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Marburg, Dienstag, 29. Juli 1884. XIX. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen: b« Expedition b. Blattes, kwie d.Annoncen-Bureaux vonhaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- mrg, Magdeburg u. Wien: gindolf Stoffe in Frankfurt a. M., Berlin, Münchenund füln; G- L- Daube und Go. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

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Anzeigen nimmt entgegen : die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux cJ^erfche Buchhandlung in . -ito. M.; Hermann-

Ahm '**lun5 daselbst; scheBuchhau. Hamburg; Adolf Steiner i. ‘‘-'Win Jnvalidendank in k. ! Dresden und Leipzu, I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.» - Jnserlionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Spedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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WM- Für die Monate A«g«st und September nehmen auf die

Oberheffifche Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain

und

Illustrierte« SouutagSblatt

alle Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.

In Marburg find Bestellungen bet der Expedition zu machen.

Zur Choleragefahr.

Die Nachrichten von dem Auftreten der Cholera in Toulon, und von deren weiterer Verbreitung in dieser Stadt und in Marseille, haben die Gemüter in Deutschland über Gebühr erregt. Selbstverständlich war es die Pflicht der obersten Reichsbehörde, sich ohne Verzug über den Charakter bet Krankheit zu versichern und in Uebereinstimmung mit den Landeszentralbehörden alle diejenigen Maßregeln vorzu- bereitcn, welche — so weit überhaupt möglich — einen Schutz gegen die Einschleppung der Epidemie, und im Falle derselben eine mögliche Eingrenzung gewähren können. Ebenso war eö geraten, namentlich in den Verkehrszentren, die Vor­sorge insbesondere der ärmeren Bevölkerung gegenüber bei­zeiten inS Auge zu faflen. Alles dies kann und ist, so wett wenigstens die Reichs- und Staatsorgane in Frage stehen, ohne Aussehen zu erregen, geschehen. Im Jahre 1873 z. B. hat man sich lediglich darauf beschränkt, die Des­infektion der Aborte namentlich an den Bahnhöfen anzu­ordnen, hat dem Landverkehr überhaupt nicht und dem Schtffahrtsverkehr nur sehr geringfügige Beschränkungen Polen gegenüber auf erlegt, weil von dorther durch Flößer die Cholera nach Thorn verschleppt wurde. Für zur See au» Cholerahäfen eingehende Schiffe hat man sich später ohne Quarantäne mit einer bloßen Revision begnügt.

Auch die Bevölkerung hat in früheren Jahren im großen und ganzen stets eine ruhige Haltung stch zu wahren gewußt und, soweit ärztlich geboten, die größere Vorsicht in der Lebens­weise selbst bei schon vorhandener Epidemie mit Aufrechterhal­tung des Gleichmuts zu verbinden verstanden. Es ist deshalb auffällig, daß die Angst vor der Seuche bei ihrem diesmaligen Erscheinen in Europa stärker zum Ausdruck kommt, als bei jedem früheren, mit alleiniger Ausnahme des ersten im Jahre 1831, in welchem bekanntlich nur zu oft die verkehrtesten Maß­regeln und die übelsten Folgen gerade durch die sinnlofe Angst herbeigeführt wurden. Wenn nun auch damals die Lang' famkett und Spärlichkeit der Nachrichten den übertriebensten Gerüchten freien Spielraum ließen, so tragen doch auch

2 (Bin mißlungener Scherz.

Novellette von L. Calm.

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Dua- 205

»Wirklich, liebe Cousine, ich glaube, Dir könnte ge- holfm werden. Wünschest Du den Betreffenden blond oder brünett?"

»Nun glaubst Du gar, ich könnte mich in raben­schwarzes Haar, und Zigeunerteint verlieben?* rief ste, sein dunkles Gesicht mit einem spöttischen Blicke streifend.

Er biß sich auf die Lippen, ließ stch jedoch nicht an- verken, daß er beleidigt war.

»ES stimmt, Dein Wunsch soll erfüllt werden. Das Signalement paßt Zug für Zug."

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»Auf wen?"

