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Marburg, Sonntag, 27. Juli 1884.

XIX. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux JSgersche Buchhandlung in Srantfurt o. M.; Hermanu- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; L. Thienes in Elberfeld.

Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie d.Annoneen-Bureaux öonHaasenstein undVogler in Aankfurt a. M., üam» bürg Magdeburg u. Wien; «udolf Moffe in Frankfurt . ft Berlin, Münchenund »Mn; © L- Daube und 60. tn Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrirte« SemntagSblatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdruckerei) bezogen 8'/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 IRart 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pf«, berechnet

ffff- Für die Monate August und September nehmen auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst deren Beiblätter

Amtlicher Anzeiger

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustrierter Souutagrblatt

alle Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.

In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition zu machen.

Die Zerrüttung der Organisation des franzöfische« Heeres.

Die Mängel der Organisatton des französischen Heeres sind so deutlich hervorgetreten, daß mau bekannllich daran arbeitet, dieselbe vollständig umzugestalten und zumal eine andere Dtmstzeit einzuführen. Ehe an einer solchen großen Institution, wie das franzöfische Heer, aber die neugeplanten Reformen durchgeführt werden, wirken die alten Gebrechen miter und scheinen zu einer vollständigen Desorganisation der französischen Heeresmacht zu führen. Denn man höre und staune, der Etat der bisherigen Organisation des Heeres wird in Frankreich aus Geldmangel gar nicht mehr aufrecht erhalten, die 600 Millionen des gewöhnlichen HeereSbudgetS reichen nicht hin, um die Truppen der ersten Hauptportton fünf Jahre unter dm Waffen zu halten, es muß auf die seiner Zeit für hochwichtig erklärte voll­kommenste Ausbildung der alten Soldaten verzichtet werden und gleichzeitig verliert die französische Armee durch die frühzeitige Entlastung des fünstm Jahrgangs die Hälfte ihrer brauchbaren Unteroffiziere.

Der normale Verlauf für die Dienstleistung dieses Jahrganges wäre gewesen: Einstellung am 1. Juli 1880, Entlastung am 30. Juni 1885; statt besten hat die Ein­stillung stattgefunden am 13. November 1880. Die Ent­lastung erfolgt am 15. August 1884, so daß dieser Jahr­gang statt 5 Jahre nur 3 Jahre und 9 Monate bet der Fahne behalten worden ist, außerdem ist aber ein nicht unbeträchtlicher Teil desselben durch Einzelurlaube, welche durch das Kriegsministerium ganz offiziell provoziert worden falb, feit dem 1. Juni schon von der Fahne abwesend und soll bis zum EntlastungStrrmin auch von der Fahne ab­wesend gehalten werden, so daß sich für diese Leute die Dienstzeit thatsächlich auf 3V2 Jahr verkürzt.

Hätte man nun vielleicht auch in der Dauer dieser Dienstzeit Gelegenheit zur Ausbildung der Soldaten genug, so wird eben diese ganze Ausbildung durch die auf fünf Jahre berechnete und durch zu häufige Wechsel im Personen­

stände unterbrochene Dienstzeit beeinträchtigt. Denn neben der großen nominell zu fünfjähriger Dienstzeit bestimmten Rekrutenportion wird auch jedes Jahr im französischen Heere eine zweite, kleinere Rekrutenportion zu acht- bis zehnmonatlicher Dienstleistung herangezogen, welche die übrigen Soldaten in ihrer Ausbildung enorm beeinträchtigt, da die französischen Offiziere und Unteroffiziere fortwährend mit zwei Arten von Rekruten zu arbeiten haben.

