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JUarßurg, Sonnabend, 16 August 1884.

XIX. Jahrgang.

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Das Ende des Kongresses in Versailles.

So wäre denn nun die große und berühmte VerfassungS- rcviston ganz nach den Wünschen des Herrn JuleS Ferry beendet. Wir haben nicht die Absicht, dem gestern abend um 7 Uhr 15 Minuten in Versailles dahingeschiedenen Kongreß eine lange Leichenrede zu halten oder das Ergeb­nis seiner Beratungen eingehend zu zergliedern. WaS dort vom Senat und Deputiertenkammer im Verein beschlosten wurde, hat gar keine praktische Bedeutung, und wir können diesen ganzen Kongreß beim besten Willen, unS gelinde auözudrückcn, nicht anders nennen als eine Spiegelfechterei der Deputierten gegen ihre Wähler, oder einen mehr oder weniger wissentlichen Selbstbetrug. Der Vater der Revision ist der Deputierte Barodet, der nach den letzten Wahlen das Bedürfnis fühlte, von sich sprechen zu machen. Zu diesem Zwecke suchte er nun, was in ähnlichen Fällen gar nicht genug empfohlen werden kann, nach einerSpeziali­tät" und fand eine solche in der Berfasiungsreviston. Das weitere Verfahren ist originell genug. Barodet wußte eS bei der Kammer durchzusetzen, daß ein Ausschuß mit ihm als Vorsitzenden gewählt wurde, der als mittelalterliches Glaubens- und Gewisiensgericht alle politischenGlaubenS- bekenntntfle" untersuchte, vte die Deputierten ihren Wählern gemacht hatten und auf die hin sie gewählt worden waren. Da es nun in Frankreich Sitte ist, daß die Deputierten in den Kandidatenreden alles Denkbare und Undenkbare versprechen, auch den Mond, wenn eS gewünscht wird, so fand sich denn auch, daß die große Mehrheit sich verpflichtet hatte, Frankreich im Laufe der Session mit einer Ber- faflung zu beglücken, wie die Welt noch keine Verfassung gesehen hat. Daraus folgerte man nun, daß das Land die Revision dringend wünsche, obwohl es sich gar nicht darum bekümmerte; der äußersten Linken war die Geschichte sehr angenehm, denn sie bot die beste Gelegenheit, allePrin­zipien" in hoher Schule vorzureiten, den tiefgefühlten Drang nach Lärmmachen zu befriedigen und möglicherweise auch dem gehaßten Ministerium Ferry ein Bein zu stellen. Als Ferry noch nie so fest stand wie heute, verpflichtete auch er sich zur Revision und band sich dadurch die Hände; als es aber zur That kommen sollte, war ihm die Revision gar nicht mehr erfreulich, und da er inzwischen zu größerer Macht gekommen war und sich eine zuverlässige Mehrheit herangczogen hatte, so machte er jetzt eine recht unschuldige Revision, einebegrenzte", wie man sich ausdrückte, in Wahrheit aber eineRevision pour rire. Das Ver­sprechen, durch das sich Ferry gebunden hatte, ist nun ge­löst, der Form ist Genüge gethan und Frankreich wird sich dabei weder besser noch schlechter befinden. Die einzigen Bestimmungen von wirklich greifbarer Bedeutung sind der sogenanntePrtnzenparagraph", der die Mitglieder früherer Herrscherfamtlien für unfähig erklärt, zu Präsidenten der Republik gewählt zu werden, und ferner das nunmehr in die Verfassung eingeschriebene Verbot, die republikanische

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sie sich bewußt war, von ihrer Seite keinen Anlaß gegeben zu haben, um den stolzen Thron einer Königin von Eng­land zu besteigen, eS war ja Alles König Heinrichs Werk und Wille gewesen und sie, das arme Hoffräulein, hatte,sich nach langem Sträuben dem Willen des Gewaltigen endlich fügen müssen.

