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Nr. 188

Marburg, Dienstag, 12. August 1884.

XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a M.,i Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt

M., Berlin, Münchenund Mn; G- L. Daube und Co. m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

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zBuchdruckerei) bezogen 2 /* Mark, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark aO Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Beile 10 ®fn

güt in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

Die vomvenfabrtt in der Rue Saint Jacques in Paris.

Seit langer Zeit hatte sich die öffentliche Aufmerksamkeit in Frankreich nicht mehr mit der revolutionär-sozialistischen Bewegung beschäftigt, und angesichts der Vorgänge in Oester­reich, Polen rc. verfiel man schon wieder in den optimistischen Fehler der Selbstberäucherung, indem man in der Preffe und in öffentlichen Reden das Schlagwort aufwärmte, daß die anarchistische Gefahr nur die Monarchieen, nicht aber die Demokratieen bedrohe. Die opportunistische Regierung indessen, welche neben der unvermeidlichen Phrase auch prak­tische Maßnahmen anzuwenden versteht, hat mit Recht die Initiative ergriffen, um durch energische Repressalien Aus­schreitungen rechtzeitig zu begegnen und die Anstifter der­selben rücksichtslos zu bestrafen. Die Verdikte der Gerichts­höfe in den betreffenden Prozessen von Lyon, Rtom und Paris, und eine gut organisierte Geheimpolizei geben den Beweis dafür. Der letzteren ist es gelungen, eine geheime Fabrikation von Explosionsprojektilen zu entdecken, und am 30. Juli fand die Erhebung derselben, sowie die Verhaftung der zunächst Beteiligten statt. Da dieser Vorgang die Auf­merksamkeit auf die anarchistische Bewegung hinlenkt, so dürfte eine Orientierung über den augenblicklichen Stand derselben nicht ohne Interesse sein.

Die revolutionären Sozialisten, also die gesamte Um­sturzpartei, haben sich bekanntlich überall in zwei Gruppen gespalten, in die der Anarchisten und der Etatisten, letztere wieder mit einigen Unterabteilungen. Es darf nie ver­gessen werden, daß das Fundament bei allen diesen dasselbe ist. ES heißt Gemeinschaft der Arbeitsmittel, also Güter­gemeinschaft und volle Auslieferung des Reinertrages der Produktion an die Arbeiter. Dieses Ziel erstrebt der Anarchist gemeinsam mit dem sogenannten gemäßigten Sozialisten. Auch in der Anwendung der Gewalt zur Zerstörung der jetzigen Gesellschaft stimmen beide im Prinzip überein. Rur über die Strategie der Revolution gehen die Meinungen auseinander. Der Anarchist will schon jetzt den Terrorismus begründen durch die Propaganda der That. Der Sozialist will einefriedliche, gesetzlich erlaubte* Organisation der Arbeiter zum Bürgerkriege. In letzterem soll dann natür­lich der Schrecken ebenfalls sein Wort sprechen. Für den Augenblick ist der Anarchist der gefährlichste Feind der Gesellschaft. Im Hinblick auf die Zukunft aber ist sicher schon jetzt der Sozialist; denn dieser will im ganzen und in der Organisation das vollbringen, was jener als Ein­zelner, oder in kleinen Gruppen vereinigt, unternimmt.

Neben den mehr oder weniger angehauchten sozialistischen Arbeitervereinen bestehen in Paris die sogenannten Cercles detudes sociales. Erstere umfassen, außer den unver­meidlichen Preßleitern und Parteiführern, ausschließlich Arbeiter und find zum Teil zu gleicher Zeit Fachvereine oder Gewerkschaften. In letzteren findet man Männer und Frauen aus den verschiedensten Gewerben, aber alle von

9 Eine unglückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hofsmann.

Die Schrecken des Traumbildes überwand Anna Boleyn daher bald. Sie erhob sich frohen Mutes von ihrer Lager- stitte, kleidete sich an und schellte dann ihrer Zofe, um ihre Toilette zu vollenden, und den Morgenimbiß einzunehmen.

