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Nr. 31»
Marburg, Dienstag, 9. September 1884.
xix. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Mosse in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Mn: G. 2. Daube und So. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen' nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllnftrtrte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker ei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Bom europöischeu Orient.
Fast scheint eS, daß GambettaS Schlagwort: Es giebt keine orientalische Frage mehr, sondern eine ganze Reihe von orientalischen Fragen, zur Wahrheit werden soll. Von verschiedenen Seiten geht man an die Lösung solcher Fragen, die scheinbar getrennt behandelt werden, dennoch im Zusammenhang untereinander stehen. In den chinesischen Gewässern haben die Kanonen gesprochen, und Frankreich hat den Versuch begonnen, seine spezielle orientalische Frage vom fernsten Osten Astens aus gleisam aufzurollen. England rüstet ein Heer aus, um den Sudan endlich zu erobern und die Positionen in Egypten zu verstärken. Vom englischen Standpunkt auö soll hier eine reif gewordene orientalische Frage im Sinne deS englischen Sonderinteresies in Angriff genommen werden. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß die Regierungen beider „liberalen" Nationen den Zeitpunkt ihrer militärischen Operationen unmittelbar nach Vertagung der Parlamente verlegt haben. Auf eigene Verantwortung entfeffeln sie die KriegSfurte aufs neue, unbesorgt um die Konsequenzen, welche alle eigenmächtigen Gewaltthaten bei der heutigen politischen Lage Europas Hervorrufen müffen. Ebenso merkwürdig ist eS, daß Englands Vorgehen am Nil einen feindseligen Charakter gegen Frankreich trägt, während die Etablierung der französischen Herrschaft in Hinterindien und daS Geltendmachen deS französischen EinflusieS in China mit englischen LebenSintereffen in Kollision zu geraten droht. Sollte eS beiden Staaten gelingen, ihre jetzt begonnenen Unternehmungen ihrer Absicht entsprechend zu Ende zu führen, so wird auch der Punkt gegeben sein, wo der Jntereffengegensatz zusammen- stoßen muß. Die so erhoffte Lösung wird also im besten Falle nur wieder der Ausgangspunkt neuer Verwickelungen werden, bis dann das wachgerufene solidarische Interesse Europas durch den Mund der geeinigten kontinentalen Großmächte sein entscheidendes Machtwort sprechen wird. Während deffen sind die Augen der Welt auf den Osten Europas gerichtet, wo sich ein Ereignis vollzieht, das von epochemachendem Einfluß auf die Entwickelung jener schwebenden Fragen, wie überhaupt der orientalischen Angelegenheiten und der zukünftigen politischen Weltlage sein wird. Die Zusammenkunft der drei Kaiser, die von ihren Ministern begleitet sind, verbürgt eine erzielte Uebereinstimmung der drei Kaisermächte über die einzuschlagenden Wege, der sich anzuschließen auch die französische Republik durch die Macht der Umstände gezwungen ist. Mehr wie je ist die Hoffnung berechtigt, daß wir einer Aera entgegengehen, in der die Geschicke der Völker im Rate der Großmächte nach dem Grundsätze deS Rechts und der Billigkeit entschieden werden. Dabei ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die gesamte Streitmacht des Festlandes ihren materiellen und moralischen Druck auf eine Macht ausüben müßte, die sich etwa jenem zivilisatorischen Weik der Erhaltung deS Friedens und der Festsetzung eines Schiedsgerichts der Großmächte
4 Bruder und Schwester.
.Erzählung von M. Gerhardt-
Sollte Leo Recht behalten, der fein geringes Vertrauen in feine Befähigung zu solchem Unternehmen gesetzt, und ihn nur, seinem Andringen nachgebend, gewähren lassen, wie ein verzweifelter Spieler sein Glück auch auf die unsicherste Karte setzt, ehe er eS ganz verloren giebt.
