Mr. 178
Marburg, Freitag, 25. Juli 1884.
xix. Jahrgang.
«n,eigen nimmt entgegen: Wp«d'tion d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Saasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Hamburg, Magdeburg u. Wien; «udolf Moffe in Frankfurt
M., Berlin, Münchenund ösin • G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
(Olirrlirffifdir jcitimij
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. Thienes in Elberfeld.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllUftrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen »erben 25 Pfg. berechnet-
Für die Monate August und September nehmen auf die
Oberhesfische Zeitung
nebst deren Beiblätter
Amtlicher Anzeiger
für die Kreise Marburg und Kirchhain und
Illustriertes SountagSblatt
alle Postanstalten Bestellungen entgegen, auf dem Lande auch die Postboten.
In Marburg sind Bestellungen bei der Expedition zu machen. _________
Em seltsames Reich.
Hatte schon der unerhörte Bruch des französisch-chinesischen Friedensvertrags von Tientsia der zivilisierten Welt wunderbare Begriffe von den Rechts- und Machtbefugnissen der chinesischen Regierung beigebracht, so wird man doch noch mehr staunen, wenn man die Triebfedern kennen lernt, welche das himmlische Reich in ein wahres ChaoS politischer Verwirrungen versetzt haben. Die Kaiserin von China und der mit ihr die Regierung leitende Vizekönig Li Hung Chang haben nämlich niemals gebilligt, daß China wegen Tongking einen Streit mit Frankreich anfange, eS giebt aber im chinesischen Reiche eine KriegSpartei, welche ihre Stütze im Staatsrat und einigen kriegslustigen Mandarinen findet und auf eigene Faust hin die Feindseligkeiten gegen Frankreich unternommen und die Ausführung des FriedensvertragS von Tientsin verhindert hat. An der Spitze dieser KriegSpartei steht Li-Hung-Tso, der im chinesischen Staatsrate das große Wort führt. Bei seinem Vorhaben aber wird Li-Hung-Tso aber nicht von der Feindschaft gegen Frankreich allein geleitet, sondern eS besteht in China wahrscheinlich eine große Verschwörung, deren Rädelsführer Li-Hund-Tso ist und welche den Sturz der gegenwärtigen Dynastie in Peking bezweckt, was im himmlischen Reiche gar nichts so seltenes wäre, denn die jetzt in China herrschende Dynastie ist auch erst aus einem großen Bürgerkriege hervorgegangen.
Aus diesem Wirrsal in China erhellt, daß es in diesem Reiche keine feste und einheitliche Regierung giebt und die gegenwärtige Dynastie in Peking die Staatsgewalt nur sehr unvollkommen in den Händen hat. In den Provinzen, wo der Vizeköntg Li Hung-Chang regiert, existiert allerdings eine einheitliche RegierungSgewalt, aber in den übrigen Provinzen thun die Mandarinen, was ihnen gutdünkt, resp. was ihnen die Revolutionspartei unter Li-Hung-TsoS Führung anrät. Könnte der strenge und mächtige Vize- kinig Li-Hung-Chang die rebellischen Mandarinen bequem 'n seine Hände bekommen, dann würde er sie wahrscheinlich alle um einen Kops kürzer machen, aber die rebellischen
Die mittlere Zeit ««d die «ach dieser gehende« Uhrea.
Die Zeit ist ein Wort von so inhaltsschwerer Bedeutung, daß eS angemeffen erscheint, vorerst einige« über dieselbe zu sagen, ehe wir zu unserer Aufgabe schreiten. Ist sie eS doch, welcher alles Vergängliche unterliegt, welche den Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitet, welche stet« Zeugin seine« ThunS und Lastens ist! Sie umfaßt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, was Schiller durch den Spruch des ConfuciuS in folgenden Zeilen so treffend ausdrückt:
»Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen. Pfeilschnell ist das Jetzt entflohen, Ewig still steht die Vergangenheit-'
Wann aber die Vergangenheit begonnen, wann die Zukunft endet, — dies zu ergründen, ist dem menschlichen Verstände verschlosten, denn „ins Innere der Natur dringt kln erschaffener Geist'. Die Zeit hat für uns keinen An- lUNg und kein Ende, — sie schließt sich der Ewigkeit an.
