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Nr. 19«

Marburg, Dienstag, 19 August 1884.

XIX. Jahrgang.

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Die veziehnuzea Italiens zu dem deutsch - öster­reichischen Bündnisse.

Die Haltung Italiens auf der Londoner Konferenz, wo es sich mit der Türkei an England anschloß, scheint eine größere Bedeutung zu haben, als man anfangs dachte. Daß Italien immer nur eine halbe Stellung zu dem Bündnis hatte, trat ja aus verschiedenen Anzeichen hervor. Die italienische Regierung fühlt sich im Bunde mit Oesterreich ihren Irredentisten gegenüber offenbar unbehaglich, da sie eS nicht wagt, diesen Elementen so energisch entgegenzutreten, wie eS die BundeSgenoffenschast mit Oesterreich erforderte. DerMagdeb. Ztg." wird geschrieben:

Bezeichnend für die Verschiebung innerhalb der europäischen Mächtegruppierung ist die Thatsachc, daß diejenigen Mächte, die noch im vorigen Jahre mit schlecht verhehltem Mißtrauen auf die wachsende Freundschaft Deutschland und Oesterreich- UngarnS blickten, Frankreich und Rußland, in diesem Jahre mit vollkommener Seelenruhe der Varziner Reise des Grafen Kalnoky zusehen; andererseits legen die drei Mächte, die vordem keinen Anlaß zu irgend welcher Beunruhigung in einer Begegnung der Leiter der deutschen und österreichischen Politik fanden, England, Italien und die Türket, diesmal Mißtrauen und Beunruhigung an den Tag. Ob diese Gefühle wirklich berechtigt sind, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls sind ste der Ausfluß eines schlechten GewiffenS. Der Dank, den Granville in Rom und Konstantinopel für die gewährte Unterstützung auf der Konferenz aus- sprechen ließ, beweist am besten, daß sich Italien und die Türkei von dem Boven des mitteleuropäischen Friedens- bündniffeö entfernt und der Unruhe stiftenden Politik Glad­stones genähert haben. Beide Staaten haben oft genug eine eigentümliche Geschicklichkeit in der unter Umständen verhängnisvollen Kunst entwickelt, sich zwischen zwei Stühle zu setzen, und mehr als einmal hat ihnen die überlegene Slaatskunst des Fürsten BiSmarck das Gefährliche einer solchen Stellung zu Gemüte geführt; ob ste nunmehr mit ihrem schwierigen Experiment mehr Glück haben werden, darf füglich bezweifelt werden.

In der WienerDeutschen Zeitung- lesen wir:

Wenn man unS recht berichtet, so haben sich die Be­ziehungen Italiens zu Oesterreich - Deutschland wohl­bemerkt, nicht bloß zu Oesterreich, sondern, und fast mehr noch, zu Deutschland in letzter Zeit sehr erheblich ge­lockert. Die Rolle, welche die italienische Regierung auf der Londoner Konferenz gespielt und die ihr den stark kom­promittierenden Dank Englands eingetragen, hat in Berlin sehr böse« Blut gemacht, und die Spannung hat sich ver­schärft, nachdem England einen ihm dargebotenen Weg zum Einlenken nicht ganz zart abgewiesen und Italien, ob richtig berechnend oder nicht, bleibe dahingestellt, Miene gemacht, die zunehmende Isolierung Englands teilen zu wollen. «Wir und Italien" so zitiert man unS eine Aeußerung Bismarcksind nicht mit einander verheiratet; wir unter»

