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Marburg, Sonnabend, 9 August 1884. XIX. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Wien; «ndolf Moffe in Frankfurt e M Berlin, Münchenund Mn: G- L Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageFlluftrirte» SountagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche »Buch drucket ei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnsertionSgebühr für die gespalten- Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Et« Ertuuerangstag.

Am 7. August vollendeten sich siebzig Jahre im geben unseres Kaisers und Königs, seitdem der hohe Herr als junger Offizier nach glorreich beendigtem ,Feldzüge gegen Frankreich an der Seite seines königlichen Paters seinen ersten Siegeseinzug in Berlin hielt. Man hatte die Rückkehr Königs Friedrich Wilhelm III erst am 7. August erwartet; unvermutet erschien jedoch der Monarch schon am 5. und war in seinem Palais abgesttegen, ehe die Bewohner der Hauptstadt es ahnten. Alsbald wurden die Minister, die obersten Militärs und der Magistrat entboten, und der König sagte ihnen in seiner schlichten Weise, daß er früher gekommen, als man erwartet, weil er vernommen, welche Anstalten zu seinem Empfange ge­troffen wurden. Alle Feierlichkeiten, die mit Glanz und Siegesgepränge verbunden feien, müsse er von sich ablehnen, da die Annahme von Huldigungen dieser Art seinem Charakter und seinen Grundsätzen widerstrebten. Wenn aber das dank­bare Vaterland dem Heere und seinen ruhmreichen Führern durch die vorbereitete Feier einen Beweis der Anerkennung dessen, waS sie geleistet, zu geben wünsche, so wolle er gerne der Erste sein, der sich an daS gerechte und die Nation ehrende Gefühl anschlicße; in dieser Voraussicht wolle er nicht nur die getroffenen Einleitungen mit einigen Beschrän­kungen genehmigen, sondern auch die Generale und vor allem den Fürsten Blücher um sich versammeln und mit ihnen die königlichen Garden, als Repräsentanten aller ihrer Waffenbrüder in die Hauptstadt einführen. Freitag, den 7. August, erfolgte alsdann der hochfestliche Einzug. Vom Brandenburger Thor bis zu dem Schlöffe bildete die Linden entlang die Garnison Spalier; im inneren Schloßhofe war die Bürgergarde aufmarschiert und hatte daselbst die Wache. Das Brandenburger Thor war festlich geschmückt; in der Stille der Nacht war die Viktoria, die nach der Einnahme von Pari» im Triumphzuge zurückgeführt war, wieder auf­gestellt worden. Noch aber stand das Kunstwerk verdeckt, denn die Hülle sollte erst im Augenblick des Einzugs fallen. Vor dem Thore standen im Halbkreise zehn dorische Säulen, die Siegesgöttinnen trugen, welche den etnziehenden Kriegern und Siegern den wohlverdienten Lorbeer entgrgenhiclten. An dem Schafte der Säulen, von schwarzweißen Fahnen umrauscht, hingen runde Schilder mit jenen stolzen Namen, welche das so teuer errungene Anrecht zum Triumph be­kundeten Zwischen den Säulen standen Kandelaber mit großen Feuerbecken; Laubgewinde und Blumenkränze voll­endeten den Festschmuck. Der Triumphwagen der Viktoria war mit zwölf Dreifüßen umstellt. Statt des antiken Palla­diums, daß sie ehemals trug, Helm, Panzer und zwei Schilder an einer Stange befestigt, führte die Sieges göttin von diesem Tage an daS eiserne Kreuz mit darum geschlungenem Eichevkranze, über den sich der gekrönte Adler emporschwingt. Die Ltndenpromenade war mit Kandelabern

