Marburg, Freitag, 1. August ,884.
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XIX. Jahrgang
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wenn so viel als möglich auf das Grundlose, Ver- und Unwürdige dieser Cholerafurcht hingewiesen wird.
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es doch wissenschaftlich fest, daß alle neueren Epide- nicht so heftig auftraten als die früheren und daß
die Cholera in ihrer Eigenart noch nicht sicher erforscht ist anb Autoritäten wie Koch, Pettenkofer, Virchow und Pasteur stch über die wahre Natur der Seuche noch streiten, darüber stimmen aber alle Aerzte überein, daß die Cholera nur dann einen epidemischen Charakter annehmen kann, wenn ihr durch Unreinlichkett in Straßen und Gasten, in Häusern und Höfen, Aborten, Küchen u. s. w. Brutstätten bereitet werden. Ferner weiß man, daß Vermeidung jeder extra- daganten Lebensweise, zumal im Esten und Trinken, die Chvleragefahr vermindert, eö hat eS also jedermann in der Hand, durch Reinlichkeit und streng diäten Lebenswandel
seine Gesundheit auch gegen die Cbolerg zu schützen, denn deren Ansteckung findet von Person zu Person nur bedingungsweise statt.
Ein Hauptschutzmittel gegen die Choleragefahr ist aber gerade die Furchtlosigkeit, der Mut und daS Vertrauen in die göttliche Liebe und Weltordnung, die allen Prüfungen daö rechte Ziel fetzt, sofern wir nur unsere Herzen dafür öffnen wollen. Wo freilich Angst und Verzweiflung die Gemüter schon bei einer eingebildeten Gefahr packt, fehlt jede moralische Kraft, stch aufzurichten in Mut und Ver trauen und die winzigste Gefahr wächst in der Einbildung der Schwächlinge riesengroß, jede ruhelose, angstvolle Ge- mütSstimmung reibt aber die körperlichen und geistigen Kräfte auf, erweckt schon in der Einbildung Ekel und Abscheu, wo die wirklichen Ursachen noch gar nicht vorhanden sind und disponiert zu einer leichten Annahme jeder Krank« heit, und so kommt eS, daß in Cholerazeiten mehr M-nschen an der Cholerafurcht, als an der Cholera sterben. Einem solchen erbärmlichen, unwürdigen Zustand ist freilich nur durch die Einkehr sittlichen Ernstes in das Gemüt entgegen- zuwtrken und der leichtsinnige Lebemann und die gedank-n- lofen, vergnügungssüchtigen oder einer Leidenschaft ergebenen Menschen werden in der Stunde der Gefahr vergeblich nach dem Mut suchen, der durch sittlichen Ernst und Pflichtgefühl erworben wird.
IST» Für die Monate August und September nehmen auf die
Zur Beruhigung!
Man hat in vielen Kreisen die bedauerliche Beobachtung machen müßen, daß das Auftreten der Cholera in Süd-
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gelind auftritt und bis jetzt außerhalb der Provence keine Verbreitung fand. Man hat nun bchauptet, die Cholera werde überall hinkommen, wo ihr Seuchengift Nahrung
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finde, werde also wahrscheinlich einen Rundgang durch Europa machen. Doch dieser Behauptung, welche einseitig bis zur Albernheit ist, kann man die Thatsache entgegensetzen, daß sehr ost die Cholera nur eine lokale Epidemie gewesen ist, so z. B. in Königsberg, in Danzig, in Magdeburg und in München, wo sie stch in verschiedenen Jahren in der Zeit von 1872 bis 1876 einfand und lokalisiert blieb, ja selbst in so volkreichen Städten wie London , Paris und Berlin konnte die Seuche schon zweimal auf verhältnis-
,Barmherziger Himmel!" schrie die Tante auf. ES ward ihr schwarz vor den Augen. In stürmischer Hast zog fle die Nichte aus dem Zimmer, die vergeblich sie zu beschwichtigen suchte, im übrigen aber stch ganz die klassische Ruhe bewahrte, die ihren Bruder stets in schwierigen Situationen auSzeichuete. —
Edgar flog mehr, als er ging die Treppe zu Adelheids Kabtnet empor. Mit einem verzweifelten Ruck sprengte er die verriegelte Tür aus dem Schloß und stürzte mit einem wilden Ausdruck ins Zimmer.
