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Rr. 206

JHatfiurg, Sonntag, 31. August 1884.

XIX. JahrglMg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haosenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Mn; G- L- Daube und So- m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

(Oliciljcffifdic Zkitiiiig

Anzeigen! nimmt entgegen: die Expedition d- Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux JLgersche Buchhandlung in Frankfurt o M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJklustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K och'fche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche» 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

____________ Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet-

W* Bestellungen für den Monat September auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst ihren Beiblättern

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierte» Souutagrblatt

werden von allen Postanstalten und in Marburg von der Expedition angenommen.

Wahlaufruf!

Die Wahlen zum Reichstage stehen nahe bevor.

Zum erstenmale, seit unser erhabener Kaiser in der votschast vom 17. November 1881 die hohen Ziele einer auf christlicher Weltanschauung gegründeten sozialen Reform unverrückbar vorgezeichnet hat, soll das deutsche Volk sich in den Wahlen entscheiden, ob eS dem an ihn ergangenen Allerhöchsten Rufe zu treuer Mitarbeit an dieser hohen Aufgabe wettere Folge leisten will.

Es gilt eine der höchsten Aufgaben des christlichen Staates, die Sorge für die posttive Förderung des Wohles der Arbeiter und für die Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes der Hilfsbedürftigen, auf welchen dieselben An» spruch haben.

ES gilt, die realen Kräfte drS christlichen Volksleben« zusammenzufassen zu korporativen Genossenschaften unter staatlichen Schutz und staatttcher Förderung.

Wohl find die ersten Schritte auf diesem von der kaiser­lichen Botschaft bezeichneten Wege schon jetzt gethan. Für die Verbesserung bet Lage der Arbeiter ist in dem Kranken­kassen- und dem UnfallverstcherungSgesetze ein Anfang auf korporativer Grundlage gemacht. Der unermüdlichen Thä- tigkeit der Deutschkonservativen und der mit ihnen zusammen wirkenden Parteien war eS möglich, diese erste Grundlage christticher Sozialreform dem heftigen Widerstande des man- chesterlichen Liberalismus abzuringen. Die Ausdehnung der Wohlthaten dieser Gesetze auf weitere Arbeiterkreise und der Abschluß deS ganzen Werkes in der Alters- und Jn- validenversorgung aber steht noch aus.

Im Sinne der sozialen Reform liegt die Erhaltung eines gesunden Mittelstände« in Stadt und Land. E« ist deshalb vor allem eine festere korporative Organisation des Handwerkerstandes, welchen die schrankenlose Gewerbefreiheit immer mehr der Auflösung entgegevgeführt hat, zu erstreben.

Leider hat bisher nicht einmal der Grundsatz, daß nur derjenige Lehrlinge ausbilden darf, der selbst etwas gelernt hat, gesetzliche Anerkennung gefunden; der bekannte konser­vative Antrag Ackermann und Genossen zum § 100 e der Reichs Gewerbeordnung, mit geringer Majorität gegen den

Widerstand aller Liberalen im Reichstage angenommen, harrt noch der Genehmigung durch den Bundesrat.

Hand in Hand mit der Sozialreform hat die Reform unserer wirtschaftlichen Gesetzgebung durch die Verbesserung der Zoll- und Steuergesetze im Interesse der produktiven Stände zu gehen.

In dem neuen Zolltarif sind die Fundamente gelegt, auf welchen unsere einheimische Produktion, geschützt vor der übermächtigen Konkurrenz des Auslandes, sich aufbauen kann. Es wird darauf ankommen, an der Hand der Er­fahrung und mit Rücksicht auf die Verhältnifle der ein­zelnen Industriezweige und des Handels die Zoll- und HandelSgesetzgebung fort zu entwickeln und zu verbesiern.

Vor allem wird eine hervorragende Ausgabe sein, die Interessen der Landwirtschaft zu schützen, welche unter den bestehenden Verhältnissen deS Verkehrs und der Ein­fuhr empfindlich leidet, während doch gerade ihre Förderung für das ganze wirtschaftliche Leben der Nation von aus­schlaggebender Bedeutung ist.

Hierbei handelt es sich nicht um Sonderinteressen, denn die Interessen der Industrie und der Landwirtschaft, deS großen und kleinen Grundbesitzes sind in allen wesentlichen Punkten gemeinsame.

Alle bedürfen eine Politik, die auch auf wirtjchafttichem Gebiet die nationalen Interessen Deutschlands zur Geltung bringt.

Wo eS gilt, diese Interessen zu vertreten; wo eS gllt, der deutschen Flagge, der deutschen Arbeit in allen Ländern der Welt Schutz und Anerkennung zu sichern, da wollen wir mit Zuversicht die bewährte Politik deS Kanzlers unter­stützen, die jetzt von einer kleinlich verneinenden Opposttton gehemmt wird.

