degradiert worden ist und die chinesische Regierung ein sehr kriegerisches Edikt gegen die Franzosen erlassen hat. Fran- zöstscherseitS bereitet man sich denn auch auf eine nachdrückliche Fortsetzung des Kampfes vor und soll nach Befinden ein Korps in der Stärke von 8600 Mann, zum Teil aus Martnetruppen bestehend, nach China gesandt werden. In Frankreich selbst haben dieser Tage zwei nationale Festlichkeiten stattgefunden, als welche die Einweihung detz in Belfort zu Ehren ThierS und des Obersten Deufert, des tapferen Verteidigers Belforts, errichteten Denkmals und das in Vincennes abgehaltene erste französische Schützenfest zu betrachten sind. Es hat hierbei an patriotischen Declamationen nicht gefehlt, sonst scheinen aber beide Festlichkeitm ohne besondere Zwischenfälle verlaufen zu sein.
AuS England ist uns eine überraschende Kunde gekommen: Niemand Geringerer als der englische Premier selbst hat die Gerüchte dementiert, daß England die kolonialen Unternehmungen Deutschlands mit Mißgunst und Eifersucht betrachte. Im Gegenteil, Mr. Gladstone versicherte, daß England auf diese Bestrebungen Deutschlands, so lange durch sie nicht die älteren Rechte anderer Nationen verletzt würden, mit Befriedigung und Sympathie blicke. Diese Erklärung kommt ein wenig post festum, aber immerhin noch früh genug, um die Verstimmung zwischen Deutschland und England wieder beseitigen zu helfen und mit lebhafter Genugthuung wird man daher in Deutschland die Gladstoneschen Worte aufnehmen.
Noch in diesrrWoche sollte derCzar seinen Einzug in Warschau halten, doch liegen bis zur Stunde bestimmte Nachrichten über dieses Ereignis noch nicht vor. In Hinsicht auf etwaige Attentatsversuche liegt die Geheimhaltung der Reise-Dispositionen des russischen Herrschers bis zur letzten Stunde allerdings sehr nahe.
Die Cholera breitet sich im südlichen Europa leider immer weiter aus. Sie hat nunmehr auch Spanien in ihren Bereich gezogen, wo sie ebenfalls sehr heftig auftrttt; so starben in dem städtischen Novelda im Laufe weniger Tage 42 Personen an der Cholera. Daneben fordert die Epidemie auch in Italien noch fortgesetzt große Opfer und scheint jetzt besonders Neapel ein Haupt- seuchenhcrd geworden zu sein; an einem einzigen Tage, am 2. September, kamen hier 122 Cholerafälle, darunter 69 mit.tötlichem AuSgauge, vor. Der Marinemtnister^Brin und der Ackerbauminister Grimaldi find nach Neapel abgereist.
General Wolseley und Lord Northbrooke befinden sich nunmehr unterwegs nach Egypten, um die letzte Hand an die Expedition zum Entsätze GordonS zu legen. Zu Weihnachten hofft General Wolseley mit der Expedition in Chartum etnzutreffen und dies wird allerdings gerade die höchste Zeit sein, da bekanntlich Mitteilungen GordonS vom vorigen Monate vorliegen, nach denen sich Chartum nur noch vier Monate halten kann.
langer Zeit kmne, daß mir die verderblichen Einflüsse bekannt sind, die von jeher auf ihn etngewirkt haben, und daß ich dich, selbst wenn seine Werbung mehr wäre, als frivoles Spiel, lieber tot sehen wollte, al« in den Armen dieses Mannes?"
In namenlosem Entsetzen starrte Else die Mutter an. Niemals in ihrem Leben hatte sie sie so gesehen. Eine düstere Leidenschaft flammte in ihren Augen, schien wie erstarrt in ihren kalten, bleichen, entschlossenen Zügen. Betäubt zog Else den Ring vom Finger und fragte tonlos: „Was soll ich thun?"