Adelheid saß in starrer Haltung auf einem Stuhl. Ihr ohnehin schon bleiches Gesicht schien noch farbloser al» gewöhnlich, ihre Augen waren weit geöffnet, dir marmorweißen Arme, an denen übrigens keine Spur einer Brandwunde zu entdecken war, lagen in unbeweglicher Ruhe auf dem blauen Kleid.
„Adelheid!" rief er in entsetzlicher Spannung, „sage mit, daß es nicht wahr ist, daß Du dnen Scherz vor hast--"
Sie streckte feierlich die Hand gegen ihn au». „ES ist genug de» Scherzens; klage nicht, Edgar, eS ist zu spät."
„Zu spät I zu spät!" jammerte er zu ihren Füßm. „Vergieb, Adelheid, o vergieb."
„Du hast ja meine Vergebung brrestS erhalten," ent« gegarte fle mit versagender Stimme. Ihre Augen irrten von ihm ab nach der auf dem Tische strheuden, mit einer schwatzen Flüssigkeit noch halb gefüllten Taffe.
„Ha!" schrie et aufspringend, „ich mag Deinen Tod nicht überleben, Du sollst sehen, daß nur He wahnsinnige Liebe zu Dir mich zu jenem thörichten Schritte trieb."
Et süpcte das Gefäß zum Munde.
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Amtlicher Anzeiger für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustrierter SonutagSblatt
Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.
In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition
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Leonie führte ihr Taschentuch zum Munde, um ein Lächeln zu verbergen, die alte Dome richtete ihre Blicke auf Edgar und fuhr erschrocken empor, al- sie sah, wie dieser während des Lesens tötlich erbleichte.
„Um Gotteswillen, Edgar, wa« giebt eS? was schreibt fie Dir?" fragte sie ängstlich.
Er griff hastig nach der Stirn, warf dann den Brief zur 6tbe uno stürzte, ohne Antwort zu geben au» dem Zimmer.
Die alte Dame wollte ihm Nacheilen, allein Leonie hielt fc zurück, indem sie den Arm um ihre Taille schlang und Weich den Brief von der Erde aufhob.
«Nicht doch, Tantchen," sagte fie ruhig, „lesen wir tuuächft die» hier." Sie faltete da» Schreiben auseinander und las.
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Frage nicht, wie ich es erfahren, aber wiffe, ich kenne Deine herzlosen Absichten, dast Du mich nicht liebst, wußte ich längst; aber daß Du so grausam sein konntest, habe ich nicht gedacht — kann ich nicht ertragen. Ver- höhnt, verlacht von Dir und Deiner Helfershelferin, verachtet von mir selbst, mag ich nicht länger leben, und ich die daher im kühlenden Trank meinen Schmerz zu löschen. Ich weiß, daß seitdem da» Gift meine Lippen benetzte, IRettunfl für mich unmöglich ist. Lebe wohl! Ich vet- zeihe Dir und Deiner Helferin — ich weiß, daß Ihr die Tragweite Eure» vermeintlichen Scherzes nicht berechnet habt. Mein Tod komme nicht über Euch!
Adelheid."
srankreich ganz über die Gebühr viele Gemüter in Angst hat, weshalb es als ein löbliches Werk erscheinen
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux JSgersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Htueigen nimmt entgegen: hie Expedition b. Blatte», I-tpie d.Annoncen-Bureaux «onHaasensteinundVogler ta Frankfurt a M. Ham- L,g, Magdeburg u. Wien; gtubolf Moffe in Frankfurt i z»., Berlin, Münchenund «öhr ©• L Daube und L tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Pari».
