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Marburg, Dienstag, 26. August 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburgu.Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund Köln: G- L- Daube und Co. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
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Anzeigen I nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; ♦ Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Illustrirte» SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker ei) bezogen 2*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertivnsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Oberhesfische Zeitung
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Amtlicher Anzeiger
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Illustrierter Sountagrblatt
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Die Eutfaltuug der deutsche« Flagge i« Westafrita.
Zur Vorgeschichte des Vorgehens der deutschen Reichs- regiemng an der Westküste Afrika« wird in einer Berliner Korrespondenz der „Köln. Ztg.* auf das zweideutige, hinterlistige Verhalten des Kabinetts Gladstone gegen Deutschland hingewiesen, wie eS neuerding« in den Versuchen, Italien von Deutschlanc-Oesterreich zu trennen, ganz besonders aber in der Angra - Pequena - Angelegenheit hervortritt, wo da« englische Kabinett die Kapregierung als Katzenpfote benutzen möchte, um das endlich erpreßte Zugeständnis an Deutschland wieder illusorisch und wertlos zu machen, indem die Kapregierung angeregt wird, das Land nördlich wie südlich und östlich von Angra-Pequena in Beschlag zu nehmen und dadurch entwickelungSunfähig zu machen. Dann fährt der Artikel fort:
Wie sehr sticht gegen diese Manöver die loyale, offene Handlungsweise oer deutschen Reichsregierung ab, wie sie der Reichskanzler in der berühmten Abendsttzung der Budget- kommtsston wahrheitsgetreu entwickelte. Als Ergänzung zu dieser Darlegung mag noch dienen, daß der Reichskanzler Mitte Juni in einer Püvatbesprechnng dieser Angelegenheit ausorücklich betonte, daß Deutschianv seit zehn Jahren in allen auftauchenden Fragen, welche für England von Wichtigkeit waren, auf Seiten dieses Landes gestanden und daß in der That grundsätzliche Trennungspunkte zwischen der deutschen und englischen Politik nicht gegeben seien. Umsomehr überrasche — noch dazu tn einem Augenblicke, wo England in der egyptischen Angelegenheit noch auf den guten Willen Deutschlands angewiesen sei — die unfreundliche Haltung in der Angra - Pequena < Frage, welche man acht Monate lang hingezogen habe, ohne auf eine einfache Frage eine einfache Antwort zu geven. Schließlich ist dann durch da« energische Auftreten des Grafen Herbert Bismarck, welcher damals die deutsche Botschaft in London versah, die Antwort herauSgepreßt worden, welche der Reichskanzler tn der betreffenden KommisstonSsttzung mitteilte. ES geschah dies mit so viel Anerkennung für England und mit so sichtlicher Befriedigung des Reichskanzlers über das erzielte freundliche Einverständnis, daß die jetzt nachhinkendm Be
weise von der englischen Doppelzüngigkeit für das deutsche Ehrgefühl doppelt empfindlich fein müssen. Wenn der Reichskanzler — wie wir hören — in jener Unterredung die hergebrachte Art der Besitzergreifung durch die Engländer mit unserm Auftreten in Angra Pequena zusammenhaltend meinte, „die Engländer denken Quod licet Jovi non licet bovi und wir sollen der Bos (Ochse) fein!* so wird die deutsche Nation darüber beruhigt sein, daß sich Herr Gladstone, wie in so vielen anderen Plänen, auch darin gründlich getäuscht hat.
Die konservativ gesinnten englischen Blätter sind mit der Haltung des Kabinetts Gladstone zu Deutschland nicht einverstanden; aber die fortschrittliche „Pall Mall Gazette* enthält einen recht giftigen Artikel gegen Deutschland, in welchem sie über Deutschlands Vorgehen in Afrika spöttelt, als „über Kinderkolonieen des Deutschen Reiches* und „die enthusiastischen Vettern*.
Ueber daS Vorgehen des Generalkonsul« Dr. Nachtigal liegen folgende Nachrichten vor:
Nach der Liverpooler „Daily Post* sind in Liverpool Privatmitteilungen eingetroffen, denen zufolge Dr. Nachtigal im Begriffe steht, im Namen der deutschen Regierung auch von Klein Popo Besitz zu ergreifen, wenn dies nicht schon geschehen ist. Klein-Popo oder Little Popo wird von einem „König* namens Lawson regiert, deffen Sohn ein britischer Kolonialingenieur in Lagos ist oder war. Vor einiger Zeit besuchte ein deutsches Kriegsschiff Little Popo, und infolge der von den dortigen deutschen Kaufleuten gemachten Vorstellungen landete der Kapitän etwa 100 oder 200 Seesoldaten. Die Folge davon war, daß ein Eingeborener erschossen wurde, während der Sohn des Königs und zwei Häuptlinge als Gefangene an Bord des deutschen Kriegsschiffes gebracht wurden. Letzteres lief wenige Tage später in Lagos an und da eS zur Kenntnis de« Gouverneurs Griffith gelangte, daß ein britischer Unterihan sich an Bord des Kriegsschiffes in Gewahrsam befand, ließ er Recherchen anstellen, welche die Folge hatten, daß Mr. Lawson junr. auf freien Fuß gesetzt wurde. Die übrigen zwei wurden indes nach Deutschland geführt, aber später nach ihrer Heimat zurückgebracht. ES heißt, daß sie angegangen wurden, einen Vertrag zu unterzeichnen, aber dies verweigerten, infolge dessen sie an Bord deö Kriegsschiffes wiederum in das offene Meer hinausgeführt wurden. Angeblich mag die gegenwärtige Annexion von Klein-Popo das Ergebnis dieses Verfahrens der Deutschen sein; allein eS heißt auch, daß die in Rede stehenden zwei Häuptlinge nicht befugt waren, über ihr Land zu verfügen, da Mr. Lawson sen. der regierende König ist.
