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Marburg, Mittwoch, 20 August 1884.
XIX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Erpedrtion b. Blattes, sowie b.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; Audolf Moffe in Frankfurt 4. M., Berlin, Münchenund Mn: G- 2- Daube und Eo- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidcndank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Zlluftrtkte» Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet ------------------ ------------------- -— --———— ----
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Die Vertreter der Ausbeutungsindustrie, die im Jnlande möglichst billig produzieren will, um im Auslande die Konkurrenz durch niedrige Preise aus dem Felde schlagen zu können, nehmen stets den Mund gar zu voll von nationalen Phrasen, aber eine solche Industrie, die auf schmarotzerhafte Ausbeutung des Volkes basiert ist, kann nie von einer wirklich nationalen Wirtschaftspolitik gebilligt und unterstützt Werden.
Daß die riesig steigende Berfchuldung der Landwirtschaft kein Märchen, sondern eine traurige Thatfache ist, bedarf kaum noch deS Beweises. In der Provinz Brandenburg betrug die ländliche Grundbelastung im Jahre 1811 rund 131 Mill, und 1824 rund 168 Mill., 1883 aber ergab eine amtliche Schätzung eine Belastung von 731234000 Mk. Und das ist nahezu das 25fache des Grundsteuerreinertrages. Dabei sind die nicht hypothekarisch eingetragenen Schulden auf Handscheine und Wechsel noch nicht mitgerechnet. Im Jahre 1866 schätzte der Nationalökonom Roscher die Verschuldung deS Grundbesitzes in den alten preußischen Provinzen auf 50—55 Proz.; jetzt schätzt sie Profeffor Schmoller auf 80—90 Prozent deS Wertes des Grundbesitzes. Wie lange wird« also dauern, so sind wir dahin gekommen, wo man in manchen Teilen Oesterreichs bereits steht, daß die Verschuldung den Wert des Grundbesitzes bereits übersteigt. Daß das im einzelnen bereits tn großen landwirtschaftlichen Kreisen der Fall ist, ist bekannt. Die Zahl der gerichtlichen Subhastationen von G.undbesitz betrug in Preußen 1855 nur 678, tm Jahre 1875 schon 10000 und 1881 war die Zahl derselben auf 16044 gestiegen. In Sachsen gingen bei Den zwangsweisen Versteigerungen von Grundstücken in der Zeit vom 1. Oktober 1879 bi« Ende 1882 nach den vom sächsischen Justizministerium angestellten Erhebungen 30 Millionen Mark Kapital bei einer Kapitalschuld von 123 Millionen verloren, weil sie durch den Verkauf nicht gedeckt werden konnte. Die Hypotheken- und Wechseloank in München hatte in Pfandbriefdarlehen im J chre 1864 erst 16 Mill, angelegt, dagegen 1881 bereits 234 Millionen und 1882 383 Millionen und in den Jahren 1880, 81 und 82 wurden in Bayern 66916 Hektare Grundbesitz zwangsweise versteigert und 8549 Grundbesitzer wurden von Haus und Hof vertrieben. Das all»«, wie die fortwährende starke Auswanderung der ländlichen Bevölkerung nach Amerika und nach unseren Jndustrtegezenden beweist, daß die Lage der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine sehr üble und für die Dauer geradezu unhaltbare ist.
