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Nr. 209
JUatöurg, Freitag, 5. September 1884.
XIX. JihlgMg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a- M., Hamburg, Magdeburg ».Wien: Rudolf Messe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Wn; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Anzeigen > nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlluftrtrtes Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdrucker ei) bezogen S'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — JnsertionSgcbühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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England und die dmtsche Koloaialpolitik.
Ueber die deutsche Kvlontalpolittk, soweit sie das Verhältnis Deutschlands zu England berührt, finden wir in dem „Obferver" die folgenden verständigen AuSlafiungen: »Betreffs der Haltung von Fürst Bismarck und Lord Derby in bezug auf die afrikanische Kolonisterungsfrage herrscht eine sehr falsche Auffaffung vor. Der Thatbestand ist folgender: AlS Lord Derby fand, daß, als ein Resultat seiner Weigerung Angra Pequena zu schützen, Deutschland diese Pflicht übernommen hatte, schlug er als Kompensation vor, daß die ganze Küste zwischen dem Oranjefluß und der südlichen portugiestschen Grenze, einschließlich der britischen Niederlaffung in der Walfisch-Bai, unter die Kontrolle der Kap « Regierung gebracht werden sollte; aber diese Kontrolle würde nicht innerhalb deS Gebietes von Angra Pequena ausgeübt werden, welches unter deutschem Schutz stehen solle. Da dieser Vorschlag die neue deutsche Niederlassung einfach isolieren muß, ist eS kaum nötig zu sagen, daß er verletzend für deutsche Empfindlichkeit war; und in Wahrheit scheint eS vom Standpunkte des Fürsten Bismarck aus ein wenig unvernünftig zu fein, den Küstenstrich von Südwest-Afrika, vom Oranjcfluß bis zum Cunene, einzig und allein aus dem Grunde mit Beschlag zu belegen, weil Deutschland gezwungen war, ein Gebiet unter seinen Schutz zu nehmen, welches Lord Derby zu beschützen ablehnte, als er darum ersucht wurde. Er zögerte, einen kleinen Flecken Land an der südwestlichen Küste Afrikas zu annektieren. Aber wenn jemand anders gezwungen ist, dies zu thun, verlangt er diese ganze Küste sowohl oberhalb wie unterhalb dieses Punktes, besten Besitzergreifung ihm eine gefährliche Ausdehnung der ReichSver- antwortltchkeit schien. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Fürst Bismarck nur wenig Achtung für einen Minister hat, ressen Kolontalpolttik sich in solch launischer, eigensinniger Weise äußert; ooer daß er das Prinzip nicht versteht, welches uns zum Rückzüge aus Transvaal veranlaßte, weil wir zu viel Territorium in Südafrika haben, während wir die ganze Westküste jenes Kontinents verlangen, wenn man sehen kann, daß deren Beschlagnahme einer kleinen deutschen Handelsstation den Garaus machen muß." —Bet derselben Gelegenheit wollen wir erwähnen, daß sich auch Gladstone, wofern wenigstens ein Privattelegramm der »Bost. Ztg." den Grundton und die entscheidenden Wendungen seiner gestern erwähnten Edinburger Rede zutreffender wtedergtebt, als der von uns mitgeteitte offizielle Bericht, vor seinen Wählern in Midlothian in durchaus loyaler und unangreifbarer Weise über die deutsche Kolonialpolttik ausgesprochen zu haben scheint. Dem Bericht der „Bost. Ztg." zufolge erklärte der Premier: „Ich laö in deutschen Zeitungen mit Bedauern die völlig grundlose Behauptung, England sehe scheelen Auge« auf das Bestreben DeutfchlandS, überseeische Kolonieen zu gründen. England kann die Ausdehnung Deutschlands in unokkupterten Gegenden der Erde, wenn eS
