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Illarburg, Freitag, 29. August 1884.
xix. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undVogler jn Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund Mn: ®- L Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZllnstrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf, (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Oberhessische Zeitung
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Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustrierte« GonutagSblatt werden von allen Postanstalten und in Marburg von der Expedition angenommen.
Der Krieg mit Shiva.
(Korrespondenz aus Paris.)
Schon sind die gewaltigen KriegSthaten vor Futschu in aller Welt Munde, und immer noch streitet man stch in der Presse herum, ob der Krieg überhaupt ausgebrochen sei. Die Offiziösen bleiben dabet, daß der Weg der Re- prefialien bet einer astatischen Macht noch lange nicht den offiziellen Kriegszustand bedinge. Die Organe der rechten und linken Opposttion suchen das Gegentell zu beweisen und schreien über VersassungSbruch in einer Tonart, die seit Beginn der tonkinestschen Expedition dieselbe war und die deshalb jetzt veraltet ist und keinen Effekt mehr macht. Die Pfandergreifung ist von den Kammern bewilligt, also kann auch die Art der Ausführung, insofern str zum Ziel führt, nicht beanstandet werden. Denn darüber muß die für FerryS chinesische Pläne gestimmte Majorität im klaren gewesen sein, daß man befestigte Hafenplätze und Arsenale und zum Gefecht klare Kanonenboote nicht anders, als durch Gewalt der Waffen, als durch Zerstörung in Beschlag nehmen kann. Derselben Ansicht scheint auch der berufene Wächter der Verfaffung, der Präsident der Republik, JuleS Grevy, zu sein. Er hält mit Recht die eingeleitete Aktion für legitime Maßregeln der Regierung, deren Machtvollkommenheit auS dem letzten Votum der Kammern entspringt. Hat doch Ferry bei der Begründung der Kredit- forbcrung kurz und bündig erklärt, er beabsichtige vorläufig Futschu und »einige andere Punkte* besetzen zu lasten, bis China die verlangte Genugthuung für den Vertragsbruch geleistet habe. Die Rechtsfrage, ob der Ausdruck Krieg korrekter ist, als gewaltsame Pfandnahme, bleibt deshalb so lange eine akademische, als sie innerhalb der Grenzen der Preste diskutiert wird und nicht etwa durch das Interesse anderer bet den Vorgängen in China indirekt beteiligten Mächte vor ein praktisches Forum gezogen wird.
Jede geschichlliche Begebenheit — zu welcher nunmehr chon die Thaten des Admirals Courbet vom 23. gestempelt ind — erhält erst ihre Bedeutung, wenn sie in ihrem Zu- ammenhange, d. h. im Rahmen der übrigen Zettereigntste und der allgemeinen politischen Situation gewürdigt wird.
Die Gegenwart und besonders die blasierte politische Welt Frankreichs beurteilt die Ereigniste nur nach dem Grade ihrer Sensation. Das ferne nachtönende Echo, das hier oder dort einen neuen Donner zu erwecken oder anzuzeigen droht, geht auf dem lauten Markt der Diskussion verloren. Und doch verkündet das Bombardement von Futschu gewiste Zeichen der Zeit und der Lage, die von den großen Umwälzungen der politischen Auffassungen in Europa Zeugnis ablegen. Ein solcher Krieg wäre für Frankreich unmöglich gewesen, wenn nicht vorher daS nationale Mißtrauen gegen den kontinentalen Erbfeind geschwunden wäre, und wenn die Volksstimmung nicht unbewußt von dem Akkord des europäischen Festlandes überzeugt wäre. DaS ist unzweifelhaft ein erfreuliches Symptom. Für die Weltlage wäre es nur zu wünschen, daß der französische Einfluß in Ostasten dem russischen Einfluß daselbst die Hand reichen möge, um die prätendierte Alleinherrschaft Englands auch hier zu paralysieren.
Die zaudernde Haltung Chinas, welche in dem fortwährenden Heruntersetzen der EntschädigungSforderungen seitens Frankreichs nur besten Unlust zum blutigen Ernst zu sehen wähnte, wurde offenbar durch die englische Regierung mehr und mehr bestärk und endlich sogar bis zum Widerstand gesteigert. Es ist anzunehmen, daß die englischen Agenten in China dieselbe Sprache gesprochen haben, wie die „Times* und die „Daily-NewS". Die sonst oft gerühmte Schlauheit der chinesischen Diplomaten hat sich schlecht bewährt, denn sie scheinen jenen albernen Argumentationen Glauben geschenkt zu haben. Nun ist eS klar, daß England nichts sehnlicher wünscht, als Frankreich in Verwicklungen zu stürzen, wenn nicht in europäische, so doch wenigstens in astatische, nur um seine Aufmerksamkeit und Thatkraft von Egypten abzulenken. AndernteilS ist man in London so naiv, zu glauben, daß aus der zeitweilig etwa eintretenden Störung des chinesischen Handels eine neue Verstimmung zwischen Deutschland und Frankreich hervorgehen werde, und man geht in unglaublicher Blindheit so wett, Deutschland aufzufordern, zum Schutz der internationalen Jntereffen in China die Initiative zu ergreifen. Dabei vergißt man ganz, daß England am chinesischen auswärtigen Handel mit 75 Proz. beteiligt ist, also wohl nach Fug und Recht in erster Linie dort zum Schutzherrn berufen fei, wenn die Verhältnisse daS überhaupt nötig machen würden.
