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Marburg, Mittwoch, 27. AuMst 1884.

XIX. Jahrgmg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vontzaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a- M., Berlin, Münchenund Mn; G- L- Daube und Eo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen! nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d-Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i- Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagni nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageZlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnscrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet

w* Bestellungen für den Monat September auf die

Oberhesfische Zeitung

ncbst ihren Beiblättern °

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierte- Souutagrblatt werden von allen Postanstalten und in Marburg von der Expedition angenommen.

Die Rachkonsereu; tu Barzt«.

Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu thun, schrieb Schiller von den Auslegern Kants. Wenn ein Staatsmann, der seinem Zeitalter das Gepräge gtebt, in persönliche und elektrische Verhandlungen mit den Kollegen der übrigen im europäischen Areopagus ausschlaggebenden Mächte tritt, dann ist gute Zeit für daS zahllose Heer der Konjetturalpolitiker eingetrelen. Desgleichen eröffnet sich ein weites Feld für sensationsbedürftige Blätter, das mit Nachrichtm ausgut unterrichteter Quelle" bebaut wird. Ebenso überflüssig wie es ist, Vermutungen oder Behaup­tungen über Abmachungen oder etwa gefaßte Beschlüsse mit mehr oder weniger Phantasie auSgeschmückt, anzustellen, ebenso sicher und unbefangen lasten sich doch die allgemeinen Ziele erkennen, zu deren Erreichung die nächsten Wege in Varztn verabredet wurden. Wir haben in letzteren keine Ueberraschungen zu erwarten, sondern nur die weitere Ent­wickelung einer klaren und zielbewußten Politik, welche bereits seit einem Lustrum ihre Probe abgelegt hat, indem sie in kritischen Augenblicken die Schwierigkeiten von Jnter- estengegensätzen zu überwinden und mit einer einzigen Aus­nahme die Mächte Europas zu der solidarischen Aufgabe der Erhaltung des Friedens zu veranlasten vermochte.

Der Ausgangspunkt dieser Politik ist in der Thronrede nicdergelegt, mit welcher der deutsche Reichstag im Jahre 1879 eröffnet wurde. Es wurden dort die Bemühungen der Reichsregierung verkündigt, eine umfastende Vereinigung herbeizuführen, deren Zweck die Erhaltung des Friedens sein solle. Diesem PastuS wurde in der Preste nur die Bedeutung eines bei ähnlichen Akten üblich-n rhetorischen Schmuckes beigelegt. In der Thal bezeichnete er ein Pro­gramm, an besten Ausführung bis heute unablässig ge­arbeitet worden ist, und auch die neuesten Unterredungen zwischen BiSmarck und Kalnoky können unmöglich einem anderen Zweck gedient haben, als den mit so vielem Erfolg beschrittenen Weg nach den gleichen Grundsätzen fortzusetzen.

Die Verkündigung dieses Programms der deutschen Friedenspolitik fiel zusammen mit dem Abschluß des deutsch- österreichischen BündnisteS. Die Spitze desselben richtete

22 Eine unglückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Heinrich sah einige Augenblicke verblüfft und beklommen auf den vor ihm knteenden Lord Caffolk, aber dieser war ja sein langjähriger Vertrauter, also unverdächtig, und dann sprach er auch von Verrat, der jederzeit unschädlich gemacht werden könnte. DaS waren Worte, die wie Balsam in daS Herz des Tyrannen träufelten.

Aeußerst herablastend, sagte daher König Heinrich zu Lord Caffolk:

Steht auf, lieber Freund und sagt, womit Ihr mich trösten könnt."

Lord Caffolk erhob stch, zögerte aber mit der Antwort und sagte endlich:

Ja, wenn mir Ew. Majestät verfichern, daß ich un­gestraft sprechen kann, waS ich denke und weiß, werde ich Alles sagen."

Diese Worte deS Heuchlers und VerrätherS klangen wie Harmonie in Heinrichs Ohren, der Tyrann lechzte ja nach einem Opfer und er erwiderte daher mit zittender Hast:

Sprecht nur, lieber Lord, sprecht nur, Verzeihung ist Euch unter allen Umständen gewiß."

Lord Caffolk zögerte noch immer und versuchte erst nochmals das Antlitz des Königs zu mustern, der finster und erwartungsvoll dreinschaute. Lord Caffolk schien sich vergewistert zu haben, daß das, waS er dem Könige sagen wollte, von diesem gern gehört werde, denn er sagte dann mit einer an CyniSmuS grenzenden Dreistigkeit:

Bor allen Dingen muß ich sagen, daß Ew. Majestät eine unwürdige Gemahlin haben und daß die früheren An-

stch selbstverständlich gegen den Puntt, wo man eine Gefahr für den Frieden zu vermuten gezwungen war. Unmittelbar darauf folgte der Sturz Beaconsfields und Gladstone stellte die aggressive Macht Englands als allen denjenigen Mächten zur Disposition, welche mit den Abmachungen deö Berliner KongreffeS nicht zufrieden waren, und welche es außerdem noch für eine Wohlthat ansähen, den Großtürken aus Europa herauszuwerfen. Die diplomatischen und militärischen Fli- bustierzüge, womit England seit der Zeit die Welt beun­ruhigt hat, mußten unfehlbar einmal zur KristS führen. In den Septembertagen des vorigen Jahres hatte eS fast den Anschein, als ob der Ausbruch derselben bevorstehe. Als sich jedoch bald darauf die denkwürdige Annäherung Rußlands an Deutschland vollzogen hatte, mußte die eng­lische Politik wiederum auf Reisen gehen, um wohl oder übel die Konsequenzen ihrer Abenteuer zu sichern.

