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Nr. 18«

Marburg, Donnerstag, 7 August 1884.

XIX. Jahrgang.

OlmMchk Jrituiig.

Iiurigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- durg, Magdeburg u. Wien; ztudolf Moffe in Frankfurt 0 R., Berlin, Münchenuud Mn; ®- L Daube und Eo. m Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux JSgersche Buchhandlung in Frankfurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steinet i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktag«, nach Sonn- und Feiertagen. (PreiS für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJSuftrirte» Sonntagsblatt" durch die, Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen ZV» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psa.

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Deutsches Reich.

öttlitt, 5. Aug. Der Kaiser richtete an den Borstand deS Ze> tralvereinS der deutschen Lutherstiftung ein Schreiben, in dem er als einen erhebenden Gedanken für ihn be­zeichnet die stets lebendige Erhaltung des Gedächtnisses deS großen Reformators. Der Kaiser übernimmt das Protek­torat über den neubcgründeten Verein in der Hoffnung von besten gedeihlicher Entwickelung zu erfolgreicher Wirk­samkeit an. DerReichs Anz." veröffentlicht die Er­nennung des ProfeflorS Schweninger zum außerordentlichen Profestor in der medizinischen Fakultät der Berliner Uni­versität. DieNorvd. Allg. Ztg." erklärt, die Nachricht der Blätter, Gras Herbert Bismarck habe sich nach London begeben und seine Reise werde mit dem Scheitern der Konferenz in Zusammenhang gebracht, für falsch. Graf Bismarck sei zur Wiederherstellung seiner Gesundheit von Barziu nach einem Kurorte gereist. Nach Meldung der Kreuz-Ztg." aus Rom hat Herr v. Schlözer in einem längeren Expose dem Reichskanzler den Verlauf und gegenwärtigen Stand der kirchenpolitischen Verhandlungen dargelegt und ist es nicht unmöglich, daß nach der Rückkehr des preußischen Gesandten beim Vatikan die Verhandlungen auf gänzlich veränderter Basis wieder ausgenommen werden. Die Post" schreibt: Nachdem der Geh. Rat Prof. Dr. Koch es auf das bestimmteste abgelehnt hat, das Direktoriat des Reichsgesundheitsamtes zu übernehmen, hat man im Mini­sterium für die geistlichen, Unterrichts, und Medizinal- Angelegenheiten dennoch ein Mittel gesunden, den berühmten Gelehrten dauernd an die Reichshauptstadt zu fesseln. Seit einiger Zeit, und besonders nach den großen Erfolgen der vo,jährigen Hygiene-Ausstellung, ist in dem genannten Ministerium die Errichtung einesHygienischen Instituts" geplant worden, einer Anstalt, welche, als eine Abzweigung der Berliner Universität und analog den berrttS bestehenden physiologischen rc. Instituten, zur Ausbildung der jungen Mediziner als dringend notwendig erkannt worden ist. Die Frage, wie Profestor Koch am geeignetsten den Berliner Gelchrtenkrcifen zu erhalten fei, ist, nach der eingangs er­wähnten Ablehnung, eine gewissermaßen brennende geworden, jetzt aber durch bie Initiative des Kultusministers als glücklich gelöst zu betrachten, da der Profestor auf das An­erbieten oesfelben, das Direktorial des hygienischen Insti­tuts zu übernehmen, bereitwillig eingegangen ist. Infolge besten soll die Errichtung dieses Instituts mit allen Mitteln beschleunigt werden. DasDeutsche Tageblatt" giebt eine vergleichende tabellarische Ueberstcht über die Ein- und Ausfuhr der wichtigsten Warenartikel während des Halbjahrs vom 1. Jan. bis ult. Juni 1884 resp. 1883 und bemerkt dazu: Bei einem Vergleich mit dem entsprechenden Zeitraum dcS vorigen Jahres machen sich einige sehr wesentliche Ver­schiedenheiten bemerklich, einige zu Ungunsten, andere zu Gunsten deS laufenden Jahres; die letzteren aber haben daS Uebergewicht und eS darf behauptet werden, daß aus dem

5 Eine unglückliche Königin.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Der Residenzpalaft zu Windsor mit dem großen Schloß- garten zeigte daher ein herrliches landschaftliches Bild, zu­mal als der Sitte der damaligen Zeit entsprechend und weil an diesem Tage keine Festlichkeiten im Schlosse stattfanden, dir meisten Bewohner des Königspalastes sich gegen zehn Uhr zur Ruhe begaben, die Lichter in fast allen Gemächern verlöschten und das Schloß und der Garten nur noch von dem hellen Mondlicht feenhaft beleuchtet waren.