»Auf meinen Universttätsfreund, Leo von Rheden. Denn Du erlaubst, führe ich ihn Dir bei meinem zweiten Gesuch, den ich hier für diese Ferim versprochen habe, zu. Du wirst dann sehen, daß eS in unserem Geschlecht noch Aeale flieht."

»Würde mir sehr angenehm sein,* entgegnete sie ironisch.

»Aber Du mußt nicht verraten, daß Adelheid eine «vrliebe für blonde Herren hat*, mahnte die Tante, die "4 mit schnellem Takt in die Situation gefunden hatte stch deshalb wohl hütete, zu erwähnen, daß Adelheid Mer stets die brünetten Männer und hohen Gestalten im Herzen bevorzugt hatte.

»Tante, was denken Sie von mir l* rief er mtt Emphase. •Wb männliches Wesen soll dies Geheimniß erfahren." Dann wandte er sich zu seiner Coufine, die schon Anstalten *üchte^ stch in daS Haus zurückzuziehen.

n »Coustnchen, ich muß morgen in aller Frühe von hier 1 ^brechen. Darf ich hoffen, Dich wiederzusehqi?"

heutzutage die veränderte Lage der Telegraphie, die Eisen­bahnverbindungen und die Publizistik, welche gerade in Zeiten der politischen Ruhe die sonst auftretenden außergewöhn­lichen Erscheinungen in oft allzu großem Maße auSzu- nutzen pflegt, nicht wenig dazu bei, auch schwerer erregbare Phantasteen mit Furcht und Angst zu erfüllen. Zu biefen Umständen tritt noch hinzu, daß dem Zuge der Zeit nach Oeffentlichkeit entsprechend, auch die Männer der Wiffen- schaft ihre Ansichten öffentlich zu diskutieren pflegen, und daß diese Erörterungen, welche eigentlich nur für Fach­kreise bestimmt sind und unter Voraussetzung eines gewiffm technischen Verständnisses zur Aufklärung dienen können, in weitere Kreise dringen, mißverstanden »erben unb deS- halb Beunruhigung erzeugen.

Alle biefe Gründe geben uns eine Aufklärung über die Entstehung der in der Bevölkerung zum Ausdruck ge­langten ängstlicheren Stimmung; sie enthalten aber gleich­zeitig die Mahnung, bei aller Vorsicht doch Uebertreibungen zu verhüten, welche ohne Not belästigen und ängstigen.

Wenn ein jeder in seinem Kreise solchen Uebertreibungen mit Ernst entgegentritt, so wird er ängstlichen Gemütern gegenüber ebenso segensreich wie derjenige wirken, welcher umgekehrt den Leichtstnnigen Vorsicht zur Pflicht macht.

Deutsche« Reich.

Berliu, 26. Juli. Der Kaiser und die Kaiserin haben an den Magistrat und die Stadtverordneten von Berlin in Veranlaffung der von diesen bei der Geburt des dritten Sohnes des Prinzen Wilhelm erlassenen Glückwunschschreiben aus Gastein bezw. Koblenz ein Dankschreiben gerichtet. — Die schon vor mehreren Wochen aufgetauchte Nachricht, der Direktor des Reichsgesundheitsamtes, Geh. Oberregierungs rat Dr. Struck, werde seinen Abschied nehmen, bestätigt stch. Dr. Struck war früher hier Regimentsarzt und erfreute stch einer sehr großen Praxis. Insbesondere war er auch bis vor weckgen Jahren der Hausarzt des Fürsten Reichs­kanzlers. Von diesem wurde er int Jahre 1876 zur Ein­richtung und Leitung des neuen Gesundheitsamtes berufen. Damals waren die Regierungen nicht dazu zu bewegen, dem Reiche ein unmittelbares Eingreifen in die Verwaltung der öffentlichen Gesundheitspflege in den einzelnen Bundes­staaten zu übertragen; man hiell e« vielmehr für aus­reichend, eine Behörde zu schaffen, die int stände sei, daS Reich in der Aufsicht über die ärzllichen und tierärztlichen Verwaltungsangelegenheiten zu unterstützen, die Reichsgesetz­gebung vorzubereiten und zu überwachen, die Wirkungen der im Jntereffe der Gesundheitspflege ergriffenen Maß­nahmen zu beobachten, den Behörden Rat und Auskunft zu erteilen und eine umfaffende medizinische Statistik her­zustellen. Auf dieser Grundlage ist vom ReichSgesundheitS- amt bisher gearbeitet worden und so ist es auch gekommen, daß bei Ausbruch der Cholera nicht von Reichs wegen ein­heitliche Abwehrmaßregeln getroffen wurden, sondern daß