ältere Rechte anderer Nationen und die Rechte der Ureingeborenen respektiert, nur mit Befriedigung, Sympathie und Vergnügen betrachten. ES wäre sehr niedrig, englischer- seitS eifersüchtig auf Deutschland zu sein. Deutschland kann England nicht seinen KolonisterungScharakter rauben. Mögen andere Länder thun, was ihnen beliebt; das ist ihre Sache, zu erwägen, wie weit durch Erwerbung von Kolonieen ihre politische Stärke vergrößert wird. Wir wünschen ihnen guten Erfolg." — Wir möchten hoffen, daß wenigstens in diesem Falle die Sprache dem englischen Premier dazu gedient hat, seine Gedanken auszudrücken, und daß er genug Einfluß über seinen Kollegen vom Kolonialamt besitzt, um dieselbe verständige AusfastungSweise auch bet diesem zu begründen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Sept. Die Zusammenkunft unseres Kaisers mit dem Kaiser von Rußland dürfte, wie man uns mitteilt, in Stettin stattfinden. Dahin zielen noch die schwebenden Verhandlungen. Soviel steht fest, daß unser Kaiser das deutsche Gebiet zu diesem Zwecke aus Gründen, deren Erörterung nicht opportun ist, nicht verlassen wird. Der Zeitpunkt der Begegnung steht noch nicht fest. — Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich dürfte fich, wie die „Wiener Preffe" meldet, höchstwahrfchetnlich um die Mitte des Monats September zur Begegnung des Kaisers Alexander von Rußland nach Skierniewice begeben. — Der Berliner Korrespondent des „Standard" hält es noch immer für feststehend, daß die geplante Zusammenkunft zwischen den drei Kaisern, von Deutschland, Oesterreich und Rußland, stattfinden wird und schreibt über Zeit und Art der betreffenden Verabredung: „Die Entrevue war lange vorher geplant und ist wirklich eine Folge deS letzten Besuches deö Herrn v. GierS in Berlin und Wien — eine Reise, welche bedeutete, daß die Politik deS Hrn. v. GierS die der Versöhnung der drei Reiche bilde. Fürst BiSmarck hatte den besonderen Wunsch auögedrückt, daß der österreichische Kaiser bei der Begegnung zugegen sein solle, damit die Entente der drei Katsermächte vor ganz Europa klar und offenkundig gemacht werden dürfte. Der Zar gab demgemäß seinen Wunsch zu erkennen, während seines Besuches in Polen beide Nachbarn zu sehen. Es war ursprünglich beabsichtigt, daß der Zar zuerst den Kaiser von Oesterreich auf österreichischem Boden und dann den deutschen Kaiser auf deutschem Boden besuchen solle, worauf der österreichische und der deutsche Kaiser ihn in Polen besuchen sollten, wo die drei leitenden Minister sich ebenfalls begegnen sollten. Der Plan ist etwas modifiziert worden, aber die Zusammenkunft wird jetzt sehr bald stattfinden und die drei Kanzler werden bei der Gelegenheit das in Varzin zwischen Fürst BiSmarck und Graf Kalnoky bereits erzielte Einvernehmen bestätigen." — Wie sehr die Reichsbehörden die Deutschland bedrohende Choleragefahr
nicht außer Acht gelaffen und alle Vorbereitungen getroffen haben, um einer eventuellen Invasion mit Erfolg entgegenzutreten, dafür spricht die Anordnung, daß aus allen Gegenden des Reichs Physiker hierher beordert werden, um sich in den neueren Methoden beim Gebrauche des Mikroskops zur Untersuchung und leichteren Auffindung der Mikroben zu vervollkommnen. Auch das KriegSmintsterium hat eine Anzahl Aerzte dazu beordert. Auch soll kein anderer als Geh. Rat Koch selbst bei der Nachricht vom ersten Auftreten eine« verdächtigen Falles beauftragt sein, sich sofort an den bedrohten Ort zu begeben und daselbst nicht bloS seine