„Edgar!" tönte ein Angstschrei von der Tür her, wo Leonie eben mit Tante Margarethe eingetreten war.
„Edgar!" rief Adelheid von ihrem Sitz emporfchnellcnd. Aber zu spät! Er hatte bereits die Taffe an die Uppen gesetzt und trank; doch plötzlich setzte er sie mit sehr verändertem Gesichtsausdruck nieder.
„DaS ist ja Kaffee!"
Leonie brach in ein lang anhaltendes Gelächter au».
„Allerdings," entgegnete Adelheid mhig. „Sagtest Du mit nicht selbst oft, daß der Kaffee rin gefährliche» Gift sei, und hast Du mich nicht oft genug gescholten, weil ich diesem narkotischen Getränk so sehr ergeben war? — Gott warum hast Du getrunken, Edgar, ich versichere Dich, er war gehörig stark."
Sie machte eine verzweifeste Anstrengung, dem Lach- reiz zu widerstehen, denn da» Beispiel ihrer Kousine und der von dieser bereits aufgeklärten Tante ans sie ausübte.
Edgar griff mit der Hand nach der Stirn.
„Adelheid," sagte er plötzlich mit jener schnellen Wendung, die ihm auch in den schwierigsten Lagen stet- den Schein der Ueberlegenheit reitete. „Adelheid, Du bist da» reizendste Geschöpf der Erde, willst Du mein angebetete» Weib fein?"
„Ich, Dein Weib? Bedenkst Du nicht, daß mein som- mersprosstgkS Gesicht, meine winzige Figur, mein zänkische« Wesen —"
„Vortrefflich zu meinem Zigennerteint, dem rabmschwar- zen Haar, der herkulischen Gröhe und meinen unauSsteh. lichen Manieren paffen werden?" fiel er lachend ein.
Sie machte einen Versuch, ihm um den Hals zu fallen,
Abteilung fort. Der dritte Teil endlich bietet den Schluß der Abteilung Industrie, sowie die Berufsabteilungen „Handel und Verkehr", „Lohnarbeit wechselnder Art und häusliche Dienste", „Staats-, Gemeinde-, Kirchen- rc. Dienst", „Ohne Beruf und ohne Berufsangabe.' Man findet in diesem Bande die berufliche Zusammensetzung der Bevölkerung einer jeden Provinz und eine« jeden Regierungsbezirk« Preußens und der entsprechenden Verwaltungsbezirke der anderen Staaten, unterschieden nach 153 einzelnen Berufsarten. Bei jeder dieser Berufsarten find die Personen nach dem Geschlecht und nach der Berufsstellung, nämlich als Selbständige und sonstige Geschäftsleiter, al« hvhere« Verwaltung«- und Aufsicht«- oder Büreauperfonal, sowie al« sonstige Gehülfen, Lehrlinge und Arbeiter auöeinander- gehalten worden. Dieser Band, in Verbindung mit dem schon ausgegebenen Bande, welcher die Großstädte gesondert behandelt, enthält ein so vollständiges und ausführliches Material zur Charakterisierung de« Erwerbslebens des deutschen Volke«, wie e« bisher noch nie geboten war. Eine ausführliche Bearbeitung der Ergebniffe der Berufszählung in Form von Erläuterungen, Verhältnisberechnungen und kartographischen Darstellungen, mit den die Summen für das Reich zufammenfaffenden Ueberstchtm und summarischen Nachweisungen für die kleineren Verwaltungsbezirke, wird al« Band 2 der Neuen Folge der Statistik des Deutschen Reichs demnächst erscheinen. — Das Kaiserliche statistische Amt hat eine sehr ausführliche Bearbeitung der Ergebniffe der Viehzählung vom^ 10. Januar 1883 (Berlin, Puttkamer und Mühlbrecht) veröffentlicht, in welcher das Material nach Staaten und größeren Verwaltungsbezirken geordnet ist. Neben den Nachweifen, welche sich auf Stand und Bewegung der Stückzahl