„Es fällt mir nicht ein, Deinetwillen meine Morgen­ruhe zu stören," war die schroffe Antwort. „Nur Du allein konntest auf solch einen anspruchsvollen Gedanken kommen."

»Nun, dann muß ich mein Vorrecht noch heute genie­ßen," sagte er, ste mit starkem Arm umschlingend und ste herzhaft auf Mund und Stirn küffend.

»Du bist unausstehlich," lautete ihr AbschiedSgruß, gleich darauf verschwand ste durch die Thür.

Edgar nahm neben der Tante Platz und redete lange und eindringlich auf ste ein. Adelheid, die verstohlen stch aus dem Fenster ihrtS Zimmers lehnte, bemühte stch ver­gebens, eins der leise geflüsterten Worte zu verstehen. Die Tante schien erst abgeneigt ste schüttelte mehrmals den Kopf, dann aber, nach einigen zärtlichen Handküßen schien ste nachgiebig zu werden und Edgar erhob stch mit dem Zeichen größter Befriedigung.

»Gute Nacht, teuere Cousine," ries er zu Adelheid hinauf, »laß Deine Ruhe durch mich Unwürdigen nicht stören. Auf Wiedersehen 1"

DaS Fenster oben flog klirrend zu und Edgar bot lachend der Tante den Ann, ste in das Haus zu führm.

„Beehre mich, meinen Universttätsfreund Leo von Rheden den Damen vorzustellen,* mit diesen Worten führt einige Wochen später Edgar den verheißenen Freund in daS Haus seiner Tante ein.

Der junge Mann war wohl geeignet, daS Ideal eines MädcheuherzenS darzustellen. Seine schlanke wohl gebaute Gestalt war eher klein als groß zu neunen. Das dunkel­blonde Haar fiel in reichen Locken auf die Schultern herab, das feingeschnittene Antlitz war von strengster Regelmäßig-