Auch die Steuergesetzgebung bedarf dringend einer Re­form im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Der Grundbesitz und das Kleingewerbe sind mit Steuern des Staates wie der Kommunen schwer belastet, während das mobile Kapital sich noch immer einer gerechten Be­steuerung entzieht. Die konservative Partei hat es an eif­rigen Bemühungen nicht fehlen lassen, zur teilweisen Besei­tigung dieser Ungerechtigkeit eine wirksame Besteuerung der Börse herbeizusühren. Sie wird unbeirrt durch den heftigen Widerstand der liberalen Parteien diesen Weg auch im nächsten Reichstage mit um so größerer Entschiedenheit und Zuversicht wieder beschreiten, als die verbündeten Re- gterungen in ihrer nicht mehr zur Beratung gelangten Börsensteuer-Vorlage den von der konservattven Partei bisher vertretenen Standpunkt nunmehr selbst eingenommen haben.

Arbeiten des Friedens sind es, deren das Deutsche Reich dringend bedarf; nur unter einer machtvollen Monarchie, nicht unter parlamentarischem Regiment können dieselben wahrhaft gedeihen.

DaS Deutsche Reich, zu neuer Einigkeit und Kraft

erblüht, steht da in gewaltiger Machtstellung, zugleich der Hort deS europäischen Friedens. Nächst dem sichtbaren Schutze deS Allmächtigen, der wessen und thatkräftigen Politik unseres Kaisers und dessen ersten Ratgebers, verdanken wir der Vortrefflichkeit der Armee und ihrer Organisation diese glänzenden Erfolge.

In der bevorstehenden Legislaturperiode deS Reichstages erreicht das Gesetz, welches durch Bewilligung der erfor­derlichen Präsenzstärke diese bewährte Organisation unserer glorreichen Armee auf längere Zeit sicher stellte, seinen Endtermin. Die deutschkonservative Partei wird mit voller Eutschiedenbeit jeden Versuch unbedingt zurückweisen, welcher auf die Lockerung dieser Organisation hinzielt, und letztere in kurzen Zwischenräumen dem Belieben der jeweiligen ReichStagsmajorität Preis giebt.

Zur Aufrechterhaltung des inneren Friedens gegenüber den Ausschreitungen einer vaterlandslosen, anarchistischen Sozialdemokratie, welche den gewaltigen Umsturz der be­stehenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung anstrebt, sind der Regierung in dem Sozialistengesetze außerordent­liche Vollmachten verliehen. Auch über die Verlängerung dieses Gesetzes wird der neuzuwählende Reichstag vorauS- sichllich zu beschließen haben. Die deutschkonservative Partei, so sehr sie die Notwendigkeit einer Ausnahmegesetzgebung beklagt, wird bereit sein, der Regierung die jetzt gewährten Vollmachten so lange auch ferner zu bewilligen, bis durch die heilsame Wirkung der Sozialreform die Sicherheit ge­wonnen sein wird, daß die verderblichen Lehren der Sozial­demokratie in der großen Maffe der Arbeiter keinen Boden mehr finden.

Wenngleich die Lösung kirchenpolitischer Fragen nur in geringerem Maße zu den Aufgaben des Reichstages gehört, so hält die deutschkonservative Partei es dennoch nicht für überflüssig, wiederholt ausdrücklich zu erklären, daß sie, auf ihrem unveränderten Programm stehend, zu einer Been­digung des ktrchenpolitischen Streites, unter gleichmäßiger Berücksichtigung des Staates wie der Kirche und an der Wiederherstellung des vollen inneren Friedens mitzuwirken jeder Zeit aufrichtig bereit ist.

So richtet denn die deutsch-konservative Partei für die bevorstehende RetchStagSwahl an das deutsche Volk die dringende Mahnung zu allgemeiner aufopferungsvoller Be­teiligung in konservativem Sinnei

Wer, im Gegensatz zu dem nach Parlamentsherrschaft lüsternen Liberalismus, ein entscheidendes Gewicht legt auf die monarchischen Grundlagen unseres Staatslebens; wer auf dem unverrückbaren Grunde christlicher Weltanschauung stehend, einzutreten gewillt ist für die fozialen Ziele der Allerhöchsten Botschaft vom 17. November 1881 und ins­besondere die Verbesserung der Lage der Arbeiter, die Hebung des Handwerker- und die Erhaltung eines kräftigen Grund- besttzerstande« erstrebt; wer die Notwendigkeit des Schutzes unserer nationalen, insbesondere landwirtschaftlichen Produk-

4 Revanche.

Eine kleine Sedan-Geschichte von Engen Rahden.

So verlief der Abend zur allgemeinen Zufriedenheit; am zufriedensten waren der Leutnant und Therese, ohne daß eigentlich Beide wußten, warum; wahrscheinlich trug die Aufmerksamkeit des Mädchen«, die dem Leutnant die besten Bissen vorlegte, das Ihre dazu bet.