Hat Gladstone — wie eS kaum bestritten werden kann — die Chinesen zum Vertragsbruch und hartnäckigen Widerstand veranlaßt, so hat er aufs neue die englischen Jntereffen hart geschädigt. An dem schließlichen Erfolg der französischen Truppen ist nicht zu zweifeln; ebenso wenig an der entschiedenen aber sicher maßvollen Ausbeutung desselben seitens Frankreichs. Durch den offenen Bruch wird nur die Katastrophe beschleunigt und nach Absolvierung deS chinesischen Streites wird Frankreich nach wie vor am
Nil stehen, um dort seine, und im Verein mit Europa die internationalen Rechte zu verteidigen. In China, wo geschriebene Verträge wenig Eindruck machen, kann ein wirkliches Ansehen nur durch eklatante Waffenthaten her- gestellt werden, wozu ihnen nunmehr Gelegenheit gegeben ist. Auch trägt der Krieg dazu bei, einen gewissen Nimbus, der die ueuorgauisierte Armee mit europäischen Waffen umgab, verschwinden zu machen; ein Resultat, welches nicht England, das China bereits als feinen halbunterworfenen BundeSgenoffen betrachtete, wohl aber Rußland zu gute kommen dürfte.
Als letzte Ursache, aus welcher Gladstone klüger gehandelt hätte, China den Rat zur Nachgiebigkeit zu geben, anstatt es zum Widerstand aufzureizen, fällt noch ins Gewicht, daß die französische Herrschaft in Tonking und Anam nur durch einen siegreichen Krieg, dessen Resultat den Mandarinen, dem Volk und den Nachbarn imponiert, zur Wahrheit werden konnte. Jn dem Maße aber, wie stch ein französisches hinterindisches Reich begründet und herauS- bildet, tritt auch die Jntereffennotwendigkeit deS gesicherten direkten Weges über Suez zur Verbindung mit dem Mutterlande In den Vordergrund.
Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz sind bis jetzt noch zu widersprechend, um ein klares Bild der augenblicklichen Lage daraus zu gewinnen. In ihrer Gesamtheit bestätigen sie iudeffen die vorgefaßte Meinung, daß die Leistungen der Marine einen ungleich günstigen Eindruck Hervorrufen als diejenigen der Landarmee. Admiral Courbet scheint im Gegensatz zu General Millot die hohe Meinung rechtfertigen zu sollen, die man in Armee und Land auf ihn gesetzt hatte. Die Marine ist seit jeher in Frankreich das Elitekorps der bewaffneten Macht. Dieser Umstand sollte dem Lande feine Pfade anweifen, auf welchen es seine nächsten Lorbeeren zu pflücken hat. In Europa ist kein Raum mehr für großartige KriegSzüge, durch welche veraltete Ideen oder ein geschwundenes Prestige wieder repariert werden könnten. Ordnung ist überall durch Macht gewährleistet und internattonales Recht wird geachtet. Aber auf den Weltmeeren und an den Küsten aller Weltteile haben die Flotten deS Festlandes noch schwere Kulturaufgaben zu erfüllen, die nur in solidarischer Gemeinschaft gelöst werden können. ES darf angenommen werden, daß Frankreichs Vorgehen in China unter schweigender Konnivenz der übrigen Kontinentalmächte ausgeführt wird. Ist dies der Fall, so ist ein baldiges befriedigendes Arrangement zu erwarten, und der chinesische Krieg wird dazu dienen, daS europäische Konzert fester zusammenzubringen, um die gerechte Vertellung des wiedergewonnenen schwarzen Weltteils vorzunehmen, besten Schicksal für die nächste Zeit auf dem Repertoire der politischen Ereigniste stehen wird. (R.-B.)
2 Revanche.
Eine Keine Sedan-Geschichte von Eugen Rahden.
»Bitte, Herr Leutnant, derangieren Sie stch nicht, ich glaube doch ein wenig bester Ihr Deutsch, als Sie unser Französisch zu verstehen; also was wünschen Sie?*
„Verehrteste Frau, nach der Gewandtheit, mit der Sie stch tm Deutschen ausdrücken, muß ich doch wohl anneh- «en, daß sie eine Deutsche sind. Sie werden uns, die »ir müde, hungrige und durstige Deutsche sind, eine kleine Stärkung nach den Strapazen de« heutigen Tages nicht versagen und wenn angänglich ein Obdach gewähren. Das Haus scheint geräumig genug und ich sehe da auch Stallun- gen, wo unsere Pferde —"
„Ich bedauere, Herr Leutnant; ich bin zwar nur eine arme schwache Frau, die allein Ihnen gegenübersteht, aber ich hoffe, daß die deutschen Ktteger die Gebote der Ritterlichkeit nicht erst von ben Franzosen zu lernen brauchen. Ich habe Nichts im Hause, womit ich Sie bewirten könnte Und kann Ihnen auch keine Lagerstätte anbieten. Mein Mann, der schon lange tot ist, war allerdings ein Deutscher, ich aber bin eine Elfisterin, eine Französin."
