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Marburg, Mittwoch, 13. August 1884.
XIX. Jahrgang
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Eine unglückliche Königin.
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England und Deutschland.
Der sonst so deutsch-freundliche Londoner „Standard" schreibt:
„ES sind leider nur zu viele Symptome vor und zur Unterstützung der an sich hinreichend augenscheinlichen Theorie, daß England gegenwärtig nicht da« thätige Wohlwollen Deutschlands genießt. ES ist keine Uebertreibung, zu behaupten, daß in der Konferenz England weder von dem deut,chen, noch von dem österreichischen Bevollmächtigten irgend welchen Beistand erhielt. Kein Aufwand von Scharfsinn kann die Thatsache verhehlen, daß die englische Regie- rung in der Konferenz einen scharfen Rückstoß erlitt und es ist so sicher, als eS fein kann, daß Fürst Bismarck denselben verhindern konnte, wenn er die« gewollt hätte. Fürst BiSmarck thut, was ihm beliebt. Wir werden uns nicht beunruhigen lassen, weil er in böser Laune ist, noch werden wir ermangeln, den Grafen Münster nötigenfalls daran zu erinnern, daß Deutschland noch nicht das ganze Europa ist, oder baß der beleidigende Unsinn der Berliner Zeitungen, die ihren Sold von Barzin beziehen, in England nach ihrem wirklichen Werte beurteilt wird. Die Freundschaft Deutschlands ist keineswegs unentbehrlich für England, obwohl eS nicht so lange her ist, daß die Freundschaft Englands so absolut unentbehrlich für Deutschland war, daß ohne dieselbe Elsaß und Lothringen im gegenwärtigen Augenblicke französisches Territorium fein würden. ES heißt kaum zu wett gehen, wenn wir hinzufügen, daß ohne unsere Freundschaft Elsaß und Lothringen wieverum französisches Territorium werden können. Ungeachtet Der jetzigen gegenteiligen Beweise sind wir nicht geneigt, zu glauben, daß Fürst BiSmarck eine thätige Feindseligkeit gegen England nährt, denn er ist ein geduldiger uno weitsehender Staatsmann und er kennt nur zu gut die ungeheuren Schwierigkeiten, mit denen Deutschland noch zu kämpfen hat. Die Angra- pequena-Affalre hat ohne Zweifel dem Berdrusie des Fürsten Bismarck als Stimulus gedient, aber es ist zu lächerlich, vorauszusetzen, daß die kleine Meinungs-Verschiedenheit, die zwischen Earl Derby und dem deutschen Kolontalamt über diesen Gegenstand zu existieren scheint, irgend ein wirkliches Gewicht in der Gestaltung der Haltung Deutschlands gegen uns gehabt hat. Aber ob dem so war oder nicht, ist gleichgültig für unS. In gewissen Dingen sind wir zuerst Engländer und erst in zweiter Reihe Parleipolittker. Wir halten nicht unsere Backe der Ohrfeige hin. Wir können Unfreundlichkeit mit Unfreundlichkeit vergelten und Schläge mit Schlägen, von welcher Seite her dieselben auch kommen mögen."
Die Ansicht, daß Deutschland allein der englischen Freundschast Elsaß - Lothringen verdanke, dürfte in Frankreich nicht minder große Heiterkeit erwecken, wie bet uns. In Deutfchland war man vom Sturze Napoleons III. an bis zum Friedensschlüsse aus England keineswegs gut zu sprechen, denn das Verhalten desselben sah nach allem anderen
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Historische Erzählung von R. Hofsmann.
Doch hätte sie sich dann in den Augen der Königin selbst anklagen müssen, wenn sie alles der Königin Katharina mitteilte, da sie selbst und keine andere die gefährliche Nebenbuhlerin der Königin im Herzen König Heinrichs ge- worden war! — Und das Alles hatte sie gar nicht erstrebt, « war doch Alles nur König Heinrichs Werk.
