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Nr. 183

Marburg, Mittwoch, 6 August 1884.

xix. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham» durg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt o. M., Berlin, Münchenund Mn; G- L. Daube und Eo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o M-; Hermann- scheBuchhandluna daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen S'A Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet-

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Neue Enthüllungen über die russische Revolutious- partet.

Der jüngste, gegen den Kaiser von Rußland in Warschau geplante Mordversuch hat wieder seltsame Enthüllungen über die Nihilisten und Verschwörer an das Tageslicht gebracht. Früher nahm man immer mit guten Gründen an, daß da« geistige Proletariat in Rußland verlumpte Studenten, verkannte Genies, entlasiene Beamte und her­untergekommene Offiziere die Nihilisten bllde und bei dem in Warschau entdeckten Attentatsplan hielt man eS außer­dem für höchst wahrscheinlich, daß polnische Verschwörer in die Affaire verwickelt seien. Beide Annahmen sind aber durchaus unzutreffend, das geistige Proletariat bildet wohl einen Teil der Nihilisten, aber lange nicht die Gefährlichsten, die gerade in hohen, einflußreichen Stellungen sich befinden und mit verwegener Raffiniertheit revolutionäre Pläne schmieden. Am allerwenigsten hat aber der Nihilismus und fein jüngster Verbrecherplan in Warschau mit einer polnisch-revolutionären Bewegung etwas zu schaffen, er ist und bleibt eine spezielle und originelle russische Erfindung, seine Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen durch die absolute Vernichtung dieser Berhältniffe und maßgeben­den Personen kundzugeben. Der von dem Warschauer Friedensrichter Beresowski geleitete revolutionäre Klub in Warschau, zu welchem zahlreiche Beamte, Militär-, Frauen, Studenten rc. gehörten und der mit Dynamit, Bomben, Dolchen und Revolvern auf das reichhaltigste affortiert war, hat ausschließlich aus Ruffen bestanden und mit polnisch - nationalen Bestrebungen nichts gemein gehabt. Ganz dasselbe war mit der im vorigen Jahre entdeckten revolutionären Filiale der Fall gewesen, die in dem auS kaiserlichen Mitteln errichteten adeligen Mädchen - Institut zur Erhaltung der russtschen Nationalität und der ortho­doxen Religion im Königreich Polen ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Damals wie jetzt leiteten die auf- gesundenen Fäden weder nach Lemberg, nach Krakau oder Paris, sondern nach Petersburg und stellte stch heraus, daß der SlaviSmuS die Firma gewesen war, unter welcher man das Heranwachsende Geschlecht mit revolutionär-nihi­listischen und atheistischen Gesinnungen zu versehen ver­sucht hatte.

Entdeckungen verwandter Art waren kurz zuvor in Finnland und in Livland gemacht worden. Zm Herbst 1882 wurde in dem livländischen Kirchspiele Sesswegrn ein revo­lutionäres Nest ausgenommen, das zur Zeit der Verwal­tung JgnatiewS angelegt worden war und deffen Insassen- schäft aus russischen Seminaristen bestand, die die lettische Jugend systematisch in die Mysterien der TscheregtichewSly- Bakuninfchen Lehren einweihten; die Sache erregte so großes Aufsehen, daß auf Betrieb der Gendarmerie Niderschlagung derselben angeordnet und dadurch eine öffentliche PreiS- gebung der jungrusstschen Emiffäre vermieden wurde. Der