Man wird eS daher begreiflich finden, wenn Anna, so­viel in ihren Kräften stand, das Werk einer von ihrem königlichen Gemahl für England geplanten kirchlichen Re­formation unterstützte und alle Gaben ihres Geistes und Herzens aufbot, um den König von dem hohen Werte einer kirchlichen Reformation zu überzeugen.

Heinrich hätte diesen Schritt aber kaum wagen können, wenn er dabei nicht von mehreren Kirchenfürsten und vielen Theologen Englands, denen die päpstliche Gewalt auch schon oft ein Stein deö Anstoßes gewesen war, unterstützt worden wäre. Hauptsächlich war cs der Erzbischof Cranmer von Canterbury, welcher dem Könige mit Rat und That in dem großen Vorhaben zur Seite stand und so geschah nach eini­ger Erwägung endlich der gewagte Schritt:

König Heinrich VIIL sagte sich und sein Reich von der päpstlichen Kirche los, ja unter der Zustimmung des Parla­mentes ließ sich der König sogar selbst zum Oberhaupt und Protektor der Kirche in England machen und der Erzbischof Cranmer von Canterbury wurde der geistliche Oberhirt deS Landes.

Noch wäre es vielleicht möglich gewesen, diesen Schritt rückgängig zu machen, wenn Papst KlemenS einen versöhn­lichen Weg eingeschlogen; aber gerade daS Gegenteil davon geschah, denn der Papst schleuderte auf den König Heinrich und ganz England den Bannfinch.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d Annoneen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frantfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin,

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Regierungsform durch eine andere zu ersetzen. Aber auch die Wichtigkeit dieser Punkte ist nur scheinbar, denn eine monarchische Mehrheit würde diese Artikel ja einfach auf­heben können, eben so wie die jetzt republikanische Mehrheit sie angenommen hat. Dann wäre nach aller Form Rechtens verfahren und die Republikaner könnten sich nicht einmal über Verletzung der Verfassung beklagen. Fraglich bleibt eS allerdings, ob eine monarchische Mehrheit sich überhaupt so viel Gewissensbedenken machen würde, um zur Beseitigung dieser republikanischen Bestimmung eine solche Menge von Förmlichkeiten zu erfüllen. In dem einen wie dem andern Falle aber würde klar zutage treten, daß man mit den jetzt gefaßten Beschlüssen in Wirklichkeit durchaus kein Bollwerk gegen die Monarchie errichtet hat. Ob Republik oder Monarchie, ist keine Rechts-, sondern eine Machtfrage.

Ferrys Einfluß auf Kammer und Senat hat sich dabei aufs glänzendste bewährt. Mehreremal schien es, als ob die Mehrheit schwankend werde und die Erreichung der nötigen Stimmzahl (429) gefährdet sei. Jedesmal aber, wenn es zur Abstimmung kam, bewährten sich FerryS Stimm­truppen und die Schlußmehrheit (509, also 80 Stimmen mehr als nötig) übertraf sogar die gehegten Erwartungen. Heute morgen (14. August) wird Ferry in der Kammer aus Anlaß der chinesischen Beratung einen schweren Strauß zu bestehen haben; der gestern (13. Aug.) im Kongreß davongetragene Sieg wird ihn stark genug machen, um auch im Palais Bourbon über seine Gegner zu triumphieren. Das Land würde sonach über den AuSgang der Kongreß­beratungen nicht betrübt zu sein brauchen und daS Mini­sterium könnte sogar recht zufrieden sein, wenn nicht jene entsetzlichen Kundgebungen der Roheit und Verwilderung, wie wir sie in Versailles erblicken mußten, einen schwarzen Flecken auf die parlamentarische Vertretung Frankreichs und somit auch auf das Land geworfen hätten. Schon ein flüch­tiger Blick auf die Verhandlungen konnte von der Disziplin­losigkeit und dem geringen parlamentarischen Anstande ein Bild geben, die in jener Versammlung herrschten.