So hat sich also in jeder Beziehung, militärisch, politisch und finanziell, hinsichtlich der großen französischen Heeres- organisation, welche die Welt in Staunen versetzen sollte, eine gewaltige Enttäuschung zur Freude der Friedensfreunde herauSgestellt und es wird noch manches Jahr verfließen, ehe man im französischen Heere das grobe Mißverhältnis zwischen Rekrutierung und Ausbildung beseittgt haben wird.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Juli. DaS KriegSmiuisterium läßt mit kaiserlicher Genehmigung eineStammliste" deS Heeres, vorläufig für die Zeit vom Jahre 1840 (also von dem Ableben des Königs Friedrich Wilhelms III.) bis auf die Gegenwart bearbeiten. Eine solche Stammliste der Name ist veraltet und bedeutet eine kurzgefaßte Geschichte der einzelnen Regimenter und Truppentelle ist lange nicht erschienen, ihr Vorhanbensein aber schon alt. So ist bereit- 1779, also vor 105 Jahren, eine solche Schrist unter bem Titel:Zustand der königlich preußischen Armee im Jahre 1779 unb kurzgefaßte Geschichte dieses Heeres von seiner Stiftung an bis auf bie jetzigen Zeiten" noch dazu alsdurchaus vermehrte, verbefferte und ganz um­gearbeitete Ausgabe" auch auf dem Wege des Buchhandels vertrieben worden, ohne daß jedoch Verleger oder Drucker genannt waren. Die Schrift beginnt mit derGeschichte des preußischen Heeres im Kleinen", eS folgt die Berech­nung der Stärke des Heeres und ihre Verteilung in In­spektionen, die Chronik der Regimenterund wie selbige mit StaböosfizierS und Kapitän- besetzt stnd". Ange­hängt ist eineRangliste derer General- und Stabs­offiziers". DaS Heer hatte damals nur einen Feldmar- fchall: den Landgrafen von Hesien-Kaffel, besten Patent vom 14. Mai 1760 datierte, und 5 Generäle der In­fanterie, nämlich 4 Prinzen und den General v. Tauenzten, ber eine 23jährige Dienstzeit unb ein Alter von 68 Jahren hatte. Der Minister für Handel und Gewerbe und der Finanzminister haben an den Ausschuß deS Vereins der norddeutschen Baumwoll-Industriellen, zu Händen des Vor­sitzenden, königlichen Kommerzienrats Herrn Wolff in Glad­bach, den nachstehenden Bescheid gerichtet: Auf die Eingaben vom 18. März und 3. Mai d. I. erwidern wir dem Ausschuß, daß zur Zeit kein ausreichender Anlaß vor­handen ist, der im Jnterestr der französischen Halbseiden- und Sammet-Industrie tn Frankreich eingeführten zeit­weiligen Zollbefreiung der zu Exportwaren verarbeiteten

