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Marburg, Freitag, 22. August 1884.

xix. Jahrgang.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen teerten So Psg- beiea>net. _

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ÄlfMoss-m Frankfurt

Berlin,Münchenund

Jn' ®. L. Daube und

$ . in Frankfurt a. M.,

Heklin, Hannover u. PanS.

Anzeigen!nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a.M-; Hermann- fcheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i.Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Das mitteleuropäische Bündnis.

Die Varziner Ministerzusammenkunft hat den Blick nieder auf daS Verhältnis der deutsch österreichischen Allianz kinerseits zu Italien, anderseits zu Rußland gelenkt, zumal ha dieser Gegenstand in den Besprechungen zwischen dem -rgrsten BiSmarck und dem Grafen Kalnoky ebenfalls mit mt Erörterung gelangt sein soll. Namentlich sind eS die Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich einer- lld dem Apenninenstaate anderseits, welche jetzt mit kri­tischen Augen betrachtet werden, da man verschiedentlich Men will, diese Beziehungen hätten sich gelockert und sei mr Zett die Stellung Italiens im mitteleuropäischem Bunde »och undefinierbarer und unsicherer als früher. Schwer­wiegende Gründe für diese Behauptungen werden indessen nicht angeführt, nur die Unterstützung, welche Italien der englische» Regierung auf der Londoner Konferenz angedeihen ließ und wofür jene dem römischen Kabinett bekanntlich ihren Dank hat aussprechen laflen, wird als ein Zeichen hingestellt, daß sich das Verhältnis Italiens zu der dentsch- Ssterreichischen Allianz bedenklich gelockert habe.

Es wäre indessen sehr falsch, aus dieser zeitweiligen Annäherung Italiens an England auf eine Trübung der Beziehungen des ersteren Staates zu seinenAlliierten" zu schließen. Die Italiener sind eben praktische Leute und suchen für sich etn Profitchen herauszuschlagen, wo eS nur angeht. Hierzu scheint ihnen die Londoner Konferenz und eine engere Verbindung mit England diesmal geeignet zu sein; nächst England und Frankreich ist Italien an der egyptischen Frage ja auch wegen seines starken Handels­verkehrs nach Egypten und seiner zahlreichen Kolonisten im Nillande am meisten beteiligt, und man kann die italienische Regierung nicht tadeln, daß sie, um in den egyptischen Händeln ihren Vorteil zu wahren, beschloß, auf der Kon­ferenz möglichst mit England zu gehen. Deutschland und Oesterreich standen der egyptischen Frage mit einer gewisien Gleichgültigkeit gegenüber, die Haltung Rußlands war un­gewiß, an Frankreich mochte man sich, schon wegen der italienisch-französischen Eifersucht im Mittelmeer, nicht an­schließen und so beschloß man denn in Rom, auf der Kon­ferenz die Pläne England« fördern zu helfen, wahrscheinlich, weil die italienischen Staatsmänner durch ein Zusammen­gehen mit England in der egyptischen Frage eher die Inter­essen ihres Landes am Nil zu wahren glaubten. Ob dieser Kalkül richtig ist, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls folgert aber varau«, daß Italien in seiner Mittelmeer- Politik Beistand von Mr. Gladstone erwartet, noch nicht, daß man sich in Rom nun der Verpflichtungen wenn solche überhaupt existieren gegen Deutschland und Oester­reich zu entledigen sucht. Herr DepretiS und seine Minister- Kollegen sind klug genug, einzufehen, wie wertvoll unter allen Umständen die Freundschaft der beiden so eng ver­bundenen zentraleuropäischen Kaiserreiche für Italien ist und daß ebenso eine Erkaltung in diesen Beziehungen für

letzteren Staat leicht eine Isolierung im europäischen Konzert zur Folge haben könnte, trotz der englischenFreundschaft . Von einerLockerung" des Verhältnisses deS italienischen Königreiches zu den beiden Kaiserreichen kann daher nicht die Rede sein, um so weniger, als thatsächlich weder von Berlin noch von Wien aus die geringste offiziöse Andeutung vorliegt, daß eine solche Lockerung eingetreten wäre.

