Nr. 172
Marburg, Donnerstag, 24 Juli 1884.
xix. Jahrgmg.
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Deutsches Reich.
Berlin, 22. Juli. König Georg I. von Griechenland ist gestern (Montag) abend von Wiesbaden kommend im strengsten Inkognito mit dem fahrplanmäßigen Frankfurter Kourierzuge auf dem hiesigen Anhalter Bahnhof eingetroffen. In seiner Begleitung befinden sich der Kronprinz Konstantin, die Prinzen Georg und Nikolaus, sowie die Prinzessinnen Alexandra und Maria. Alle waren in Zivil gekietcet, die beiden jüngsten Prinzen in allerliebsten Matrosen- Kostümen, die Prinzessinnen trugen ihr blondes Haar lang herabwallend. Zum Empfange des Königs hatte sich auf dem Perron der königlich griechische Generalkonsul, sowie zahlreiche Mitglieder ter hiesigen dänischen und griechischen Kolonie eingesunden. Nachdem der König mit seinen Kindern den Salonwagen verlassen, trat er unter lebhafter Begrüßung seitens des Publikum« in die festlich erleuchteten Fürstenzimmer ein und begab sich bald darauf zu der bereit stehenden offenen Hotelequipage, in welcher die Fahrt nach dem Hotel du Nord, Unter den Linden, erfolgte. — Die Probemobilmachung in Kiel und die bisherigen Flottenmanöver sollen der „Danziger Ztg." zufolge die Ansicht der Admiralität, daß eine Vermehrung de« Mannschafts- Personals der Marine dringend erforderlich sei, in jeder Weise befestigt haben. Die gegenwärtige Etatsstärke von 10063 Mann reicht nicht aus, den Bestand an Schiffen im Kriegsfälle genügend zu besetzen. Werden nun die Neubauten und die schnelle Vermehrung deS Tor pedvmaterialS in betracht gezogen, so ergiebt sich, daß eine Erhöhung des Mannschaftspersonals unabweiSlich erscheint. Die Marine- Verwaltung hat demzufolge die Erhöhung der Etatsstärke in den nächsten Jahren von 10063 auf 11663 Mann vorgesehen. Bei den Matrosendivistouen soll die Zahl der Deckoffiziere von 85 auf 91, die der Maate und Obermaate von 724 auf 814, die der Matrosen und Obermatrosen von 5557 auf 6361 erhöht werden. Bei den Werstoivifionen soll eine Vermehrung der Mafchinisten- und Obermaschinisten von 117 auf 141, Maschinisten- und Obermaschintsten - Maate von 312 auf 338, der Feuermeister und Oberfeuermeister von 101 auf 113, der Heizer und Oberheizer und Maschinisten - Applikanten von 1161 auf 1489 erfolgen. Bei der Matrosen-Artillerie-Abteilung soll die Zahl der Unteroffiziere von 72 auf 102 und dir der Matrosen-Artilleristrn von 660 auf 930 erhöht werden. Endlich soll eine Vermehrung der Schiffsjuitzen von 400 auf 500 erfolgen. — Die Entwickelung deS gewerblichen Schulwesens in Preußen hat mit der des BolköschulwefenS nicht völlig gleichen Schritt gehalten, was namentlich au» rinrm Vergleich der einschlägigen Ziffern Süddeutschlands und der 1866 htnzugekommenen Provinz Hessen Nassau erhellt. Au« Staats- und Veretnögeldern zusammen entfallen für die Zwecke des gewerblichen BildUngSwesenS auf 100000 Einwohner in Württemberg 23 472 Mark, In Baden 13280 Mark, in Hessen 8330 Mark, in
27 Heimkehr.
Erzählung von Hans War ring.
Thllo öffnete leise die Tür und trat ein. Sie stand von ihm abgewandt am jenseitigen Ende deS Zimmers. Den Hut in der Hand, daS Haupt tief gebmgt, blieb er an der Tür stehen. Endlich wandte sie sich, — einen Augenblick dauerte^ eS bis sie ihn erkannte. Dann hörte er tincn jauchzenden Aufschrei. Mit einem: „Mein Sohn, mein Sohn!" breitete sie ihm die Arme entgegen.
