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Nr. 1»O

31iflt6utg, Donnerstag, 14 August 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlattcS, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M.,s Ham­burg, Magdeburg u. Wien: Rudolf Messe in Frankfurt 6. M., Berlin, Münchenund Kölns G. L. Daube und Co- m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig;

I. Barck u. Co. in Halle: W. ThieneS in Elberfeld.

®rtocin3SS^" W-rltag-n nach Sonn- und Seiertogen. WreiS für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirte» S-NNtagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche 4iuch ruckerei) bezogen i /. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark aO Pfg (excl. Bestellgebühr.» - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Heile 10 Ma Für tn der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet °

Rachwehe« der Kovfereuz.

Nichts zeichnet die ungemütliche Stimmung der eng­lischen Regierungskreise deutlicher, als die unaufhörlichen Leichenreden, welche der verunglückten Konferenz in der englischen Presse nachgehalten werden. ES ist der Mühe wert, näher darauf einzugehen, denn Gladstone weit entfernt, auS der erhaltenen Schlappe eine Lehre zu ziehen setzt alle Mittel in Bewegung, um den Angelpunkt seiner Politik, die Störung der guten Beziehung unter den kon­tinentalen Großmächten fortzusetzen. Diese Hetzpolitik ist dermaßen durch eine für das Festland beschämende Ver­gangenheit tn die Auffassungsweise des weltbeherrschenden Kolvnialvolkes übergegangen, baß man sich ungläubig, wie aus einem Traum erwachend, die Augen reibt, weil man plötzlich vor der vollendeten Thatsache eines in internatio­nalen Fragen geeinigten Europas steht. So kommt es, daß auch Toryblätter, die bisher gewohnt waren, Glad­stones deutschfeindliche Politik zu bekämpfen, in der Kon­stituierung eines europäischen Großmachtssystems nunmehr eine Gefahr für die Soncer-Machtstellung Englands er­blicken, und in die ministerielle Lärmtrompete miteinstoßen.

Wieviel auch englische Politiker und Preßstimmen daran herumzerren mögen: das Resultat deS Kongresses bleibt immer die Feststellung eines europäischen Vercikts. Daß ein solche« möglich wurde, ist der pacifizterten Situation auf dem Festlande zu danken. Wer hat diese geschaffen? In erster Linie die deutsche Politik, so antworten wenig­sten« die Offiziösen Gladstones. Darum ist Deutschland der Feind nach englischer Auffassung, und nur die deut­schen Jntriguen haben die Konferenz mit so großem Eklat scheitern lasten. Gewiß liegt ein Kern Wahrheit in dieser Behauptung. Wir werden aber gleich zeigen, wie eigen­tümlich, angesichts der offenkundigen Sachlage, sich in britischen Köpfen immer noch die Welt abfpiegelt.

Die europäische Entente, welche so viel Schrecken jen- seit des Kanals hervorgerufen hat, ist allerdings das Ideal jeder konservativen Friedenspolitik, welche an Stelle der Willkür daS aus dem Schiedsrichterspruch der geeinigten Kabinette eruierte Recht setzen und diese« durch die Macht der Autorität und wenn sein muß der Waffen schützen will. Die allgemeine Volksströmung tn Europa ist immer mehr und mehr auf eine Perhorreszierung der Vernichtungskriege gerichtet. Nationale Lebensfragen sind an keinem Orte brennend und die Gegensätze der Raffe in ein und demselben Lande streben ebenfalls nach einem fried­lichen Ausgleich. Dagegen ist die Sehnsucht nach dem Orient tn allen Völkern in den Vordergrund getreten. Dieser Expanstonsdrang, das Bedürfnis der wirtschaft­lichen Erweiterung der Nationen, ist in verschiedener Weise unter den Slaven, Germanen und Romanen der Antrieb zu unhaltbaren Bewegungen geworden. Afrika, Asten, Australasien und Polynesien bieten noch unabsehbare Strecken zu geistiger und materieller Kulturarbeit. Damit dieselbe

ii Eine ««glückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Die Verlobung Annas mit Lord Percy wurde offiziel aufgehoben. Anna schrieb ihrem ehemaligen Bräutigam noch einen Brief, in welchem sie diesem ihren Entschluß aufzuklären und zu entschuldigen suchte, obwohl siebte inne­ren Borwürfe gegen Lord Percy nicht tadellos treu gehan­delt zu haben, nicht los wurde.

