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Nr. 208
JliflCßtirg, Donnerstag, 4. September 1884.
xix. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bnreaux oonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt #. M., Berlin, Münchenund jt6ln; ®- L. Daube und Co m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt oM-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS 8o«ntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdrucker ei) bezogen 2*/» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen toerben 25 Pfg. berechnet
Die englische Volksstimnmug.
Fast ein Jahrhundert lang ist die sogenannte öffentliche Meinung in Europa von England aus beeinflußt worden. In allen größeren Fragen sind die Auffassungen, welche die VolkSsttmme in England im großen und ganzen zum Ausdruck brachten, tonangebend gewesen in den festländischen Kreisen deS gebildeten Bürgerstandes. Die Ursache davon war, daß sich das öffenlliche Leben jenseit deS Kanals früher entwickelt hatte al» irgendwo anders. Die Kämpfe, welche dort durchgekämpft wurden, endeten immer mit einem scheinbaren Fortschritt in der Erziehung des Volkes und der Befähigung, den Volkswillen kund zu geben. Kein Wunder ist es, wenn man deshalb die Gewohnheit annahm, englische Zustände, englisches Wissen und selbst englische Sitten und Gebräuche durch das Kaleidoskop von bürgerlicher Freiheit und BolkSausklärung zu betrachten, und wenn die englische Meinung neben ihrem zuwellen berechtigten und wohlthätigen Einfluß auch oft einen ungebührlichen und schädigenden Einfluß auf die strebenden Geister des Festlandes auSübte. Einstmals hatte der Haß gegen den Terrorismus der Revolution und gegen die Napoleonische Zwingherrschaft von England aus immer wieder seinen neuen sich weithin verbreitenden Aufschwung genommen. Seit CanningS Regierungsantritt wurden die Ideale der englischen Politik im inner« wie im auswärtigen Gebiet die Ideale der Gelehrten und freisinnigen Gebildeten aller Länder, welche immer mehr und mehr die veraltete Metternichfche Schule untergruben. Ein Sieg Englands wurde als ein Sieg der Zivilisation begrüßt. Die LoSreißung der spanischen südamerikanischen Kolonieen, das Julikönigtum, die Erhebungen Polens, die Verschwörungen in Italien, Freihandel und Manchestertum wurden überall atS Etappen der Freiheit gefeiert, und das Stichwort zu dieser Feier kam immer aus England. DaS Jahr 1848 brach in gewiffer Beziehung das Monopol der öffenlltchen Meinung. In Frankreich wurde der moderne CäsariSmuS geboren und in Deutschland und Oesterreich entstand eine konservative Partei, die als ganz neuer Faktor der Intelligenz auf die Weltbühne trat, um die Dinge in ihrem wahren Lichte und entkleidet ihrer anglo-gallischen Färbung zu betrachten. Seit der Zeit sehen wir dir englische VolkSsttmmung zwar noch ihre gewaltige Stellung bewahrend, dennoch unverständliche Sprünge und oft in kürzester Zett vollziehen. Der gesunde und richtige Hintergrund dieser vox populi, der einstmals von einer doktrinären politischen Schule atS zweifellos erachtet wurde, muß heute mit Recht angefochten werden. Besonders hat die öffentliche Meinung über alle internationale Fragen ihren Nimbus verloren.
In England ist es möglich, die Geschichte einer VolkS- stimmung zu schreiben, weil die Parlamentswahlen und die Ministerwechsel gewtffermaßen als Abdruck derselben zu betrachten sind. Hier weiß die Wählermasse, daß der Ausfall der Wahl wirklich die Geschicke deS Landes entscheidet
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(Nachdruck verboten.)
Allerlei Meuscheufresser.
Skizze von Valentin Fern.
Der Vorwurf deS Kannibalismus, welcher neuerdings bett Mitgliedern der Expedition des Leutnants Greely gemacht wird, legt uns die Frage nahe, ob eS denn noch Völkerschaften giebt, welche dem schrecklichen Gebrauche de« MenschenfressenS huldigen. Die Frage muß leider bejaht werden, man kann sogar behaupten, daß die gräßliche Sitte, Menschen abzuschlachten und deren Fleisch zu verzehren, bei verschiedenen menschenfreffenden Völkerschaften erst mit diesen selbst auSgerottet werden wird.