Bald erschien das flinke Mädchen mit freundlichem Morgengruße, um sich ihrer Obliegenheiten zu erledigen und verkündete auch gleichzeitig ihrer Herrin, daß bereits ein Bote des Lord Percy einen Brief gebracht habe und auf Antwort warte.

Der Bote mit dem Briefe harre einstweilen auf dem Korridore und könnte wohl, sobald die Toilette vollendet, empfangen werden.

Die Zofe Elisa sagte dies mit sehr freundlichem Lächeln, da sie jedenfalls annahm, sie brächte ihrer Herrin eine sehr angenehme Botschaft, denn Lord Percy war ja der aner­kannte Bräutigam Anna Boleyn'S und ein Bote von diesem konnte nach der Ansicht ElisaS ihrer schönen Herrin doch nur Glückliches, Ersehntes bringen.

Aber merkwürdiger Weise wurde Anna Boleya sehr bleich, als sie von dem Boten hörte, der einen Brief von ihrem Bräutigam brachte und erst nach einer Weile sagte sie ihrer Kammerzofe Elisa, daß diese sich von dem Boten den Brief Lord Percy'S geben lassen und ihr bringen sollte.

Leise zitternd und ihre innere Erregung kaum beherr­schend, öffnete Anna Boleyn das herbeigeholte Schreiben ihres Bräutigams und durchlas es mit Fieberhast.

In den AuSdrückm der zärtlichsten Liebe war Lord Percy'S Brief abgefaßt, er bat feine geliebte Anna wegen her Scene auf dem vorgestrigen Hofballe um Verzeihung,

entschiedenen Ansichten und dabei eine Menge von ver­kannten Genies, Abenteurern und derjenigen Spezies, die der Pariser die Bourgeois declasses nennt. Es darf nicht bestritten werden, daß sich hier auch hin und wieder wissen­schaftliche Vertreter einer idealen Gesellschaftsordnung be­finden, ebenso wie einzelne wohlhabende Rentiers oder Ge­schäftsleute, welche über das Problem der Zukunft grübeln. Exaltation spielt die Rolle hier, welche die Organisation in den anderen Gruppen spielen soll. Die Reden, welche in den Versammlungen gehalten wurden, müssen früher die Lücken sensationsbedürftiger Zeitungen ausfüllcn; ihrer ewigen Wiederholungen wegen, und weil die talentvollsten Elemente (Gautier, Kropotkin, Louise Michel rc.) hinter Schloß und Riegel sitzen, nahm man endlich keine Notiz mehr von ihnen, und die Regierung duldete die Posse, daß in öffentlichen Versammlungen der Präsident der Republik, die Minister und oft alle Bourgeois zum Tode verurteilt wurden.

Im großen Ganzen hat die Beteiligung an den sozia­listischen Versammlungen sehr abgenommen. Im Mai d. I. erklärte der Polizeipräfekt Camescasse vor der parlamen­tarischen Vierundoierziger-Kommisston, daß man in Paris nichts von einer Krisis spüren könne. In den öffentlichen Lokalen an den Sonntagen lebten die Arbeiter besser als die kleinen ProprietärS und Gewerbetreibenden. Die sozia­listischen Versammlungen, welche noch vor Jahren durch­schnittlich von 1500 bis 2000 Menschen besucht waren, beständen jetzt höchstens auö 300 bis 600 Teilnehmern. (Ausnahmen wurden bald darauf konstatiert.)

Richtig ist, daß sich die Zahl der in Vereinen inkor­porierten Sozialisten schwer bestimmen läßt, und ebenso unsicher wird die Schätzung derjenigen Ziffer sein, welche die Anarchisten unter den übrigen Sozialisten angeben sollte. Der Anarchist unterscheidet sich vom Sozialisten weniger durch daS Prinzip als durch dos Temperament, und deshalb ergänzen sich die anarchistischen Gruppen auch beständig aus den sozialistischen, während andererseits ausgesprochene Anarchisten zu den gemäßigten Schulen zurückkehren (Paul Brousse).

