaffe bringen müssen, anzuregen sich veranlaßt gesehen, so konnte er in einer Beziehung wenigstens gewiß sein, nicht allein zu stehen, und eS ist klar, daß die Beschwerden, die deutscherseits über den steigenden PoloniSmuS erhoben werden, in verstärktem Maße in Rußland gefühlt werden müssen, wo daS Vorhandensein eines AgitationSherdeS an der empfindlichsten Grenzstelle geradezu wie eine systematische Verletzung der mit Worten versicherten Freundschaft ange­sehen werden kann und darf.

Man sieht also, um welche außerordentlich wichtigen Dinge eS sich bei den gegenwärtigen Verhandlungen der drei Kabinette und bet der beabsichtigten Monarchenbegeg­nung handelt. Das vorhin zitierte Moskauer Blatt läßt eS im ungewissen, ob Graf Kalnoky, den der Kanzler, wie es heißt, für seine Auffassung gewonnen, auch den

Kaiser Franz Josef überzeugt habe. Nun aber datiert der Uebermut der galizischen Polen, die bereits Oesterreich den Beruf zuschreiben, diejagellonischen Ideen" wieder auf­zunehmen, erst von ihrer Hätschelung durch das Kabinett Taaffe. Wenn man sich in die österreichische Staatsidee, wie sie in der Hofburg gehegt werden mag, hineinzudenken versucht, so kann man wohl zugeben, daß die Entscheidung keine leichte ist. Durch die Begünstigung deS Slavismus hat Oesterreich den russischen Panslavisten ein Paroli bieten und jene in ihrem eigenen Lager mit ihren eigenen Waffen schlagen wollen. Jetzt soll diese Politik aufgegeben und dem Zaren zu Liebe daS Polentum unterdrückt werden, mit welchem man so weit nach Rußland hinein einen moralischen Einfluß ausüben konnte. Heißt das nicht so viel, als einen völligen Systemwechfel unternehmen?

Kommt die Dreikaiserrevue oder auch nur eine Zu­sammenkunft des Zaren mit dem Kaiser Franz Josef zu Stande, so ist es selbstverständlich, daß diese Fragen vor­her gelöst werden müssen, oder man kann auch sagen: Ist die Lösung nicht möglich, so unterbleibt die Begegnung. Das eine ist klar, daß die innere Festigung des Drei­bundes so lange fehlt, als das deutsche Reich und Ruß­land sich über eine, ihren Lebenstnteressen zuwiderlausende Behandlung der Polenfrage in Oesterreich zu beklagen faben. Der Beginn der Taaffeschm Aera fällt zeitlich zusammen mit dem Bruch des Freundschaftsverhältnisses von Rußland zu den beiden Nachbarreichen. Schon dies chronologische Faktum ist überaus belehrend. Es zeigt, daß das System Taaffe nicht möglich gewesen wäre, wenn das alte Ver­hältnis der drei Mächte sich nicht gelockert hätte. Nach­dem jetzt wiederum an die Epoche vor dem Berliner Kon­greß angeknüpft wird, scheint es die Logik der Ereignisse zu sein, daß das irrationell gewordene Ueberbleibsel der früheren Spannung beseitigt wird.

Deutsches Reich.

©trlin, 8. Sept. Der Kaiser empfing heute vor­mittag den Vortrag des Hofmarschalls v. Perponcher, arbeitete mit dem Kabinettsrat v. WilmowSki und sprach mittags den Geh. Hofrat Bork; zum Diner erfolgten keine Einladungen. - DerRh. W. Ztg." telegraphiert mau von hier:Aus Kreisen, die dem Hofe nahe stehen, er­fährt man das Nachstehende. Es verlautet nämlich, daß der Kaiser auf keinen Fall zu den Manövern deS 7. Korps gegen das 8. am 15., 16. und 17. persönlich erscheinen wird, da er sich etwas angegriffen fühlt. Zu den Paraden der beiden Armeekorps wird er dagegen erscheinen und sich wohl noch so sehr er sich allerdings jetzt dagegen sträubt bewegen lassen, die Paraden vom Wagen aus abzunehmen. Vor der Parade auf dem Tempelhvfer Felde am Montag stellte dem greifen Monarchen einer aus feiner Begleitung vor, er möge doch den Wagen benutzen, Fried­rich der Große habe in feinen letzten Lebensjahren auch

5 vruLeruud Schwester.

Erzählung von M. Gerhardt.

Wenn e« sich um mißbrauchtes Vertrauen handelt," rief Egbert entrüstet,so möchte ich wissen, welchen Namen gewisse Eltern ihrem Verfahren geben, wenn sie Macht und Einfluß, die ein blinder Zufall ihnen über ihre Kinder verliehen, benutzen, diese zu recht- und wissenlosen Sklaven zu machen I"

Else blickte voll Entsetzen den Vermessenen an, der eine so gottlose Sprache zu führen wagte. Gleichzeitig fiel ihr ein, daß ihre Mutter jeden Augenblick heimkehren könne.

ES ist besser, Sie gehen jetzt," sagte sie bittend.

Und darf Leo zu Ihnen kommen?"