Der Begriff von Zeit wird verschieden angegeben. Der «kannte Wiener Astronom v. Littrow versteht darunter den Eindruck, welchen eine Reihe von aufeinander folgenden Ereignisten auf unser Gedächtnis macht. Wenn nun auch du Zeit sich gewissermaßen der Ewigkeit anrecht, so hat »an dieselbe dennoch, insoweit ste der menschliche Verstand
bqug auf daS Erschaffene aufzufastm vermag, einer Ostung unterzogen.
, Jakob Grimm sagt in seinen deutsch« RechtS- «tertümern, S. 84: »Zett und Raum werd« nach der Envegung in ihm« gemessen.' Diese Bewegung muß jchoch
Mandarinen haben auf ihrer Seite auch Generäle und Heere, die ihnen gehorchen und Li-Hung-Chang müßte erst einen Bürgerkrieg führen, um die widerspenstigen Mandarinen zum Gehorsam zu zwingen, ein Unternehmen, welches Li-Hung-Chang wohl auch gefährlich erscheint, denn die Rebellenpartei erstreckt ihre Glieder von der Hauptstadt Peking bis in die meisten Provinzen.
Unter tiefen Umständen ist es natürlich auch außerordentlich schwierig, den französisch-chinesischen Konflikt gütlich zu Ende zu führen, denn die Rebellenpartei sucht jede Vertragsausführung zu hintertreiben. Jetzt soll nun allerdings die Friedenspartei in China unter Li-Hung-Chang« Führung die Oberhand haben und die Chinesen wollen die Plätze Laokai, Langson und Kaobang bis zum 18. August den Franzosen übergeben, ja man hofft in Paris sogar noch auf eine Zahlung der Kriegskosten durch China, aber die Situation des himmlischen Reiches und die Stellung Frankreichs zu demselben bleibt wegen der Haltung der Rebellenpartei kritisch.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Juli. Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind mit den Prinzessinnen Viktoria, Sophie und Margarethe heute früh um 8 Uhr von dem Bahnhofe zu Charlottenburg aus, wohin dieselben fich mittelst Extrazugs von Wildpark aus begeben hatten, nach England abgereist. — Gegenüber der Bemerkung der „Times", daß der Betrag von 15 Millionen Pfd. Sterl. für die in deutschem Besitze befindliche 4pCt. unifizierte egyptische Schuld nach Ansicht der „unabhängigen Rechner" zu hoch gegriffen sei, sagt die „Nordd. Allg. Ztg.": Sie reproduziere die Angaben der in dieser Frage unter den deutschen Handelskammern am besten orientierten, ohne eine Verantwortung für die Abschätzung übernehmen zu können, habe aber keinen Grund, den Angaben jener sachverständigen Körperschaft zu mißtrauen: dieselben dürften wohl mehr Autorität beanspruchen, als die unmotivierten Meinungsäußerungen des anonymen „unabhängigen Kalkulatoren"-Korrespondenten der „Times". — Zur Frage der Einführung einer Normalzeit in Deutschland, die neuerdings vielfach ventiliert worden, gehen uns folgende Bemerkungen zu, die wir unfern Lesern um so weniger vorenthalten wollen, als ste von hochgeschätzter sachkundiger Seite komm«. Die Frage der Einführung einer deutschen Normalzeit kann nicht zur Ruhe kommen; ste tritt mit der Z it immer lebhafter aus und wird eist dann verschwinden, wenn ste im nationalen Sinne: „Ein Reich, ein Volk, eine einheitliche Zeit!" auch bei uns — (leider müssen wir in diesem Falle dem guten Beispiel anderer Kulturvölker nachhinken!) — ihre Erledigung gefunden hat. DaS unaufhörlich wachsende und in die verschiedensten Kreise des Volkslebens immer tiefer und tiefer eingreifende Verkehrswesen fordert diese Lösung immer gebieterischer. Der rasch dahin sausende Eisenbahnzug kann selbstverständlich nicht
eine stets gleichmäßige Nacheinanderfolge sein; durch die Fortsetzung derselben wird die Zeitdauer hervorgerufen. — ES giebt im Weltall keine gleichmäßigere Bewegung, als die Umdrehung der Erde um ihre Achse oder, waS dasselbe besagt, die tägliche scheinbare Bewegung der Gestirne. Jnd-m wir hiermit das Gebiet der Sternkunde betreten, bemerken wir zunächst, daß wir hier alle sonst gebräuchlichen Fremdwörter vermeiden werd«, um allseitig der Verständlichkeit zu genügen, waS aber die Folge hat, daß wir uns mehrmals nicht so kurz auSdrückm können, al« dies sonst der Fall gewesen wäre.