In hülfloser Verlegenheit starrte Egbert nach dem Mädchen hin, veffen feine Gestalt von unterdrücktem Schluchzen bebte. Was sollte er thun?
„Mein Fräulein," stammelte er endlich und wagte einen Schritt näher zu treten.
„Sie sind noch da?" war die indignierte Entgegnung, und ein von Zorn und Thränen entstelltes und doch wun- derliebliches Gesichtchen wandte sich halb nach ihm um.
„Sie thun Leo Unrecht — bet Gott, ich allein bin Schuld I" kam es ungestüm von Egberts Lippen. „Er wird eS schwer vergeben, daß ich Sie mit meiner ungeschlachteten Aufrichtigkeit beleidigt habe. Aber ich kann nicht heucheln — ich kann nicht ruhig mit ansehen, daß ein Mann wie Leo seine besten Gefühle an Jemand verschwendet, der so ganz unfähig ist, ihn zu schätzen, der im Stande ist, ein treulos verräterische« Spiel mit ihm zu treiben."
„DaS ist nicht wahrl" rief Else außer sich. „Wenn ich der Pflicht gehorche, was wissen Sie davon, wie furchtbar ich darunter leide? — Wenn Leo glaubt —"
„Leo! — er glaubt nicht«, als da« Höchste und Beste von Ihnen. Er ist überzeugt, daß Sie nicht au« freiem Entschluß, sondern gezwungen handeln."
„Nicht gezwungen, — in freiem Gehorsam gegen den Willen meiner Mutter."
widersetzen und bei dem Versuch beharren sollte, eine Weltherrschaft aufrecht zu erhalte», die bei der politischen Einigung und bei der wirtschaftlichen und materiellen Erstarkung aller Kulturvölker keinen Platz mehr auf dem Erdball hat.
Die seit fünf Jahren befolgte Orientpolitik deS deutschösterreichischen Bündnisses hat so überraschende Früchte gezeitigt, daß man wohl mit Sicherheit auf eine Fortführung derselben und nicht etwa auf einen Umschwung rechnen kann. Ihr Grundzug ist, den Gegensatz von Jntereffen auszugleichen, nicht aber zu verschärfen. Seit Jahresfrist hat sich auch Rußland diesem BeschwichtigungSfystem offen angeschlossen, und die Folge ist, daß die jungen Staaten auf der Balkanhalbinsel, in welchen bis dahin der Zündstoff zu unvermeidlichen Verwicklungen und Kriegen aufgespeichert schien, jetzt die Möglichkeit einsehen, nebeneinander in friedlichem Wettbetrieb ihren nationalen und kulturellen Aufgaben obzuliegen. Die „unfertigen Zustände" im Orient, die der Berliner Kongreß geschaffen haben sollte, und an welche alle Friedensfeinde ihre Hebel anzusetzen sich bemühten, verwandeln sich mehr und mehr in fertige Staaten- grbilde, deren Weiterentwicklung vorläufig keine gewaltsamen Explosionen befürchten läßt. Der österreichisch - ungarische Einfluß herrscht unbestritten in Serbien und verbreitet sich weithin in die befreundeten Länder an der unteren Donau. Unter den Bulgaren entwickelt sich ein mächtiges nationales Selbstgefühl, das durch die russische Organisation der bulgarischen Armee einen wirksamen Hintergrund, gewissermaßen einen sozialen Rahmen erhalten hat.
