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Kr. 180

Marburg, Sonnabend, 2. August 1884.

xix. Jahrgang.

Antigen nimmt entgegen: bie Expebrtton d. Blattes, sowie d.Annoneen-Bureaux iwnHaasenstein undVogler in Frankfurt a M. Ham­burg, Magdeburg u. Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund Mn; G- L Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Attlichschr jritiiiio

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteö Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnserlionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Abreffen werden 25 Pfg. berechnet

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EM- Für die Monate August und September nehmen auf die

Oberhefsische Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierte» SountagVblatt

alle Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.

In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition zu machen._______________________________________________

Eine deutsch-französische Allianz.

Wunderbare Friedensklänge dringen von jenseits der Vogesen zu uns herüber. Der PariserFigaro", ein Blatt, welches, man mag über seinen publizistischen Charakter denken, wie man wolle, doch jedenfalls das Eine beanspruchen kann, daß es als eine Macht in bezug auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung seines Landes anerkannt wird, der Figaro" hat also den Mut, ein Bündnis zwischen Deutsch­land und Frankreich zu empfehlen. Wir haben von dem merkwürdigen Artikel, in welchem dies geschieht, bereits Notiz genommen. Es erübrigt nur noch, die Stimmung, aus Der heraus, und die Umstände, in welchen die Mani­festation erfolgt ist, näher zu beleuchten.

Wie groß oder wie gering die Zustimmung fein mag, welche derFigaro" in Frankreich findet (wir fürchten, ste wird leider nur sehr gering sein, soweit die Aeußerungen der Presse in Betracht kommen), so ist doch klar, daß solche Vorschläge nicht gemacht werden können, ohne daß der Boden für dieselben vorbereitet ist. Der ruhige, solide Durchschnitt der französtschen Bevölkerung will aufrichtig den Frieden. Aber es ist notorisch, daß diese maßvollen Stimmungen sich schwer, wenn überhaupt, Geltung zu verschaffen wiffen in einem Lande, wo die öffentliche Meinung von wenigen Parteiführern und ihren Trabanten in den Journalen förmlich in Pacht genommen zu sein scheint. Was Paris will, daS muß das Land wollen, und was Paris zu wollen scheint, das erfährt man aus der Boulevardpreffe; dieser circulus vitiosus, der durch die Thatsachen oft und energisch genug Durchbrochen wird, findet namenllich im AuSlande noch immer seine Gläubigen, und ob wahr, ob falsch, be­einflußt er nicht nur daS Urteil über die französischen Zu­stände, sondern er erschwert auch einer abweichenden Mei­nung in unserem Nachbarlande, sich äußerlich zur Geltung zu dringen. Um so wichtiger aber ist eS, wenn trotzdem Kundgebungen, wie diejenige desFigaro", sich an die Oeffentltchkett wagen können. WaS anderwärts als die Laune eines Einzelnen erscheinen würde, muß in Frankreich

1 (Nachdruck verboten )

Eine ««glückliche «öntgta.

Historische Erzählung von R- Hoffmann.

ES war im Februar des Jahres 1531 und im drei- undzwanztgsten Negierungsjahre König Heinrichs VIII. von England. Heinrich VIII. war damals noch nicht so verrufen, wie er eS später durch seine wankelmütigen und tyrannischen Neigungen wurde; man verehrte in ihm am englischen Hofe noch den ritterlichen, hochgebllveten, staatsklugen und männ­lich schönen König, den ersten Gentleman deS Landes, und wenn Heinrich VIII. nicht auf «riegszügen begriffen war oder ernsten StaatSgefchäflea obliegen mußte, so hielt er gern Festlichkeiten un- Jagdzüge ab und es ging dann gar lustig an den Höfen von London und Windsor zu.

