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Rr. 170

Marburg, Dienstag, 22. Juli 1884.

XIX. Jahrgang.

»-.eigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler

Frankfurt a- M.,Ham- durg, Magdeburg u. Wien; Audolf Masse in Frankfurt a M., Berlin, Münchenund Mn: G- L- Daube und Co- in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

ObttlirM Jrituno

Anzeigen nimmt (entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux JSgersche Buchhandlung in Frantsurt o. M-; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Steiner i. Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; W. ThieneS in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg- berechnet-

Die nationale Verherrlichung der Niedertracht nah des Verrats.

Als im Jahre 1879 zum erstenmale das Nationalfest der Republik gefeiert wurde, schwamm Paris in einem Meer von Friedensliebe. Nichts charakterisierte diese Stim­mung mehr, als das Festgedicht Viktor Hugos, das in Huoderttausenden von Exemplaren verteilt wurde: .Das hohe Lied des Friedens". Darin wurde laguerre als die feile Prostituierte der Attila und Tamerlan aller Zeiten dem allgemeinen Abscheu übergeben und der Fortschritt der Zivilisation verherrlicht, der — wie eS das Rotkehlchen, das sich im Rachen des Löwen von Waterloo auf dem Felde von St. Jean ein Nest gebaut hatte, verstnnbtldlicht — aus dem unersättlichen Schlunde der Völkerkriege die Aera deS ewigen WeltfrievenS hervorgehen läßt. Frankreich, Freiheit, Friedel war damals die Parole, womit die unvermeidliche Phrase und auch das praktische Bedürfnis ausgedrückt war. Man war so vertrauensselig, daß man die Restauration einer Marschall-Präsidentschaft mit derselben überschweng­lichen Liebe zur Ruhe und zum Frieden ausgenommen hätte, mit welcher man ein Jahr später die zurückberufenen Kom­munarden an daS Herz drückte.

Gründlichkeit ist keine Eigenschaft deS französischen Cha­rakters, und so machten eS sich wohl auch um wenige Fran­zosen klar, warum man das Nationalfest gerade an dem­jenigen Gedenktage einer Begebenheit feiern sollte, welcher tn erster Linie einen Vertragsbruch verherrlicht. 1789 war der Pöbel bekanntlich zu feige gewesen, um die von wenig Invaliden verteidigte Bastille mit stürmender Hand zu nehmen. Deshalb hatte man parlamentiert und mit dem Befehlshaber der Besatzung einen Vertrag abgeschlosien, kraft dessen dieser der freie Abzug gestattet wurde. Kaum abgeschlosien, wurde der Vertrag gebrochen und die Mann­schaft, nachdem die Thore geöffnet waren, ntedergemetzelt. Diese Metzelei war es aber unmöglich, welche die Oppor- tunistm des jetzigen Regimes bewog, dem Andenken des Tages die höchste nationale Weihe zu geben. Da hätte man zu MasiakreS tn viel großartigerem Stil greifen können, wie etwa zu den Septembermorden. Vielmehr scheint es, als hätte man gerade den Vertragsbruch und den Verrat helligen und sie tn den Sittenkodex der opportunistischen Republik als patriotische Heldenthaten einschreiben wollen.

Im Jahre 1880 wurde die Sache schon klarer. Die Fahnenweihe fand an diesem Tage statt. Die Armee feierte ihn deshalb al» den Tag ihrer Wiedergeburt. Sie sollte eine Armee der Revolution, eine Armee deS BastillesturmS, kurz eine Armee werden, die zum Vertragsbruch und zum Verrat an internationalen völkerrechtlichen Pflichten erzogen werden sollte. Gambetta machte den Franzosen weis, durch diesen neuen Nationaltag republikantstere man Land und Armee und breche für immer mit dem monarchischen Prinzip. Thatsächltch aber wollte er die Revanche wachrufen und schüren. DaS republikanische Feuer sollte sich nicht allein