„Den Ring zurück senden, den Deinigen zurück fordern, und Herrn von Ostrow jede fernere Annäherung bestimmt verbieten, wie ich bereits vor einigen Tagen gethan, als er einen Versuch machte, bei unS einzudringen."
Else zuckte zusammen, aber ihr Widerstand war gebrochen. Ein Grausen erfaßte sie, das ihr Denken und Wollen lähmte. Welt und Menschenleben schienen ihr ein fürchterliches Räthsel, eine dunkle Wildnis voll unbekannter Schrecknisse, selbst der Mutter fühlte sie sich in diesem Augenblick entfremdet, es war, als gäbe es nur eine Zuflucht für sie: die ewige Heimat bei dem Vater im Himmel.
Stumm und ergeben schrieb sie die kalten fremden Abschiedsworte nieder, welche die Mutter ihr diktierte, und diese selbst beförderte Brief und Ring zur Post. — Seitdem hatte Frau Werner, wie erschreckt über sich selbst, den finstern Dämon niedergezwungen, der vorübergehend Herrschaft über sie erlangt, und nie hatte Else ihre aufopfernde Güte so lebhaft empfunden, als in diesen schrecklichen Tagen. Sie wußte jetzt, daß sie Niemand auf Erden habe und je habm werden, dem sie ihr Herz mit Zuversicht und Ver-
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Nr. 211
Marburg, Sonntag, 7. September 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund Kölns G- L Daube und Go. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Politische Wochenschau.
Die nationale Feier des 2. September verlieh der abgelaufenen Woche ein besonderes Relief, um so mehr, al« sich im Rahmen dieser Feier die große Herbstparade deS Gardekorps vor dem obersten Kriegsherrn vollzog. Ueberall in den deutschen Gauen ist die Wiederkehr deS Tages, an welchem vor nun vierzehn Jahren die deutschen Heere bei Sedan einen in seiner Art einzigen Sieg über den Feind errangen, auch diesmal in patriotischer Weise gefeiert und so Zeugnis davon abgelegt worden, daß die Erinnerung an die großen Ereignisse vor vierzehn Jahren in unserem Volke noch frisch und lebendig ist. Für die Bevölkerung der Reichshauptstadt bildete natürlich den Glanzpunkt des festlichen Tages die auf dem Tempelhofer Felde abgehaltene große Parade des Gardekorps, welche bedeutsamerweise auf unfern Nationalfesttag verlegt worden war. Der Kaifer wohnte dem glänzend verlaufenen militärischen Schauspiele zu Pferde und gegen den Schluß zu Wagen bei und diese für den greifen Monarchen immerhin erstaunliche Leistung, wie dessen ganzes überaus wohleS und munteres Aussehen, deuteten darauf hin, daß von dem letzten Unfall, welcher den Kaiser beim Reiten betroffen, erfreulicherweise nicht die geringste Spur zurückgeblieben ist. An dem am Nachmittag deS 2. September folgenden Paradediner nahm der Kaiser, welchen die Anstrengungen deS Vormittags doch etwas ermüdet hatten, nicht teil, dafür wohnte er abends der Vorstellung im Opernhause auf kurze Zeit bei.
Bei Rawitsch und Trachenberg fanden am M i 11 w o ch und den folgenden Tagen größere Kavallerie- Manöver unter Oberleitung des Prinzen Friedrich Karl statt, denen u. a. auch der deutsche Kronprinz und Prinz Leopold von Bayem beiwohnten.