DaS hiernach erhaltene Gesamtbild ist, man möchte fast sagen, schimpflich für die Kammer und traurig für das Land, das zu seiner Vertretung keine andern Männer finden konnte als solche, die mit den einfachsten Regeln der Höf­lichkeit und des Anstandes auf dem Kriegsfuße stehen. ES ist selbstverständlich, daß diese Worte nicht auf alle Mit­glieder deS Kongresses Bezug haben können, aber daß sie auf sehr viele zutreffen, hat der Kongreß nur allzu schlagend bewiesen. Im ganzen aber überwiegt heute das Gefühl der Freude, daß die ganze Komödie endlich aus ist, und wenn irgend ein Umstand mildernd zu gunsten der Ver­anstalter und der Lärmer deS Kongresses spricht, so ist eS der, daß sie die Beratungen nicht noch länger auSgesponnen haben. Das einzig Erfreuliche am ganzen Kongreß ist sein Ende. (K. Z )

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien; Audolf Stoffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Mn: G- L- Daube und 6o. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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13 Eine unglückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Aber daS Land, welches den König Heinrich einst mit der päpstlichen Kirche verband, war bereits sehr gelockert, denn das seltsame Verhalten des PapsteS während der ge­planten Ehescheidung und auch der unleugbare Umstand, daß König Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragonien, al« der Witwe seines Bruders, gegen die kanonischen Gesetze, aber unter ausdrücklicher Erlaubnis des Papstes geschlossen »erden, hatten Heinrichs Glaubenstreue erschüttert und er sann auf Mittel, sich der päpstlichen Gewalt zu entziehen.

Bet dem schon damals große despotischen Neigungen verratenden Charakter Heinrichs mußte er bald auf ein Radikalmittel verfallen, und zwar dasjenige der Lossagung vom Papste. ES lag dieser Schritt auch deshalb sehr nahe, »eil damals die große protestantische Bewegung durch die Welt ging und auch in England viele heimliche und offene Anhänger hatte.

Nicht wenig zu dem betreffenden Entschlüsse trug auch König Heinrichs junge Gemahlin bet, denn Annas Neigung vrd Geistesrichtung war einer kirchlichen Reformation günstig Sesinnt, wobei allerdings auch zu bedenken ist, daß Anna sowohl wie ihr königlicher Gemahl an eine Abwehr der östlichen Drohungen denken mußte, denn Anna Boleyn

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Aug. Zu Ehren des Geburtstage« deö Prinzen Heinrich fand heute bei den Majestäten auf Schloß Babelsberg ein Familiendiner statt, woran außer den Mitgliedern des königlichen Hanfes auch der nachmit­tags eingetroffene Großherzog und die Großherzogin von Baden teil nahmen. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Ein Teil der deutschen Presse giebt sich daS Ansehen, eines Dementis dcS Berichtes zu bedürfen, welchen der römische Reporter keöHamb. Korrespondenten" überfeine Unterredung mit Herrn v. Schlözer erstattet hat. ES kann nicht Aufgabe staatlicher Behörden sein, sich in eine Pre^ Polemik über Aeußerungen einzulassm, welche im Privat­gespräch unter vier Augen angeblich gefallen sind. Wir unsererseits sind über den Vorgang hinreichend unterrichtet, um versichern zu können, daß die Mitteilungen desHamb. Korrespondenten" über jene Unterredung ungenau find, und der päpstliche Stuhl in einer ihn zufriedenstellenden Weise Gewißheit davon erhalten hat. DieTimes" setzt in ihrer Nummer vom 7. d. Mts. unverdrossen ihre Hetzereien fort und affichiert nach wie vor ihren BlowitziS- mus. Die Verstimmung deutscher Blätter über englische Unfreundlichkeit giebt dem Blatte Anlaß, unS als übel­launig zu bezeichnen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß dieserAnfall" bald vorübergehen werde.Es sei schwierig, Leute zu befriedigen, welche den verachten, der ihnen nachgiebt, und den anmaßend nennen, welcher eS nicht thut." Es giebt keinm ungerechteren Borwurf gegen eine Politik, welche, wie die deutsche, nicht« erstrebt, als die Vertretung berechtigter Interessen ihrer Reichsangehörigen und die Wahrung der Rechte deutscher Souveränetät auf dem Fuße der Gleichheit mit allen anderen Staaten, Eng­land nicht ausgeschlossen. Wir wissen nicht, wo England sich jemals nachgiebig gegen uns gezeigt haben sollte, wohl aber wissen wir, daß Deutschland seit Jahren die englische Politik in der uneigennützigsten Weise unterstützt hat, ohne dafür etwas anderes zu ernten, als übelwollende Behand­lung seiner überseeischen Interessen nicht nur von feiten Englands selbst, sondern auch von dessen Kolonialregierungen. Die deutsche Frage, ob England Anspruch auf Angra Pequena besitze, hat das Kabinett von St. James acht Monate lang unbeantwortet gelassen und das Vorgehen der Kap Regierung, welches bezweckt, daS Aufkommen deut­scher Niederlassungen in Afrika zu hindern und die Existenz- bedingungen derselben zu verschlechtern, scheint bei den austra- ltschen Kolonieen Englands Nachahmung finden zu wollen. Die Kolonieen beuten die Suprematie ihre« Mutterlandes zur See aus, wie sie können, und behandeln es ihrerseits als Anmaßung, wenn andere gleiches Recht und gleiches Licht mit ihnen beanspruchen. Wir dagegen haben niemals denjenigen verachtet, der uns nachgiebt, und erklären für anmaßend nur selche, welche unS ungerecht behandeln. Wenn Deutschland in seiner Gewissenhaftigkeit sich hat ver-