feinen Baumwollengarne zu gunsten der konkurrierenden niederrheinischen Halbseiden-Jndustrte mit einer Gegenmaß­regel gegenüber zu treten. Im Anschluß an eine neu­liche offiziöse Nachricht meldet dieKreuz-Ztg.": Neuer­dings ist von deutscher Sette an die Association inter­nationale du Congo bie Frage gerichtet worden, ob fie wohl geneigt wäre, unter günstigen Bedingungen dmtschen Händlern und Pflanzern, die sich an den Ufern des Kongo ntederlasten wollen, Land zu überlasten. Die Astoziatton hat sofort darauf geantwortet, ihr Gebiet wäre jedermann offen und gern würde ste mit deutschen Handelsfirmen und Landwirten unterhandeln, die fähig wären, ernstliche Unternehmungen tn Westafrtka einzurichten. Außerdem hat Kapitän Hauflens, Chef der Station Bolobo, u. a. be­richtet, dvß das Land in der Umgebung der Station An­pflanzungen jeder Natur gestattet.Die Bevölkerung, welche bet unserer Ankunft sehr zurückhaltend und mißtrauisch war, ist", so heißt eS in dem Berichte,jetzt zu unseren Gunsten umgestimmt und bemüht fich nach allen Kräften, un- den Aufenthalt dort angenehm zu machen und uns zu unter­stützen." Stanley seinerseits berichtet:Sobald mau ein­mal über die Fälle hinaufgekommen ist, hat man die Hälfte Afrikas ohne Unterbrechung vor stch; nicht, wie in den inneren Regionen des Nils, eine Sandwüste, sondern eine große und bevölkerte Ebene, so voll von Leben, daß ich, mit Ausnahme von Ugogo, keinen Teil Afrikas mit so dichter Bevölkerung kenne. Die Bezeichnung Dorf läßt fich aus die zusammenhängenden Gruppen von Wohnstätten gar nicht anwenden. Da giebt eS Ortschaften von mehreren Stunden Länge, mit breiten Straßen und wohlgebauten Häusern, wie eS tn Ostafrika gar nichts ähnliches giebt. Die Bewohner haben einen stark ausgeprägten Handels­sinn, überall giebt eS Märtte verschiedenster Art. Ich kann versichern, daß drei Generationen nicht hinreicheu werden, um all da« Elfenbein, was man da findet, fortzubriugen; Tempel, Götzenbilder und Hausgeräte stnd von diesem Ma­terial. Mit Hilfe der trefflichen Wasserstraße deS Kongo ist eine Reise nach den Gold- und Kupferdistrikten sehr leicht. Auch besitzen die Eingeborenen eine gewisse In­dustrie, sie schmelzen Metall mit einer erstaunlichen Ge­schicklichkeit. Der obere Kongo bietet mehr Vorteile, alS daS Mündungsgebiet, welches weniger bevölkert und weniger fruchtbar und zuträglich ist." Ob diese Schilderung deS Herrn Stanley nicht doch ein wenig zu schön gefärbt ist? Von der großen Hitze sagt er gar nicht«, und daß da- MündungSgebiet des Kongo für die Schiffahrt wegen der vielen Wasserfälle ungünstig, d. h. unbrauchbar ist, da­heißt doch: im Innern wären die Kolonisten von dem Verkehr mit Europa so gut wie abgeschnitten, bis einmal brauchbare VerkehrSstraßen gebaut stnd. Die starke Be­völkerung mag für HandelSkolonisation immerhin anziehend sein, aber nicht für die Ackerbaukolonieen. Für letztere kann wohl nur Südafrika in Betracht kommen. ES hat

i Ein mißlungener Scherz.

Rovellette von L. 6a Im.

[Nachdruck verboten.j

Ein Meer von Duft entströmt den bethauten Blüthen- kelchen, sllbern ruht der Mondenschein auf den Bäumen unb ben Hellen Kieswegen unb hüllt den ganzen Garten in nebelige Dämmerung Edgar und Adelheid stehen auf der Terrasse, und Taute Margarethe sitzt allein am ver- laffenm Theetisch. Ihr Blick ruht träumerisch auf dem fangen Manu, der heute, nach langen Jahren zum ersten Mal auf einer Ferienreise dies Hau« besucht und, seit er hi« ist, noch keine liebere Beschäftigung gefunden hat, al« einige Schmeicheleien gegen die Tante, die er sehr ge­schickt brachte, abgerechnet sich mit ihrem verzogenen Liebling, seiner hübschen Cousine zu zanken. Taute Mar­garethe kann nicht umhin, die Ausdauer zu bewundern, ott der Adelheid daS scharfe Wortgefecht immer wieder auf» tonnt, sie, die sich doch sonst gegen alle Herren mit bei« °ahe eisiger Kälte benahm.

Edgar schaut tief sinnend auf seine Cousine herab, die £ fast um eine halbe Körperlänge überragt. Dann seufzt ste und schüttelt da« Haupt.

Ich Unglücklicher I" ,

Ihre Mundwinkel zuckten spöttisch.Unglücklich, Du? «ringst Du nicht die besten Zeugniffe nach Hause und Achtest doch von Deinem Papa einen unfreundlichen «vpsaug?"