merkwürdigste Fall ereignete stch aber in Finnland. Rasch hintereinander wurden der Profeffor der russtschen Sprache an der schwedischen Universität HelstngforS, verschiedene Beamte der dortigen russtschen Militär - Garnison und schließlich die Lehrer einer finnisch - russischen Landschule gefänglich eingezogen, dem Helstngforser Senat aber von der einheimischen Presse der dringende Rat erteilt, den finn­ländischen Staatssekretär in St. Petersburg mit einem förmlichen Anträge auf Schließung sämtlicher, in den öst­lichen Provinzen des Großfürstentums bestehender russischer Schulen zu betrauen und dabei hervorzuheben, daß die Lehrer derselben ihre Hauptaufgabe notorisch in der Ver­breitung von in Finnland sonst unbekannten revolutionären und nihilistischen Ideen sähen. In so hohem Grade be­denklich fleht es gerade in gewissen gebildeten Kreisen Ruß- ands aus und man sollte meinen, daß die Hauptursache >eS Nihilismus doch nur die versumpften russtschen Zu- iände sind, denen samt dem Nihilismus durch weise Re- ormen ein Ende bereitet werden könnte.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Ang. DiePost" veröffentlicht das Hand­schreiben des Kaisers an den Minister von Bötticher bei dessen Ernennung zum Domherrn. Darin heißt eS:ES hat Mir zu besonderer Genugthuung gereicht, daß der Ge- setzmtwurf über die Unfallversicherung nach eingehenden Verhandlungen die Zustimmung deS Reichstag« gefunden. Ich lege auf das Zustandeko innen dieses wichtigen Gesetzes um so größeren Wert, als damit zugleich ein wesentlicher Teil deS Meiner Botschaft vom 17. November 1881 auf­gestellten wirtschaftlichen Programms zur Erfüllung ge­langt. Zur Erreichung dieses Zieles haben Sie in an­strengender und unermüdlicher Arbeit durch ernste, sach­gemäße Vertretung des Entwurfs in so hervorragendem Maße beigetragen, daß es Mir du Bedürfnis ist, Ihnen für diese ersprießliche Thätigkeit Meinen Dank und Meine Anerkennung auszusprechen." DieNordd. Allg. Zig." sagt gegenüber derTimes": DieTimes" führt einen ziemlich künstlichen Apparat von Gründen an, durch welche Deutschland bestimmt wurde, auf der Konferenz Frankreich mehr als England zu unterstützen. Die natürlichste Er­klärung für Deutschlands Haltung auf der Konferenz, nämlich die, daß sie durch Deutschlands eigene Interessen geregelt werde, wird von dem Blatte des Herrn Blowttz nur oberflächlich angedeutet, .mit der Bemerkung, daß viel­leicht in egyptischen Finanzsragen die Interessen Deutsch­lands mit denen Frankreichs identisch wären. In ter Thal sind beide Staaten in der Lage, die Interessen der ihnen angehörigen egyptischen Bondholderö wahrzunehmen, und wenn die Angaben der Frank urter Handelskammer richtig sind, so hat auch Deutschland auf diesem Gebiete recht er­hebliche Interessen zu vertreten. Für dieTimes" scheint e« aber in der Welt nur entweder englische oder französische