Nun war die Kluft zwischen England und Nom zu groß, zu ungeheuer geworden und die Trennung Englands von der päpstlichen Kirche und der Ungehorsam König Heinrich« gegen jede päpstliche Aufforderung eine vollendete Thatsache.

Wenn man aber meint, daß Heinrich mit dieser Tren­nung auch eine Verleugnung des katholischen Glaubens und eine Einführung der protestantischen Dogmen verband, so irrt man sehr, Heinrich gründete nur eine selbstständige Anglikanische Kirche" mit katholischer Grundlage und ver­folgte dabei sowohl die Anhänger der päpstlichen, als auch der protestantischen Kirche und erst in späterer Zeit, wo er fürchten mußte, von den Anhängern deS Papsttums seine anglikanische Kirche bedroht zu sehen, wurde er duldsamer gegen die Protestanten.

Einfach und friedlich konnte natürlich diese große Wand­lung sich für England nicht vollziehen. Heinrich fand für seine Reformation nicht nur im Auslände, beim Papste Klemens und Kaiser Karl V. viele Gegnerschaft, sondern auch im eigenen Lande. Viele Edelleute, Bürger und Bauern Englands waren mit der kirchlichen Reformation ihres Königs nicht einverstanden und Heinrich, der einmal die verhängnisvollen Bahnen des Despotismus betreten hatte, zeigte große Lust, mit den ärgsten Strafen die Widnfpen- stigen heimzusuchen. Er wollte alle seine Untertanen, welche seine anglikanische Kirche nicht anerkannten, topfen und deren Vermögen konfiszieren lassen, doch gelang e« wenigstens in der ersten Zeit der Sanftmut und den güt­lichen Zureden der Königin Anna, ihren GemaP von den Hinrichtungen abzuhalten, wenn et auch die Vermögen«- konfiskationen fetten wieder aufhob. (Fortsetzung folgt.)

Mt nach katholischem Rechte »egen ihrer angeblich wider­rechtlich abgeschlossenen Ehe als eine Ehebrecherin, die eine Prinzessin von Geblüt von der Seite König Heinrichs ver­fängt hatte, und wenn diher der Wille des Papstes in Streit siezte, durfte sich Anna Boleyn auf die ärgsten «trafen gefaßt machen.

i Dagegen empörte sich natürlich Anna« Herz, zumal wett