Es hat zwar immer gute und schlechte Zeiten für die Landwirtschaft gegeben, welche durch Mißernten, Wetterschaden oder KriegSzetten hervorgerufen waren; allein dieselben waren immer vorübergehend und die guten Jahre ersetzten wieder die Schäden der schlechten. Die jetzige schlechte Lage ist aber tn den dauernden Verhältntsien begründet und gerade
das ist das Schlimme. ES ist deshalb die Aufgabe, diese Verhältnisie zu ändern. Bor allem muß die unverhältnismäßig große Steuerlast der Landwirtschaft ermäßigt und es muß die deutsche Landwirtschaft gerade in bezug auf ihre wichtigsten Produkte gegen die Konkurrenz der Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus dem billiger produzierenden Auslande bester geschützt werden, als das bisher der Fall war, auf daß die Landwirtschaft wieder rentabler wird. Ferner müsten die Bauern gegen ihren schlimmsten Feind, die Hausier- und Schacherhändler durch Verbot des Hausierhandels geschützt werden. Selbst kann sich der Bauer vor der Aufdringlichkeit dieser Menschenklaste nur sehr schwer schützen und sie ist für ihn daS, was die Blutegel und Schmarotzerpflanzen für Mensch und Pflanze sind. Um die Befreiung der Bauern von den Schacherern und Wucherern zu erreichen, ist aber auch eine bessere Gestaltung des Kreditwesens nötig, und zwar so, daß das Kreditwesen für den Bauer nicht eine Versuchung und Veranlassung zum Schuldenmachen wird, und daß er andererseits, wenn er des Kredits wirklich bedarf, denselben ohne Schwierigkeiten, und zwar auf solide Weise, ohne Wuchergefahr haben kann. Zu diesem Zwecke wäre die Errichtung von Bauernschaftskassen nötig nach dem Muster der Ritterschaftskasten, welche sich für den großen Grundbesitz so wohlthätig erwiesen haben. Um die nötigen Grundlagen für solche Kasten zu beschaffen, ist eö nötig, daß die Bauern aus ihrer jetzigen Vereinzelung herausgenommen und die Bauerngemeinden wieder zu wirklichen sozialen Genostenschaften umgewandelt werden, welche als solche die Bauernschaftskasten bilden helfen. Von sehr wesentlichem Nutzen aber wäre es für die Landwirtschaft, wenn bann ihren Genostenschaftskasten das Recht der Ausgabe von Grund - Kreditnoten nach Art der Banknoten gegeben würde. Welch großen Vorteil die letzteren von diesem Rechte haben, ist hinlänglich bekannt. Dem Publikum würden diese Bauerngenostenschaftskasten, deren Unterlage eben der Grundbesitz der Genostenschaft bildet, eine größere Sicherheit - Gewähr bieten, alö die Banken mit ihrem manchmal recht zweifelhaften Grundkapital. Daß dieses Recht ein sehr wichtiges und wirksames Mittel wäre, um die Verschuldung deS Bauernstandes zu vermindern, liegt auf der Hand. Eine bestere Herausbildung deS Genossenschaftscharakters Der Bauerngemeinden wäre aber auch in sittlicher und sozialer Beziehung von der größten Wichtigkeit. Der Mensch muß überall In sozialen Gemeinschaften stehen, wenn er gedeihen soll. Die natürlichste Gemeinschaft ist die Familie; ohne die Zucht und Stütze der Familie verkommt der Mensch. Aber auch die Familie bedarf wieder einer größeren Gemeinschaft, und diese ist die Gemeinde; an ihr muß die Familie ihre Zucht und ihre Stütze haben, wenn sie gedeihen soll.
Die Auflösung dieses sozialen Genossenschaftscharakters der Gemeinden in bloße büreaukraiische VerwaltungSkörper- schaften ist, wie wir schon wiederholt betont haben, von
großem liebet gewesen und hat nur dazu gedient, daß Wucherer und habsüchtige Händler eine Familie nach der andern abschlachten, ohne daß die Gemeinde sich weiter um sie kümmert, als daß die Gemeindeverwaltung schließlich Den Exekutor für den Wucherer gegen die ruinierten Familien abgeben muß. Diese Vereinzelung der Familien hat auch daS in sittlicher wie sozialer Hinsicht so wichtige Heimat«- gesühl leider so sehr vermindert. Der Mensch liebt al« Heimat den Ort, wo er geboren und ausgewachsen ist, nur bann, wenn er in ihm auch eine sittliche unb soziale Zucht unb Stütze in guten und bösen Tagen findet — ohne solche sittlichen Bande wird ihm auch die Heimat zur Fremde. Daß aber in unserer Landbevölkerung sttüiche Zucht und gute Sitte wieder eine größere Macht werden muß, wenn sie sich wieder emporschwingen soll, ist unfraglich. Wenn die jetzt überall Angerissene Leichtfertigkeit, Genußsucht und Verschwendung, wie sie nur zu vielfach gepflegt wird, fortdauert, dann werden alle andern HÜfS- mittel sich als unwirksam erweisen. So lange nicht von der Gemeinde selbst in dieser Beziehung eine bestere Zucht geübt wird, helfen auch alle Pollzeiverordnungen nicht. Wenn die Gemeinden aber diese Zucht leisten sollen, dann muß ein wirksamer realer Antrieb dazu in sie hineingelegt werden, — bloße gute Ermahnungen helfen nichts — und das kann nur dadurch geschehen, daß der solidarische Genostenschaftscharakter der Gemeinden bester ausgebildet wird, so daß die Gemeinden wieder wirklich gemeinsame Interessen haben, deren Gedeihen von der soliden Haltung der einzelnen Mitglieder abhängt und deren Wohlthat und Nutzen auch dem Einzelnen fühl- und spürbar sind, so daß also die Genostenschaft wie der Einzelne sich in der gemeinsamen Erkenntnis begegnen, daß gute Zucht und Sitte die G und- laze ihres Wohles ist und deshalb eifrig gepflegt werden muß.