„Er stürzte vorwärts, aber er sank nicht in ihre Arme. Er glitt an ihr nieder auf die Äniee und verbarg schluchzend sein Gesicht in ihrem Gewände.--
Seit diesem Tage sind mehrere Jahre verstrichen. Thilo hat das Versprechen erfüllt, do« er seinem Freunde gegeben, er hat ernst und angestrengt gearbeitet, und die Anerkennung ist nicht auSgeblieben. Er steigt rasch von Stufe zu Stufe aufwärts und gilt für einen der begabtesten jungen Staatsbeamten. Ehre in der Welt und Glück im Hause sind sein Teil. Zwar hatten einige seiner Verwandte» den Kopf geschüttelt, als er ihnen seine Vermählung mit dem Kinde des bürgerlichen JustizratS anzeigte, aber er berief sich auf den Wahlspruch seines Arltrrvaters Fritz: Horth blifft Horth! — Gefährlicher war eS, daß selbst der Papa Justizrat den Kopf schüttelte. Es schien ihm gewagt, da« Glück feines einzigen Kindes einem Manne anzuverttauen, brr sich nicht frei von StandeSvorurteilen gezeigt hatte. Ader Hanna stand zu dem Geliebtm und der alte Herr wußte feine Einwilligung geben.
der ProvinzNaffau 5100Mk., in Sachsen 18500Tit, Preußen hat bei circa 30 Millionen Einwohnern 213 gewerbliche Fachschulen mit 21000 Schülern, wovon auf Nasiau allein 55 Schulen kommen, während cs nach dem Maßstabe von Württemberg bezw. im Verhältniffe zur Schulen- und Schülerzahl dieses Landes 1400 Schulen mit 110000 Schülern haben müßte. Der Grund für diese vergleichsweise minder günstige Situation des preußischen Gewerbeschulwesens wird, wie die „Berl. Polit. Nachr." meinen, in dem bisherigen Mangel einer Zentralisation zu erkennen sein, denn während wir in der südlichen Gruppe Baden, Hessen, Württemberg und Nasiau, wozu wir hier noch Sachsen rechnen dürfen, mehr oder weniger zentralisierte Gcwerbe-Vereins-Jnstitute sehen, die ihre Schulen und Bildungsmittel sonstiger Art aus einer Bereinigung von Mitgliederbeiträgen und Staatssubventionen unterhalten, war von einer derartigen Zentralisation in Preußen früher keine Rede, und erst in den letzten Jahren haben einzelne Provinzen den Anfang mit solchen Zentralvereinen gemacht. Die segensreichen Folgen dieser Zentralisation treten jetzt bereits deutlich erkennbar hervor und werden eS in noch höherem Maße thun, wenn das System sich erst allgemein eingebürgert haben wird. Die heute ausgegebene Nummer der Gesetzsammlung enthält daS Gesetz betr. den Betrieb des HufbeschlagSgewerbes, daS Gesetz zur Ergänzung deö Gesetzes vom 13. März 1878, betr. die Unterbringung verwahrloster Kinder, und das Gesetz betr. die Bestimmung deS Wohnsitzes im Sinne der rheinischen Gemeindeverfasiungs- gesetze. — Im ReichSamt des Innern, welche« sich die Fürsorge für den Schutz des Reiches gegen die Cholera-Gefahr besonders angelegen sein läßt, laufen dem Vernehmen nach fast täglich genaue Berichte, sowie Telegramme der deutschen Konsuln aus allen Hauptorten am Mittelländischen und am Allandischen Meer ein: dieselben gehen an das Reichs-Gesundheits-Amt bezw. an die vor Kurzem gebildete Cholera- kommisston.
Müufter, 20. Juli. Der „Wests. Merkur" meldet: Bezüglich der Hterherkunst deS Kaisers hören wir In Bestätigung und Ergänzung der von uns bisher darüber gebrachten Mitteilungen, daß nach den festaestellten Dispositionen Se. Majestät am Morgen deS 22. September direkt von Babelsberg hierher reifen, vor dem Festdiner die Aufwartung der Stände fowie der Spitzen der Behörden entgegennehmen und nach beendigtem Diner sofort nach Düsieldorf, bezw. nach Benrath Weiterreisen werden. Für Illumination und Fackelzug würde danach kein Raum vorhanden sein.