London, 21. Ang. Ueber die deutschen Annexionen in Westafrika wird auö Liverpool geschrieben: „Unter hiesigen Kaufleuten herrscht die Meinung, daß die Meldung über die Herstellung eines deutschen Protektorats in Bageida sich wahrscheinlich als richtig Herausstellen wird, da eS seit
einiger Zeit bekannt war, daß Deutschland große Thätigkeit entfaltete, sich die Kontrolle über Territorien an der Westküste von Afrika, die bislang in dem Besitz der Eingeborenen waren, zu sichern. Man glaubt auch, eS werde deutscherseits eine Anstrengung gemacht werden, Klein - Popo zu annektieren, da ein deutsches Kriegsschiff sich bereits in die Angelegenheiten diese« Platze« gemischt hat. Die Meldung über die Entfaltung der deutschen Flagge durch Dr. Nachtigal im Flusse Cameroon« hat hier viel Ueberraschung bereitet. Zwischen Liverpool und dem Cameroon« existiert ein lebhafter Handelsverkehr und die Dazwischenkunft deutscher Autorität wird mit Ungunst betrachtet, um so mehr al« die lokalen Herrscher vorher Verträge mit Großbritannien geschloffen hatten.
Die „Weser-Ztg.* bringt über die Vorgänge an der Küste von Guinea folgende Briefe:
Quitta, 24. Juni. Der hiesigeDistriktS-Kornrniffar,' Kapitän Firrninger, befindet sich seit ca. acht Tagen auf einer Entdeckungsreise nach Bey Beach, Bageida und Porto Seguro. In Bey Beach hatte er ein Meeting mit den dort wohnenden Danoe- und Addafia-Häuptlingen, welche den Engländern seinerzeit Danoe abtraten, in Bey Beach jedoch absolut keine Macht haben. Seine Bemühungen, Bey Beach auf gütlichem Wege zu erhalten, sind denn auch bis jetzt erfolglos gewesen, da Ihr Agent zusammen mit den Hamburger Agenten sich hinter den König von Bey Beach steckten, welcher als Eigentümer dieser großen, etwa zwei englische Meilen von Bey Beach gelegenen Town sich entschieden weigerte, seine Hoheitsrechte an die Engländer abzutreten. In Bageida soll Herr Firrninger ähnliche Erfahrungen gemacht haben und erwarte ich balv näheres darüber zu hören. Man ist hier allgemein der Ansicht, daß Firrninger diese Reiseyauf eigene Rechnung und Gefahr unternommen habe, um sich kurz vor seiner Heimkehr noch einige Lorbeeren zu pflücken. Wären die Häuptlinge ihm williger gegenübergetreten, hätte Firrninger die Sache der zuständigen Behörde sicher so dargestellt, al« wenn die Leute ihm gekommen seien; ausgeschloffen ist natürlich durchaus nicht, daß er auf Ordre des Gou- vereurS gereist ist, um mit den Ansichten der machthabenden Häuptlinge (Chiefs) Fühlung zu bekommen. Sollte es wirklich in der Absicht der Engländer liegen, den Küstenstrich bis Porto Seguro zu nehmen, so würde das wohl ohne Anwendung von Gewalt nicht möglich sein, und glaube ich nicht, daß die Engländer dazu schreiten werden, indessen läßt sich mit reichen Versprechungen ja auch vieles erreichen. Jedenfalls darf man sich nicht durch die Prahlereien FirmingerS beeinfluffen kaffen, da man doch wohl ruhig annehmen darf, daß, wenn diese Angelegenheit wirklich schon so weit gediehen wäre, er sich wohl hüten würde, darüber in dieser offenen Weise mit jedem zu sprechen, der Lust hat, eS anzuhören. Ich meinerseits glaube mit sämtlichen Europäern, Engländern sowohl als
21 Eine unglückliche Königin.
Historische Erzühlung von R. Hoffmann.
Anna athmeie erleichtert auf und hoffte noch, daß Heinrich seinen bösen Sinn gegen sie ändern würde. In den nächsten Tagen geschah auch wirklich nichts Feindseliges gegen die Königin und sie glaubte ihre Hoffnung bestätigt zu sehen.