gegen die royalistischen oder bonapartistischen Konsptratoren im Jnlande wenden, sondern gegen die Vertreter deS monarchischen Prinzip« im Ausland, und unter diesen in erster Linie gegen Deutschland. Gambetta vertrat nur daS eine Prinzip: die Revanche. Seine ganze übrige Politik war nur Mittel zu diesem einzigen Zweck. Das National­fest mußte daher wesmtlich ein Fest zur Aufteizung werden. Die friedliche Haltung deS Volks bei den Festen von 1879 und selbst noch 1880 paßte durchaus nicht in die Pläne der Gambettisten. Deshalb begann man die Volksstimmung zu präparieren und jene halboffiziöse Agitation wurde in­auguriert, welche die eingeschlummerten Rachegeister erwecken und wachhalten sollte. Diese Anschürung und Duldung aller Provokationen ist bis auf den heutigen Tag von dem herrschenden Regime fortgesetzt.

Seit dem Jahre 1871 ist Frankreich daS politische enfant gate Europas. Von allen Mächten wurde eS mit der größten Zuvorkommenheit behandelt. Man wollte ihm seine Niederlagen und feinen Niedergang vergessen machen. Auf dem Berliner Kongreß ließ man Waddington eine Rolle spielen, wie sie der Botschafter des Empire auch nicht anders hätte wünschen können. Aus allen diplo­matischen Begebenheiten geht hervor, daß besonders Deutschland immer bemüht war, Frankreich gefällig zu sein. Nichtsdestoweniger wurden tn Paris zu wieder­holten Malen die Sitten und Regeln des Völkerrechts verletzt, indem man deutsche Bürger ungestraft insultierte, oder unter stillschweigender Anerkennung der Regierung zum Kriege gegen Deutschland aufforderte. DaS Attentat deS chauvinistischen Pöbels auf den König von Spanien, mit welchem man die preußische Uniform beschimpfen wollte; die Exzesse in der Rue St. Marc gegen die deutsche Tnrn- gemetnde; endlich zahllose andere Gasienbubmstreiche der Patriotenliga haben am 14. d. M. eine würdige Fort­setzung in den Heldenthaten der goldenen Jugend vor dem Hotel Continental stattgefunden. Wahrlich, diese Fahnen­stürmer vom 14. Juli 1884 sind die würdigen Söhne der Bastillenstürmer vom 14. Juli 17891 Ein solches Ge­schlecht wollte Gambetta, Ferry und Bert erziehen. Jedes Gefühl für Ehre, Ritterlichkeit und Rechtschaffenheit muß erst in der Jugend unterdrückt werden, bevor sie die sichere Stütze einer opportunistischen Republik werden kann. Die Söhne der reichen Bourgeoisie, ohne inneres Ideal und ohne jeden sittlichen Halt, blasiert durch alle Artm des Lasters, waren es diesmal, welche die Rolle der Sans­culotten und Megären der Guillotine von 1789 über­nommen hatten. Dieser süße Pöbel bestand nicht etwa aus Arbeitern, sondern aus den gebildeten besitzenden Stän­den, welchen nach liberaler Auffasiung die Zukunft Frank­reichs vorbehalten ist. Die Heranwachsende Generation will Thaten sehen, wie sie die Generationen des scheidenden Jahr­hunderts gesehen haben. Wenn die große Maste deS Volks auch noch so friedliebend sein mag, sie wird fortgerisien

werden durch diese gährenden Elemente der Halbbildung mit dem ewigen Bedürfnis der Emotion im Innern. Sie sind es, welche dem Frankreich des 19. Jahrhundert« das Gepräge gegeben haben, und wenn sie jetzt auch nur al- schwächliche Epigonen der Riesen der ersten Revolution auftreten, so ist — darüber täusche man sich nicht — ihre Rolle noch lange nicht auSgesptelt. So wird dem 14. Juli d. I., wenn auch in anderen Abschnitten und Zeit­folgen, ein anderer 9. Termidor oder 18. Brumäre, ein anderes Waterloo oder Sedan einstmals Nachfolgen müsien.