Gerade am Morgen des Sedantages ist in Bonn der älteste in der Reihe der großen Paladine, welche sich um die Heldengestalt unseres Kaisers gruppieren und in entscheidungsvollen Kämpfen ihre Namen in die Jahrbücher der vaterländischen Geschichte eingetragen haben, aus dem Leben geschieden — General-Feldmarschall Herwarth- v. Bittenfeld. Geboren am 4. September 1796, mackste der Verstorbene schon die Befreiungskriege von 1813—15 als preußischer Sekondeleutnant mit, nach deren Beendigung er die Stufen der militärischen Hierarchie in gewohnter Reihenfolge, ohne Beförderung außer der gewöhnlichen Tour, erklomm. 1850 wurde er Brigadier, 1856 Divisionär und 1860 erhielt er das Kommando des 7. Armeekorps. Im Kriege gegen Dänemark befehligte Herwarth v. Bittenfeld die kombinierten preußischen Armeekorps und erscheint als feine glänzendste Waffenthat aus diesem Kriege der kühne Uebergang nach der Insel Alsen. Im Feldzuge gegen Oesterreich führte Herwarth daö Kommando der Elbarmee, an deren Spitze er den Oesterreichern die blutigen Treffen von Hünerwasser und Münchmgrätz lieferte und auch an der Schlacht von Königgrätz ruhmvollen Anteil nahm. Im
Jahre 1870 leitete er als Generalgouverneur des westlichen Deutschland die VerteidigungSanstalten gegen eine etwaige französische Invasion. Von seinem kaiserlichen Herrn durch die Verleihung der höchsten Orden und zuletzt durch die Ernennung zum General - Feldmarschall ausgezeichnet, lebte Herwarth seit seiner 1875 erfolgten Pensionierung in Bonn. Dem Hinfcheiden dieses seine« treuverdienten alten und durch echt soldatische Eigenschaften wie durch bürgerliche Tugenden gleich ausgezeichneten Waffengefährten wurde vom Kaiser in einem eigenhändigen Schreiben an die Familie in tiefgefühlten Beileidsworten Ausdruck gegeben.
Als ein besonderes Ereignis ist aus dieser Woche der zu Amberg in der bayerischen Oberpfalz stattgefundene Katholtken-Kongreß zu registrieren. Demselben wohnten von hervorragenden Persönlichkeiten u. a. der Fürst-Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Regensburg und Eichstätt, die Reichstagsabgeordneten Dr. Windthorst und v. Franckenstein u. f. w. bei. Die Bedeutung des Kongresses ist im Hinblick auf die herannahendeu Reichstagswahlen nicht zu unterschätzen und wurde auf der Versammlung von Herrn Windthorst als Wahlparole „unerbittlicher Kampf gegen den Nationalliberalismus" ausgegeben.
Der Besuch, welchen das serbische KönigS- paar in dieser Woche amWienerHofe abgestattet hat, wird von den Wiener Blättern in hervorragender Weise kommentiert. Jedenfalls sind die häufigen Reisen des serbischen Herrschers an das Wiener Hoflager ein entschiedener Beweis, daß sich die Beziehungen zwischen Oesterreich und Serbien immer freundlicher gestalten und gerade der jetzige Besuch König Milans in der Kaiserstadt an der Donau erhält dadurch noch eine besondere Bedeutung, daß ihm unmittelbar der Besuch des Königs von Rumänien am serbischen Hofe voranging. Inzwischen haben die Reise- diSposttionen der serbischen Herrschaften eine Veränderung erfahren, indem König Milan seine Gemahlin nicht nach Wiesbaden, sondern nach dem steiermärkischen Bade Gleichenberg gebracht hat, von wo der König am 6. September nach Wien zurückkehrt, um den alsdann beginnenden Manövern beizuwohnen. Die sich zum Teil widersprechenden Gerüchte, denen zufolge auf das serbische KönigSpaar während der Reise von Belgrad nach Wien ein Eisenbahnattentat geplant war, bedürfen noch der näheren Aufklärung.
Die zu Bern geführten Verhandlungen zwischen der Schweiz und dem Vatikan wegen Regelung der schweizerischen Diöcesanverhältnisse sind Infolge eines Kompromisses zu einem für beide Teile befriedigenden Abschlusseggelangt.