Die zuchtlose, nur auf die Ausbeutung des Einzelnen berechnete soziale Auflösung und Zerbröckelung der Gesellschaft muß hier wie überall als eine der Hauptursachen unserer sozialen Mißstände erkannt und beseitigt werden. Der Mensch bedarf überall der Gemeinschaft, wenn er gedeihen will. Das wissen gerade die Elemente am besten, welche am meisten zu der Auflösung unserer sozialen Ordnungen mitgewirkt haben.
Mag man über diese Vorschläge denken wie man will — so viel ist gewiß: die Lage der Landwirtschaft ist eine solche, die dringend Hilfe verlangt und der Staat muß helfen; beim er kann die Landwirtschaft, von welcher sich weit über die Hälfte der Bevölkerung nährt, nicht dem Ruin verfallen lassen. Ruin der Landwirtschaft, Verarmung und Proletarisierung der landwirtschaftlichen Bevölkerung ist gleichbedeutend mit dem Ruin des Staates und der Nation. Der Liberalismus steckt den Kopf in den Busch, leugnet den Notstand, weil et keine Hilfsmittel weiß; denn im manchesterlichen Rezeptenbuch stehen natür-
16 Eine unglückliche Königin.
Historische Erzählung von R. Hoffmann.
So setzte Heinrich die Jagd noch längere Zeit fort und achtete nicht Dabei auf feine an den Arsten der Bäume zerrissenen Kleiber, nicht auf die Wunden, die ihm Dornen unb Zweige am Gesicht und an den Händen beigebracht hatten, nicht achtete bet König auch auf sein abgehetzte«, todt- müdes Roß unb auf baS Zurückbleiben seines Gefolges, er dachte nut daran, seine Leidenschaft zu befriedigen unb den weißen Hirsch zu erlegen, alle« Andere war ihm gleichgiltig, ein Charakterzug Heinrichs, der später sehr verhängnisvoll tthtte unb selbst auf bet Jagd zum Ausdruck kam.
DaS gehetzte Wild würbe mdltch langsamer in seinem Laufe, denn seine Kräfte schwanden. Nähet unb nähet tarn jedoch König Heinrich heran und jetzt sah er den weißen Hirsch in einer Entfernung von kaum fünfzig Schritt vor sich, wie er sich mit ermatteten Kräften nur noch in langsamen Sprüngen vorwärts bewegte.
Da trieb Heinrich aus« Neue seinen Hengst mit blutigen Sporen an, um den Hirsch vollends zu erreichen. Aber dieser bot nun auch den Rest seiner Kräfte auf und eS entspann sich wiederum ein Wettlauf. Doch derselbe dauerte nicht mehr lange, nach einem Sprunge über einen Graben verließen dem Hirsch die Kräfte. Erfchipft stürzte da« gehetzte Thier auf die vorderen Läufe nieder und erwartete mit heraushängender Zunge, schäumendem unb schnaubendem Rachen sein Schicksal.