Hierher unmöglich! meine Mutter"

Aber er wünscht so dringend, selber mit Ihnen zu sprechen. Sie können, Sie dürfen ihm daS nicht verweigern."

Ich weiß nicht, wie eS geschehen sollte," sagte Else ratlos.Hierher darf er nicht kommen; und übermorgen verlassen wir Stadt und Land für immer vielleicht."

DaS befürchtete Leo. Und Sie wollen ihm nicht einmal gestatten, Sie vorher zu sehen?"

Else faltete schmerzvoll die Hände.WaS kann ich thun?"

Such Egbert wußte keinen Rat.

Gehen Sie jetzt, Kittel" drängte Else.ES könnte sein, daß ich morgen um z-hn Uhr etwa, ausgehe. Vielleicht bin ich allein, denn ich habe von meinen Lehrern Abschied zu nehmen."

Egbert nickte verständnisvoll, reichte ihr die Hand uns ein warmer Druck bekräftigte das rasch geschlossene Bündnis.

Als er die untere der drei stellen Treppen erreicht, kam

ihm eine stattliche Frau elastischen Schritts von unten her­auf entgegen. Egbert blieb auf dem Treppenabsatz steh n, sie vorbei zu lassen. Da fiel ihr Blick auf den Jüngling, sie erbleichte, ihr Schritt stockte, ihre Hand klammerte sich an das Treppengeländer als suche sie einen Halt, sich in plötzlichem Schwindel vor dem Fall zu bewahren. Ein seltsamer starrer Ausdruck erschien auf ihrem Antlitz, al« sei sie der Gegenwart entrückt und sehe eine Geistererschet- nung vor sich aufsteigen. Egbert aber, unter der Macht eines Bannes, dessen er sich selbst nicht bewußt ward, stand ebenfalls unbeweglich.

Wer bist Du wer sind Sie?" stieß Frau Werner endlich athemlos hervor und streckte die Hand nach ihm aus.

Ein unheimliches Gefühl überkam Egbert bei der wun­derlichen Frage. Von plötzlicher Scheu erfaßt wich er der Berührung der Unbekannten aus und sprang rasch mit flüchtigem stummem Gruß an ihr vorbei die Treppe hinab.

Die Blässe ihrer Mutter, die Schwere und Unsicherheit ihres Schritts fiel Else auf, als sie eintrat, ihr Gewissen regte sich; war es möglich, daß sie etwas ahnte? Und was sollte sie antworten, wenn die Mutter fragte, ob wäh­rend ihrer Abwesenheit etwa« vorgefallen? Jndeß e« war ein Geist trotzigen MuteS über da« Mädchen ge­kommen. Nimmermehr wollte sie sich zum zweitenmal ihre Liebe entreißen lassen. Hatte die Mutter sie nicht auch ge­täuscht ihr den Geliebten in falschem, ungünstigem Licht dargestellt? Es fiel ihr nicht ein, Zweifel in die Wotte voll warmer Begeisterung zu setzen, mit denen Egbert von dem Freunde gesprochen, und mit denen er selbst ihr Herz gewonnen. Voll stillfreudiger Zuversicht dachte sie an den Bundesgenossen, dm sie so unvermutet gefunden, und gleich­

zeitig hallten seine letzten Kittern Worte in ihr nach. Hatte er denn so ganz unrecht? War sie cer Mutter nicht ebenso unentbehrlich mehr vielleicht, als diese ihr? War sie verpflichtet, ihr das Opfer ihres ganzen Lebens darzu- bringen? Auf em grundloses Mißtrauen hin, das den Ge­liebten ohne ernste Prüfung ungerecht verurteilte?

Else blickte verstohlen nach der Mutter hin. Aber dir erwartete Frage blieb auS. Frau Werner saß im Sopha zurückgelehnt, die Augen mit der Hand bedeckt, stumm und in ttefeS Sinnen verloren, wie die Tochter die rastlos Thälige selten gesehen. Else war am Ende besorgt und fragte ob sie nicht wohl sei. Da ließ Frau Werner mit schwerem unterdrücktem Seufzer die Hand sinken; ein tief schmerzlicher Zug stand in ihrem Gesicht, das plötzlich um Jahre gealtert schien.

Ich bin ganz gesund, liebe Tochter," sagte sie mit matter Stimme und ging dann auf gleichgültige Dinge über. Ihre Auftraggeber hatten bereitwillig versprochen, ihr Ar­beit zuzusenden, da Niemand ihr im Anfertigen kunstvoller( Stickereien gleichsam, ja man hatte sie gebeten, einige selbst­entworfene Muster zu vervollständigen, und ihr einen an­sehnlichen Preis dafür geboten.

Du bist eine Künstlerin in diesem Fach, Mama, da« hat schon Mancher gesagt, und wenn Du nur kurze Zeit auf einer Kunstschule studiert hättest, könntest Du Bedeu­tende« leisten."

Frau Werner schüttelte den Kopf.An unfern bisheri­gen Wohnorten gab e« keine Kunstschulen, und ein derarti­ges Studium hätte in jedem Fall Zeit und Geld gekostet."

»Pari« hat aber die besten Akademien der Welt, und