ES kam nun seit Jahresfrist die Periode der Zwischen­fälle. Selbstverständlich kann in der Politik von Zwischen­fällen nur vom Standpunkte des Laten oder des diesem Ausdruck eine absichtliche Deutung gebenden Staatsmannes gesprochen werden. So läßt Gladstone in seinen Organen die Verstimmung zwischen dem englischen Kabinett einerseits und dem französischen oder deutschen Kabinett andererseits als einen Zwischenfall bezeichnen. Ebenso ist die Besitz­ergreifung Madagaskars oder der Bruch mit China nur ein Zwischenfall, dervorübergehend" das intime Verhältnis der Westmächte trübt. Die Entfaltung der deutschen Flagge in Westafrika ist ein Zwischenfall, der ganz unberechtigt den Zeitungskrieg zwischen Deutschland und England her­vorgerufen hat. Die Konferenz in London wäre auch nach Wunsch verlaufen und die egyptische Frage geregelt worden, wenn nicht eben der Zwischenfall in Gestalt des französischen Etnspmches, dem sich die übrigen Mächte anschloffen, vor­gekommen wäre.

Man mag in London seinen guten Grund haben, allen diesen Vorkommnissen den Charakter deS Zufälligen bei­zulegen. Sie bilden darum nicht weniger eine einzige Kette von Ereignissen, die jetzt eine Sonderstellung Eng­lands gegenüber dem übrigen Europa herbeigeführt hat. Die vorliegenden Verwicklungen müssen in irgend einer Weise gelöst werden. Die Stellung des Festlandes zu den Prätentionen einer maritimen Suprematie muß im Laufe der Zeit klar gestellt werden. In der Lösung dieser beiden Aufgaben liegen die Bedingungen der Erhaltung des Frie­dens und zur Entfaltung des wirtschaftlichen Wohlstandes auf dem Festlande.

Wenn über daö Ziel selbst wohl unter allen kontinen­talen Mächten Einverständnis herrscht, so ist jetzt anzu­nehmen, daß unter den drei leitenden Staatsmännern, Bismarck, Kalnoky und Giers, eine gemeinsame Politik festgestellt worden ist, die hoffentlich noch durch die Entrevue der drei Kaiser eine höhere Sanktion erhalten wird. Rach den offiziösen Aeußerungen des russischen Kabinett« kann

schuldigungen gegm dieselbe nicht nur allein wahr sind, son­dern daß sie auch noch neue verbrecherische Neigungen ge­zeigt hat."

WaS sagt Ihr?" rief der König ingrimmig.

Nun ja," erwiderte Lord Caffolk,Lady Anna «ar einst in ihren leibhaftigen Bruder verliebt und jetzt thut sie mit jedem hübschen Pagen schön, sie kann eben nicht von ihrer Art lassen. Majestät haben einen schweren Mißgriff begangen, als Sie diese Lady zu Ihrer Gemahlin machten."

Sie soll es mir büßen, diese Schlange!' erwiderte Heinrich in einer Erregung, von der man nicht genau sagen konnte, ob es affektierte Heuchelei oder der wirkliche Zorn des Tyrannen war.

Nun, ich weiß noch mehr von der Lady," entaeanete Lord Caffolk.

Noch mehr von diesem Sündeuweibe?' polterte Heinrich.

Ja, Majestät. Lady Anna scheint stch zuweilen mit dem Plane zu beschäftigen, mit irgend einem oder zwei kühnen Ecelleuten stch an die Spitze der Unzufriedenen zu stellen und Ew. Majestät den Gehorsam zu kündigen.

Was sagst Du da? Ist das möglich?" rief wüthend der König.

Nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich," ent­gegnete Lord Caffolk kocken.

Aber die Beweise, die Beweise?" fragte ungestüm der König.

Beweise? Majestät wissen, daß Lady Anna stch nichts beweisen läßt, sie ist sehr schlau und weiß stch immer auS- zureden und dann bleibt Alles beim Alten."