Eine beachtenswerte Erscheinung ist das Verschwinden de« türkischen Elements. Noch vor 200 Jahren erzitterte Europa vor den unermeßlichen Scharen der eindringenden Rasse. Vor 150 Jahren hausten die Türken noch in Budapest. Nach und nach verschwanden sie aus den fruchtbaren Steppen Ungarns. Aber noch vor 17 Jahren wehrte der Halbmond auf der Zitadelle Belgrads, und Bosnien, Serbien und Bulgarien zeigten einen durchweg türkischen Typus. Heute begegnet der Reisende dort nur selten einem nationalen Türken. Diejenigen Bewohner, deren Vorfahren mit Gewalt zum Islam bekehrt wurden, werden Christen, und die Vollblut-MoSlemS lassen ihre Güter liquidieren und ziehen südwärts. Vor 50 Jahren schätzte man die Zahl der Türken in Europa 31/» Million, heute leben kaum l1/» Millionen diesseits des Bosporus, und diese konzentrieren sich mehr und mehr um Konstantinopel. Die Zeit ist abzusehen, wo die ottomanische Herrschaft von Europa verschwinden wird, wie eine Überschwemmung, welche keine anderen Spuren zurückgelaffen hat, als Trümmer, die von der verjüngten Urbevölkerung unter Anregung der benachbarten Mächte schnell beseitigt werden. In dem Maße wie der Moslem schwindet, beginnt sich ein Mittelstand zu bilden; die Eisenbahnen bringen unaufhaltsam die Zivilisation deS Westens näher, und die wirt-
Egbert lachte geringschätzig. „In freiwilliger Sklaverei ! — Wer sich bestimmen läßt, fein verpfändete« Wort zu brechen, seine wahren Gefühle zu verleugnen, seine Freunde zu verraihen, aus Unterwürfigkeit gegen den Willen irgend eines sterblichen Menschen, der darf sich nicht frei nennen, — der ist keine« Vertrauen«, keiner Liebe würdig, denn er ist ein zerbrechliche« Rohr, daß jeder Windhauch nach anderer Richtung weht."
„Dann hoffe ich, ist Herr von Ostrow sehr zufrieden, nicht länger an solch verächtlich Ding gebunden zu fein;" warf Else bitter gekränkt ein.
„Er sollte e« seinwar die ernste Antwort. „Und ich, al« fein Freund, könnte ihm wahrhaftig nicht« Beffere« wünschen, wenn — er sich nicht so grenzenlos unglücklich fühlte. Ich frage Sie: womit hat er verdient, daß feine Liebe verworfen, daß ihm so rücksichtslos die Treue gebrochen wird?"
Else hatte, noch immer abgewandt, ihre Thränen getrocknet, aber die ungestümen Vorwürfe deS Jüngling« riefen einen Wiederhall in ihrem Herzen wach, der schmerzte und doch wohl that. Ja, sie hatte schwach und verräterisch gehandelt, und sich einer edlen vertrauensvollen Liebe unwert gezeigt.
„Leo wird begreifen, daß ich nicht anders konnte, al« den Willen meiner Mutter ehren. Er wird mich nicht vorschnell verurteilen," sagte sie leise.
„Er thut e« nicht, denn er ist edelmütig und großherzig. Aber haben Sie wohl einen Begriff davon, wie viel in dem Leben eines ManneS zerstört wird, der sich in feinem tiefsten Glauben und Fühlen betrogen sieht. — Die Schwungfedern feinet Seele, die ihn zu den Höhen der Menschheit
schaftliche Entwickelung vollendet da» Werk, das die Waffen einstmals begonnen. In wenigen Monaten wird die serbische Bahn bis Wranja vollendet sein, dem Grenzpunkt, von wo aus der Weiterbau nach Saloniki von der Türkei vertragsmäßig fortgesetzt werden soll.
So gedeihlich auch diese Entwickelung fortzuschreiten verspricht, so darf man doch nicht blind fein für die ungeheuren Schwierigkeiten, welche sich derselben gegenüberstellen. Wenn die Politik der Großmächte auch dynastische Jntriguen und nationale Eifersüchteleien zu zügeln vermag, so bleiben doch Rassengegensätze bestehen, die schwer zu überwinden sind. In Rumänien bedrückt der eingewanderte jüdische Volksstamm das Land härter, als es einstmals der türkische Oberherr vermochte. Saloniki, wo gerade das griechische Element mit dem bulgarischen zusammentrifft, um über die Präponderanz zu streiten, ist eine reine Judenstadt; denn mehr alö ’/» der Bevölkerung besteht aus Juden, die auch den ganzen Handel an sich gerissen haben. Im Plane der Griechen liegt eö, eine direkte Bahn von Saloniki nach Athen zu bauen, um den Hafen des PiraeuS zum Eingangs- und Ausgangspunkt des Handels Europa« mit dem Orient zu machen.