'Aus allen diesen Begebenheiten und auch aus den Aus­zeichnungen, unter welchen König Heinrich Anna Boleyn auf Schloß Wlltshire hatte geleiten lasten, sowie auch auö dem Umstande, daß Heinrich VIII. auf Schloß Wlltshire häufig Besuche machte, wurde es natürlich aller Welt klar, in welchem Verhältnisse der König zu Anna Boleyn stand, doch ahnten die Höflinge und LordS damals noch nicht, daß Heinrich der VIII. Anna Boleyn zur Königin erheben wolle, um sie vollständig besitzen zu können; man glaubte nur, Anna würde schließlich die Rolle einer Mattreffe des Königs spielen, wobei sich allerdings Alle in dem Charakter Anna Boleyn« schwer getäuscht hatten.

Die Königin Katharina, welcher die Zurücksetzung nicht entging, die ihr ihr Gemahl angedeihen ließ, ertrug dieselbe mit stiller Würde, indem sie wohl hoffte, daß die Neigung König Heinrichs für Anna Boleyn nur eine vorübergehende sei und sie dadurch in ihrer Stellung als Gemahlin nicht beeinträchtigt werden würde.

Im Leben Heinrichs VIIL folgt nun ein hochwichtiger Abschnitt, von dem map nicht genau sagen kann, ob derselbe lediglich der Ausfluß einer raffinierten, despotischen und grausamen Handlungsweise, verbunden mit einer unbesieg­baren Leidenschaft des Königs für Anna Boleyn war, oder

an den verschiedensten Orten und von allen Nationen ge­deihlich tn Angriff genommen und fortgeführt werden kann, ist vor allem erforderlich, daß jene Bewegungen in ein legitime« Bett gelenkt werden. Und das kann wiederum nur geschehen, wenn der Ausgangspunkt derselben, also Europa, durch Konstituierung eines schiedsrichterlichen Groß­machtssystems auch außerhalb Europa gesetzliche Zustände und internationales Recht herstellt. Von dem Einvernehmen der Großmächte hängt also die Zukunft der außerenglischen europäischen Kolonisation ab. Den mächtigen Zug der Zeit erkennend, hat deshalb der deutsche Reichskanzler unablässig auf ein solches Einvernehmen hingearbeitet. Die einstim­mige Ablehnung der englischen Forderungen betreffs Egyp­tens war der erste Beweis, daß ein solches erreicht sei. Darin liegt der Triumph und in den englischen Augen das Verbrechen der BiSmarckschen Politik.

Am 17. Mat d. I. sagte Gladstone im Unterhause: Ich glaube, daß eS unbeschadet des allgemeinen Ge­setzes der Gerechtigkeitunsere Pflicht ist, die Suprematie Englands auf der ganzen Ausdehnung des Erdballs auf­recht zu erhalten." Diese Worte finden ihre Illustration in den neuerlichen Artikeln des BerlinerTimes" - Korre­spondenten, welche Deutschland mit Hohn und Spott ob seiner KolonisationSpläne überschütten. Sogar in den Spalten konservativer Blätter kann man lesen, daß Eng­land in seiner Kolonialpolitik nach den Ratschlägen Europas nicht zu fragen habe, und daß es nach wie vor nach eigenem Ermeffen aus eigener Machtvollkommenheit handeln werde. DieTimes" sucht tn späteren Artikeln etwas einzulenken, und diePall Mall Gazette" rät wieder zur gegenseitigen Annäherung. Das Verhalten Deutschland gegenüber wird tndeffen erst durch daS Bemühen charakterisiert, mit welchem man daS alte Liebeswerben am Quai d'Orsay wieder auf­nimmt. DieDebatS" bringen eine Erläuterung zur Haltung Deutschlands, welche in diplomatischen Kreisen Londons als vom Kabinett ausgehend kolportiert wird. Fürst BiSmarck heißt eS da u. a. bedient sich Italiens als ein Gegengewicht gegen Oesterreich, um auf den einen mittels des andern eine Pression auszuüben. Ebenso muß ihm Rußland die Rolle spielen, um bald Oesterreich, bald England, bald die Türkei in Schach zu halten, je nachdem eS den Erforderntffen seiner Politik entspricht. Daraus könne die feindliche Haltung deS Fürsten BiSmarck zum englischen Kabinett ihre Erklärung finden. Sie entspringt nicht dem Wunsche von seiner Seite mit Frankreich in eine ernsthafte Entente zu treten, sondern der Absicht, es Eng­land fühlen zu laffen, wieviel Wert daS Wohlwollen und die Unterstützung Deutschlands selbst für eine Kolonialmacht wie Großbritannien haben und ihm zu verstehen zu geben, daß, wenn diesem etwas daran liegt, sie zu erlangen, eS nur um den Preis gewiffer Konzessionen geschehen könne. BiSmarck verlange von England ein direkte« Zusammen­gehen nicht nur in ter egyptischen, sondern auch in allen