geschmückt; an der Opernbrücke waren zwei mächtige Tro- phäensäu'en errichtet. Der Zielpunkt dieser Siegesstraße war ein mächtiger, auf einem hohe Unterbau ruhender Altar vor dem Schlöffe. Während die Truppen die An­kunft des Königs aus Charlottenburg erwarteten, über­reichte eine Deputation der Dienstmädchen der Residenz dem Obristen der Garde, Herrn v. AlvenSieben, die bekannten vier silbernen Trompeten, welche sie auf ihre Kosten hatten anferttgen lasten, zum Geschenk. Am kleinen Stern em­pfingen die königlichen Prinzen unter ihnen der sieb­zehnjährige Prinz Wilhelm, unser jetziger kaiserlicher Herr und die Generalität den König. In dem Augenblicke, als der König sich dort an die Spitze der Truppen setzte und der Einzug begann, sank die Hülle unter den jauchzenden Hochrufen der ungezählten Menschenmassen von der Sieges­göttin; in neu errungener Glorie strahlte Viktoria I Auf dem Platze vor dem Brandenburger Thore hatten sich der Magistrat und die Stadtverordneten zur ehrfurchtsvollen Begrüßung versammelt; eine Ansprache an den König fand nicht statt. Mit dem Könige und den Prinzen ritten noch Fürst Blücher, General Graf Tauentzieu und General Graf v. Bülow. Im Lustgarten fand die große kirchliche Feier statt, welche der Konststorialrat OffelSmeyer aus Potsdam abhtelt. Während Gesang und Rede war jegliches Haupt entblößt; als der Geistliche daS Schlußgebet sprach, sank König Friedrich Wilhelm III. als Erster seines Volkes aus die Knie, ihm nach die Tausende alle in inbrünstigem Gebete zum Höchsten, besten Gnabe neu geworden war an unserem Volke. Nach beendigtem Gottesdienste ritt der König die Front der Truppen ab und empfing später im Schloste das diplomatische Korps und die Behörden. Als­dann war große Galatafrl in der Bildergalerie, und abends fanden in der Oper und dem Nationaltheater Festvor­stellungen statt, denen der König, von brausendem Jubel empfangen, lange Zeit beiwohnte. Um 9 Uhr ritt der königliche Herr noch mit dem Fürsten Blücher durch die Straßen Berlins, die in ein Lichtmeer getaucht waren.

Deutsches Reich.

Berit«, 7. Aug. Der »Reichs - Anzeiger" veröffent­licht fernere Verordnungen, welche zur Ausführung des UnfallversicherungS Gesetzes von dem herzoglich sächsischen StaatSmtnisterium zu Gotha, dem fürstlichen Kabinetts- Ministerium zu Detmold und dem Senate zu Lübeck er­lösten wurden. Der Kultusminister hat in einer längeren, vom 24. v. Mts. datierten Verfügung an die Provinztal-Schulkollegien über mehrere Punkte der Vor­schriften bezüglich des Religionsunterrichts in der Volks- fchule von 1872, welche zu Zweifeln Anlaß gegeben hatten, Entscheidung getroffen. Zunächst spricht der Minister sich rückstchtlich des zu Tage getretenen Wunsches, daß das Memorieren sämtlich oder doch wenigstens der evangelischen