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, forme b.Annoncen-Bureaux »onHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham­burg, Magdeburgu.Wien: Rudolf Messe in Frankfurt e. M., Berlin, Münchenund Mn: G. L Daube und Eo- tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Um 5 Uhr morgens bewegte sich von der Piazza Bittorio Emanuele ein gigantischer Train vonPatrioten" nach dem Munizipalpalaste, wo unter den provokanten Klängen der Garibaldi- und Mameli-Hymne ganze Berge von Krän­zen und Gutrlanden niedergelegt wurden. 36 Afloziationen nebst mehreren Mustkbanden darunter die de« Munizi- piums! befanden sich im Zuge. Die schmutzigen, zer­lumpten Garibaldischen Rotjacken die Clowns des jungen Italiens fehlten natürlich eben so wenig, wie die Circoli Guglielmo Oberdank",Bassi- undBarsanti'. Die Musik spielte wiederholt Trauer - Hymnen I Der Ruf Abbasso PAustria, Morte al Croati, evvive Oberdank, il biondo martire!14 (Nieder Oesterreich, Tod den Kroaten, hoch Oberdank, der blonde Märtyrer) gellte fortgesetzt durch die Straßen, die der Zug passterte. Die Polizei verhielt sich auch hier passiv. Man verteilte ganze Körbe voll Oberdank-Bilder" und Hetzschriften, während ab und zu die niederträchtigsten Standreden gegen Oesterreich vom Stapel gelassen wurden. Die wüste Scene dauerte mehrere Stunden. Jeder Kommentar dazu ist überflüssig.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie bAnnoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Invalidenbank in Berlin,

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____________________ W. Thiene« in Elberfeld.

Erscheint tägUch außer an den Werktag«, nach Sonn- unb Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilagedllustrirteS SvnntagSblätt" durch die Expedition (K och'fche Buchdruckerei) bezogen S'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Znle lO Pfa §ür in der Expedrilon zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet V'9"

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halten wenig mehr als eine Liaison, und nichts hindert uns und Italien, auseinander zu gehen, wie wir zusammen­gekommen sind, nichts als vielleicht das Interesse."

Wir erhalten auS Rom über die Haltung Italiens und das deutsch-österreichische Bündnis folgende Zuschrift:

Ueber der Politik Herrn Mancinis waltet augenscheinlich ein fataler Stern, und das unselige Schaukelsystem, an welchem auch er trotz aller guten Vorsätze festhält, beginnt sich zu rächen. Seit er auf der Londoner Konferenz die Gladstonesche Politik int Widerspruch mit den Zentral­mächten unterstützt hat, weht über den Jsonzo hinweg ein so scharfer und allianzwidriger Wind, daß selbst die opti­mistische Konsultapreffe notgedrungen davon Notiz nehmen muß. Diesen Umstand benutzen englische Blätter zu den widerlichsten Hetzereien, die hier natürlich großen Wiederhall finden und ihre Wirkung bereits auf die Börse zu äußern beginnen. DieStandard"-Version über den angeblichen Ausschluß Italiens aus dem Dreibunde ließe sich allenfalls noch hören und verdauen, zumal derStandard" mit Vor­liebe in Sensation und Einbildungmacht". Aber selbst Daily News", die doch dem englischen Kabinett nahestehen, gefallen sich in ähnlichem Humbug, sofern sie dem Fürsten Reichskanzler sogar bestimmte Verwahrungen gegen Italiens Freundschaft in den Mund legen in der malitiösen Ab­sicht, die beiden Nationen dadurch gründlich zu verhetzen. NachDaily News" hätte Fürst BiSmarck ausdrücklich jede Möglichkeit eines ferneren guten Einvernehmens mit Italien ausgeschloffen I Darüber ereifert sich die Crispi. Levysche Riforma" entsetzlich. Sie schreit entrüstet nach einem amt­lichen Dementi! Anders, d. h. ungleich gehässiger verfährt das demokratisch jüdischeDiritto", um seiner Galle gegen Deutschland Lust zu schaffen. ES verfällt nämlich von den Lektionen des KrakauerCzaS" profitierend wieder in den alten Verhetzungston, indem es bezüglich der Orient­frage allerlei Insinuationen austischt, die ganz geeignet sind, die drei Kaiserreiche unter sich zu verdächtigen und zu ver­hetzen. Und dies erbärmliche Spiel, daS nun schon seit fast einem Semester in den Spalten des Konsulta Reptils getrieben wird, duldet Herr P. S. Mancini l Damit ist was sein angebliches Germanophilentum anbelangt alles gesagt. Nach den traurigen Ersahrungen, welche Deutsch­land in dieser Hinsicht letzthin machen mußte, kann es nicht verwundern, daß die angebliche Allianz erheblich in die Brüche geraten ist. Und d--s ist für Deutschland sicherlich zu verschmerzen, denn Italien ist und bleibt ein RevolutionS- Staat par excellence, der sich schon deswegen nur bis zu einer gewissen Grenze zum Alliierten eignet.