Viele Gruppen stützen sich sogar zum großen Teil ent­weder auf die Federation du centre (Posstbiltsten), oder auf den Pariser Verband der revolutionären Sozialisten (Guedisten) welcher letzterer die korrespondierende Partei der deutschen Sozialdemokratie ist. In einzelnen Fällen agieren kleinere Gruppen auf eigene Hand ganz selbständig; jedoch scheint ihre Verzweigung mit den Gesinnungsgenossen im Auslande ebenso nachgewiesen zu sein, wie der internationale Zusammenhang der sogenannten gemäßigten Gruppen. Der Name, den sie sich oft beilegen, spricht ihre Tendenz aus, wie derRächer" in Montmartre,der Vulkan" auf dem Faubourg Mont Parnasse, derPanther von BatignolleS" rc. Einer dieser Gruppen haben die Anfertiger jener Bomben angehört.

Bis jetzt war das Dynamit noch nicht populär im

schrieb, daß ihr seine ganze Liebe gehöre, daß er an jenem Abende nur durch das lange Warten und die boshaften Redensarten mehrerer Lords so sehr verstimmt gewesen wäre und daß nun Alles wieder gut sein solle. Aber am Hofe des Königs solle seine geliebte Anna doch nicht mehr lange bleiben, meinte Lord Percy am Schlüsse seines Briefes, denn dort könnte ihrem Liebesglück vielleicht doch Gefahr drohen. Anna sollte, sobald eS sich bewerkstelligen lasse, aus den Diensten einer Hofdame der Königin Katharina scheiden und bis zu ihrer Vermählung mit Lord Percy auf dem Schlosse einer Tante des LordS verweilen. In drei oder vier Monaten solle die Hochzeit stattfinden.

Noch gestern würde Anna diesen Brief ihres Bräutigams mit dem reinsten und stolzesten I bel ihres Herzens ausge­nommen haben, aber heute wälzte sich der Inhalt dieses Briefes wie eine Zentnerlast auf Anna's Brust und sie drohte wie ohnmächtig umzustnken, denn dieser Brief machte ihr klar, daß sie sich durch den dem Könige geleisteten Schwur doch einen Treubruch gegen ihren Bräutigam hatte zu Schul­den kommen lassen, allerdings einen Treubruch, zu dem sie ohne ihren Willen durch König Heinrich gedrängt worden und wegen dessen Anna's guter Ruf keinen Abbruch erleiden konnte. Aber ihr für alles Gute und Edele eine tiefe Empfindung hegende Herz fand doch heraus, daß sie um keinen Preis und zumal nach Absendung des Briefes an ihren Bräutigam, wo sie sich noch ihrer unwandelbarm Treue rühmte und sein zu sein auf ewig gelobte, dem Könige Heinrich jenen Schwur hätte leisten sollen.

Diese bittere Erkenntnis wachte Anna Boleyn tief un­glücklich. Sie befahl der Zofe, dem Boten Lord Percy'S zu sagen, daß die Antwort auf dm Brief erst morgen et«

Lande der Barikaden und des Petroleums. Die Fälle in Montceau, Creuzot und Lyon stehen vereinzelt da, und an der Manifestation der Arbeitslosen auf der Esplanade der Invaliden, wo eine Budike mit frischgebackenem Weißbrot gestürmt wurde, sollen nur deswegen verhältnismäßig wenig Arbeiter sich beteiligt haben, weil das Gerücht ging, man werde mit Dynamit operieren. Jetzt indessen scheint das Studium von der angewandten Chemie zum Aufbau einer neuen Gesellschaft nach nihilistischem Vorbilde auch in Paris Eingang gefunden zu haben. Man soll hier sogar einen vollständigen Lehrkursus für Bereitung und Ver­wendung von Explosionsstoffen eingerichtet haben. Zuerst hatte die Polizei in Lyon und Perpignan an verschiedenen Orten Sprengwerkzeuge konfisziert, die auf ihren Pariser Ursprung schließen ließen. Die angestellten Nachforschungen führten denn auch bald zur Entdeckung ihrer Quelle.