Mit diesen quälenden Gedanken trat Anna in die Gemächer der Königin und in einer Verlegenheit, die sie nie vorher gekannt hatte, küßte sie der damaligen Hofsttte gemäß der Königin Katharina die Hand.
Das Auge der ahnungslosen und stets gütigen Katharina ruhte wie immer mit herablassende« Wohlwollen auf dem von ihr bevorzugten Hoffräuletn, aber heute war der milde Blick der Königin für Anna Boleyn von sehr schlimmer Wirkung Anna kam sich vor wie eine Schlange, der vor dem tödtlichen Biß ein unschuldiges Kind zulächelt, sie schauderte vor der Rolle, die sie jetzt vor der Königin spielen sollte, eS schwirrte ihr vor den Augen und mit einem leisen Aufschrei sank sie ohnmächtig zu den Füßen der Königin nieder.
Diese und die übrigen anwesenden Hofdamen erschracken über diesen krankhaften Anfall Anna Boleyn'S, aber Niemand ahnte den wahren Zusammenhang und die Königin befahl, Anna Boleyn, die jedenfalls krank sei, aber trotzdem ihren Dienst habe verrichten wollen, zurück in ihr Gemach iu bringen und sorgfältig zu pflegen, waS den auch mit der inzwischen von den Hofdamen mit Hilfe stärkender Essen- jen aus der Ohnmacht erweckten Anna Boleyn geschah.
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eher aus, als nach Freundschaft. England lieferte der französischen^ Republik die Pferde und Waffen, mit welchen sie unS bekämpfte; das Gefühl der Freundschaft für uns war also bei den Engländern nicht so stark, daß es sie abgehalten hätte, daS gute Geschäft mit den Franzosen zu machen. Aber wenn nun gar England offiziell eS mit Frankreich gehalten hätte? Bildet sich das Londoner Blatt im Ernste ein, die Niederlage der kaiserlichen Heere wäre weniger gründlich gewesen, wenn ihnen ein englisches Armeekorps (über mehr hat daS englische Reich ja nicht zu verfügen) zu Hilfe gekommen wäre? Wir hatten Metz, Straßburg und Belfort besetzt; hat damals ein Engländer geglaubt, unS zur Wiederherausgabe zwingen zu können? Bei Ablauf des Waffenstillstandes im Februar 1871 stand eine vollzählige deutsche Armee von 800000 Mann auf französischem Boden; die Nationalversammlung in Bordeaux war nicht der Meinung, daß Frankreich im stände sei, sie wieder zu vertreiben. Allerdings hätte England damals unsere Küsten blokieren, unseren Handel lahm legen können. Wem aber würde die Geduld wohl schneller ausgegangen sein, uns, denen England auf festem Boden nicht hätte betkommen können, oder den Franzosen, die kein englisches Schiff von der deutschen Invasion befreien konnte? Außerdem bestand damals die intimste Freundschaft zwischen den Kaisern von Deutschland und Rußland. Würde das letztere nicht die Gelegenheit einer Einmischung Englands in den deutsch - französischen Konflikt sofort benutzt haben, die orientalische Frage in seinem Sinne zum Austrage zu bringen? Nein, die damaligen Staatsmänner Englands waren klug genug, im eigenen Interesse, nicht etwa aus Freundschaft gegen Deutschland, sich neutral zu verhalten. Sie werden sich ebenso sehr hüten, den Franzosen die Wiedererlangung von Elsaß und Lothringen zu versprechen. Die Rollen sind jetzt vertauscht; wir haben nicht mehr Straßburg und Metz zu erobern, sondern sie zu verteidigen. Wenn die Kraft Frankreichs nicht ausreicht, sie unS wieder zu entreißen, so wird das einem englischen HilfSkorpS ebensowenig gelingen. Seit der Erfindung der Torpedos; muß England auch seine Flotte nicht mehr für unangreifbar halten. ES würde genötigt sein, dieselbe in eine große Zahl von Abteilungen zu zersplittern, denn eS müßte ja die Küsten von Oesterreich und Italien, unserer Verbündeten, blokieren, wie die unsrigen.