In Bologna ereignete sich neulich wieder ein be­klagenswerter Kommemorationsskandal, den die Moderaii- Preffe umsonst totschweigen möchte, um Oesterreich nicht noch in höherem Grade zu verstimmen, als eS leider bereits durch die Affaire Tecchio geschehen ist. Bologna feierte nämlich den Gedenktag der Vertreibung der Oesterreicher, zu Pferde. Allen voran sprengte der König Heinrich auf seinem edlen Schimmelhengste unb in immer größerer Eile ging eS üb r Wiesen unb Felber, Hecken und Gräben dem flüchtigen Wilde nach.

An ein baldiges Ereilen desselben war gar nicht zu denken, der leichtfüßige weiße Hirsch zeigte eine ganz außer­gewöhnliche Schnelligkeit und Ausdauer und die Jäger und die Hunde hatten schon die größte Mühe, um daS Wild nicht aus den Augen zu verlieren.

Nach längerem Jagen ging der Hirsch durch einen Fluß unb in gewaltigem Sturzbabe folgten ihm Hunde und Jäger, da an dieser Stelle des Fluffes keine Brücke vorhanden war und in dem Jagdeifer wahrscheinlich auch gar nicht benutzt worden wäre.

Durch den Flußübergang hatte der Hirsch einen größeren Vorsprung gewonnen, da et leichter und schneller als die Hunde unb Pferde an das jenseitige Ufer gekommen war, unb nun stürmte der Verfolgte mit Aufbietung seiner letzten Kräfte weiter über die Ebene, um einen Wald zu erreichen, der in einer Entfernung von ungefähr einer Biertelmeile sich erhob.

Erreichte btt Hirsch den Wald, so war die Jagd nach ihm höchst wahrscheinlich verloren, denn in den Bäumen, Büschen unb Gestrüpp deS Walde» kam der Hirsch ungleich rascher vorwärts als Pfetbe und Hunde unb fein Einholen war höchst schwierig. Deshalb boten auch die Jäger Alles auf, um den Hirsch noch vor dem Walde zu erreichen ober ihm den Weg dahin zu verlegen.

Aber dieses Vorhaben mißlang, der Vorsprung deS ver­folgten Wilde« war zu groß, und ehe noch Hunde oder

15 Eine unglückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Erwartung und Freude erglänzten auf dem Antlitze des königlichen WaidmanneS und mit scharfen Ohren suchten alle Jäger sich zu vergewiffetn, ob daS Wild auch wirklich sich dem diesseitigen Waldsaume nähere unb sich nicht viel­leicht, plötzlich bie Richtung ,feine« Laufes ändernd, immer tiefer im Walde verliere und seine Verfolgung zuletzt un­möglich mache.

Doch der Klang der Waldhörner unb das Gebell der Hunde kam immer nähet und die Jäger teilten sich, rechts und links dicht vor dem Walde Aufstellung nehmend, um da« Wild nicht auSbrechen und feinen Lauf wieder zurück in den Wald nehmen zu lasten.

Noch einige erwartungsvolle Momente traten ein, die Jäger faßten die Zügel ter schnaubenden Rosse unb den Jagdspeet festet unb nun konnte bie königliche Parforcejagd beginnen.

Wie ein Pfeil von de« Bogens Sehne flog au« dem Saume deS WaldeS ein weißer Hirsch und nahm seinen windesschnellen Lauf über die weite, sich vor dem Walde anS- brdtenbe Ebene.

Jauchzenbe Jagdtufc erschollen auS bem Munde des Gefolges des Königs, denn ein weißer Hirsch war ein fette« "es Jagdstück unb die Erlegung desselben spannte den Eifer Aller an.

