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Nr. 19»

Marburg, Sonntag, 24. August 1884.

XIX. JahrgMg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oooHaasenstein undVogler in Franlfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. DL, Berlin, Münchenund Mn: G. L. Daube und Co- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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AnzeigenInimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoneen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steinet i. Hamburg; Jnvalideudank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirte» SonntagSblatt*' durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen LV. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

W Bestellungen für den Monat September auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst ihren Beiblättern

Amtlicher Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes Somrtagsblatt werden von allen Postanstallen und in Marburg von der Expedition angenommen.

Die Rordpolexpeditioueu.

Der tragische Ausgang der amerikanischen Expedition, welche unter Leutnant Greeley zur Durchforschung der nörd­lichen Polargebiete auSgesandt worden war, hat den Blick von neuem auf jene kühnen Unternehmungen gelenkt, deren oberstes Ziel die Erreichung des Nordpols oder wenigsten« die möglichste Annäherung an denselben ist. In neuerer Zeit haben besonders die Nordamerikaner durch ihre auf diesen Punkt gerichteten Anstrengungen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, leider ist aber hierbei das unglückliche Ende der meisten dieser von amerikanischer Seite auS unter­nommenen Expeditionen zu konstatieren gewesen. Wir er­innern nur an daS Unglück derJeannette" mit dem entsetzlichen Nachspiel in der Lena-Mündung, an den Brand deSRodgers" an der sibirischen Küste und an die oben erwähnte Greenleysche Expedition, von deren 25 Teilnehmern nur noch sechs in einem kaum mehr menschenwürdigen Zu­stande gerettet werden konnten, während die übrigen längst den furchtbaren Strapazen der Reise erlegen waren.

Angesichts dieser Vorgänge ist eS nun allerdings be­greiflich, daß sich gerade in Nordamerika eine Reaktion gegen die Polarfahrten bemerklich macht; man sagt, die Forschungen dieser Unternehmungen ständen außer allem Verhältnis zu den Opfern an Menschenleben und Geld, mit welchen auch die geringsten Resultate derselben erkauft werden mußten, sie seien, wie dieNcwyorker StaatSztg." meint, für daS Gemeinwohl völlig nutzlose Experimente und eS könnten der Menschheit im großen Ganzen selbst aus der denkbar vollständigsten Ergründung der natur- wisienschaftlichen Rätsel, deren Schlüssel man am Nordpol sucht, schwerlich nennenswerte Vorteile erwachsen. Würde die Menschheit irgend etwas gewinnen, wenn die Polar­forschung feststellte, welche geheimnisvolle Kraft eS ist, welche die Magnetnadel nach Norden richtet, was daS Polarlicht bewirkt, und ob die Ursachen von Ebbe und Flut auf der Erde oder außerhalb derselben zu suchen sind? Mit diesen und ähnlichen Ausführungen, denen man übrigens auch anderswo als in der transatlantischen Republik be­gegnen kann, sucht man hier den Wert und die Bedeutung

der Nordpolexpeditionen herabzudrücken und der unglückliche AuSgang verschiedener Expeditionen der neuesten Zeit scheint diesen Ausführungen auch ein gewisies Gewicht zu ver­leihen. Aber gerade jener Umstand ist ein Beweis, daß die amerikanischen Expeditionen nicht mit jenem Maße von Erfahrung und Umsicht unternommen wurden, welches z. B. den von Nordenskjöld, Payer und Weyprecht, Koldeweg und Hegemann geleiteten Polarfahrten in hohem Grade eigen war, Unternehmungen, die ja bekanntlich so außer­ordentlich schätzenswerte Resultate zur Folge gehabt haben. In der That sind die amerikanischen Expeditionen meist Leuten anvertraut gewesen, die noch niemals in den Polar­regionen waren, die über die Verhältnifle in denselben nicht die genügende Orientierung besaßen, welche außerdem nicht die hier nötige Ruhe, Umsicht und Ausdauer hatten und so darf eS nicht Wunder nehmen, wenn diese Expeditionen in einer erschütternden Weise verunglückten.