Seine zähesten Anhänger besitzt der Kannibalismus in den Bewohnern der australischen Inselwelt, doch auch im ostindischen Archipel ist die Menschenfrefferei heimisch, wenn auch gegenwärtig in beschränkterem Umfange als vormals. Schon der alte Reisende Marco Polo weiß Geschichten davon zu erzählen, und Barbosa, ein portugiesischer Edelmann und MagellanS Begleiter auf der Weltsahrt, berichtet von den Eingeborenen auf CelebeS, daß es die Gewohnheit dieser Leute sei, wenn sie nach den Molukken segelten, um Handel zu treiben, den König von Ternate zu bitten, er möge ihnen doch gegen Zahlung die zum Tove Verurteilten überliefern, damit sie dieselben schlachten und effen könnten. Die eigentlichen Menschenfresser par excellence aber sind die BattaS auf Sumatra, ein sonst ziemlich entwickeltes Volk, welche» sogar eia Alphabet erfunden hat. Unbezwungen von den Holländern leben fit im gebirgigen Innern der großen Insel, geschützt durch dichte Wälder, liefe Bergschluchten, retßendende Ströme und sumpstge Dickichte, in welchen sie den Elephanten, da» Rhinocero» und den Tiger
und eine Regierung schafft, beziehungsweise hält. In Frankreich z. B. wählt die Majorität immer für das herrschende System; die Opposition ist dort in verschwindender Minderheit und hat noch nie anders als mittels Aufstände oder Revolution gesiegt. Man kann deshalb dort nicht von einem Volköwillen in dem legitimen Sinne sprechen, wie er in England bet jeder wichtigen Angelegenheit ein kompaktes und ausschlaggebendes Machtwort spricht. Wenn dieses Machtwort nicht mehr für das wahre Jntereffe des Landes ausfällt, so ist das ein Zeichen der Unvollkommenheit des parlamentarischen Systems und der Verderbnis der politischen Sitten.
Neben den öffentlichen Handlungen auf Meetings und Wahlen nehmen Presse und Litteratur eine wichtige Stellung ein, die aktuelle Strömung zu zeichnen und zu korrigieren. Den Grundton dieser letzteren festzustellen, ist zuweilen schwer bei der Mannigfaltigkeit der Expektorattonen und bei den unvermeidlichen Widersprüchen, welche an jedem neuen Tage die geänderte Signatur diktiert. Wenn man z. B die Stimmung zwischen Frankreich und England seit einigen Jahrzehnten untersucht, so wird man zu demselben Resultate gelangen, welche« durch die Zeitungslektüre der jüngst vergangenen Tage erreicht wird. Es ist immer dasselbe Schwanken von Liebe zum Haß; die Absicht, ein Bündnis in der Politik zum einseitigen Nutzen auszubeuten und dabei das innere Bewußtsein vom Gegensatz der Interessen und die verhaltene oder offene Wut bei jedem Erfolge der anderen Schwesternation. Napoleon III. hatte es eine Zeitlang verstanden, England diejenige Rolle spielen zu lassen, welche Gladstone vergebens versucht hat, Frankreich aufzubürden. Ersterer hatte alle Mittel versucht, schließlich sogar den freihänd- lerischen Handelsvertrag, um die ihm feindselige Volksstimmung in England zu beschwichtigen; scheinbar, aber immer vergeblich. ES waren die Tage, wo Thomas Buckle die Vorrede zu seiner „Geschichte der Zivilisation" schrieb, in welcher er behauptete, daß die englische Nation nunmehr so aufgeklärt sei, um jeden Krieg zu perhorreSzieren, und daß eS ein Irrtum sei, wirtschaftliche Interessen könnten durch Eroberungen vermehrt werden. Kurz darauf verbrannte dieses friedliebende Volk in hundert Volksversammlungen Cobden in effigie als dm Friedensapostel, von dem man nichts wissen wollte. Palmerston, der schon einmal gescheitert war, als er das Asylrecht für die Orstnischen Mordgenossen beschränken wollte, triumphierte, als er die Kriegsfurie entfesselte, der zuerst die Geldsäcke der City und dann das aufgeklärte Volk zum Krimzuge zujubelten.