Wie ein Sturmwind begann nun die große Patforce- Jagd. Die durch die Hunde des königlichen JagogefolgeS ^rstärkle Meute stob lärmend hinter vem fliehenden weißen Hitsche her und in stürmischer Hast folgten ihm die Jäger

Deutsches Reich.

Berit«, 16. Aug. Graf Kalnoky wird bereits morgen ans Varzin hier zurückerwartet und, wie verlautet, einet Einladung deS Kaisers nach Babelsberg Folge leisten. Wenn auch begreiflicherweise übet die Gegenstände der Ver­handlung in Varzin Mitteilungen nicht vorliegen, so bietet doch die Berufung teS Generalkonsuls von Alexandrien, v. Detenthal, einen Anhaltspunkt. Konsul v. Derenthal gilt für den genauesten Kenner e.yptischer Verhältnisse, hat als solcher auch an der Londoner Konferenz teilgenommen, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die egyptische Frage in Varzin einen Hauptpunkt der Verhandlungen bildete, denn sonst wäre bie spezielle Berufung DerenthalS dorthin kaum erklärlich. ES liegt der Gedanke nahe, daß speziell die von Deutschland zweimal auf der Konferenz angeregte, vom Vorsitzenden bekanntlich auS formellen Grün­den zutückgewiefene Frage der Sanitälskontrolle in Egypten in Varzin besprochen wurde. ES ist kaum anzunehmen, daß Fürst Bismarck diese Angelegenheit, nachdem er sie einmal angeregt, so ohne weiteres wieder aufgeben sollte. Der preußische Gesandte bei der Kurie, Herr v. Schlözet, ist gestern abend zusammen mit bem Münchener Porträt­maler Lenbach von Varzin hierher zurückgekehrt. Herr v. Schlözer wird sich alsbald zum Besuch seiner Ver­wandten nach Lübeck begeben. Seine Rückkehr nach Rom dürfte nicht vor dem Monat Oktober erfolgen. In hie­sigen Hoskreisen weist man die Möglichtcit einer Zusammen­kunft unseres Kaisers mit dem Kaiser von Rußland gelegent­lich bet in Russisch Polen stattfindenden Manöver keines­wegs von der Hand, wenn man auch nachdrücklich betont, daß Bestimmtes In dieser Beziehung noch nicht festgesetzt und namentlich die Frage noch nicht entschieden sei, ob bie Jäger den Saum des Waldes erreichten, war der Hirsch in dem Schatten desselben verschwunden.

Doch König Heinrich, deffen Jagdlust der seltene weiße Hirsch ganz besonders gereizt hatte, befahl eine rasche Fort­setzung der Parforce-Jagd im Walde.

Den Jagdspeer über dem Haupte schwingend und seinem edlen Rosse die Sporen gebend, verschwand König Heinrich im weiten Sprunge zuerst im Walde unb eilte den Hun- ben, welche die Fährte deS Hirsches noch hielten, in leiden- fchaftlicher Waidmannslust nach.

Die übrigen Jäger folgten indessen dem Könige nicht so rasch. Teil« vermochten ste nicht so schnell wie et mit ihren Pferden durch den Wald zu bringen, teils wollten sie aber auch nicht durch einen allzu tollkühnen Ritt ihr Leben auf daS Spiel setzen. Mehrere der LordS kamen durch das Scheuwerden einzelner Pferde vor den Bäumen des Waldes auch aus dem Sattel unb anbere waren von bet Parforce-Jagb bereits so erschöpft, daß ste nur noch im langsamen Trabe sich vorwärts bewegten.

König Heinrich verfolgte daher fast ganz allein noch den Hirsch, nur Lord Caffolk und ein Leibjäger hatten ihren königlichen Herrn Im Auge zu behalten vermocht, sprengten aber auch wohl hundert Schritte hinter ihm her.

Der König verfolgte den weißen Hirsch mit einer hart­näckigen, ja lebensgefährlichen Leidenschaftlichkeit. Er trieb seinen schaumbedeckten Hengst zwischen den Bäumen de« Waldes immer wieder zu neuen Galoppsprüngen an, sobald ein Dickicht das Tier zu einer langsamen Gangart genötigt &atte- (Fortsetzung folgt)