ob in dieser denkwürdigen Epoche der RegierungSzeit Hein­richs VIII. religiöse Ueberzeugungen auch eine thatsächliche Rolle spielten nnd nicht nur zum Deckmantel der häufigen despotischen Thaten deS Königs dienten.

Anerkannt muß werden, daß den ReligionS- und Glau­benssachen von König Heinrich VIII. eine große Wichtig­keit beigemeffen wurde und derselbe sich fast seine ganze sechsunddreißtgjährigc Regierungszeit hindurch mit Religions­angelegenheiten beschäftigt hat.

Schon lange Jahre vor der Zeit, ehe Heinrich VIII. Anna Boleyn kennen lernte, war er für die Religion und daS war die damals herrschende, römisch katholische Kirche, begeistert. Dafür gießt es unbestreitbare historische Beweise.

Während der ersten Hälfte der RegierungSzeit Heinrichs VIIL war der Kardinal Wolsey dessen mächtiger Ratgeber und Günstling und auf dessen Rat griff König Heinrich immer nur zu Gunsten der päpstlichen Kirche in dir dama­ligen Welthändel ein, in denen bekanntlich die Päpste fast immer Partei für den einen ober anderen Monarchen nahmen.

AuS diesem Grunde schloß Heinrich VIII. im Jahre 1512 mit dem Kaiser Maximilian I. ein Bündnis gegen den König Ludwig XII. von Frankreich und besiegte den letzteren auch in der sogen. Sporenschlacht bet Guinegate.

Im Verlaufe dieses Krieges steht man aber auch, wie Heinrich VIII im Stande sein konnte, seine Entschließun- dcn plötzlich zu ändern, wenn persönliche Vorteile sich ihm boten ober er sich von seinen bisherigen Freunden hinter- gangen glaubte.

So schloß Heinrich, ohne den Sieg von Guinegate ge­hörig auszunutzen, mit Frankreich Frieden und sogar mit Ludwigs XII. Nachfolger, Franz L, ein Bündnis gegen

anderen Fragen. Mit anderen Worten, Deutschland wolle England zu sich hinüberztehen und e« von Frankreich ent­fremden, ebenso wie eS schon Rußland von Frankreich isoliert habe.

DaS also ist des Pudels KernI Man gerät in Ver­suchung, den alten Kalauer vom schwedischen Kanzler Oxenstierna wieder wach zu rufen, der an seinen Sohn schrieb: Du glaubst nicht, mit wieviel Dummheit die Welt regiert wird. Dasselbe alberne Gespenst, welches 1882 die Franzosen aus Egypten verscheuchen mußte, daS bei jeder Streitfrage mit Frankreich wieder auf der Bildfläche er- schien und daS noch beim Abschluß deS letzten Präliminar­vertrages, verbrämt mit einer schnell geschaffenen holländischen Erbfolgefrage, seine Rolle spielte, wird nun zum so und so vielsten Male wieder hervorgesucht, um Frankreich miß­trauisch gegen den unter Deutschlands Aegide gebotenen europäischen Beistand zu machen. Die Stellung de» fran­zösischen Kabinetts ist heute eine solche, daß jene Kinder­schreckmittel nicht mehr verfangen.