Pcrikopen wieder eingeführt werde, dahin aus, daß die bis­herige auch von dem General-Synodalrat anerkannte Be­handlung der Perikopen denselben eine ausreichende Berück, sichtigung zu teil werden laste. Bezüglich einer weiteren Anregung, daß die Zahl der wöchentlichen Religionsstunde« (5) erweitert werden möge, ta sie nicht gestatte, den Un­terricht täglich mit Religionsunterricht zu beginnen, weist der Minister auf eine früher wiederholt erteilte Verfügung hin, der zufolge eine Teilung von einer oder zwei Reli­gionsstunden in Halbstunden zulässig sei. Um aber das vorgeschriebene Pensum zu erreichen, sei bereits für die Provinz Hannover die Anordnung getroffen, daß eine der Lehrstunden, welche die Mittel- und Oberstufen in der Muttersprache empfangen, auf Bibellehre verwendet werde. Diese Anordnung solle nunmehr auf die ganze Monarchie ausgedehnt werden. Endlich erklärt der Minister, daß die Vorschrift, nach welcher nur die drei ersten Hauptstücke des Katechismus in das Pensum ter Volksschule falle, nur den Zweck habe, das Maß des unbedingt zu Er­reichenden festzustellen. Eine Beschränkung des Gebrauchs des kleinen Katechismus habe ferngelegen. Wo eS die Ver- hältniffe gestatteten, seien sämtliche Hauptstücke in den Lehr­plan der Schule aufzunehmen. Wo dies aber nicht möglich sei, werde es dabei bewenden müssen, daß neben den drei ersten Hauptstücken die Einsetzungsworte der Sakramente erlernt würven. Feldmarschall Graf Moltke, der Chef des Generalstabes der Armee, hat sich von seiner Be­sitzung Kreisau in Schlesien nach Süddeutschland begeben, um persönlich die Uebungsreise von Offizieren des Großen Generalstabes zu leiten. Unsere bereits vor längerer Zeit gebrachte diesbezügliche Meldung, welche von etlichen Blättern angezweifelt wurde, hat somit Bestätigung gefunden. Daö Militärreliktengesetz befindet fich noch uner­ledigt im Bundesrate; auch ist keine Aussicht vorhanden, daß die Vorlage in der vom Reichslage beschlossenen Fassung dort genehmigt wird. Infolgedessen finden den Vernehmen nach im KriegSministerium bereits wieder Erwägungen statt über eine Umarbeitung des Entwurfs auf anderer Grundlage. Schon bei Aufstellung deS Reliktengesetzes für Reichszivilbeamte war der bei dem gleichartigen reichSlän- difchen Gesetze angenommene Modus ins Auge gefaßt worden, wonach die Beamten von Beiträgen zur Witwen- kasse gänzlich befreit sind. Die Rücksicht auf die damaligen Finanzverhältnisse hatte zu der Bestimmung geführt, daß den Reichszivilbeamten, sowohl verheirateten als unver­heirateten, eine Beitragsquote von 3 Prozent des penflonS- fähigen GehaltS auferlegt wurde; der gleiche Modus wurde später für die preußischen Staatsbeamten gesetzlich einge- sührt. In der gegenwärtigen Umarbeitung des Militär- reliklengesrtzeS sollen die Beiträge der Verstcherungspflich- tigen gleichfalls in Wegfall kommen. Sollten die ein» geleiteten Erörterungen zu dem gewünschten Ergebnisse

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Eine unglückliche Röntgt«.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

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Anna, die den Ausbruch der heftigsten Leidenschaftlichkeit deS Königs fürchtete, wollte sich mit Gewalt auS seinen Händen befreien, aber Heinrich hielt sie fest und fuhr in plötzlich verändertem Tone ruhig und nachdrucksvoll fort:

LicbeS Kind, fürchte Dich nicht vor mir, schenke mir Dein Vertrauen und schwöre mir, meine Gemahlin, die Königin von England zu werden, sobald kein gesetzliche« Hindernis dagegen mehr vorhanden ist."

Anna Boleyn war von dieser Eröffnung zu Tode er­schrocken.

.Ich.....Ich.....Königin von England und

Ew. Majestät Gemahlin," bebten ihre Lippen.Unmöglich, unmöglich! Wie kann ein einfaches Bürgerktnv die Ge­mahlin Ew. Majestät werden und wie ist eS möglich, wo Ew. Majestät schon vermählt sind. Meine gnädige,Königin darf nicht durch mich unglücklich werden."

Aber, liebe« Kind, sorge und bange doch nicht um Dinge, die König Heinrichs, Deines Freundes, Deine« Ver­ehrers, Deines Beschützers Sorge sein müssen. Schon morgen soll die ehrenwerte Familie, die so glücklich war, Anna Boleyn zur Tochter zu besitzen, in ten Adelsstand erhoben werden und Du und die Deinen sollen sich mit meinen edelsten Lords messen dürfen und wer will e« bann dem Könige von England wehren, das schönste Edelfräulein, Anna Boleyn, zu seiner Gemahlin zu machen?"

Aber die Königin, Ew. Majestät Gemahlin?!" warf Anna mit bebenden Lippen ein.