Nichts bleibt beim Alten!" rief Heinrich mtt Donuer-

ketn Zweifel über die Stellungnahme des letzteren mehr herrschen. Bekanntlich hatte Rußland schon vor fast drei Jahren eine Intervention der Großmächte in Egypten be­antragt, die an dem Mißtrauen Frankreichs gegen Deutsch­land scheiterte. Die Zurückhaltung des russischen Bevoll­mächtigten auf der Konferenz wird damit erklärt, daß Ruß­land im Verhältnis zu den übrigen Mächten die wenigsten materiellen Interessen am Nil zu vertreten habe. Das Scheitern der Konferenz wird lebhaft bedauert; jetzt komme darauf an, zu wachen, damit die englische Politik nicht gewisse Grenzen überschreite, über welche hinaus die Rechte Europas verletzt würden. Jener so eminent internationale geographische Punkt dürfe nicht eines guten Tages in eine britische Besitzung umgewandelt werden.

Der beste Beweis, daß England aber die Annexion be­absichtigt, ist in dem Umstande zu suchen, daß eS auf der Konferenz die Besprechung jeder anderen Angelegenheit außer der Finanzen auSschloß.

Frankreichs Interessengegensatz gegen England tritt noch weit schärfer hervor, als derjenige irgend einer anderen Macht. Eine westmächtliche Entente wäre heute nut auf dem Grabe deS französischen Kolonialreiches aufzurichten. Ein britisches Egypten würde einem französischen Indien, Madagaskar rc. die Lebensader unterbinden. Auf die Rück­wirkung der Kolonieen sind in Frankreich aber seit lange alle wirtschaftlichen Hoffnungen gebaut. Leroy - Beaulieu giebt daher auch der Regierung (DsbatS" vorn 23.) den Rat, die Kolonialpolitik in den Vordergrund zu schieben. Ehemals habe die Kontinentalpolitik die Kolonialpolitik zurückgedrängt, wodurch Frankreich seine Kolonieen und seinen Reichtum verloren. Heute seien in Europa durch die Ereignisse von 1859, 1866 und 1870 fertige Zustände und mächtige Nationalitäten geschaffen, welche die ehe­maligen Präponderanzträume zur Thorheit machten. Man solle diese daher offen aufgeben und sich mit voller Kraft auf die Kolonialpolitik werfen.

Trotz aller dieser Kundgebungen der Regierungen und Völker schreitet England offenbar auf die Einverleibung Egyptens und die Eroberung des Sudan los. Es ist nicht anzunehmen, daß Europa stummer Zu chauer bei diesem Gewaltakte bleiben wird.

Die drei Kaisermächte, welchen stch mit Ausnahme Englands alle übrigen europäischen Mächte anschließen, werden jedenfalls ihr Veto zunächst einlegen und darauf bestehen, daß die egyptische Frage ebenso wie diejenigen der vielen neuerstandenen Zwischenfälle unter welchen die Erschließung deS Kongo nicht in der Linie steht vom europäischen AreopagnS geschlichtet werden, der jetzt zur thatsächlichen Wahrheit geworden ist und eine kom- pakte Gestalt angenommen hat.__________________

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Aug. DerReichsanzeiger" meldet: Prin­zessin Wilhelm von Preußen ist gestern am Scharlach er- stimwe.Sobald der Tag graut, wird Lady Anna ver­haftet und in das Staatsgefängnis des Tower abgeführt. Ich will sie weder sehen noch hören, sie soll von einem von mir ernannten Gerichtshof abgeurteilt werden."

»Ich stehe zu Ew. Majestät Diensten," erwiderte Lord Caffolk, seine teuflische Freude kaum verbergend.Ich bitte um den VerhaftSbefehl."

Heinrich schrieb den Befehl ohne Zögern. Lord Caffolk verschwand damit und eS war, als ob nach dieser Thal mehr Ruhe in Heinrichs tyrannisches Herz eingekehrt war, denn nach einiger Zeit wurde er ruhiger, suchte seine Lagerstätte auf und schlief biö zum Morgen.

Wir übergehen die Einzelheitm der schmachvollen Szene, wo auf Befehl König Heinrichs ohne Recht und Grund Anna Boleyn verhaftet, auf grausame Weise von ihrem Kinde der nun fast dreijährigen Prinzessin Elisabeth, ge­trennt und in das Staatsgefängnis deö Tower geschleppt wurde und zwar von den Schergen des Fürsten, der ihr einst seine Liebe fast mit Gewalt aufgedrungen und sie von der Seite des Bräutigams gerissen hatte.

Nachdem Anna Boleyn die erste Bestürzung über die schmähliche Handlungsweise, die ihr ihr Gemahl zu teil werden ließ, überwunden hatte, trug sie ihr trauriges Schicksal mit Würde. Sie bat von dem Gefängnisse aus ihrem Gemahl sprechen und stch vor ihm rechtfertigen zu können, aber entweder wurden diese Bitten Anna Boleyns von ihren Feinden hintertrieben, oder der König vermied e« absichtlich, Anna zu hörm; denn der Tyrann wußte ' ja nur zu gut, daß er nicht reinen Herzens vor seiner schmählich angeklagten Gemahlin stehen konnte. Heinrich