So geschah eS auch, daß im Winter 1531 zahlreiche Ball- und Maskenfeste, teils in dem königlichen Refidenz- schlvffe zu Windsor, teils in dem Saint-JameS-Palaste zu Loudon abgehalten wurden, wo König Heinrich inmitten feines Hofes und der Würdenträger des Landes sich gern siöhlich zeigte und nicht nur mit feiner Gemahlin, der Köni­gin Katharina, einer Prinzessin von Aragonien, den lustigen Reigen eröffnete, sondern auch mit den ersten Damen deS Hofes und cer Aristokratie tanzte.

Die herrlichste und anmutigste unter den schönen Damen am englischen Hose war aber damals weder eine Prinzessin, noch Lady von Geblüt, sondern Miß Aana Bol YN, welche als ein wahres Wunderkind bereits in ihrem siebenten Lebens­jahre von einer Edeldame adoptiert und an dm französi­schen Hof gebracht wurde, wo das liebreizende und talent­dolle Mädchen die feinste Erziehung empfing. Al» darauf

immer als der Ausdruck einer mehr oder weniger verbrei- teten Volksansicht betrachtet werden, weil eS fönst überhaupt nicht Stimme und Form in der öffentlichen Meinung erhielte.

Die Manifestation desFigaro" zeigt indessen noch ein zweites Antlitz, welches den Wert der Friedenskund­gebung für Deutschland allerdings etwas abschwächt, welches diesen Mangel aber durch ein erhöhtes politisches Jntereffe aufwtegt. DerFigaro" dient den Interessen der Orleans. ES ist eminent royalistische Politik, welche in seinen Spalten getrieben wird. Der deutschfreundliche Artikel des Boulevard blatteS hat also eine Pointe gegen die Republik. Den Franzosen soll verhüllt gezeigt werden, wie der Fortbestand der republikanischen Staatöform nur erkauft werden kann durch eine unaufhörliche Unsicherheit deS europäischen Friedens, während die Herrschaft der Orleans den Frieden quand meine bedeuten würde. Ja, die Orleans selber insinuieren sich in dem merkwürdigen Artikel dem Berliner Kabinett in einer sehr feinen und angenehmen Weife. Unwillkürlich erinnert man st<b der Versuche, welche durch Mittelspersonen hochfürstlichen Charakters alsbald nach dem Tode des Grafen Chambord gemacht wurden, um die An- stchten der Höfe von Berlin und Wien über eine etwaige Zurückführung der Orleans auf den verwaisten Thron von Frankreich zu sondieren. Die damals vergeblich gebliebenen Bemühungen scheinen jetzt in einer anderen Form wieder ausgenommen zu werden und man weiß nicht, ob der Figaro" Artikel daS Fels für eine neue Aktion der fran­zösischen Royalisten ebnen oder ob er gar schon einen bereits eingeleiteten Feldzug journalistisch unterstützen soll.

WaS die öffentliche Meinung in Deutschland betrifft, so wird eS wahrlich an ihr nicht liegen, wenn die vorgeschla,ene Allianz nicht zu stände kommt. Wir wünschen in Frieden und Freundschaft mit allen Nationen zu leben, die uns mit Gerechtigkeit und Wohlwollen entgegenkommen. Wir Haffen die Franzosen nicht und wir werden aufhören, ihnen zu mißtrauen, wenn sie ihrerseits sich endlich einmal dazu entschließen wollten, den aussichtslosen Rcvanchegedanken und die verletzenden Kund­gebungen einer kleinlichen Eifersucht fahren zu laffen. Fürst BtSmarckS letzte ReichStagSrede anläßlich der Kolonialdebatten hat überdies gezeigt, daß auch an der leitenden Stelle in Deutschland keine blinde Voreingenommenheit gegen Frank­reich obwaltet. Im Gegenteil, alle Evoluttonen der deut­schen auswärtigen Politik atmen seit langen Jahren den Geist offenen Wohlwollens für unsere Nachbarn. Erst neuerdings hat das taktvolle Fallenlaffen der Fahneufrage deutscherseits und ferner in noch höherem Grade die Unter­stützung, welche Frankreich durch uns auf der Londoner Konferenz findet, die Beweise für jene Erscheinung geliefert, die nut von übelwollender Bosheit übersehen oder tu ihr Gegenteil verkehrt werden kann.