Jndesien, auch die gegen den Nutzen der Polarforschungen gemachten Einwendungen erweisen sich bet näherer Betrach­tung als nicht stichhaltig. Frellich, um große pekuniäre oder handelspolitische Vorteile herauSzuschlagen, dazu wagt man sich heutzutage nicht mehr in die EiSwtldnisie der Polargebiete, für diesen Zweck stehen dem menschlichen Unternehmungsgeiste noch unermeßliche Gebiete in anderen Zonen unseres Planeten offen; die Polarforschungen stehen jetzt nur noch im Dienste der Wissenschaft und da gtebt eS noch Wichtiges zu erfüllen. Gerade die nördliche Polarzone bietet durch ihre wiffenschaftliche Erforschung die Lösung der wichtigsten Fragen der Physik der Erde, der Kenntnis der Vorgänge in dem die Erde umgebenden Luftozeau und des WafferozeanS an ihrer Oberfläche, dar. Ueberhaupt bietet die weitere Umgebung des Nordpols für die For­schungsprobleme auf den Gebieten der meteorologischen und erdmagnetischen Untersuchungen, wie auch auf denen anderer naturwissenschaftlichen Disziplinen, der beschreibenden, phy­sisch'geographischen, biologischen und geologischen, noch ein unschätzbares Arbeitsfeld dar und weiter würde auch die Erforschung der mineralogischen und geologischen Verhält- ntffe der eigentlichen Polarländer und diejenige ihres orga­nischen Lebens unzweifelhaft auch für das praktische Leben noch bedeutsame Ergebnisse liefern. In Europa ist man sich denn auch der hohen Bedeutung der Nordpolarexpedttionen nach dieser Richtung vollkommen bewußt und unaufhörlich bemüht man sich hier, durch sorgfältig ausgerüstete Expe­ditionen immer weiter in die Geheimnisse jener entsetzlichen EiSwüsten einzudringen. Die Nordpolexpeditton, deren Aus­rüstung gegenwärtig die russische Regierung in großartigster Weise betreibt und bei welcher alle Erfahrungen der früheren Unternehmungen eingehende Berücksichtigung gefunden haben, beweist aufs neue, daß man in Europa nach wie vor ent- schloffen ist, daS dunkle Problem der Entdeckung deS Nord­pols zu lösen.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Aug. Durch Allerhöchsten Erlaß an daS Staatsministerium vom 27. Juni er. ist bestimmt, daß fortan Beamte, welche von Sr. Majestät dem Könige oder mit Allerhöchster Genehmigung angestellt worden sind, ohne Erlaubnis Sr. Majestät deS Königs ein Nebenamt in einem anderen Staate nicht annehmen dürfen. Die Minister für Handel und Gewerbe sowie des Innern haben vor einiger Zeit neue Bestimmungen an stelle der bekannten Anweisung vom 4. September 1869 zur Ausführung der §8 16, 24 und 25 der Gewerbeordnung erlassen. Aus dieser ist hervorzuheben, daß hinfort bei allen nach § 16 konzessionspflichtigen Anlagen außer dem zuständigen Bau­beamten auch der Gewerberat (Fabrikinspektor) gehört werden muß mit alleiniger Ausnahme der Stauanlagen; ebenso bei Dampfkeffelanlagen statt des zuständigen Baubeamten, der mit der Revision der Dampfkeffel in dem betreffenden Be­zirke beauftragte Sachverständige, welcher allerdings in manchen Bezirken mit dem Baubeamten identisch ist. Von der Mitwirkung der Kreisphystker ist in der neuen An­weisung nicht mehr die Rede; doch bleibt ihre Zuziehung als Sachverständige stets zulässig, wenn aus erhobenen Widerspruch gegen den Antrag sanitätspolizeiltche Fragen zur Erörterung gelangen. Ferner soll in allen Stadt­bezirken der Antrag bei der städtischen Polizeibehörde ange­bracht und von dieser bis zur Abgabe an die Beschluß­behörde vollständig instruiert werden, während bei Anlagen auf dem Lande, sowie in den den Landgemeinden gleichgestellten Gemeinden der Landrat die Anträge entgegenzunehmen und zu instruieren hat. Bei Stauanlagen für Wafferbetrieb- werke in Bergwerken und Aufbereitungsanstalten, sowie bei Dampskeffelanlagen für diese sind die Anträge an den Bergrevierbeamten zu richten. Ist der Landrat oder der städtische Polizeiverwalter bei dem Unternehmen interessiert, so ist die Instruktion der Sache einem anderen Beamten zu übertragen. Bei der Besprechung im Reichsgesund- heitöamte über die Dr. Kochsche Entdeckung des Cholera­bacillus war von mehreren Seiten der Wunsch bezeugt, um die nun gewonnenen Kenntniffe mehr zum Gemeingut der praktischen, insbesondere der ein StaatSamt bekleidenden Aerzte zu machen, alljährlich eine Anzahl Aerzle behufs dieses Studiums nach Berlin zu berufen. Diesen Weg hat, wie derNat.-Ztg." berichtet wird, der Minister jetzt eingeschlagen. ES sind auS jedem Regierungsbezirke einige Aerzte, teils die Medizinal - Dezernenten der Regierungen selbst, teils geeignete Kreisphystker, hierher berufen, um einen vierzehntägtgen bis dreiwöchigen Kursus zur Er­lernung der neuen Forschungömcthoden behufö Ermittelung von Bacterien und Mikroben, insbesondere aber zur Kennt­nisnahme deS Kommabacillus und der Kulturmethoden zu deffen Reinzüchtung, wie Geh. Rat Koch sie mit Erfolg angewendet hat, durchzumachen.