In wenigen Augenblicken hielt Heinrich vor dem ereilten ®&lbe. tz« war eine große, schlanke, weiße Hirschkuh, dir stöhnend vor ihm log. Er hätte Dem atmen Tiere,
welches wie demutsvoll sein Haupt vor dem Könige neigte, ba« Lehen schenken können, er konnte da« vollständig erschöpfte Tier von seinen Jägern einfangen und nach seinen Wildpark bringen lassen. Wäre die sanfte Königin Anna jetzt on Heinrichs Seite gewesen, so wäre dieser Akt der Menschlichkeit in einem solchen außergegiöhnlichen Falle auch gegen die weiße Hirschkuh geübt worden, aber daran dachte der ganz und gar von seinen Leidenschaften beherrschte König Heinrich nicht. Er stieß mit nerviger Faust der Hirschkuh den totbringenben Speer in ble Brust unb führte bann fein Jagdhorn an den Mund, um in hellen Tönen den zurückgebliebenen Genossen ben Sieg über ben Hirsch zu verkünden.
Nur wenige Sekunden dauerte eS und das Signal be« König« wurde mit dem welthallenden Trara der Jäger von allen Selten des Waldes beantwortet. Nun galt eS auch, so rasch at möglich an die Stelle zu kommen, wo das erlegte Wild lag unb König Heinrich hielt, unb ba« Jagd- Öge trieb mit erneutem Eifer feine Rosse an. Im Waide te unb lärmte es, die Büsche teilten sich unb bald befanden sich alle Jäger neben dem erlegten Wilde, dem Könige ihre Bewunberung unb ihren WaibmannSglückwunsch spendend.
Heinrich nahm die Huldigungen lächelnd auf, doch leuchteten dabei seine Augen in unheimlicher Glut und verrieten ben dämonischen, leidenschaftlichen Zug seines HerzenS, der bei der Jagd auf den Hirsch in solch eklatanter Weise zur Geltung gekommen war. Dabei zeigte aber auch König Heinrichs Antlitz die volle ritterliche Majestät, die in den Momenten, wo et sich so recht als unumschränkter Herr und Sieger fühlte, sich in seinem Gesichte abspiegelte und allen Lord« unb Herren, die ihn umgaben, flöhte er damit
einen gewaltigen Respekt und ein heimliches Grauen ein, Denn sie fühlten Alle, wa« e« zu bedeuten haben würde, des Königs Zorn zu erregen.
Während man ben erlegten Hirsch betrachtete unb einige Erfrischungen zu sich nahm, ließ Lord Caffolk, der stet« der Hauptwortführer in den Privatangelegenheiten des König« war, die Worte fallen:
„Ach, hätte man doch diesen seltenen Hirsch zum Schmucke von Ew. Majestät Wildpark lebendig fangen können, e« ist fast schade, daß da« seltene Tier tot ist."
König Heinrichs Augenbrauneu zogen sich bei diesen Worten seine« Günstling« in leichtem Groll zusammen und bann erwiderte er mit spöttischem Lächeln:
„Ew. Lorbschaft beste Ratschläge haben immer ba« Mißgeschick, daß sie zu spät kommen. Frellich hätte man diesen weißen Hirsch lebendig einfangen können, aber wir dachten tn unserem Jagdeifer nicht daran. Da« Tier hatte einen vermaledeiten, zähen Lauf unb wohl zehn Mal glaubten wir e« schon unter dem Speere zu haben, al« e« sich Immer wieder aufraffte unb sicher noch entronnen wäre, wenn unser wackerer Ali (fo hieß de« König« Schimmelhengst) nicht noch mehr Kräfte al« der Hirsch besessen hätte. Wo waren aber Ew. Lorbschaft mit Ihrem Klepper, al«, wir den Hirsch ereilt hatten? — Wohl tausend Schritte hinter un«? — Wäre der kluge Ratgeber dagewesen, so konnten wir den Hirsch gemeinsam binden und fesseln, da wäre der Rat zeitig genug gekommen und wir hätten Ihrer Majestät, meiner Gemahlin, den lebenden weißen Hirsch zum Angebinbe überbringen können, zu ihrer Freube unb zu unserer Ehre." (Fortfetzimg folgt)