Sein Blick schweifte so gleichgültig über den Garten, oft habe er die letzten Worte gar nicht gehört.

»Ja", sagte er bann,ich bin wohl zu bedauern, ba

ich niemals finde, wonach ich schon seit langem so eifrig suche."

Und was wäre daS? Doch wohl nicht der Stein der Weisen, den Du allerdings nicht gefunden zu haben scheinst, noch das Surrogat dafür, welches man Schießpulver nennt."

Du hast Recht, ben suche ich nicht. Wonach ich stet« vergeben« trachte, daö ist Frauenschönheit in ibealer Gestalt."

Ahl" lachte ste unbefangen und streute die Blätter einer zerpflückten Rose auf den Weg.

Seil ich Romane gelefen," fuhr er fort,das heißt, seit ich Sekundaner wurde, habe ich sie gesucht. Ich glaubte natürlich, die Modelle jener farbenprächtigen, liebreizenden Mädchenbilder, welche die Romane uns vorstellten, müßten auch irgendwo in der Welt zu finden sein; doch wie bitter sehe ich mich jetzt getäuscht l So oft ich eine Dame tennen lerne, bemühe ich mich, irgend welche Schönheiten heraus- zufinden, wie sie die Romanheldinnen ohne Ausnahme be­sitzen, boch wie gesagt, stets war es vergebens."

Und Dein Sehnen blieb ungestillt," sagte ste lachend, bemüht, ihren Aerger zu verhehlen,am Ende war dies der einzige Zweck Deines Besuches bei uns, den Du nun so gänzlich verfehlt hast."

Vielleicht liegt die Schuld nicht an der Natur, sondern allein an der idealen Auffassung der Dichter," nahm er mit unerschütterlichem Ernst wieder da« Wort.Wäre ich ein solcher, so würde ich z. B. vielleicht auch Dich, liebe Adel­heid, bezaubernd schön und feffelnd finden. Ja, gewiß, ich würde den Schimmer Deiner dunklen Augen, daS Ge- woge der braunen Locken, die Lieblichkeit der Stimme, den schwellenden Rosenmund und die pikante Frische unb Un­befangenheit Deines Wesen« besingen, während ich jetzt nur

finde, daß Du ganz hübsche Augen und kein häßliches Ge« ficht hast, daß aber Dein Haar etwas wild, Deine Gestalt zu klein und Dein Teint gar voll Sommersproßen ist, und daß Du zwar ein recht liebenSwürvige«, leider aber etwa« zänkisches Betragen hast."

Aber Edgar, welche Impertinenz!" rief die Tante vom Theetisch her.

Also daS ist der Sinn, worauf da« ganze Gespräch htnzielte?" sprach Avelheid ruhig.Deinen Schmerz über dieses unnütze Suchen nach etwas nicht Vorhandenem kann ich recht wohl begreifen, da ich mich selbst einst in ähnlicher Lage befand; jetzt aber habe ich längst darauf verzichtet, ein Jreal unter Euch Männern zu suchen."

Laß sehen, wie müßte denn derjenige beschaffen sein, der Gnade vor Deinen Augen finden sollte?"

Nun vor allen Dingen müßte er fein und zart fein," fuhr ste mit dem unschuldigsten Ernste fortEine elegante, schlanke, nicht zu große Gestalt, anmutig und gewandt Nur um Gotteswillen kein unbeholfener Riese wie Du, ich stürbe des blaffen Todes, wenn der mich mit seinen langen Armen umklammerte."

Er machte, die Arme ausbreitend, eine Pantomime, aU wolle er versuchen, ob ste ihre Drohung wahr machen werde. Sie sprang zurück.

Unverschämter!" rief sie entrüstet.

Edgar!" schallte da« Echo vom Tische her.

Er strich stch mit der gleichgültigsten Miene von der Welt nachdenklich da« Haar au« der Stirn.

, (Fortsetzung folgt )