Rostock, 20. Aug. Hier hat am 18. d. Mts. eine

20 @ittt unglückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Dies konnte aber der Köniz nicht wagen, wenn er nicht seine ganze Autorität und die Anhänglichkeit seiner Freunde im Lande auf daö Spiel setzen wollte. Zu solchen wider­spruchsvollen Schritten sträubte sich übrigens auch des Königs Stolz und Hartnäckigkeit und mürrischer und miß­mutiger wurde er von Tag zu Tag in seinem Gemüte.

Diese günstige Situation beuteten die Feinde der Köni­gin Anna aus und sie suchten nun eine Jntrigue zu spinnen, die sich direkt gegen die Existenz Anna Boleyn« richtete. Doch wurde ihnen dies im Anfänge recht sauer, denn an der Tugendhaftigkeit der Königin prallten alle ihre Ränke ab.

Nun suchten die Höflinge und andere Helfershelfer der katholischen Partei tn dem Vorleben der Königin irgend einen Makel zu entdecken, der sie unwürdig mache, die Ge­mahlin König Heinrichs zu bleiben. Aber in dieser Be­ziehung blieb noch einen Monat lang der gewünschte Erfolg auS, denn Anna Boleyn hatte sich als Hoffräulein eines so ausgezeichneten RufeS erfreut, daß weder ein wirklicher Makel ihres Vorlebens, noch ein falscher Ankläger gefunden werben konnte.

Diese Thatsache war aber weit davon entfernt, AnnaS wütende Feinde und rachsüchtige Neider zu entwaffnen, im Gegenteil schien der Mangel jexS Schulvbeweiseö AnnaS Feinde nur zu verzweifelten Ränken anzusporen, dabei pochten sie allerdings weniger auf ihre List als auf den brennend gewordenen Wunsch deS tyrannischen König», Johanna Seymour als Gemahlin zu besitzen und Anna Boleyn so rasch al« möglich los zu werden.