Das Londoner Blatt wird mit seinem vermeintlichen Zaunpfahlwinke aus diesen Gründen nirgends Eindruck machen. Zu was aber, so darf man wohl fragen, sollen alle diese Großsprechereien dienen? In Deutschland denkt kein Mensch daran, England anzulasten oder irgendwo seinem Interesse entgegenzutreten. Wenn Unfreundlichkeit und Uebelwollen vorhanden sind, so frage man sich in London nur, wo dieselben ihren Anfang genommen haben. Sollen wir vielleicht unsere Backen den Ohrfeigen Hinhalten? Wenn nirgendwo deutscher Kolonialbetrieb ein Dieselbe geriet auch thatsächlich in einen fieberhaften Zustand, infolge dessen sie auf einige Tage ihr Zimmer nicht verließ.
Dem Könige Heinrich war natürlich weder die Abwesenheit noch die Krankheit Anna Boleyn's unbekannt geblieben. In seiner leidenschaftlichen Liebe für das schöne Hvffräulein trug er deshalb große Sorge um dieselbe und schickte auch seine Leibärzte, auch kam er am darauffolgenden Tage selbst, wo er auch die wahre Ursache von Anna'S Krankheit aus ihrem Munde erfuhr.
Heinrich sann daher auf einen Plan, nach welchem er seine geliebte Anna auS der ihrer Gesundheit gefährlichen Nähe der Königin entfernen und ihr gleichzeitig eine Stel- kung und einen Rang geben konnte, welche gewissermassen eine Brücke nach der hohen Stufe bilden sollten, auf welche dereinst Heinrich Anna Boleyn stellen wollte.
Für den mächtigen Herrscher war dies keine schwere Aufgabe, zumal er sich durch eine etwaige abfällige Meinung seines Hofes in seinen Plänen nicht beirren ließ und da« Parlament wurde zu Heinrichs VIIL Zeiten nicht viel um Rat gefragt, Heinrich war unumschränkter Herrscher.
Er beschloß daher, wie er schon versprochen, Anna Boleyn in den Adelsstand zu erheben und zwar wollte er ste gleich zur Gräfin machen. DaS ging aber nicht gut anders an, als daß Heinrich diesen Rang auch den Eltern Anna Boleyn'S verlieh, denn des Königs zukünftiger Schwiegervater konnte kein einfacher Bürgersmann sein.
Deshalb wurde der biedere Londoner Bäckermeister Thomas Boleyn, Anna Boleyn'S Väter, zum Grafen von Wiltshire vom Könige Heinrich erhoben, wodurch auch dessen ganze Familie und vor allm Dingen Anna Boleyn den gräflichen Rang erhielt.
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Fleckchen Erde in Anspruch nehmen kann, ohne auf englische Mißgunst, englischen Widerstand zu stoßen, entsteht dann für uns die Verpflichtung, Englands überseeische Politik zu unterstützen?