Am nächsten Morgen mußtm die drei Krieger daran denken, zu ihrem Regiment zurückzukrhren. Die Pferde standen bereits gesattelt vor der Thür und die drei Reiter daneben, währmd Mutter und Tochter vor der Hausthür standen. Da regte sich in Knöffke der Schalk und er Bob an

Madamken, wir danken ihnen auch recht sehr für die freundliche Aufnahme und wir haben Ihnen auch noch, damit Sie nicht zu hungern brauchen, etwa« Gebratenes von gestern zurückgelassen; da« soll zuweilen kalt, mit Champagner genossen, recht gut schmecken.*

.Danke sehr, danke sehr* verneigte sich errötend Frau Meunier. . . ,

,Na, Madamken", fuhr Knöffke fort, ,eS ist eigentlich keine rechte Ursache zum danken; denn die ganze Geschichte stammt ja doch aus Ihrer Vorratskammer."

Madame Meunier stand starr wie eine Buosäule da. In diesem Augenblick war Therese auf den Leutnant zu­getreten und hatte ihm eine afte verstaubte Flasche in die Hand gedrückt. .E« ist unsere beste Sötte", sagte sie, .und vergessen Sie mich nicht ganz, und und ich habe Sie sehr lieb." Damit «ar sie ihm um den Hal« geflogen und hatte einen Kuß auf seine Lippen gedrückt. Im nächsten Augenblick war fie im Haufe verschwunden.

Der Leutnant wußte nicht wie er aufs Pferd gekommen, in der einen Hand hielt er die Flasche, in der anderen die Zügel. Auf der Treppe stand Madame Meunier, bleich, fassungslos. Schon setzte sich der kleine Reiterzug in Be­wegung, da richtete sie sich hoch auf, erhob drohend den Arm und mit heiserer, von Wut erstickter Stimme rief sie den Davonsprengenden nach:

Revanche, revanche I

*

ES war am 2. September 1880.

.Also Sie kommen doch bestimmt, Herr Felder?"

Gewiß, Herr Dreßler. Und ich werde mir erlauben, heute einmal etwa« ganz Apparte« mitzubttngrn. Es ist zwar nur eine Flasche, aber ein guter Tropfen darin und zudem knüpft sich an die Flasche eine Erinnerung, die ich heute zum Besten geben will."

So so, gewiß eine Kriegsgeschichte. Na, Sie wissen gut zu erzählen und da kann man eS sich schon gefallen lassen. A propos, eS sind Damen da."

.Jnteressttt mich wenig."

.Traurig genug, eS ist Zett, daß Sie unter die Haube kommen."

Ich watte bis ich die Rechte finde."

,Na, man kann nicht wissen, wir haben heute eine junge und sehr hübsche Französin da."

So, so."

Der Herr Prokurist Felder hatte sich bereits wieder auf da« Hauptbuch gebeugt, während der Chef, Herr Dreßler von der Bankfirma R. Dreßler & Co. in Straßburg zur Börse ellte.

Es war nm eine kleine, aber au-erlesene Gesellschaft,

die sich zur Feier deS Sedan ages bei dem Banquier Dreßler am Abend eingefunbtn hatte. Als erster Gast war eine unscheinbare Flasche erschienen, die ein Komptoirdiener ge­bracht hatte. Auch Herr Felder war ziemlich zeitig gekom­men und mit ihm hotten sich mehrere Herren eingefundeh die der Geschichte lauschten, die der frühere Offizier vottrug. Man hielt es so in dem Dreßlerschen Hause, daß am Sedantoge zunächst die Herren eine Stunde zu ungestörtem Plaudern für sich hatten, um sich dann den Damen wid­men zu können. Diese aber schienen in dem nebenliegendcn Zimmer in nicht minder animierter Unterhaltung begriffen und schienen sogar schon beim Wein angekommen zu sein, wenigstens hörte man ein verräterisches Gläserkiingen.

Ein junge Dame von nicht gewöhnlicher Schönheit bil­dete den Mittelpunkt deS Damenkreises. Auch sie hatte eben eine Geschichte erzählt, die sich vor nunmehr zehn Jahren, als sie noch ein recht kleines Mädchen war, in einem Hause bei Corignan zugetragen und die Damen hatten mit Spannung zugehört.

.Mama mag es zwar nicht recht leiden, daß ich den deusschm Namen Therese Müller führe, aber sie drückt schon manchmal ein Auge zu, nicht wahr Mamachen?"

Madame Meunier war noch immer eine hohe stattliche Gestalt, allein sie war nun doch schon daran gewöhnt, den Willen ihrer schönen Tochter zu thun, auf die sie mit be° rechtigtrm Stolze blickte.

Ist das vielleicht die bewußte Flasche, mein liebes Fräulein", fragte die Wirtin des Hauses und sie hielt die verstaubte Flasche, die der Diener gebracht hatte, von einem Tischchen nehmend, der jungen Dame entgegen.

(Schluß folgt.)