Um diese Zett war eS, wo eine kleine AuSgangSthür des RestoenzfchlostrS sich leise öffnete und eine anmutige, aber sorgfältig vom Kopf bis zu den Füßen verhüllte Frauen­gestalt heraus in den Schloßgarten trat und fast unhörbaren Schritt« auf den sorgfältig gepflegten Pfaden dahinetlte und zwar in der Richtung, wo der große Pavillon stand, der vornehmlich für den König und die Königin erbaut und hergerichtet war.

Die wie eine Elfe dahingleftende Gestalt war Anna Polryn, welche, dem Befehle deS Königs Folge leistend, nun kam, um sich, wie Lord Caffolk gesagt, wegen ihres gestrigen ^nehmen« zu verantworten.

Zwanzig Schritte vor dem Pavillon blieb Anna stehen, zögerte aufs Neue, denn Ort und Zeit für die Verant- wonung kamen ihr doch gar zu bedenklich vor und es kostete ihr wiederum eine große Ueberwüiduug, um ihren einmal befaßten Entschluß auSzuführrn.

Beherzt schritt sie nach der großm EingangSthüre des Pavillons, wo ein königlicher Hellebardier Wache hielt und «f° kein Zweifel mehr darüber fein konnte, daß König Heinrich stch wirklich in dem Pavillon befand.

Gesamtergebnis dieses ersten Halbjahres eine nicht unbe­trächtliche Aktivbilanz resultieren würde. Nicht zum wenigsten wäre diese« der nngemetn beträchtlichen Steigerung in der Ausfuhr sämtlicher Textilwaren zu danken; die Gesamt­ausfuhr von Baumwollen-, Wollen-, Seiden- und Leinen- waren betrug 29 7481 in diesem Halbjahr gegen 27 399 t in den ersten 6 Monaten des Jahres 1883, ergab mithin ein Mehr von 2349 t, wozu noch ein weiteres Plus von 500 t für Konfekttons- und Hutwaren hinzutritt. Auch Leder und Lederwaren ergaben neben einer Mindereinfuhr von 400 t eine Mehrausfuhr von 165 t, ebenso Papier und Papierwaren eine solche von 5500 t und Holzwaren, namentlich darunter Parketts, Möbel und feine Holzwaren, ein Ausfuhrplus von 700 t. An musikalischen Instru­menten gelangten 5032 gegen 4724 t zur Ausfuhr; auch hier mithin ein Mehr von 300 t. Ungünstige Resultate dagegen erzielte die Eisenindustrie, deren Gesamtexport um 28 OÖO t hinter dem Vorjahre zurückblieb, Eisenbahnschienen und Eisendraht waten die beiden Artikel, welche dieses Er­gebnis herb-iführten, während andere, wie namentlich Stab­eisen, Drahtstifte, grobe und feine Etsengußwaren, in wesent­lich größeren Mengen zur Ausfuhr gelangten. Auch für Lokomotiven, Lokomobilen und sonstige Maschinen find 17001 MinderauSflchr zu notieren. Eine sehr beträchtliche Steigerung der Einfuhr und gleichzeitig damit Abnahme der Ausfuhr finden wir, mit alleiniger Ausnahme von Weizen, bei sämtlichen Getreidearten; an Roggen und Hafer allein wurden 330000 t mehr eingeführt. Gestaltet sich unsere diesjährige Ernte in so erfreulicher Weise, wie bis jetzt den Anschein hat, dann dürfte am Schluffe des Jahres ein wesentlich anderes Verhältnis stch ergeben. Für Raps-, Rüb- und Leinsaat wird eine Mindereinfuhr von ca. 5000 t durch eine ebenso große Minderausfuhr ausgeglichen und nahezu dasselbe ergiebt sich auch für Mehl und Graupen; an Butter dagegen ergiebt stch neben einer Mindereinfuhr von 330 t noch eine Mehrausfuhr von 3801, während Schmalz fast ausschließlich amerikanisches einen Ausfall in der Einfuhr von nicht weniger den 3400 t aufweist. Besondere Beachtung verdient die außerordentlich bedeutende Abnahme der Einfuhr von Vieh aller Art, wozu noch für Schweine gleichzeitig eine Zunahme der Ausfuhr um mehr als 80000 Stück hinzukommt. Einer recht be­trächtlichen Mindereinfuhr begegnen wir auch noch bei Kaffee, Reis und Thee. Der Opposttiontpreffe bietet sich damit eine verführerische Gelegenheit zu deduzieren, daß es, natür­lich infolge der grundfalschen heutigen Wirtschaftspolitik, mit der Ernährungsweise des Volkes bergab gehe, und ist diese Gelegenheit auch bereits benutzt worden; es mag des­halb nicht überflüssig sein, auf die Ursache dieses Minver- imports, der sür Kaffee und ReiS ziemlich gleichmäßig je 60001 beträgt, hinzuweisen. Dieselbe liegt ganz einfach in der Konjunktur: im allgemeinen Durchschnitt nach den Hamburger und Bremer Großhandels-Marktpreisen berechnet,