Die Stimmung für die Entente cordiale hat indessen nicht lange vorgehalten. In China wurde sie noch auS- genutzt; in Mexiko ward sie gründlich kuriert. Seit 1870 wechseln nun platonisches Liebeswerben mit Ermahnungen und Drohungen ab. Die Abneigung deS französischen VolkSgeisteS gegen England war aus instruktiven Interessen« gründen so tief gewurzelt, daß selbst die Appellationen an
jagen. Häufig brechen sie au« ihren Schlupfwinkeln hervor, überfallen die benachbarten, den Europäern unterworfenen Stämme und schleppen Gefangene mit fort, um fie zu verspeisen. E« ist dort zu Lande gar nicht« Ungewöhnliche«, wenn erzählt wird, dieser oder jene holländische Aufseher oder dessen Frau sei von den Battas entführt und verzehrt worden. E« kommt dergleichen so oft vor, daß man von den Gräßlichkeiten ganz kaltblütig spricht, etwa wie in Deutschland von einem großen Bankerott oder Einbruch.
Diese schrecklichen Kannibalen huldigen der abscheulichen Sitte keineswegs aus Nahrungsmangel. Ihr Land liefert ihnen die denkbar größte Fülle von Tieren aller Art, die gut zu essen sind, wie auch alle die herrlichen Begetabilien de« tropischen Klima«. Sie essen da« Menschenfleisch al« besondere Delikatesse, and eS giebt ausgezeichnete Gourmand- unter ihnen, sie da behaupten, daß die inneren Telle der Handfläche und demnächst die Augen, ftisch und warm aus dem lebenden Opfer geschnitten und in noch rohem Zustande in Pfeffer und Salz getaucht, die allerköstlichsten Leckerbissen find. Der Unglückliche, an dem eine solche gräßliche Metzelei verübt wird, lebt biSwellen noch, wenn man bereits anfingt, Teile seines Körper« zu verspeisen.
Die Missionäre haben unter den BattaS nicht« auSge- richtet. Einige mutvolle Diener de« Christentum« wagten sich in die gefährliche Gegend — sie sind nicht zurückge- kehrt. Man hörte sie nicht an, sondern schlachtete und aß sie. Am weitesten vorgedmngen im Battalande ist eine Dame, die berühmte tollkühne Weltreisende Ida Pfeiffer, welche bis zum nördlichen Ende de« SUindonger Thales
die Revanche, welche von der englischen Presse und seit 1880 auch von der englischen Regierung unaufhörlich wiederholt wurden, nicht stark genug waren, um dem Chauvinismus zum Siege zu verhelfen. Seitdem man Frankreich 1882 mit dem Schreckbild einer deutschen Invasion auö Egypten vertrieben hatte, ist ein uneingestandene« Gefühl der Beschämung zu der ohnehin schon gegen England vorhandenen gereizten Stimmung gekommen. Ferry verstand diese Aspirationen sehr wohl, indem er die befreundete Macht jenseits des Aermelkanals so rücksichtslos als möglich behandelte und in Madagaskar sogar brüskierte. Die wirkliche Volksstimmung in England hat keine Gelegenheit, sich zu dokumentieren; die offenbaren Hetzereien zur Revanche, welche die Presse oder Sir Charles Dille betrieb, können ihr nur teilweise zur Last geschrieben werden. Indessen trat sie bei Gelegenheit des zwischen Gladstone und Ferry vor der Konferenz abgeschlossenen Präliminarvertrages tut« geschminkt hervor und zeigte sich äußerst feindselig gegen Frankreich. Die Stellungnahme der gesamten Presse infolge der neuesten Ereignisse vor Futschu haben nun vollend« dem Faß den Boden auSgeschlagen, und der durch die Natur der Vethältnisse bedingte Nationalhaß zeigte sein unverhüllte« Antlitz.