Ein junger Mechaniker, namens Goutant Rosier, war der Ueberwachungsbehörde der KlubS seit lange als eifriger Anhänger der Anarchistenpartei bekannt. Er ist ein ge- wandtet, fleißiger Arbeiter mit stillem Wesen und ver- schloffenem Charakter. In dem Parteileben trat er nie­mals öffentlich als Redner auf und scheinbar hat er sich nur wenigen ganz Vertrauten mitgeteilt. ES war ausge­fallen, daß er seit fast 6 Monaten keine Versammlungen mehr besuchte, denen er sonst regelmäßig, wenn auch nur als finster schweigender Zuhörer anwohnte. Die Recher- chierung nach seinem Verbleib führte dann zu der oben erwähnten Entdeckung.

Unter den vorgefundenen Sprengmitteln fanden fich auch Bomben von Eisen und Blei von dem Umfang und der Form einer großen Zitrone, gefüllt mit einer noch nicht analysierten Zusammensetzung, wahrscheinlich von Chlor­salz aus Pottasche und Schwefelkohle. Die Bomben waren mit brennbaren Zündern versehen, die dem Werfer der­selben Zeit zum Entrinnen gegeben hätten und welche die Unsicherheit der PerkussionS-Explodierung vermeiden sollten. Außerdem hat man Gußformen, Schmelztiegel, alle anderen Vorrichtungen und Handwerkszeug, Nitroglyzerin, Salpeter rc. rc. gefunden, selbstverständlich auch Revolver, Dolche und Totschläger. Eine Anzahl von Geschossen sauber em- balliert, war bereits zur Absendung hergerichtet und mit Adresse versehen, die zu neuen Verhaftungen führte. Die Untersuchung wird ergeben, ob man hier Attentate in höherem Umfange oder nur Privatmorde von Fall zu Fall nach dem Muster in Wien und Straßburg vorbereitete. So viel steht schon jetzt fest wie dasJournal des Dsiats" nach an kompetenter Stelle eingeholter Informa­tion berichtet daß Goutant mit seiner kleinen Gruppe, von der bis jetzt nur 6 bis 7 Mitglieder eruiert sind, direkte Beziehungen mit anderen Gruppen in der Schweiz unterhatten hat, also dem Lande, wohin auch die revolu­tionären Sozialisten Oesterreichs und Deutschlands gravi­tieren. (R.-B.)

folgen könnte und dann zog sich Anna in einer ihrer Ge­mächer zurück und kämpfte und rang mit sich, wie sie sich aus diesem Konflikte befreien konnte, in den ihr Herz ge­raten war.

Sie konnte keinen AuSweg finden, so lange sie auch sann und flehte und klagte. Den dem Könige geleisteten Schwur mußte sie halten, dies geboi ihr ihre Achtung vor sich selbst, auch wäre des Königs unvermeidliche Rache zu fürchten gewesen, wenn sie ihre Verlobung mit Lord Percy nicht aufhob. Jedenfalls hätte König Heinrich dessen Ein­willigung die Adeligen sich in der Regel zu ihren Vermäh­lungen in der damaligen Zell erbaten, auch eine Vermählung zwischen ihr und Lord Percy zu verhindern verstanden. Armer Richard", jammerte Anna Boleyn endlich,Deine Liebe zu mir muß einem unabänderlichen Schicksale geopfert werden, ich gehöre König Heinrich, wenn das Schicksal nicht noch anders bestimmt."

Dann verfiel Anna in ein tiefes Sinnen und vergaß fast das gewohnte Frühstück zu sich zu nehmen. In der vorgerückten Morgenstunde erinnerte sie sich dann ihrer Pflichten als Hoffräulein, der Königin Katharina und be­eilte sich, nun in den Gemächern der Königin noch recht-' zeitig zu erscheinen.

Aber schwer, sehr schwer wurde der sonst immer so lebensfrohen und heiteren Anna an diesem Morgen der Gang zur Königin. Die Heuchelei und ihre raffini-'t-" Verstellungskünste waren Anna Boleyn zuwider jetzt ab mußte sie nun entweder der Königin gegen» Heuchlerin erscheinen oder als treue Dienerin di alle ihr drohenden Gefahren berichten.

(Fortsetzung'