Interessen zu geben; anderen Nationen wird neben diesen beiden Spitzen der Zivilisation ein Recht auf eigene selbst­ständige Interessen nicht zuerkannt. Sie haben stch einer der beiden Westmächte als die Folge anzuschließen und kommen nur auf dem indirekten Wege dieses Anschlusses zur Hebung. Es ist dies die natürliche Konsequenz der Anmaßung allen anderen Nationen gegenüber, welche in der Einwirkung des böhmisch-jüdisch-deutschen Pariser Kor­respondenten derTimes" ihren gewohnheitsmäßigen AuS- druck findet. Allerdings hat Deutschland nicht bloS die finanziellen Interessen seiner Bondholders in der egyptischen Frage, sondern auch seine Beziehungen zu den übrigen europäischen Mächten im Auge zu behalten. Derselbe Satz sollte für jede dieser Mächte gelten, und daß England ihn auf sich selbst nicht anwendet, dürfte die Hauptursache des wahrscheinlichen Mißerfolges der Konferenz bilden. Die Angabe, daß die englische Regierung sich gerade an Deutsch­land gewandt habe, um einen Druck auf Frankreich herbet- zuführen, ist insofern unrichtig, als dieser Wunsch ebenso­wohl Oesterreich, Italien und Rußland gegenüber in tden- tischer Form ausgesprochen worden ist. England hat die übrigen Mächte in die Notwendigkeit versetzt, über seinen Streit mit Frankreich ein Urteil abzugeben; ohne Zweifel in der Erwartung, daß dieselben eS stch zur Ehre rechnen würden, die englischen Kastanien auS dem sranzöstschen Feuer zu holen. So viel wir wissen, hat keine der ge­nannten vier Mächte hierzu Neigung gezeigt: Rußland Oesterreich und Italien eben so wenig wie Deutschland. Keine derselben hat es ihrem Interesse entsprechend ge­sunden, in englischem Interesse einen Druck auf Frankreich zu üben; am allerwenigsten aber kann dies von Deutsch­land erwartet werden, welches von dem Hauptorgan der englischen Presse, derTimes", nicht bloS in dem vor­liegenden Artikel, sondern seit Jahren regelmäßig feind­licher Absichten gegen Frankreich angcklagt wird. In Frank­reich gegen Deutschlanv zu Hetzen, liegt in der Gewohnhett deS City-BlattS. Die von demselben vertretene englische Politik hedarf der französischen und womöglich auch der russtschen Feindschaft gegen Deutschland und sucht sie zu fördern, wo sie kann. Während sie die direkten Beziehungen Englands zu Frankreich pflegt, ist sie gleichzeitig bestrebt, die unangenehmen Seiten, die sich dabei ergeben, nach Möglichkeit auf Deutschland abzubürden. Glücklicherweise finden dergleichen Versuche weder in Parts noch in Berlin mehr Glauben, und die englische Politik wird, wenn sie einen Eindruck auf Frankreich machen will, den Mut ihrer eigenen Meinung haben müssen. Die plumpen Hetzereien derTimes" zwischen Frankreich und Deutschland haben wesentlich dazu beigetragen, bei nnS den früheren Glauben an englisches Wohlwollen für den deutschen Vetter abzu­kühlen und den politischen Blick der öffentlichen Meinung in Deutschland zu schärfen.

BreSla«, 4 Aug. Der Anthropologen-Kongreß wurde

4 Eine ««glückliche Söaigi«.

Historische Erzählung von R. Hoffmann.

Lord Caffolk machte eine tiefe Verbeugung und zeigte ein sehr freundliche« Gesicht bet seinem Eintritt, so daß Anna, welche zunächst die Strafe für da« Zerreißen de« Btllct« deS Königs gefürchtet hatte, einige Augenblicke sehr erstaunt war. Doch bald verwandelte sich diese« Staunm in Schrecken und Entrüstung, denn Lord Caffolk machte eine zweite Verbeugung und sagte mit verschmitztem Lächeln:

Unser gnädiger König läßt der liebenswerten Miß Anna Boleyn seinen königlichen Gruß entbieten und be­fiehlt, daß da« schöne Fräuldn heute Abend um 10 Uhr, wo sie vom Dienste bd der Königin entbunden sein wird, sich in dem großen Pavillon de« Schloßgarteu« einfinde, um Sr. Majestät selbst Rechenschaft für da« gestrige Be­nehmen zu geben."

Anna Boleyn erblaßte im tüllichen Schreck und fuhr au« Bestürzung mit den Händen an ihre schöne Stirn.

Ich werde nicht kommen, ich kann nicht, ich darf nicht," preßte sie dann hervor.

Wagen Sie dem Befehle de« Königs zu kotzen, so haben Sie die Ungnade und den Zorn Sr. Majestät zu fürchten und Ihnen gebührt ein Platz im Tower," ent­gegnete Lord Caffolk lakonisch.

DaS WortTower", der Name de« verrufenen ehema­ligen englischen StaatSgefingnisse«, hinter dessen Kerker- mauern schon so manche« blähende Antlitz auf immer ver­schwunden war, flößk Anna Boleyn neues Entsetzen ein, ihr schöner Mund bebt« krampfhaft, ihr Herz klopfte fast hörbar und sie vermochte einige Augenblick« zu kdnrm Ent­

schlüsse zu kommen, auch war fie vor Schreck und Ent­rüstung wohl nicht fähig zu sprechen.