Der Hellebardier senkte beim Nahen der weiblichen Gestalt die Waffe, doch bald hob er sie wieder, denn eine andere Person war ihm in den Arm gefallen und hatte ihm einen Befehl erteilt. ES war Lord Caffolk, der neben der Wache gestanden und die Ankunft Anna BoleynS er­wartet hatte. Lord Caffolk bot der dichtverhüllten Anna Bolcyn den Arm und geleitete sie in den Pavillon.

Nach wenigen Augenblicken stand Anna Boleyn vor dem Könige. Heinrich VIII. faß auf einem Polsterstuhle in dem Hauptgemache des Pavillons und ließ ein freundliches Lächeln über feine Lippen gleiten, als er Anna Boleyn, ge­leitet von Lord Caffolk, vor sich sah. Anna vergaß aber trotz diese« freundlichen Empfanges nicht, weshalb sie nach Aussage Lord Caffolk'« vor dem Könige erschienen war. DaS schöne Hoffräulein sank anmutig vor Heinrich VIII. in die Knie, erhob flehend ihre weißen Hände und sagte mit rührender Stimme:

Verzeihen Majestät einem armen Mädchen, was eS gestern in der Aufregung that, ich habe nicht entfernt den Gedanken gehabt, die Hochachtung vor Ew. Majestät zu verletzen, ich glaube nur so gehandelt zu haben, wie jede Braut und jedes ehrliche Mädchen in solchem Falle handeln mußte."

Bei den letzten Worten des HoffriuleinS verdüsterte stch König Heinrichs Antlitz merklich und er zeigte große Lust, zornig zu werden, doch wieder ruhten seine Augen mit Wohlgefallen auf der liebreizendm Gestalt Anna Boleyn'«, die in demütiger und bittender Stellung vor ihm auf den Knieeu lag und der Zorn Heinrich« wich wieder auS seinem Antlitz. Doch befand stch der König in einer offenbaren