den Einzelstaaten überlaffen werden muß, die erforderlichen Sicherheitsmaßregeln zu treffen. Dr. Struck ist seines schwankenden Gesundheitszustandes wegen bereits seit mehreren Monaten beurlaubt und war deshalb auch nicht Mitglied der Cholerakommisston, in der das ReichsgesundhettSamt nur durch Geheimrat Dr. Koch vertreten war. Ordentliche Mitglieder des Amtes stnd zur Zeit der Direktor der Tier­arzneischule, Geheimrat Dr. Roloff, dann der Geheimrat Dr. Koch, sowie die beiden Regierungsräte Dr. Sell und Dr. Wolffhügel. Dr. Koch nimmt zugleich zur Zeit die Geschäfte des beurlaubten Direktors wahr. — Nach der im Schatzamte gemachten Aufstellung betrug die zur Reichskaffe gelangte Ist-Einnahme abzüglich der Ausfuhrvergütung und Verwaltungskosten an Zöllen und Steuern von Anfang April bis Ende Juni 107497674 oder 8662 955 Mk. mehr als in derselben Vorjahrzeit. Die Zölle allein brachten 320749 Mk. weniger, ebenso der Spielkartenstempel, der 261654 Mk. brachte, 3898 Mk. weniger. Mehreinnahmen hatten: Tabaksteuer mit 458999 Mk. bei 572628 Mk. Gesamtertrag: Rübenzuckersteuer mit 7607114 Mk. bei 40410576Mk., Salzsteuer263386Mk. bei 9005292Mk., Branntweinsteuer 580522 Mk. bei 11091398 Mk., Brau­steuer 73 683 Mk. bei 4241170 Mk., Wechselstempel brachte außerdem 1654077 Mk. oder 10865 Mk. weniger, Post und Telegraphie 39 688619 Mk. oder 1712693 Mk. mehr, Stempelabgabe für Wertpapiere, lose Rechnungen, Schluß­noten 3442389 Mk. oder 306114 Mk. mehr, Reichs- Eisenbahn 11405900 Mk. oder 102225 Mk. weniger.— Der Statthalter der Reichslande, Feldmarschall Manteuffel, geht diesmal nicht nach seiner neumärkischen Besitzung, sondern gleich nach Straßburg. — Die heutige „Deutsche Bauztg." meldet die bevorstehende Gründung eines Verbandes deutscher Techniker zur Errichtung einer Kaffe für KrankheitS- und Sterbefälle, Unterstützung und Unfallversicherung. — Ein hiesiges Börsenblatt, daS zuweilen offiziös bedient wird, schreibt: „Zuverlässigen Informationen zufolge ent­behrt die jüngst vom „Reuterschen Büreau" verbreitete Nachricht, daß die Verhandlungen deS Herrn v. Schlözer mit der Kurie einen überaus günstigen Fortgang nehmen, jeder Begründung. Im Gegenteil ist feit längerer Zeit in diesen Verhandlungen ein Stillstand eingetreten, so daß in der nächsten Zeit eine Veränderung auf kirchenpolitischem Gebiete nicht zu erwarten ist. Neuerdings soll sich übrigen« seitens einiger deutscher Bischöfe — man nennt in dieser Beziehung die Bischöfe von Fulda und Hildesheim — das Bestreben bemerkbar machen, die Verhandlungen in Fluß zu bringen und namentlich die Frage der Vorbildung der Geistlichen der Lösung näher zu führen." — Die Nach­richt, daß am letzten Dienstag auf Attentatsgerüchte hin eine verstärkte Bewachung des neuen Palais in Potsdam stattgesunden habe, wird jetzt von Potsdam aus dementiert.

— Von den neu eingegangenen ZustimmungSerklärungev zu der Postdampfersubvention erachtet es, ungeachtet solche —si . —aaBaaesgiBB—■

leit und die großen tiefblauen [Augen verrieten träumerische Sanftmut und jugendliche Heiterkeit. Mit vollendeter Grazie verbeugte er stch vor Adelheid, und fein Blick, der sie dabei traf, verriet schüchterne Bewunderung. Adelheid konnte nicht umhin, stch zu gestehen, daß der Fremde, so wenig ihr sonst blonde, sanfte Männer gefielen, doch einen eigentümlichen Reiz auf sie ausübe.

Ein Gespräch war von dem Fremden bald mit vieler Gewaudheit eingeleitet. Er sprach geistreich und lebhaft, und die klangvolle Stimme, die anmuthigen Gestikulationen, mit denen er seine Rede begleitete, erhöhten noch um Vieles die Annehmlichkeit seiner Unterhaltung.

Edgar nahm wenig am Gespräche Teil. Er hatte stch neben dem Lehnsessel Tante Margarethens niederge- laffen und begnügte sich, von hier aus hin und wieder ein Wort mtt einzumischen; um so aufmerksamer jedoch beob­achtete er Adelheid und ihr blondes Gegenüber. Um seine Lippen spielte beständig ein moquanter Zug, wenn er sah mit welcher Liebenswürdigkeit seine Cousine die Unterhal­tung verfolgte, und wie sie die schüchternen Huldigungen deS Fremden gar nicht so übel aufzunehmen schien.

Natürlich, wie hätte sie das auch thun können. Sie mußte doch ihren Cousin durch die Freundlichkeit gegen Henn von Rheden zu ärgern suchen, da» hatte fie sich ja von vornherein vorgenommen. UeberdieS konnte ste stch auch nicht verhehlen, daß der junge Mann ste wirklich feffele, sie wußte selbst nicht warum. Oft versank ste, wähp renb er zu ihr sprach, in träumerisches Nachbenkm und ihr Blick ruht forschend auf den weichen Zügen deS Fremden, die dann jedesmal von einer lieblichen Röche überflogen worben. (Fortsetzung folgt.)