Im Jahre 1880 wurde Beaconsfield« Sturz veranlaßt, weil die von Gladstone geführte Opposition dem Lande weisgemacht hatte, den Anschluß an das deutsch-österreichische Bündnis werde zu kriegerischen Komplikationen führen. Beaconsfield habe für gewisse Fälle die Aufrechterhaltung der Neutralität von Belgien und Holland und der Nord- und Ostsee zugesagt. Die Stimmung Englands war so friedliebend, daß sie von Einmischung irgend welcher Art nichts wissen wollte und den Kobdenfreund Gladstone für den Weg der inneren Reformen auf den Schild erhob. Unmittelbar darauf begann der diplomatische Feldzug gegen den Frieden Europas, als Mittel, den Frieden Englands zu gewährleisten. Zwei Jahre später wurde zum Hohn der in Therapia tagenden Vertreter der Großmächte, Alexandrien, eine offene von Europäern bewohnte Stadt, ohne Kriegserklärung bombardiert und Egypten erobert. Die Folgen dieser aggressiven Politik haben sich jetzt dermaßen zugespitzt, daß ganz Europa derselben gerüstet gegenübersteht. Zu allem Ueberfluß noch sucht man daS berechtigte Entfalten fremder Flaggen auf besitzlosen Küsten zu Hintertreiben und als einen besonderen Akt der Feindseligkeit gegen England darzustellen. In dieser Beziehung wäre eS gerade für Deutschland wünschenswert, die wirkliche öffentliche Meinung in England kennen zu lernen. Die englische Presse nimmt augenblicklich Deutschland gegenüber genau dieselbe Sprache an, welche sie seit Jahren Frankreich gegenüber führt. Von der „Pall Mall Gazette" bis zum „Standard" wird wiederholt der Regierung die Wiedergewinnung freundschaftlicher Beziehungen mit dem Berliner Kabinett gepredigt. Wenn das als Ecnst genommen werden
gelangte. Sie sagt aber selbst in ihrem Reisebericht, daß sie nur deshalb nicht gefressen wurde, weil die Battas sich vor ihr gefürchtet und sie für eine Hexe gehalten hätten. Wenige Jahre später, wurden drei französische Missionäre die nicht so weit vordringen konnten, wie Frau Pfeiffer, im SUindonger Thale geschlachtet und verzehrt.
Die Menschenfresserei ist bei den Battas so tief eingewurzelt, daß durchaus keine Hoffnung vorhanden, sie jemals von dieser abscheulichen Liebhaberei abzubringen.
In Amerika ist der Kannibalismus nie so arg gewesen, wie in Ostindien und Polynesien. Die berüchtigten Carai- ben sind fast ganz ausgerottet. Die wenigen Familien, die von diesem ehemaligen Kannibalenvolke noch übrig sind, essen kein Menschenfleisch mehr. Im hohen Norden, auf dem weiten Gebiete der Hudsonsbaigesellschaft, geschieht eS wohl noch in Zeiten großer Hungersnot, daß von den dortigen verkommenen Jndianerstämmen dem KanibaliSmu« gehuldigt wird. Derartige Vorkommnisse sind jedoch nicht anders zu betrachten, als ähnliche von europäischen Schiffbrüchigen auf hoher See verübte Greuel. Not kennt kein Gebot.
Da« merkwürdigste und seltsamste Beispiel von Menschenfresserei erzählt der Reisende Waldeck in feinet „Voyage oans 1’Yucatan“, Gegen Ende de« vorigen Jahrhunderts verliebte sich ein junger Lacandone (Ureinwohner von Ancatan) in ein Mädchen feines Stamme«, welches ihn auch nicht lange schmachten ließ, sondern ihn bald heiratete. Kurze Zett nachher war die junge Frau spurlos verschwunden, und ihr Mann verfiel gleichzeitig in menschenfeindlichen Trübsinn, aus welchem ihn niemand aufzurütteln vermochte. Bisweilen entfernte er sich auf kurze Zeit; daun kehrte er