Untersuchungen vorzunehmen, sondern in Person alle die Maßnahmen zu leiten, welche nach seiner Meinung zur Verhinderung der Verbreitung und Vernichtung der Keime notwendig sind. — Die „N. A. Ztg." reproduziert an hervorragender Stelle die folgende Auslastung der „B. P. N.": „Der Rochefortsche „Jntransigeant" hat die alten Briefe des Kaisers Napoleon III. und der Königin von Holland gefunden und sucht dermalen wieder die Welt mit dem Gespenst einer Bedrohung Hollands durch Deutschland zu ängstigen. ES war das die Parole, die von dem französischen Kaiserreich in der Zeit von 1866—70 auS- gegeben wurde, wo französische Minister plötzlich den Zuyder- see entdeckt hatten und der Versuchung nicht widerstehen konnten, dieses geographische Novum in politischen Reden zu verwerten. Die Anregung zu dieser Erweiterung der ministeriellen Geographie entstammte, wie man sagt, der Privatkorrespondenz der dem neuen Norddeutschen Bunde abgeneigten und dem Kaiser Napoleon vollständig ergebenen damaligen Königin der Niederlande. Wir erwähnen diesen Umstand nur wegen der Kuriosität, die darin liegt, daß der „Intransigent", des Herrn Rochefort schließlich sich die Politik Napoleon III. und deS Herrn Rouher angeeignet. Hinter diesen Winkelzügen der Partei Rochefort steckt im Grunde doch nur das alte Geschrei der weißen Blousen von 1870 „ä Berlin", und die Fraktion des „Jntransigeant" muß sehr heruntergekommen sein, wenn sie zu der ultima ratio aller Parteipolitiker greift, Krieg mit dem Auölande behufs Verwirklichung ihrer Pläne im Jnlande zu erstreben." — Die Wahrnehmung, auf welche in Deutschland von vielen Seiten aufmerksam gemacht wirb, daß trotz der billigen Kornpreise das Brot nicht billiger werde, bestätigt sich auch in England und fängt an, einen Teil der Preste lebhaft zu beschäftigm. Der „Standard" schreibt, er erhielte aus allen Teilen des Landes mit jeder Post Beschwerden über die skandalös hohen Preise, welche viele Bäcker für daS Brot nehmen. Der höchste Preis, welchen die Landleute jetzt für den Bushel (3673 Liter) Weizen erhalten könnten, sei 47» Schilling (eine Kleinigkeit über 47r Mark) und dabei könne der Weizenbau nur mit Schaden betrieben werden. Der Durchschnittspreis fei jetzt 367» Schillinge für den Quarter (8 Bushel), während er voriges Jahr 437» Schilling und vor 2 Jahren beinahe 48 Schilling betragen habe.
(Nachdruck verboten-!
i Bruder nutz Schwester.
Erzählung von M. Gerhardt.
I.
Ueber die Schreibmappe gebeugt, das feine blonde Köpfchen traurig in die Linke gestützt, die Rechte, die die Feder hält, müde sinken lastend, sitzt ein junges Mävchen. Traumverloren schweifen ihre blauen Augen in die Ferne und haften dann an der hohen Frauengestalt, die, dem Zimmer den Rücken wendend, am Fenster steht. Sie schrickt zusammen, als die Frau, eine Erscheinung in der Fülle der Jahre, von kraftvoller imponierender Schönheit, der inoeß jenes schwer definierbare Etwas abgeht, das man mit dem Worte Eleganz bezeichnet, sich langsam nach ihr umwendet und den ernsten, etwas strengen Blick ihrer tiefen blauen Augen auf sie heftet.
„Wird eS dir so schwer, diesen Brief zu schreiben, Else?" fragt die Frau, ihrer metallretchen Altstimme einen weichen klang abgewinnend.
„Nein — Mama;" erwidert das junge Mädchen langsam, indem sie die Fever mechanisch in daS Tintefaß senkt. »Jetzt — wird mir nie wieder tat Leben etwas schwer werden."
Ihre Stimme ist umschleiert und bet den letzten Worten halb erstickt. Aber die Mutter hat sie verstanden. Sie kommt zu dem Kinde und legt die Hand liebevoll auf besten weiche blonde Haare.