Königsberg, 22 Juli. Des Astronomen Wilhelm Bessel hundertjähriger Geburtstag wird heute hier feierlichst begangen. Am frühen Morgen wurde Bcsiels Denkmal von der Sternwarte, sowie Besiels Grab von einer Deputation seiner Verehrer, vom preußischen geodätischen Institut, von seiner Familie und von Privatpersonen mit zahlreichen
„Ich werde sie ehren und hochhalten mein Lebenlang", sagte Thilo mit bewegter Stimme an seinem Hochzeitstage zu ihm, „sie wird das Kleinod meines Hauses werden, wie sie das deS Ihrigen gewesen ist!" — Und er hat Wort gehalten. Hanna ist eine glückliche Frau geworden. Papa Justizrat aber ist von der Schwäche, die ihm an seinem Schwiegersöhne so bedenklich erschien, nicht ganz frei geblieben. ES läßt sich nicht leugnen, daß er gern von seinem Schwiegersöhne, dem Fretherrn, spricht, und daß er mit befriedigtem Lächeln zuhört, wenn man ihm erzählt, wie geliebt und bewundert die schöne Freifrau von Horth in den Kreisen der hohen Gesellschaft ist. —
In Ostau aber lebt ein zweite« glückliches Paar. Auch hier fehlt nicht der lohnende Erfolg einer ernsten, energischen Thätigkeit. Da« alte Familiengut der Horths blüht in hoher Cultur, und daneben entsteht eine zweite Besitzung: das ZukunstSgut der Zenthovens, da« sich von Jahr zu Jahr durch Zukauf vergrößert. Die verwitwete Baronin hat, da die eine Lebensaufgabe gelöst ist, sich eine zweite gestellt: für die Kinder ihrer Gabriele so zu sorgen, daß sie einst den Erben von Ostau an Vermögen gleich stehen. Und sie wird ihren Zweck erreichen, denn sie will die Mittel zugleich mit dem Zweck. Sie hat das Haus ihres Lieblings nicht verlasien, sie ist ihren sparsamen Jugendgewohnheiten treu geblieben und erzieht im Verein mit den Eltern die Enkel zu einfachen, tüchtigen und glücklichen Menschen. Sie ist eine musterhafte Großmutter für alle, — aber die Kinder Heinrich« und Gabrielen« stehen ihrem Herzen doch am nächsten. Zwar will sie dies nie eingestehen, aber Alle finden e« erklärlich und natürlich und freuen sich, wenn da« Auge der alternden Frau aufleuchtet, wenn e« auf dem
Lorbeer- und Blumenkränzen geschmückt. Um 10 Uhr empfing die 90jährige Witwe de« Gefeierten die Gratulanten. Von der internationalen astronomischen Gesellschaft und dem geodätischen Institute sind Adressen eingegangen. Bei dem um 11 Uhr in der Aula der Universität veranstalteten Festakte hielt Professor Luther, ein Schüler Beffel«, die Festrede. Für heute abend hat die Studentenschaft zwei große Kommerse vorbereitet.