Was aber daS Verhältnis der deutsch - österreichischen Allianz zu Rußland anbelangt, so ist dasselbe noch das alte, freundschaftliche, auf gegenseitiges Vertrauen beruhende. Die Versuche, die von verschiedenen Seiten gemacht worden find, das enge Bündnis zwischen den zentraleuropäischen Kaiserreichen als eine Drohung gegen das Zarenreich hin- zustellen, sind nirgends ernst genommen worden und daher ist auch der anderweitige Versuch, Mißtrauen zwischen den Kabinetten von Berlin und Wien einer- und dem Peters­burger Kabinett anderseits zu säen, vollkommen gescheitert. Dagegen ist auch nicht die Rede mehr von der Wieder­herstellung des früheren Dreikaiserbündnisses und wird zur Erneuerung desselben auch schwerlich bet einer der drei Mächte Neigung vorhanden sein, da eben die politische Kon­stellation in Europa in den letzten zehn Jahren eine voll­ständig veränderte geworden ist. ES hat ja allerdings eine Zeit gegeben, in der eine gewisie Spannung in den Be­ziehungen deS Zarenreiches zu Oesterreich und namentlich auch zu Deutschland sich nicht verkennen ließ, eine Span­nung, auö welcher ängstliche Gemüter auf den bevorstehenden deutsch-russischen Riesenkampf schließen wollten. Aber die­selbe ist längst wieder geschwunden, besonders seit den Be­suchen des Herrn v. GierS in Varzin, und hat der freund­schaftlichen Entente Platz gemachtz welche jetzt unzweifelhaft zwischen der deutsch - österreichischen Allianz und Rußland besteht und es kann darum auch ferner diese Allianz, Italien in sie mit inbegriffen, als die beste Bürgschaft für die weitere Aufrechterhaltung des europäischen Friedens betrachtet werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Ang. Die Verschiebung der Kaiser­manöver, welche diesmal das 7. und 8. Armeekorps (West­falen und Rheinland) auSzusühren haben, fast um eine Woche, wird allgemein lebhaft erörtert. ES steht fest, daß die Gründe hierfür, welche noch geheim gehalten werden, darin zu suchen sind, daß für den Kaiser eine volle Woche zu freier Verfügung gewonnen werde. Hieran knüpft man die naheliegende Vermutung, daß in dieser Zeit, in welche russische Truppenmanöver an der russisch polnischen Grenze fallen, eine Zusammenkunft der Kaiser von Deutschland, Rußland und Oesterreich geplant sei; wir fügen indeffen hinzu, daß derK. Ztg." gleichzeitig die Nachricht zugeht, die Leibärzte des Kaisers seien angesichts der noch ge­planten Herbstreisen gegen wettere Reiseanstrengungen deS Kaisers. Wieweit also die Dreikaiserzusammenkunft ver­