ES ist vielleicht nicht unaugemeffen, an eine Episode aus dem Jahre 1880 zu erinnern. Damals war Graf

St. Ballier, der französische Botschafter in Berlin, einer Einladung des Fürsten BiSmarck nach Varzin gefolgt und die öffentliche Meinung erschöpfte sich in Vermutungen über den Gegenstand der Besprechungen der beiden Staats­männer. Als die am meisten plausible Version aber er­schien diejenige, nach welcher der Reichskanzler nichts Ge­ringeres, als einen mitteleuropäischen Bund zwischen Frank­reich und Deutschland-Oesterreich plane. Fürst Bismarcks Gedankengang war, so wurde versichert, der folgende: Seit wehr als zwe Jahrhunderten befinden sich die Reiche Mittel­europas in geheimer oder offener Fehde. Aber nur der Gewinn war bei den Kriegen zwischen Frankreich, Oester­reich und Deutschland ausgeschlossen, nicht der Verlust. Im G geuteil, der Verlust trat in jedem Falle ein, ob Sieg oder Niederlage erfolgte. Denn während die Mächte in blutigem Ringen begriffen waren, fanden England uno Rußland Zeit und Gelegenheit, ihre koloffale Macht auf­zurichten. Mit einem bedeutend geringeren Kraftaufwand, als die kontinentalen Kriege um einen Fetzen wertlosen Landes erforderten, haben England und Rußland die Welt­herrschaft erobert und es zu Wege gebracht, daß Deutsch­land, Frankreich, Oesterreich, welche die höchste, kompakteste Summe von Bildung, Kultur und Stärke auf der Erde repräsentieren, von den Meeren, von dem Reichtume der Tropen und überhaupt von jeder größeren Entwickelung ihrer Machtverhältniffe ausgeschloffen sind.

Gerade jetzt wäre (nach der Ansicht deS Reichskanzlers, wie man ste damals verstanden haben wollte) der Moment für die mitteleuropäischen Mächte gekommen, entweder mit freiem Blick in die Geschicke der Erde einzugreifen oder von blinder Eifersucht beseelt ihre Stagnierung und ihr Herabsinken zu Lokalgrößen vervollständigen zu laffen. Ein neuer deutsch-französischer Krieg würde in die Epoche des Zusammenbruchs der Türkei fallen und die Weltmächte England und Rußland fänden die Gelegenheit, sich durch eine Teilung des Osmanenreichs vollends zu Herren der Erve zu machen. Dieser Gefahr zu begegnen, sollte ein Bündnis zwischen den deutschen Mächten und Frankreich der geeignetste Schritt sein.

Es mag sein, daß des Reichskanzlers Anschauungen von den Personen, die ihn im Herbst 1880 intimer zu sprechen Gelegenbeit hatten, etwas phantastisch wiedergegeben worden sind. Ein Kern von Glaubwürdigkeit steckt indeffen zweifel­los in diesen dem Fürsten Bismarck zugeschriebenen Ideen. Die auswärtige Realpolitik des leitenden Staatsmannes klebt nicht am Nächsten und Kleinlichen, sie geht immer von welthistorischen Gesichtspunkten aus. Man lese nur das Gespräch deS Fürsten BiSmarck mit Prof. Bluntschli über die Rassenunterschiede von Germanen, Romanen und Slaven. Fast wie eine Art von Mystik weht eS uns aus diesen geschichtsphilosophischen Abstraktionen an. Aehnlich mag der Kanzler die Zukunft und die Geschicke der euro­päischen Mächte wohl auch in diplomatischen Aktionen ern-

...... ' I

Anna Boleyn in ihrem achtzehnten Lebensjahre wieder nach England zurückkehrte, wurde ste wegen ihrer ausgezeichneten Schönheit und Bildung des Geistes und Herzens von der Königin Katharina, der Gemahlin Heinrichs VIII,, zum Hoffräulein ernannt.