Wir begegnen jetzt einer sogenannten Sternzeit und Son neu zeit. Die erstere bezeichnet die Dauer der Umdrehung der Erde um ihre Achse, von einem feststehenden Sterne oder von dem Punkte an gerechnet, wo die Erdbahn den HtmmelSgleicher durchschneidet, und welcher der Früh- ltngSpunkt genannt wird. Letzteres ist dm 21. März der Fall. Durch die tägliche Umdrehung der Erde um ihre Achse wird der Zeitmessung eine Einheit gegeben, welche der Sterntag heißt, der in 24 gleiche Teile zerfällt, die Stunden genannt werden, von denen jede wieder ihre Unter« abteilungen hat. Die Sternzeit wird nur von den Sternkundigen bmutzt, findet aber in dem bürgerlichen Leben keine Anwendung, da der Anfang de« Sterntages da« Jahr hindurch nach und nach auf ganz andere Tages- und Nacht- stundrn fällt, al« die« bei der mittleren Sonnmzeit, bei welcher der Beginn de« Tages stet« gleichmäßig um 12 Uhr nachts stattfindet, der Fall ist. — Für da« bürgerliche Leben bedient man sich vielmehr einer anderen, von der Sonne hergenommenen Zeit, die wieder in wahre Sonnenzeit und in mittlere Sonuenzett eingeteilt wird.
darauf Rücksicht nehmen, daß die lokalen Zeitangaben der berührten Ortschaften bei der Fahrt nach Norden oder Süden dieselben bleiben, bei der Fahrt nach Osten oder Westen dagegen eine rasche Amderung erfahren; für ihn kann e« nur eine Zeit geben und zwar eine einheitliche und von der Lage deS Ortes unabhängige. Die deutschen Eisenbahn-VerwÄ- tungen haben daher, durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, schon seit längerer Zeit dazu übergehen müssen,' für den inneren Betriebsdienst eine Normalzeit, als welche die mittlere Berliner Ortszeit gewählt ist zurEinführung zu bringen; auch die eifrigsten Gegner der allgemeinen Einführung einer Normalzeit für ganz Deutschland haben anerkennen müffen, daß der Eisenbahnfahrdienst einer solchen Normalzeit nicht entbehren könne. Es bricht sich nun aber immer mehr die Uebrrzeugung Bahn, daß die für den inneren Dienst getroffene Einrichtung auch für den äußeren Verkehrsdienst wird in Geltung tret« müffen, und daß die zur Zeit noch gültige Vorschrift, wonach die Verkehrsbeamten im Benehmen unter sich, nach der Normalzeit, im Benehmen mit dem Publikum nach der Ortszeit zu rechnen haben, für die Folge nicht wird aufrecht erhalten werden können. Bedenke man doch nur, wie durch Verwechselung dieser Zeitangaben die Pünktlichkeit und Sicherheit des Bahnbetriebes, an welchem doch fast das ganze Volk, in hohem Grade aber der gesamte Handelsstand lebhaft betelligt ist, in ernstlichster Weise gefährdet werden kann. Darum fort mit der Ortszeit aus dem ganzen Eifenbahndienste und Ersatz derselben durch die Normalzeit! Daß der Zeitpunkt, in welchem diese Forderung zur Wahrheit werden wird, nicht mehr.fern ist, scheinen dir Gegner der Normalzeit zu ahnen, und daß es dann mit den Ortszeiten im bürgerlichen Leb«, welches gar zu viele Anknüpfungspunkte an daS