Leipzig, 20. Juli. Ueber die Lage der Industrie spricht sich die hiesige Handelskammer in ihrem Jahresberichte pro 1883 folgendermaßen aus: Die Industrie unseres Bezirks hat wieder mannigfache erfreuliche Fortschritte aufzuweisen. Die Zahl der Eisengießereien hat sich um eine vermehrt, andere find vergrößert worden. Die sinkenden Eisenpreise waren von nachteiligem Einfluffe auf die Erträgnisse der Eisenindustrie. Die besten Erfolge hatten, wie in den Vorjahren, diejenigen Fabriken, welche sich mit Spezialitäten befassen; Maschinen für Buchbinderei haben sich einen Markt in England und Frankreich erobert, Werkzeugmaschinen und Holzbearbeitungsmaschinen finden Absatz jensett des Meeres, die Pflüge der Plagwitzer Fabrik werben von den großen englischen Fabriken nachgeahmt, ebenso genießen die Drahtseilbahnen der Fabrik in Gohli« bereit« einen Weltruf; dasselbe gilt von den hiesigen Geldschränken, von musikalischen Instrumenten u. s. w. Eine neue Piano» fortemcchaniken-Favrik ist in Neuschönefeld entstanden. Der Spiritusindustrie kam die außerordentlich reiche Kartoffelernte in Mitteldeutschland zu statten, doch fcibet dieselbe unter den hohen Einfuhrzöllen in Italien und Frankreich und unter teilweise noch immer ungünstigen Frachtverhält- nisien. Ein neuer Industriezweig ist in unseren Bezirk durch Errichtung einer Zuckerfabrik in Markranstädt eingeführt worden. Die Mühlenindustrie hatte anfänglich unter dem schwierigen Absatz der Abgänge, weiterhin unter weichenden Mehlpreisen zu leiden. Dem Vertrieb von Mineralwässern war auch im letzten Jahre wieder die Witterung abhold. Die Chokoladenfabriken klagten über den hohen Kakaozcll, während der Zoll auf Chokolade durch den spanischen Handelsvertrag von 60 aus 50 M. herabgesetzt ist. In oer Zigarrenfabrikation machte sich die Ueber- produktion bemerklich, zumal da die Ausfuhr noch vergeblich auf den (inzwischen erfolgten) Eintritt der vollen Ver- gütungSsätze wartete. Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei sind in fortdauerndem Wachstum begriffen. Die Juteweberei in Lindenau war gut beschäftigt. Die Zahl der Rüschensabriken ist von 17 auf 22 gestiegen; geklagt wird über den raschen Wechsel der Moden, welcher große Ausgaben für neue Muster bedingt. Für die Spitzeu- fabrikalion war daS letzte Jahr weniger günstig als die vorhergehenden. Ebenso für künstliche Blumen. Die Wachstuchfabriken waren ausreichend beschäftigt, jedoch bei gedrückten Preisen. Der Vertrieb von Gummiwaren leidet unter den hohen Zollsätzen anderer Länder, namentlich Ruß
ältesten Söhnchen des Hauses, auf dem kleinen Gerhard ruht, der sie mit den brauen Augen de« Großvaters anschaut.
C o l l m a r, 20. Juli. Einem gestern hier beim Garnison- kommando eingegangenen Telegramm zufolge ist der Premierlieutenant int 55. Infanterie-Regiment, kommandirt zum großen Generalstabe, Freiherr von und zu Gilsa, welcher in der Umgegend von Neu-Breisach mit topographischen Aufnahmen beschäftigt war, am gestrigen Tage durch einen Sturz von der Eisenbahnbrücke bei Breisach verunglückt. Angeblich hat er sich den Schädel zerschmettert; der Tod sei sofort eingetreten. GUsa war verheiratet.
— (Ein Sängerkrieg auf Nordeney) begann kürzlich durch folgende in einen Badekarren geschriebene Verse:
„Ick und mein Bruder, wir machen Beede Verse;
«ach ick fe nid)’, macht er fe !*
Tag« darauf stand darunter:
„Macht mal Dein Bruder de Verse konfuse.
So rate ich einfach: mein Lieber, mach' Du fe!"
Ein Dritter setzte da« Thema fort!
.Ob Du oder Dein Bruder, is eene Wichse —
Viel beffcr als Beede, mach' sicher ick fe l“
Ein Kenner jenes Dichters schrieb dazu:
„Die Verse von Dir und Deinem Bruder,
Die find' ich wahrhaftig unterm Lud—wig;
Von meinen aber melde ich ehrlich,
Ich halte sie zum Lesm für lebensgefährlich!'
Da sich wohl niemand mehr an die Ausmalung de« nun entworfenen Bildes wagte, fo schloß der schöne VerSwechfel folgendermaßen:
„Die Verse fürs Leben gefährliche - D, nee!
Doch vielleicht kriegt ein Schwacher die KranHett der See!'