Die Meinung, daß Fürst BiSmarck mit Absicht daS Scheitern der Londoner Konferenz herbeigeführt habe und durch sein Verhalten die englische Regierung auf derselben „einen scharfen Rückstoß erlitten" habe, halten wir für vollkommen unbegründet. Sie entspringt nur dem grenzenlosen Resprkte, den das Ausland vor unserem Kanzler hat, von dem es glaubt, daß er in allem die Hand habe, daß er, weil die Macht, auch den Willen habe, in allm Welt- angelegenheiten das entscheidende Wort zu sprechen. Man meint daher, er müsse auch die Drähte gezogen haben, nach welchen auf der Londoner Konferenz die Figuren tanzten. In Wirklichkeit hat er gar nichts gethan, als England und Frankreich es überlassen, ihren Streit mit einander auszumachen, und da dies denselben nicht gelang, sich nicht weiter eingemischt. Genau so haben sich Rußland und Oesterreich verhalten; dirigiert Fürst Bismarck vielleicht auch die Politik dieser Reiche? Der „Standard" giebt daS gewissermaßen selbst zu, er meint nur, Fürst BiSmarck hätte Englands Partei ergreifen können und dies nur aus Unfreundlichkeit nicht gethan. Du lieber Himmel, in Deutschland wird ihm jedermann dankbar dafür sein, daß er nicht um eines bischen Angra-Pequena willen England in Angelegenheiten, die unS fern liegen, Dienste leistet. So wenig wir Deutsche einen Krieg mit Frankreich fürchten, so sehr sind wir bemüht, unsererseits ihn nicht herbeizu- sühren und darum sind wir damit einverstanden, daß unser Kanzler Frankreich, nicht unnötigerweise reizt oder ihm entgegentritt, wo es Forderungen erhebt, deren Berechtigung wir nicht bestreiten und die obendrein mit dem Interesse vieler deutscher Finanzleute übereinstimmen.
Der ZorneSausbruch des Londoner Tory-Organs ist schließlich doch nur ein Partei-Manöver. Dem englischen Wähler soll durch eine möglichst energische Sprache klar gemacht werden, um wie viel besser die Würde Großbritanniens in den Händen eines Tory-MtnisteriumS aufgehoben wäre.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Aug. Der Kaiser erfreute sich auch nach den Strapazen der Reise eines ganz außerordentlichen Wohlseins. Nach bet täglichen Erledigung der RegiernngSge- schäfte, den Vorträgen und den in den letzten Tagen mehrfach gewährten Audienzen sucht der hohe Herr zumeist Erholung auf Spaziergängen unter den herrlichen und schattigen Bäumen des Parkes auf dem Babelsberg. Wie eS heißt, wird sich der Kaiser jetzt erst über die eventuelle Annahme der an ihn ergangenen Einladungen zu größeren Festlichkeiten während der Manöver am Rhein definitiv entscheiden. In Münster weilt gegenwärtig der Herzog von Ratlbor,
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Ein Dekret König Heinrichs zeigte einige Tage später der verdutzten Hofgesellschaft und den Londoner Bürger» die Erhebung des Bäckermeisters Thomas Boleyn zum Grafe» von Wiltshire an, wie es in dem Dekrete hieß, um Miß Anna Boleyn den wegen ihrer Tugenden und Verdienste gebührenden Rang zu geben und um den Vater derselben zu ehren.
Anna Boleyn'S Vater, dem biederen Bäckermeister, wat es natürlich beim Anblick des Adelsdiploms, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre, aber er durfte nicht wagm den hohen Titel abzulehnen, erstens aus Rücksicht auf seine nun schon bei Hofe seit Jahren in ausgezeichneter Stellung lebende Tochter Anna, und zweitens aus Respekt vor dem Könige, denn Heinrich VIII. hätte Thomas Boleyn wegen Widerspenstigkeit sicher in den Tower sperren lassen, wenn dieser ernstlich gewagt hätte, das Geschenk königlicher Huld und Gnade nicht anzunehmen.
Heinrich VIII. verlangte übrigens auch nicht; daß Thomas Boleyn seine neue Grafenwürde mit der eines Londoner Bäckers vereinigen sollte, denn ThornaS Boleyn erhielt mit der Würde eines Grafen von Wiltshire auch daS Schloß gleichen Namens und einige Landgüter vorn Könige zum Geschenke.
Im Einverständnisse mit dem Könige und auch gern für die Jetztzeit den königlichen Hof meidend, begab sich darauf Anna Boleyn zu ihrem Vater auf Schloß Wiltshire und lebte dort meistenteils In stiller Zurückgezogenheit und in banger Erwartung ihrer Zukunft.
(Fortsetzung folgt.)
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