Die englische Presse spricht ihre Verwunderung darüber aus, daß man in Deutschland das Ereignis von der be­vorstehenden Mission des Lord Northbrook vollständig ignoriere. Der Grund davon ist, daß man diese Sendung hier eben nicht für ein Ereignis hält; es kann ziemlich gleichgültig sein, wer die englischen Kunststücke am Nil fortzusetzen versucht, die Lord Dufferin und Clifford Aoyd mit so wenig Erfolg inszenierten. Nun scheint man tn London daran die Folgerung zu knüpfen, in Berlin gebe man sich den Anschein, die wahre Absicht jener Sendung nicht zu erkennen, um für eine baldige Annäherung dis­poniert zu bleiben, was in gutes Deutsch übersetzt so viel heißen soll: für kleine Konzessionen in Angra Pequena wird Deutschland für immer die Augen über die englische Aktion in Egypten zudrücken. Diese Illusion wollen wir dem britischen Kabinett gern gönnen. Vielleicht bewirkt sie, daß man im englischen Kolonialamt fortan die überseeischen Rechte europäischer Staaten besser respektiert, als es bisher der Fall war. Die englische Nation aber mag sich daran gewöhnen, überall, wo sie sich zu eigenmächtigen Gewalt- thätigkeiten verleiten läßt, sei es am Mittelmeer, sei eS an der Walfischbai, ein deutsches:Hände wegl" erschallen zu hören.________________(R.-B.)

Deutsches Reich.

»erlitt, 12. Aug. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin sind gestern abend auS Homburg eingetroffen und haben dauernden Aufenthalt auf Schloß Babelsberg ge­nommen. Der Kronprinz von Schweden wird gegen Mitte September hierher kommen, um den Kaiser zu den großen Herbstmanövern am Rhein zu begleiten. Die Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Angaben der Blätter über Schritte der Regierung betreffend ein seeräuberischeS Attentat auf den HandclskutterDiedrich" sind notwendig

Kaiser Karl V., da der gleißnerische und ehrgeizige Franz I. Heinrich den Glauben beizubringen wußte, daß Kaiser Karl V. nach der Weltherrschaft strebe, während die« doch gerade bet Franz I. von Frankreich der Fall war, der sich selbst die Kaiserkrone auf das Haupt setzen und Karl V., den Enkel Maximilians, stürzen wollte.

Im Jahre 1521 wechselte Heinrich VIII. auf Betrei­ben seines Ratgebers und GünstlingS, des Kardinal Wolsey, aber abermals feinen Entschluß. Kaiser Karl befand sich in arger Bedrängnis und der Kardinal Wolsey hoffte, daß eS ihm der Kaiser Dank wiffe», ja bei der nächsten Papst­wahl vielleicht sogar ihn, den Kardinal Wolsey, als Papst durchsetzen würde, wenn er bewirkte, daß Heinrich VIII. von England sein Bündnis mit Frankreich aufhebe und ein solches mit dem Kaiser abschlöffe.

Heinrich folgte den Ratschlägen WolseyS, aus welchen dem Könige, dem Kardinal Wolsey und England die höchsten Ehren und große Vorteile erwachsen sollten. Heinrich brach mit Frankreich und stellte sich auf die Seite deS Kaisers Karl.

In dieser Zeit zeigte auch Heinrich VIII. seinen außer­ordentlichen Eifer für die katholische Sache. Er schrieb gegen Luther im Jahre 1521 -ine eifrige Verteidigungs­schrift der päpstlichen Kircke und erhielt dafür vom Papste den Ehrentitel Defensor fidei, Verteidiger deS Glaubens.

Heinrich VIII. und fein Günstling Wolsey sahen sich aber in den folgenden Jahren in ihren Erwartungen auf Kaiser Karl und die päpstliche Kirche gründlich getäuscht, denn beider im Jahre 1523 vollzogenen Wahl eine« neuen Papste« wurde nicht der Kardinal Wolsey, sondern Bischof Julius von Florenz unter dem Namen Clemens VII. zum Papste «wählt. (Fortsetzung folgt.)