Die in den französischen Operationen in Ostasien eingetretene Ruhepause ist bis jetzt durch keine weiteren Ereignisse unterbrochen worden. Die Zerstörung des Foutchouer Arsenal«, der Fort« und der Flotte haben aber offenbar die Chinesen noch nicht nachgiebiger gestimmt, da der friedliebende Vizekönig von Canton, Lt-hung-Chang,
3 Bruderavd Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
Frau Werner ging der Frau entgegen, Else wollte ebenfalls zurück, aber eine Hand streckte sich nach der ihren aus, der Bootsmann drängte zur Eile, ehe sie wußte, wie ihr geschah, befand sie sich im Boot, da« abgestoßen hatte ohne außer ihr Jemand aufzunehmen. Nur eine, in einen Regenmantel vermummte Gestalt saß neben ihr, ein starker Arm umfaßte und stützte sie im heftigen Wogen der Brandung. Und während ste in Schreck und Verwirrung bebend kaum zu ihrem Begleiter aufzublicken wagte, trafen Worte heißer Zärtlichkeit ihr Ohr, Beteuerungen unwandelbarer Liebe, inbrünstige Bitten, ihm zu verttaueu, ihn nicht zu verlassen, nicht die Stadt zu verlassen, in der er ste unter allen Umständen Wiedersehen würde. Einen kleinen goldenen Reif mit einem Vergißmeinnicht hatte Leo ihr vom Finger gezogen, einen andern an denselben gesteckt, ihre Hand geküßt, dann auch ihren Mund, während der Bootsmann im Kampf mit den wilden Wellen ihnen den Rücken wandte. Als Elfe zum vollen Bewußtsein dessen kam, wo« mit ihr vorgegangen, stand ste auf den Schiffspianken, das Boot, da- ben Geliebten trug, schwankte, von den Wogen umhergeworfen, dem Lande zu, das andere, das ihre Mutter hergeführt, legte unten an der Schiffstreppe an.
Kaum zwei Wochen waren feit dieser Stunde vergangen, und doch schien ein Menschenalter ste von der gegenwärtigen zu trennen. — In fieberhafter Unruhe, zwischen geheimer Seligkeit und banger Erwartung verging Tag um Tag. Was sollte werden? — Der Geliebte zeigte stch nicht und ließ nicht« von stch hören, die Mutter betrieb
schweigsam und in finsterer Stimmung die Verhandlungen wegen ihres Engagements. Eine« Morgens traf die Zusage ein, — man war auf die gestellten Bedingungen eingegangen, von ElseS Entschluß hing e« jetzt ab, eine vorteilhafte Stellung anzunehmen, wie sie und die Mutter sie längst gewünscht. Da kam mit der Vorstellung, sich vielleicht für immer von den Geliebten geschieden zu sehen, ein mtschlossener Mut über da« Mädchen. Schüchtern aber bestimmt weigerte sie sich das Vaterland zu verlassen, ste zog den Ring des Verlobten hervor, steckte ihn an den Finger und erklärte sich an ihn gebunden für Zeit und Ewigkeit.
Nur mit Zittern erinnerte stch Elfe dessen, wa« bann gefolgt. Totenbleich, mit sprachloser Erschütterung hatte die Mutter stch von ihr abgewandt, wie von einer Verlorenen. Scharf und kalt wie zweischneidiger Stahl drangen ihre Worte, als sie bet Sprache wieder mächtig geworden, dem Mädchen ins Herz, obgleich eS sich aufschreiend empörte gegen die Zumutung, in dem Geliebten einen ehr- und gewissenlosen Fehler an Sitte und Tugend erblicken zu sollen. Mit erbarmungsloser Deutlichkeit sah ste die Verhältnisse der Wirklichkeit stch vor Augen gerückt, ihre eigene Armut und Dunkelheit, die Unmöglichkeit ihrer Verbindung mit einem jungen, selbst nicht reichen Offizier. So weit hatte Elfe noch nie in die Zukunft zu blickm gewagt. „Ich weiß nichts davon, ob Leo reich oder atm ist", entgegnete ste mutvoll, „aber ich weiß, er ist gut und treu, wir werden warten, et wird Mittel und Wege finden, sein Wort einzulösen. Du kennst ihn nicht, Mutter."
„Meinst du?" wat die vernichtende Entgegnung. „Und wenn ich dir nun sage, daß ich ihn und die ©einigen seit