„Na Madamken, thun Sie man nur nicht jar so mnksch", ttes jetzt Knöffke, ein echtes Berliner Kind, von seinem Schimmel herab, „Sie machen man nur mit Ihre Redens« arten die Pferde scheu. DaS Elsaß jehött vo« Recht und Recht-wejen schon von anno Dazumal uns und nu holen wir eS uns eben wieder. Und dann hören Sie mal, Madamken, Stroh, so ein paar Bund Stroh werden Sie wohl noch im Stalle haben und es ruht sich darauf immer "och bester, als mang die Pfiastersteene".
„Ach ja, Mama," ließ sich da hinter Madame Meunier ein Sümmchen vernehmen und ein blonder Lockenkopf suchte an der Seite der Mama einen Ausblick nach der Straße zu gewinnen, „und Stroh haben wir ja, laß doch die Männer da, sie sehen so müde aus."
»Hinweg Therese" rief die Mutter und suchte mit einer raschen Handbewegung das Töchterchen nach innen zu schieben. Sei e« nun, daß ihr augenblicklich daS Wohl des Mädchen« mehr am Herzen lag, als das im Stall aufgestapelte Stroh, oder daß sie wider Willen ein menschliches Rühren fühlte, genug sie sagte:
»Ich weiche der Gewalt, sehm Sie zu, meine Herren, wie Sie fettig werden".
Damit war sie verschwunden. Die drei Krieger hörten nur noch, wie mehrere Thüreu auf- und zugefchlagen wurden, das Schelten der Mutter und ein trotziges Rufen des Kindes »nein, ich will nicht". Dann war es still.
»Der Empfang ist nicht gerade sehr schön, aber man muß zuftteden sein" meinte Rieneck und die beiden Anderen nickten. Die Pferde wurden durch daS Hofthor tu ben Stall gezogen, in welchem sich nicht nur genug Stroh als Lagerstätte für ble müden Krieger, fonbern auch etwa« Futter für die Pferde vorfand. Das Hau«, da« die Krieger von bet Hofseite betrachteten, schien völlig auSgestorben, auch von Madame Meunier und bereit Tochter war nichts zu bemerken. Es war schon ziemlich dunkel geworden und die drei Soldaten wollten stch schon auf ihre improvisierte Lagerstätte zurückziehen, al« im ersten Stockwerk des Hanse« ein Fenster geöffnet wurde und von dem Munde eine« blonden Lockenkopfes ein »Pst, Pst" ertönte.
»Helfen Sie mir einmal" rief Therese, „ich will herunter und Mama hat mich eingeschlosten".
Damit warf str auch schon ein Sell herab, Knöffke sprang rasch herzu und hielt dasselbe fest und in der nächsten Minute hatte da« Mädchen sich in den Hof hinabge- lasten und stand die Männer neugierig betrachtend, da. Therese war noch ein Kind, sie mochte nicht vielmehr al« 12 Jahre alt fein und die ganze Unschuld der erwachenden Jungfräulichkeit lachte au« ihren Augen.
»Die Deutschen sehen sgar nicht böse aus", sagte sie, »mir gefallen sie ganz gut".
»Sehr schmeichelhaft kleine« Fräulein," erwiderte Rieneck, „aber «a« wollen Sie hier?"
„Sie gefallen mir am Besten," sagte das kleine Fräulein und trat auf den Leutnant Felder zu, ihm die Hand reichend. Der Herr Leutnant hatte zwar schon manche Waffenthat in diesem Feldzüge verrichtet und hatte nicht mit den Wimpern gezuckt, als die sogen, „blauen Bohnen" eigenllich recht ungemütlich um seine Ohren pfiffen, aber als er jetzt so die kleinen Hände des kleinen Mädchens, das so urplötzlich wie eine duftige Fee inmitten des Kriegs- getümmels erschienen war, in seiner wettergebräunten Rechten hielt, da errötete er wie ein Schulbube. Im nächsten Augenblick mußte er allerdings über sich selbst lächeln; beim e« war ja nur ein Kind, nicht einmal ein Backfisch, daS vor ihm stand. <
„Sie haben gewiß Hunger," sagte Therese, mit einer anmutigen Handbewegung auf die drei Soldaten zeigend.
„Na ob", rief Rieneck.
»Ich kann eS nicht unjelogen fein lasten, sagt Paula Erbswurst,' tnurrte Knöffke. (Fortsetzung folgt.)