„Mut, meine Tochter, sei fest, und die Kraft wird dir kommen."
Else nickt uud preßt die zuckenden Lippen fest aufein
ander, um der bittern Wehmut Herr zu werden, die sie überkommen will. Hastig setzt sie die Feder an, und beginnt zu schreiben.
Nie wieder im Leben wird ihr eine Aufgabe schwer werden! — Warum sollte sie zögern, ihr Verbannungsurteil zu unterschretbm, nachdem sie ihr Todesurteil mit eigner Hand besiegelt? Wie gleichgültig, was die Zukunft noch bringen tonn! — Die Mutter hat eS gewollt, sie hält die Hand des Kindes fest in der ihren, und es folgt ihr, zögernden Schrittes aber ohne Widerstreben, aus strahlender Frühlingspracht in das dunkle Reich der Schatten.
Ein Gefühl schneidender Bitterkeit erhebt sich in dem jungen Herzen, Else kämpft eS nieder, denn eS erschreckt sie, wie ein Unrecht gegen die Mutter. Sie vermeidet das klare Auge derselben, das prüfmd und sorglich auf ihr weilt, richtet ihre Gedanken mit fester Anstrengung aus ihre Aufgabe, vollendet rasch den Brief uud reicht ihn der Mutter zur Durchsicht.
„Du hast aber vergesten, den Tag unserer Ankunft anzugeben." bemerkt Frau Werner sanft.
„Wann sollen wir reisen, Mama?" fragt Else in müdem Ton.
„Sobald als möglich, meine ich. Unsere Habe ist ja nicht groß, morgen, übermorgen spätestens kann Alles bereit sein. Im Institut wirst Du erwartet, ich werde einige Tage im Gasthof bleiben müssen, bis ich eine Wohnung gefunden. Ein Zimmer nebst Kabinet genügt mir jetzt vollauf, wird eS mir doch ohnehin weit und leer erscheinen, wenn mir mein liebes Kiud darin fehlt. Es wird nicht leicht fein, ohne Morgengruß den Tag zu beginnen und mittag« allein bei Tisch zu sitzen, und sich mit flüchtigen
Viertelstunden deS Wiedersehens im Lauf des Tages zu begnügen."
Die große, aber wohlgebildete Hand der Frau fuhr mit leiser Liebkosung über daS Haar und die zarte Wange deS jungen Mädchens, ihr Auge blickte ttüb verschleiert auf sie nieder. Else schmiegte sich an sie und vermochte die Thränen nicht länger zurückzuhalten.
„Weine nicht, mein Liebling, wir bleiben unS ja nahe; ich werde dich jeden Augenblick neben mir sehen bei meiner Arbeit, und im Geiste bet dir sein, während du deine Lektionen giebst. Wir werden ein gemeinsames Leben führen, wie bisher, wenn auch ein etwas weiterer Raum uns trennt. So lange Herz und Sinn eins sind, giebt es keine Trennung, und dies Glück, das bisher unser« Leben Wert gab, wollen wir uns erhalten, auch um hohen Preis, wenn es sein muß, nicht wahr, meine Tochter?"
„Immer, Mama;" bestätigte Else mit erstickter Stimme.
„Und jetzt richte dich auf, Kind, und wirf diese lähmende Traurigkeit vor dir. So lange wünschst du schon zu reisen, die Herrlichkeiten der Welt zu sehen, fremde Sprachen und Sitten kennen zu lernen. Jetzt wird dein Wunsch erfüllt, und du hast Ursache, deinem Geschick dankbar zu sein. Wir werden in Köln einen Tag Aufenthalt nehmen, um den Dom zu sehen, und den Rhün hinauf bis Straßburg gehen, damit du einen Begriff von der Großheit und Lieblichkeit deines Vaterlandes erhälst, ehe du es verläßt.
„O Mama — aber das wird doch zu viel Kosten machen?"
„Sorge dämm nicht, ich hatte im letzten Jahre gute Einnahmen und werde ja jetzt wenig brauchen. Ich möchte