Den hartherzigen und rachsüchtigen Lord Caffolk rührte aber die Verzweiflung des HoffräuleinS nicht und er fuhr, als Anna Boleyn keine Antwort gab, in kaltem, berechnen­dem Tone fort:Haben Miß Anna mich wohl verstanden?"

Ach," eroberte diese und zwang stch zu einem Lächeln, der Herr Lord wollte mir wohl nur einen Schreck ein­jagen, denn ich kann fast nicht glauben, daß unser gnädiger König mich in den Tower einsperren lassen wird, wenn ich etwas nicht thue, was mir meine Pflicht gegen Gott und meinen Bräutigam verbietet."

Ein hämisches Lächeln Lord Caffolk'S war die erste Antwort auf diese Hoffnung Anna Boleyn'S und dann.sagte er, eine Amtsmiene an nehmend:

Hier handelt stch nicht um eine Pflicht gegen Gott oder gegen den guten Lord Percy, sondern um einen Be­fehl deS König« und wer diesem nicht gehorcht, muß seinen Ungehorsam im Tower büßen."

Anna rang die Hände und jammerte:

So hätte ich die Wahl zwischen Gefängniß «nd Schande I"

Schande?" rief mit geheuchelter Entrüstung Lord Caffolk und stampfte mit dem Fuße, daß seine vergoldeten Sporen klirrten.Wer sagt Ihnen, daß Sie die Zusammen­kunft mit dem Könige in Schande bringen wird? Majestät will nur Rechenschaft haben für daS gestrige Benehmen von Miß Anna."

Anna sah Lord Caffolk forschend in die Augen und suchte den Wert der eben gehörten Worte zu ergründen; der Berttaute des König« spielte seine Rolle gut, er zuckte

mit keiner Wimper und sein Antlitz zeigte vollm Ernst, so daß Anna seinen Worten, wenn auch nicht unbedingt glaubte, so doch einige Wahrheit zumaß. Eie erwiderte daher mit halb gedämpfter Stimme:

Ich bitte sehr um Verzeihung, Ew. Lordschaft, wegen meiner vorlauten Aeußerung, ich werde dem Befehle Sr. Majestät Folge leisten; wenn die Glocke zehn schlägt, bin ich im großen Pavillon."

Lord Caffolk verließ mit einer kurzen Verbeugung da« Gemach, um König Heinrich die Botschaft zu bringen, daß er diesmal glücklicher mit seinem Auftrage an da» schön ' Hoffräulein gewesen sei.

In Anna Boleyn'« Herzen stiegen aber bald nach Lord Caffolk'S Weggänge die bangsten Zweifel auf, denn sie hielt die Möglichkeit doch nicht für ausgeschlossen, daß sie von dem Lord getäuscht worden war. Sie hätte ihre Zusage, zum König zu kommen, zurücknehmen mögen, sie wäre am liebsten auS dem Schlosse entflohen, aber beide« war ja für da« Hoffräulein unmöglich oder hätte ihr doch viel schaden können, zumal wenn wirklich König Heinrich nur Rechen« schäft für ihr gestrige« Benehmen und nicht die Befriedi­gung dner ebenso gefährlichen als frevelhaften Leidenschaft verlangen sollte.

DaS Resultat aller laugen Gedanken war daher schließ­lich für Anna Boleyn: Sie wollte ihr Versprechen halten und in dem Pavillon erscheinen.?

E« war ein lauer, fast warmer Februarabend mit klarem blauen Himmel, strahlendem Mond und glitzernden Sternen, eine Winternacht, wie man solche in England, wo die Strenge der Nordwinde durch die Nähe der Seeluft gemil- bett ist, häufig hat. (gortfeOung feiet)