Heinrich wußte, wa« in diesen wenigen Worten für ein Einwand lag und schwieg verblüfft einige Sekunden, doch dann entgegnete er stürmisch:

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Mine Ehe ist ungerecht und unnatürlich zugleich ab­geschlossen worden, es werden sich gesetzliche Mittel finden lassen, sie aufzuheben. ES ist dies Alles meine Sorge, teuerste Anna."

Aber nur nicht« Böses, nicht« Schlimmes vollbringen, Majestät. Lieber will ich sterben, als durch eine böse That"

Thörin, Thörin!' rief der König,ängstige Dich nicht und fürchte nichts, denn meine Ehe mit Katharina ist wider die Gesetze unserer heiligen Kirche abgeschlossen, wonach Niemand die Wittwe seines Bruder« heiraten darf, für mich, den König, der über da« Recht GotteS und der Menschen im Staate zu wachen hat, wahrhaftig Grund genug, um die Ungültigkeit meiner Ehe bei feiner Heiligkeit dem Papste zu beantragen. Auch wird der Königin Katharina und ihrer Tochter Maria dabei nicht das geringste Leid zugesügt werden. Beruhige Dich darüber vollkommen, mein Kind und schwöre mir endlich, daß Du König Heinrich« vollbe­rechtigte Gemahlin werden willst, sobald kein gesetzliches Hinderoiß mehr vorhanden ist."

Anna Boleyn kämpfte in ihrem Innern einen schreck­lichen Kampf. Sie hätte um Alles in der Welt dem Wunsche und Willen de« König« fich entziehen mögen, aber da lag er vor ihr auf den Knieen und gelobte ihr das Höchste wo« er geloben konnte und sie sollte schwören, de« Königs Gemahlin zu werden. Dieser Eindruck war über­wältigend auf Anna Boleyn'« Mädchenherz, daS sich so lange heldenmütig gegen des Königs Liebesbewerbungen verteidigt hatte. Wohl dachte fie auch noch einmal an Lord Percy, ihren Bräutigam. Aber hatte er sich nicht gestern von ihr gewandt aus Eifersucht auf den König und vor dem Glanz« des königlichen Diadem« erblaßte auch die

Grafe: kröne Lord Percy'S. Abermals und heftiger und stürmischer drang auch Heinrich in Anna um Gewährung deS SchwurS und endlich, endlich mehr tot als lebendig leistete fie den Schwur und König Heinrich preßte ihr einen heißen Kuß auf die Stirn.

Doch al« Heinrich die so feurig geliebte Anna gleich seiner Braut in seine Arme pressen wollte, entwand sich diese den Armen des Königs und sagte mit flehender Ge­berde:Genug, genug, Majestät! Entlassen Sie mich in Gnaden, ich kann erst dann Ew. Majestät Liebe erwidern, wenn die Bedingung erfüllt ist, die Ew. Majestät mir ge­währten."

Diese Bitte ward von Anna Boleyn so herzlich kund« gegeben und ihre schönen Augen ruhten dabei so innig flehend auf König Heinrichs Antlitz, daß dieser seine glühende Leidenschaft überwand und freundlich herablassend erwiderte: Ach ja, ich vergaß in meiner Liebe einen Moment, waS wir uns gelobt, doch Du, mein süßer Liebling, erlaubst wohl, daß ich Dich nach dem Schlosse zurückgeleite."

Anna wurde bei dieser vertraulichen Anrede au« deS Königs Munde ein wenig verlegen, denn diese Worte ließen nicht den geringsten Zweifel darüber, daß der König sie schon jetzt als seine Geliebte betrachtete. Doch nachdem das Verhältnis zwischen König Heinrich und Anna Boleyn bereits den Charakter eines geheimen Eheversprechens an­genommen, konnte Anna unmöglich die Beweise der Zu­neigung deS Königs schroff abweisen, sie erwiderte daher mit sanfter Stimme und ihren schönen Arm mit dem deS König« vereinigend:Ich nehme e« dankbar an, wenn Ew. Majestät so gnädig sein wollen, mich in dm Palast zu ge­leiten." (Fortsetzung folgt)