wirklicht werden wird, muß dahingestellt bleiben. Nach den über die Entrevue in Varzin hier zirkulierenden Gerüchten, habe eS sich auch um Abwehrmaßregeln gegen anarchistische Umtriebe gehandelt; eS sei ein Einvernehmen erzielt, und der Zutritt Rußland« und der übrigen Staaten gesichert. Ferner würden Deutschland und Oesterreich bestimmt for­mierte Forderungen bezüglich der Entschädigung ihrer Uuter- thanen für Verluste in Alexandrien stellen. Auch die Dret- kaiserzusammenkunft wird ernst genommen, und die Ver­schiebung der rheinischen Manöver damit in Zusammenhang gebracht. Ferner spricht man von einer europäischen Konferenz im Herbst in Berlin, auf der sowohl dieCvngo- srage wie auch die egyptische Angelegenheit im weiteren Sinne verhandelt werden würde. Von einer Seite, die in chinesischen Angelegenheiten informiert ist, wird die in derHavaS"-Meldung erwähnte, bi« jetzt nicht bekannt ge­wesene Anwesenheit de« einflußreichen Engländer«, Zvll- dircktors Robert Hart in Shanghai, als Beweis des bei den dortigen Verhandlungen auSgeübten franzosenfeindlichrn englischen Einflusses dargestellt. Dem Vernehmen nach hat sich das Staatsministerium schon vor längerer Zeit mit der Frage der Errichtung von Gewerbekammern be­schäftigt und eS steht eine Verfügung an die Oberprästdien zum Zweck der Organisation dieser Kammern in naher Aussicht. Dieselben sollen in den einzelnen Bezirken, in welchen sie errichtet werden, dieselben Aufgaben zu lösen haben, wie der Volkswirtschaftsrat für die gesamte Monarchie. Es handelt sich um eine lokale Organisation, in welcher die Landwirtschaft, daS Handwerk, die Industrie und der Handel sich zu gegenseitiger Verständigung vereinigen, und in welcher die Verwaltung des Staats und des Reichs für ihre auf die Hebung des allgemeinen Wohlstandes gerichteten Be­strebungen eine wirksame Stütze finden können. Es be­steht demgemäß die Absicht, in jedem Regierungsbezirke eine solche Gewerbekammer zu errichten, welche sich aus Ver­tretern der vier bezeichneten Kategorieen der gewerblichen Thätigkeit zusammensetzen soll. Die Gestaltung und die Thätigkeit der Gewerbekammern soll mit der Selbstverwal­tung der kommunalen Verbände In der Weise in Verbin­dung gebracht werden, daß die Wahl der Mitglieder und die Aufbringung deS zur Erstattung ihrer baren Auslagen erforderlichen Geldbedarfs den Provinzialverbänden über­lasten werde. Um aber schon jetzt, bevor die etwas Zeit raubende Konstituierung der Gewerbekammern erfolgt ist, schon vorgehen zu können, sollen einstweilen provisorische Vertreter der Landwirtschaft, de« Handwerks, der Industrie und deS H uidels bezirksweise zu wtederkehrenden Konferenzen über einschlägige Fragen berufen werden. Bet der Aus­wahl der Mitglieder soll das Augenmerk vorzugsweise aus von landwirtschaftlichen Vereinen, Jnnungsverbänden, Han­delskammern und kaufmännischen Korporationen vorge­schlagene Persönlichkeiten gerichtet werden. Den Mitgliedern der Konferenzen werden ihre baren Auslagen, soweit sie

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is Eine »«glückliche Königin.

Historische Erzählung von R- Hoffmann.

I» seinen Gemächern verrann für Heinrich noch eine unruhigere, qualvolle halbe Stunde, während welcher er wohl hundert Mal all' daS Glück oder Unglück in bangen Ge­danken durchwog, waS ihm der heutige Tag bringen konnte.

Dann kamen endlich in fliegender Hast der Schloß­hauptmann Lord Chamberlain, Lord Caffolk, ein Leibarzt und einige Hofdamen in daS Zimmer geeilt, um ihn von feinen bangen Erwartungen zu befreien.

Lord Chamberlain sagte mit feierlicher Stimme:

Der Himmel ist unserem königlichen Hause gnädig gewesen. Ihre Majestät unsere allergnädigste Königin ist glücklich von einer gesunden und wohlgebildeten Prinzessin entbunden worden. ES lebe die neugeborene Prinzessin und unser ganzes königliches HauSl"

Die bei den ersten Worten ChamberleinS vor erwar­tungsvoller Freude strahlenden Züge König Heinrichs hatten sich indesten bei den WortenPrinzessin" merklich ver­düstert. Heinrich sagte zunächst keine Silbe, er konnte sich gar nicht mit den Gedanken versöhnen, daß ihm, nachdem » in der langjährigen Ehe mit seiner ersten Gemahlin Katharina von Aragonien auch nur eine Tochter gehabt hatte, jetzt in seiner Ehe mit Anna Boleyn wieder eine Tochter und nicht der seit vielm Jahren ersehnte Sohn ge­boren sein sollte. , ...