Wenn man diesen Teil der orientalischen Frage, deren Lösung sich unter den Auspizien der drei Kaiserstaaten auf friedlichem Wege vollzieht, mit der westmächtlichen Politik in Egypten vergleicht, so wird man den Unterschied der Tendenzen beider großen Staatengruppierungen leicht erkennen. Durch die Brutalität des englischen Premierministers, der Frankreichs vitale Jntereffen am Nil zu vernichten strebt, ist nun auch Frankreich in da« Lager der verbündeten Großmächte getrieben worden, und dadurch sind die Aussichten zur Erhaltung des Friedens und zur legitimen Schlichtung der schwebenden Fragen fast zur Gewißheit geworden. In Egypten folgten Krisen auf Krisen, welche Handel, Verkehr, Wohlstand und Sicherheit der Eingeborenen sowohl wie der Europäer bedrohten. Jetzt steht England dort vor dem Abgrund ernster Verwicklungen, in welche» es ganz Europa zum Gegner hat. Wie viel glänzender stellen sich die Verhältniffe des europäischen Orients, die das Produkt der erhaltenden deutschen Politik sind, dar! Gerade die Ereignisse der letzten Tage illustrieren den Triumph der Abmachungen des Berliner Vertrages in sprechender Weise. Der König Milan weilt als Gast am österreichischen Hofe, nachdem er kurz zuvor den Besuch des Königs von Rumänien in Belgrad empfangen hatte. Und der Kaiser Franz Josef eilt dem Zaren die Hand zu drücken, um den Beweis zu liefern, daß der Antagonismus in der orientalischen Frage verschwunden ist. (R.-B.)
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Sept. Der Kaiser machte heute vormittag eine Ausfahrt und konferierte darauf mit dem Vizepräsidenten des Ministeriums, von Puttkamer. Der Kron
emportragen sollten, werden gebrochen. Die Thaten, die er der Welt schuldet, werden im Keim erstickt, denn er hat kein Ziel mehr, das ihm erstrebenswert scheint. Sie — Ihre Liebe hätte der Genius werden sollen, der ihn begeistert, und jetzt —
Egbert stockte und verstummte, erschreckt von dem pathetischen Redestrom, zu dem er sich wider Willen hatte fortreißen laffen. Else war nahe zu ihm herangetreten, hatte den Ring vom Tisch genommen, und blickte tiefgesenkten Hauptes darauf nieder.
„Glauben Sie wirklich, daß Leo Wert auf meine Liebe legt?" fragte sie ganz leise.
„Mehr al« er sollte — mehr al« eint« Mannes würdig ist," antwortete Egbert grollend und strich die wirren Haare aus der erhitzten Stirn.
„Und doch — sendet er mir den Ring zurück?"
Egbert stand betreten und wußte sich in den veränderten Ton de« Mädchen« nicht gleich zu finden. Dann hob sich ihr Ange und begegnete dem seine», und wa« er nicht verstand, schien ein unmittelbares Gefühl ihm zu offenbaren. Er nahm den Ring auö ihrer Hand und ste ließ es geschehen.
„Ich werde ihm sagen, daß Sie Ihre Schwäche bereuen und ihn um Verzeihung bitten, oder —" lenkte er fragenden Blickes ein.
„Ja, sagen Sie da«," bestätigte Else. „Nicht wahr, Ihr Freund ist nicht im Stande, da« Vertrauen eines armen Mädchen« zu mißbrauchen?"
„Wer sagt, daher e« sei?" entgegnete Egbert unwillig. „Ihre Mutter?"
Else nickte. (Fortsetzung folgt.)