Ihre Feinde ruhten aber nicht, sannen vielmehr auf einen neuen Anschlag gegen Anna, da ste wußten, daß jetzt, wo der König seine Augen auf Johanna Seymour geworfen hatte, für die Ausführung ihrer Pläne eine äußerst günstige Gelegenheit vorhanden war. Alles Recht, alles Schamgefühl außer Acht laffend, pochten sie daher nut auf des Königs Leidenschaft für Johanna Seymour und auf seine tyrannischen Neigungen, wenn e« galt ein ungesetzliches Ziel zu erreichen, und diese frevelhafte Spekulation sollte gelingen.
Anstatt daß Heinrich ernsthaft gestrebt hätte, seinen Sinn auf ein edleres Ziel zu richten, brannte er bald nach der letzten Zusammenkunft mit der Königin nur noch in heftigerer Begierde für Johanna Seymour, hatte häufige Zusarnmmkünfte mit ihr und versprach ihr, ganz wie ehemals Anna Boleyn, die Königskrone, obwohl sich Heinrich noch durchaus nicht darüber klar war, wie er, wenn auch nur unter dem Scheine des Rechtes, , seine Ehe mit Anna Boleyn auflösen werde.
Heinrich brauchte sich darüber auch nicht den Kops zu zerbrechen, die Feinde Anna Boleyn« am Hofe und die päpstliche Partei nahmen chm diese Sorge ab.
Nach dem erbärmlichen Vorfälle, daß man die Königin de« Verbrechens der Blutschande beim Könige verdächtigt,
die Königin aber durch das würdevollste Auftreten ihrem Gemahl gegenüber diese Verdächtigung al« ein Produkt elender Verleumder zurückgeschlagen hatte, war eine gespannte Haltung zwischen den königlichen Eheleute eingetreten, viel spannender, als eS Anna wußte und empfand.
Heinrich fühlte sich seiner Gemahlin gegenüber al« un- gerechter, Böses im Schilde führender Gatte enllarvt, dazu kam seine Leidenschaft für Johanna Seymour und die tyrannische Absicht, sich mit dieser ehelich zu verbinden. Heinrich sah daher in seinem falschen Herzen, mit seinem verdunkelten Gemüte in seiner Gemahlin Anna Boleyn seine Gegnerin, feine Feindin, ja Heinrich kam in feinem bösen Sinnen und Trachten sogar schließlich auf den Gedanken, daß die von Ihm angefeindete Königin unter Umständen noch für Ihn gefährlich werden könnte.
Was vermochte zu geschehen, wenn ste ihre Freunde und alle Diejenigen, denen der König Unrecht und Leid zugesügt hatte, zu einer Verschwörung gegen de« Tyrannen Heinrich versammelte-
Anna dachte freilich niemals an einen solchen Plan, geschweige, daß sie ihn hätte ausführen wollen; aber der tyrannische Heinrich, der anfing, alle Menschenherzen für so schlecht und wankelmütig zu halten, wie sein eigenes war, wurde von diesem Gedanken in mancher düsteren Stunde gequält.
Dies erfuhr der Vertraute des König«, Lord Caffolk, und der hatte nun nicht« Eiligere« zu thun, al« diesen Argwohn Heinrich« gegen seine Gemahlin dem Bischof Gardiner und den übrigen Häuptern der geheimen Papstpartei am englischen Hofe mitzuteilen und nun war die Handhabe für die neue Jntrigur gegen Anna Boleyn ihren Feinden
gegeben und ste lauerten auf den paffenden Moment, um den Schlag auszuführen; dieser Moment mußte nach der Lage der Dinge bald eintreten.
In einer Aprilnacht deö Jahres 1536 konnte der von bösen Gedanken und schlimmen Argwohn geplagte König Heinrich keine Ruhe finden. Die Geister der Rache und deS nagenden Mißtrauen« folterten fein Herz, sodaß er schließlich von seinem Lager aufsprang, sich ankleidete und in rastlosen Schritten da« Zimmer durchmaß.
Dieser außergewöhnlicher Vorgang wurde von dem dienstthuenden Kämmerer dem in der Nähe schlafenden Lord Caffolk gemeldet und der Günstling begab sich zum Könige, um nach der Ursache von deffen nächtlicher Unruhe zu forschen. Der König führte mit sich ein laute« Selbstgespräch und Lord Caffolk horchte daher erst an der Thür.
Au« de« Königs Selbstgespräche ging hervor, daß er von einem fast zur fixen Idee gewordenen Argwöhne gequält wurde und daß die Worte Verrat, Untreue und verräterisches Weib fast ununterbrochen über Heinrich« Lippen kamen.
Diesen Zustand de« König« benutzte Lord Caffolk, um sich <n deffen Gunst zu erhöhen und um auch gleichzeitig die neue Jntrigue gegen die Königin elnzufädeln.
Urplötzlich trat Lord Caffolk in da« königliche Gemach, warf sich dem erschrockenen König zu Füßen und rief mit pathetischer Stimme:
„Majestät können ruhig schlafen, Majestät haben noch treue Diener, die über da« Wohl unsere« König« wachen und wenn Majestät wollen, so wird binnen kurzer Zeit der Verrat entlarvt und unschädlich gemacht sein.*
(Schluß folgt )