Verkehrsleben hat, bald zu Ende geh« wird, wiffen ste sehr genau. Es werden deshalb, dem Vernehmen nach, in der letzten Zeit gewaltige Anstrengungen gemacht, um ans allen Kreisen der Bevölkerung zustimmende Aeußerungen zu der Forderung zu erhalten, daß doch nur jedem DStflein im Deutsch« Reiche seine besondere Eigentümlichkeit, nämlich seine eigene Zeit erhalten bleibe. Der Haupteinwand, und eigentlich der einzige Einwand, den man gegen die Normalzeit zu erheben weiß, nämlich: daß die Tageseinteilung der bürgerlichen Thätigkeit nicht mit dem etwas geänderten Stande des Uhrzeiger« werde in Einklang gebracht werden können, wird auch jetzt wieder erhoben werden, um die Gemüter gefangen zu nehmen. Dieser Einwand ist aber so schwach, auch bereit« so oft widerlegt, daß e« nicht lohnt, auf denselben nochmal« näher einzugehen. Mögen nur Alle, namentlich aber die Angehörigen de« Handelsstandes, gewarnt fein, Einflüsterungen Gehör zu geben, die für das Wohl und Jnteresfe der Gesamtheit von Nachteil find. Es handelt sich um die Durchführung einer notwendig gewordenen Einheitlichkeit! — Der Abg. Dr. Majunke ist vom Fürstbischof von Breslau zum Pfarrer in Hochkirch bei Glogau berufen worden und ent«
Die Erde, eine an ihren Polen etwas eingedrückte Kugel, wird bei ihrer Achsendrehung stets zur einen Hälfte von der Sonne beleuchtet, während die andere Hälfte im Dunkel verbleibt, wodurch Tag und Nacht entstehen. Wenn man sich einen durch die beiden Umdrehungspole der Erde gehenden und einen bestimmten Ort auf der Erdoberfläche durch- schneidenden Kreis um die Erde denkt, so ist dies der Mittagskreis dieses Ortes. Tritt während der Umdrehung der Erde um ihre Achse der Mittelpunkt der Sonne in diesen Mittagskreis, dann hat diese die größte Höhe über dem Gesichtskreise, auf welchem scheinbar daS Himmelsgewölbe ruht, erreicht. Es findet die« täglich gman so lange nach dem sogenannten Aufgange der Sonne, alS vor dem sogenannten Untergänge derselben statt. Dieser Zeitpunkt wird der wahre Mittag genannt, und die Zeitdauer von einem solchen wahren Mittage bis zu dem unmittelbar darauf folgenden wahren Mittage, wo also an zwei unmittelbar aufeinander folgenden Tagen der Mittelpunkt der Sonne jedesmal in den erwähnten MittagSkreiS kommt, ist der wahre Sonnentag. Diese Sonnentage find aber nicht von gleicher Dauer. Die Erde bewegt sich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, welchen wir Jahr nennen, in der Richtung von Westen nach Osten einmal um die Sonne, und zwar in einem länglich geformten Kreise. Diese Bewegung ist aber keine gleichmäßige, in der Sonnennähe bewegt sie sich schneller, in der Sonnenferne dagegen langsamer. Sodann hat die Ebene der Bahn der Erde um die Sonne eine schiefe Lage zu dem Himmelsgleicher. Hierdurch sowohl al« wie durch die vorgeoachte ungleiche Bewegung der Erde aus ihrer gedacht« Bahn wird eine Ungleichheit der einzelnen Sonnentage bewirkt, so daß des-