der verschiedenen Biehgattungen beziehen, sind für dieses Mal auch die Werte dargestellt, welche sich au» den von den landwirtschaftlichen Vereinen gemachten Angaben über den Verkaufswert eines Stücke» mittlerer Qualität der verschiedenen Viehgattungen und MterSklaffen berechnen ließen, und es hat sich als Gesamtwert de» Vieh- kapital« im Deutschen R.ich der Betrag von fünf und einer halben Milliarde Mark ergeben, wobei da» jedenfalls auch einen beträchtlichen Wert repräsentierende Geflügel außer Ansatz geblieben ist. — Al« Anhalt für die von den Kreisphysikern fortan alljährlich (statt wie bisher vierteljährlich) zu erstattenden Gesundheitsberichte hat der Minister der Medizinalangelegmheiten durch ein den Regierungspräsidenten, Land »rosten u. s. w. zugegangenes Rundschreiben vom 8. d. Mt«. ein Muster aufgestellt, welchem die „Köln. Ztg." folgende» entnimmt: Die Einleitung hat stch mit der geographischen Beschreibung de» Kreises, mit Hydrographischem, Orographischem, Geogno- sttschem, mit Bevölkerung, Städten, Ortschaften zu beschäftigen. Es haben zu folgen: Meteorologische Beobachtungen mit WafferstandS- und Grundwasserbeobachtungen, wo diese
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSßlatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter de« Deutschen Reiche» 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juli. Die „Nordd. Allgem. Ztg." erklärt die in viele Blätter übergegangenen abenteuerlichen Berichte über den Toi Midhat Paschas und seiner verbannten Genoffen al» „verlogen" und sagt: Auf solchge- wiflenlose Art und Weise die Preßfreiheit auszubeuten und auf Kosten befreundeter Souveräne Romane zu schreiben, ist nicht nur vom Standpunkte der Politik, sondern schon einfach vom Standpunkte der Ehrenhaftigkeit al« bedauerlich zu bezeichnen. — Die Berichte über die gestern abend beendigten Sitzungen des Reichsgesundheitsamtes, in denen Herr Geheimrat Koch über feine Reife nach Marseille und Toulon berichtete, werden demnächst In der „Deutschen medizinischen Wochenschrift", herauSgegeben von Dr. P. Börner, in extenso veröffentlicht werden. — Von der Berufsstatistik nach der allgemeinen Berufszählung vom 5. Juni 1882 ist vom kaiserlichen statistischen Amt nunmehr derjenige Band (Statistik deS Deutschen Reich«, Neue Folge, Band 4) veröffentlicht, welcher die Ergebnisse der Berufszählung nach Staaten, größeren Verwaltungsbezirken und nach 5 Größenkategorieen der Orte darstellt. Wegen feines Umfange« von 1849 Seiten ist er in drei Teilen HerauSgegeben. Der erste derselben enthält die Berufsabteilung „Land- und Forstwirtschaft, auch Tierzucht und Fischerei", sowie 8 Gruppen der Berufsabteilung „Industrie, einschließlich Bergbau und Bauwesen." Der zweite setzt die Nachweisungen über die Berufsgruppen dieser
Ein mißlungener Scherz.
Novellelte von L. Salm.
(Fortsetzungund S chluß.)
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mäßig wenige Fälle beschränkt werden.
Wenig rühmlich für die Heilkunde und dm gewaltigen , Mit Apparat moderner Wtffenfchast ist e« nun allerdings, daß
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rrsktzu selbst in den beiden gesundheitlich so sehr vernachlässigten Städten Toulon und Marseille die Choleraepidemie nur