Am Hofe gewann Anna Boleyn durch ihre glänzenden Eigenschaften alle Herzen und wußte sich dabei durch ihre Bescheidenheit und Tugendhaftigkeit auch die dauernde Gunst der Königin und der Hofdamen zu erhalten. Natürlich mußte eme Dame wie Anna Boleyn auch bald die Herzen der Männer entflammen, stolze Herzöge und Lords erblick teu in einer Vermählung mit der schönen Bäckerstochter keine MeSallianze und bewarben sich um ihre Hand. Anna zögerte diesen Bewerbungen gegenüber eine Zeit lang, denn eine innere Stimme mochte ihr vielleicht sagen, daß eS für sie, d«S einfache Bürgerkind, nicht ohne Bedenken und Ge­fahren war, die Bewerbungen eines vornehmen LordS zn begünstigen.

Aber wie kaum anders fein konnte, verlor Anna Boleyn ihr Herz doch an einen jungen englischen Edelmann, den Lord Richard Percy, einen Sohn des Grasen von Nor- thumberland, welcher dem schönen HoffrSulein eine ebenso heiße Siebe entgegenbrachte, so daß Anna sich mit ihm ver­lobte, nachdem ste die Einwilligung des Königs und der Königin zu diesem Schritt erlangt hatte.

Anna Boleyn war aber kaum einige Monate bie Braut Lord Percy's, als ste durch ein unerwartetes Ereigniß in ein ganz anderes Schicksal gedrängt wurde; denn kein Ge­ringerer als König Heinrich VIII. selbst verliebte sich In Anna und ihre strahlende Schönheit und unvergleichliche Anmut entflammten in dem Herzen des Königs eine

heftige Leidenschaft, welche in Heinrich VIII. wohl deshalb so mächtig wuchs, weil die Königin um neun Jahre älter war als ihr G.mahl und Heinrich nicht aus gegenseitiger Neigung, sondern nur infolge ter egoistischen Politik seines Vaters König Heinrichs VII. mit Katharina von Aragonien vermählt worden war. Denn Katharina war bereits mit Heinrichs VIII. ältestem Bm-er, Prinz Athur vermählt, und als dieser starb, verheiratete König Heinrich VII. seinen zweiten Sohn, den nachmaligen König Heinrich VIII., mit Katharina von Aragonien, obwohl sie neun Jahre älter war als dieser, und wie man sagt, wurde diese Ehe haupt­sächlich nur deshalb bewerkstelligt, damit Heinrich VII. die reiche Mitgift der Katharina von Aragonien, 200000Gold- gulden, eine sehr große Summe für die damalige Zeit, nicht wieder hrrauSzugebeu brauchte.

Deuten schon diese Berhältuiffe feiner Ebe auf einige lifachen der Leidenschaft König Heinrichs VIII. für daS chine Hoffräulein Anna Boleyn, so wird man für die nach- olgenden Ereigniffe allerdings nur den leidenschaftlichen, 'eine Schranken und Hinderniffe beachtenden Charakter Heinrichs VIII. verantwortlich machen müssen.

Schmetternder Trompetenklang erscholl in einer Februar­nacht aus den weiten H:llc» des Köniasschlosses zu Windsor, Heinrich VIII. hielt wieder ein glänzendes Ballfest und statt­liche Herren und Damen wogten in lustigen Reigen in dem Hauptsaale deS SchloffeS, sowie in den Nebensälen in lusti- dem Menuet oder in der graziösen Quadrille dahin. Doch nicht lange währte die ungezwungene Fröhlichkeit unter den Gästen, denn fast alle Tänzer und Tänzerinnen zischelten sich mit moquantcn Blicken eine unerhörte Mähr in« Ohr.

(Fortsetzung folgt )