Und endlich hatten elende Spione mit Hülfe von Ver­leumdern und Klatschschwestern einen Makel an Anna Boleyn entdeckt; Sie sollte in ihre Jugendzeit mit ihrem eigenen Bruder blutschänderischen Umgang gepflogen haben und einige erkaufte Verleumder und bestochene Zeugen waren bereit, dieses angebliche Verbrechen Anna BoleynS zu be-

Die dabei zu Tage tretende Lüge und Schurkerei war zu infam, daß die Feinde der Königin diese Anklage an­fangs gar nicht offen zu erheben wagten; man wählte da­her einen anderen, sicherer« Weg, den der Verleumdung, deren Schlangengift der Bischof Gardiner, Lord Caffolk und einige andere im Dienste deS Bischofs stehende Höflinge in das von tyrannischen Neigungen erfüllte Herz König Heinrichs träufelten.

In Heinrichs Herzen, der ganz und gar in sinnlicher Leidenschaft für Johanna Seymour brannte, fand diese Drachensaat nur zu leicht fruchtbaren Boden und als mau ihn sogar von Beweisen und Zeugen sprach, begab er sich wutschnaubend zur Königin, um sie zu verhören.

Die schändliche Anklage, die ihr Heinrich inS Gesicht schleuderte, preßte allerdings AnnaS Herz in furchtbarem Schmerze zusammen, aber sie verlor die Fassung nicht und durchschaute in ihrem klugen Sinne nunmehr vollständig die Ränke ihrer Feinde.

Al« der König auSgetobt hatte im Schelten und Schmä­hen gegen seine Gemahlin, stand Anna mit ruhigem, er­habenem Antlitz vor ihm, ihre klaren und ehrlichen Augen fest auf Heinrich heftend, und in dieser Situation sagte sie in ihrer weichen, zum Herzen dringender Stimme:

Es ist weit gekommen mit meinem Gemahl, «eun er,

der mich seit Jahren kannte, der mich einst hochschätzte und mich ewig zu lieben versprach, jetzt meinen Neidern und Feinden mehr Glauben schenkt, als seiner eigenen, befferen Ueberzeugung. Heinrich, Heimtch," fuhr sie bann mit thränenerstickter Stimme fort,Du liebst mich nicht mehr und zwar nicht deshalb, weil ich Deiner Liebe unwert wurde, sondern weil Du Deine Augen und Deine Sinne an eine andere gehängt hast, deshalb schenkest Du auch willig den elenden Verleumdern Gehör, die schon lange mein Verderben wollen. Nun, wohlan denn, willst Du Dein Glück durch mein Verderben, Du kannst es, Du bist der mächtige König und ich ein schwaches Weib, gegen welches sich noch dazu fast alle Großen des Landes verschworen haben, weil stein mir die Ursache der Neuerungen erblicken, die Du selbst dem Königreiche gegeben. Verstoße mich mit meinem Kinde, schleppe mich in den Kerker, ich vermag nichts zu hindern, wenn Haß und Verleumdung die Herr­schaft über Dich ergriffen haben I"

Dann sank Anna auf einen in der Nähe stehenden Stuhl und erwartete stumm und mit über die Brust ge­kreuzten Händen ihr Schicksal.

Aber auch der König rührte sich nicht und sprach kein Verdammungsurteil, denn er war noch nicht aller mensch­lichen Regungen baar und die zum Himmel aufschreienden Worte Annas hatten ihn in seinem Innern entlarvt. Wiederum war aber auch Heinrich bereits zu sehr Tyrann und von seiner Leidenschaft für Johanna Seymour derartig beseffeu, daß sein hartes Herz sich nicht zu einer vollstän­digen Versöhnung mit seiner Gemahlin herbelließ, sondern nach einer peinlichen Pause verließ Heinrich stumm daS Gemach der Königin. (Fortsetzung folgt.)