kosteten 100 kg Kaffee im ersten Halbjahre 1884 101,50 Mk., in 1883 85,50 Mk.; 100 kg Reis 1884 22,50 Mk., 1883 19,16 Mk.; 1 kg Thee nach Königsberger Notierungen 1884 3,53 Mk., 1883 3,13 Mk. Weshalb der impor­tierende Großkaufmann in 1883 möglichst viel gekauft und eingeführt, dagegen in 1884 seinen Import nach Möglich- kett beschränkt hat, wird damit genügend erklärt sein; über irgend welchen Ausfall im Konsum dieser drei Artikel aber hat auch wohl noch nirgend etwas verlautet. Bei dieser Gelegenheit sei gleichzeitig erwähnt, daß eS auch mit der Baumwolle dieselbe Bewandtnis hat, und daß der Minder- <xport von 18000 t darin seine Erklärung findet, daß, in derselben Weise berechnet, der Preis für 100 kg 1884 108,25 Mk., 1883 aber 100,40 Mk. betrug. Mit der schlechteren Ernährung, wie mit dem abnehmenden Ver­brauch baumwollener Stoffe ist eS also einstweilen nichts! Die Ausfuhrzahlen beim Zucker, wie beim Branntwein sprechen deutlich genug für stch selbst; erwähnt sei nur noch, daß auch die BierauSfuhr um 6000 t zugenommen hat. Heber fortschrittliche Mandatsunlust schreibt man demPos. Tgbl." aus Hamburg:Holland in Roth" schallt auS demselben freisinnigen Lager, daS vor zwei Monaten laute Jubellieder ertönen ließ. DenStein der Weisen" glaubte man durch die Vereinigung von Fortschritt und Sezession gefunden zu haben, aber demSteine" fehlen leider dir Weisen! Wie auf Kommando sind drei der Hauptstützen unserer Freisinnigen in elfter Stunve zu der Einsicht ge­kommen, daß ihreVerhältniffe" ihnen die Fortsetzung der politischen Thätigkeit vorläufig nicht mehr gestatten. Hamburg, das sein schleSwig-holsteinischeS Hinterland sonst mit fort­schrittlichen Kandidaten zu versorgen pflegte, ist plötzlich selber in Verlegenheit gekommen! Für den verstorbenen Abg. Sandtmann will stch kein Nachfolger finden; Sandt- mannS spezieller Kollege, Dr. Roe, nimmt kein Mandat mehr au, wett er sich seiner Schule widmen zu müflen glaubt. Dr. Koch hat auch eine Schule (Anm. der Red. derNordd. Allg. Ztg.": Das müßte richtiger heißen: hatte eine Schule", denn Herr Koch ist jetzt Beamter eines Stuttgarter Verstcherungsinstituts) und ist gleichfalls unabkömmlich, und dieSeele" der hiesigen fortschrttttichen Agitation, Dr. GieSchen, will den heimatlichen Boden nicht mehr verlaffen und sich hinfort auf hamburgische Lokal- chätigkeit und Lvkalpolitik beschränken! Danach ist nur noch derRepublikaner" Dr. Wendt (gleichfalls Lehrer) übrig geblieben. In dem öffentlichen Examen an der Leipziger­straße hat dieser politisierende Pädagog aber so schlecht be­standen, daß seine Freunde ihm voraussichttich raten werden, noch eine Weile in der Schule zu bleiben."

Mai«), 4. Aug. Der Bericht der Mainzer Handels­kammer pro 1883 enthält eine bemerkenswerte Aeußerung über den Einfluß der deutschen Zollpolitik auf die deutsche Konserven-Fabrikation. Im Gegensätze zu den meisten deut­schen Industriellen der Konservenbranche, welche in dem

Verlegenheit dieser geharnischten Tugend deS Hoffräulein« gegenüber und eS entstand eine peinliche Pause. _Verlassen Sie uns," unterbrach Heinrich endlich da« Stillschweigen, zu Lord Caffolk gewandt,wir wünschen mit Miß Anna Boleyn allein zu fein."

Lord Caffolk hatte kaum diesem Befehle deS Königs Folge geleistet, als stch auch bereit« derselbe ungedulvig von seinem Seffel erhob, hastig an die knieende Anna Boleyn herantrat, sie galant au die Hände faßte und emporhob.

Fürchten Sie sich nicht, liebe Anna," sagte Heinrich dann in herablassendem Tone,wir sind Ihnen nicht böse, wir wünschen Ihnen kein Haar zu krümmen, Im Gegenteil, Ihnen gehört die ganze Huld Ihre« Königs, Ihnen, der schönsten und anmutigsten Dame unsere« Hofes."

Anna Boleyn verbeugte stch tief errötend und Heinrich fuhr mit erregtem, entflammtem Tone fort, der von der ge- wattigen Leidenschaft Kunde gab, die sein Herz für das schöne Hoffräulein hegte.

Ein Ereignis mehr zufälliger, als vorauSgesehener Natur hat Sie zur Braut Lord Percy'« gemacht, aber Ihr König liebt Sie, liebt Sie mehr al« dieser junge Lord. Schenken Sie dem Könige Ihr Herz, König Heinrich bittet Sie darum und verspricht auf ewig Ihnen zu spenden seine königliche Huld und Gnade. Sie sollen in den Adelsstand erhoben und einer Fürstin gleichgeachtet werden, in Schlössern und Palästen sollen Sie wohnen und wehe Demjenigen, welcher Anna Bolcyn, der Geliebten König Heinrich-, die schuldige Achtung verweigern würde. Willigen Sie ein, entsagen Sie der Liebe LordS Percy'« und schenken Sie mir, Ihrem Könige, Ihr Heq!" lFortsetzung folgt.)