Endlich löste sich des Königs Zunge, aber nicht zu Worten der Freude und Genugthuung, sondern zu denen be« Unmutes und der Bitterkeit.

Ew. Lordschast sind ein alter Unglücksrabe," sagte der

König düster zu dem erschrockenen Lord Chamberlain.Ihr bringt mir nur Nachrichten, daß mir Töchter geboren sind. Ich will aber auch einen Sohn, einen Thronfolger, einen König für England haben I Soll mir daS Glück verschloffen sein, was jeder Bauersmann im Lande hat, einen Sohn zu besitzen? Unglückselige Zustände, wenn man als König von England von einem lächerlichen Schicksal zum Narren ge­halten wirdl"

Lord Chamberlain sagte nach einer Pause in großem Gleichmut:

Gestatten Majestät Ihrem unterthänigsten Diener zu sagen, daß man Gott für Alle« danken muß, wa« er uns schenkt und Majestät können auch an der Tochter viele und große Freude erleben. Die Prinzessin ist gesund und ihre erlauchte Mutter bereit« so kräftig, daß sie ihren gnädigen Gemahl empfangen kann."

Durch diese Worte wurde Heinrich einigermaßen in seinem Unmute besänftigt, er lächelte dem alten, treuen Lord Chamberlain freundlich zu und empfing dann die Glück­wünsche der Anwesenden zu der Geburt einer Prinzessin.

Während sich dann die Nachricht von diesem Ereignis im Schlöffe verbreitete und auch den draußen harrenden Lord« bekannt gegeben wurde, begab sich König Heinrich in Begleitung des Schloßhauptmannes Lord Chamberlain, Lord Caffolks, des Leibarztes und einiger Hofdamen in das Ge­mach der Königin, küßte ihr zärtlich Stirn und Wangen ung gab feiner Freude über ihre glückliche Entbindung Ausdruck.

Dann brachte man auch dem Könige fein neugeborenes Töchterlein, ein zarte«, feines, aber doch t ei Lebenskraft verratende« Kind, welche« der König ebenfalls herzte und küßte.

Die Königin, welche im Geheimen sich oft viel Sorge darüber gemacht hatte, statt mit einem Sohne, ihren Gemahl mit einer Tochter zu beschenken, war fast außer sich vor Freude, al« sie ihren Gemahl so glücklich wegen der Geburt der Tochter sah. Heinrich schien auch wirklich ganz zufrie­den zu sein, war liebreich gegen seine Gemahlin und die neugeborene Prinzessin und ordnete für beide die sorgsamste Pflege an.

Nach zwei Wochen fand auch unter Entfaltung aller königlichen Pracht die Taufe der Prinzessin, der Tochter Anna BoleynS, statt, und erhielt dieselbe den Namen Elisabeth.

Anna widmete sich in der Folgezeit fast nur der Pflege und Erziehung ihrer heißgeliebten Tochter, die herrlich ge- gedieh und schon in den ersten Kinderjahren große Gaben deS Geistes verriet, wodurch sie ihre Mutter entzückte und auch ihren Vater erfreute. Konnte man doch um so hoff­nungsreicher auf Elisabeth blicken, denn die fernere Ehe Anna BoleynS mit Heinrich VIII. blieb kinderlos, und da in England in Ermangelung eines männlichen Thronerben auch die Prinzessinnen thronberechtigt sind, so war Prin­zessin Elisabeth bestimmt, dereinst Königin von England zu werden.

Während aber die Königin Anna mit mütterlichem Eifer und Sorgfalt sich der Erziehung ihrer Tochter wid­mete, bemerkte sie nicht, wie sich im Herzen ihres Gemahles allwälig eine große Entfremdung vollzog. Die sittliche Basis im Charakter Hinrichs hatte sich nie durch besondere Stärke ausgezeichnet und war schon während seine Ehe­scheidung und durch die Streitigkeiten mit dem Papste er­schüttert worden. (Fortsetzung folgt )