UebrigenS scheint die Regierung keinen persönlichen An­teil an der Nationalfeter genommen zu haben. Zwei Minister inspizierten die Cholerahospitäler in Toulon und Marseille, und Ferry war in ein kühlendes Seebad geeitt. Das Fest trug fast ausschließlich ein kommunales Gepräge; der Schwerpunkt konzentrierte sich unstreitig — abgesehen von den Bravaden auf dem Konkordienplatz vor der Bild­säule von Straßburg — vor dem Hotel de viile, wo die Schülerbataillone vor den Munizipalräten defilierten. Letztere saßen auf einer Estrade auf roten Fauteuils, und in ihrer Mitte auch der von ihnen auf Tod und Leben angefeindete Seinepräfekt Poubelle. Diese Soldatenspielerei entstammt ebenfalls einer RemiScenz aus der RevoluttouSzeit. Nach­dem der Konvent alle Akademieen, MUitärschulen und ähn­liche Unterrichts- und litterartsche Anstalten aufgelöst hatte, dekretierte er am 13. Prairial des Jahres II, die Ecole de Mars, in welcher nur Söhne von Sansculotten aus­genommen werden durften. Die heutigen Schüler des MarS sind den höheren Klaffen der Primärschule ent­nommen. Merkwürdigerweise hörte man hier nicht die Marseillaise, dafür aber eine Unmasie von Trommeln und Pfeifen und anderen kriegerischen Klang, waS das zahlreiche Publikum zu begeistertem Applaus anregte.

Im ganzen wär die Stimmung trotz der unzähligen Tanzmusiken der Nacht, im Verhältnis zu früheren Jahren eine matte zu nennen. Vielleicht hat auch die Nähe der Cholera dazu betgetragen, welche trotzdem ebenso wenig wie die mit „Amnistie" beschriebenen roten Fahnen die leicht­sinnigen Mafien zur Einkehr und zum Nachdenken zu be­wegen vermochte. (Par. Korr. d. Rb.)

Deutsches Reich. “

Berlin, 19. Juli. Der Kaiser hat dem Dr. Schwe- ninger tn Anerkennung seiner Verdienste um die Wieder­herstellung der Gesundheit des Reichskanzlers Fürsten Bis­marck den Roten Adlerorden 3. Klafie verliehen. — Von der japanischen Militär-Kommission, welche seit einigen Tagen in Berlin weilt, haben am Freitag der General Nozou, Oberstleutnant Mourat und Hauptmann Nodima dem Kriegsminister, Generalleutnant Bronsart v. Schellen­dorff, einen längeren Besuch abgestattet. Die fremden Offi­ziere, welche unsere militärischen Einrichtungen mit großem Fleiße studieren, werden sich von hier nach Petersburg resp

25 Heimkehr.

Erzählung von Hans Warriug.

Im nächsten Augenblicke stand er im Zimmer des Freundes. Nur da» unentbehrlichste Gerät war vorhanden, — das war Alles, was dem Bewohner dieses Raumes an Bequemlichkeiten deS Lebens zu Gebote stand.

„Und hier hast Du Dich vergraben, — hier hausest Du!" sagte Thilo, nach dem ersten wortlosen Sturm der Freude sich im schlichten Raume umsehend, wo trotz der Dürftigkeit des MobilarS jedes einzelne Ding daS Gepräge jener tadellosen Ordnung und Sauberkeit trug, die den Gewohnheiten de« gebildeten Mannes entsprechen. — „Hier hausest Du! Und unseretwegen entbehrst Du, und verzichtest auf alle Bequemlichkeit! DaS ist mehr, al« ich erwartet, — mehr, als ich Dir jemals danken kann!"

„Mach doch nicht so viel Worte über eine so ganz natürliche Sache! WaS hat eS denn zu bedeuten, daß ich mich ein paar Wochen ein bischen behelfen muß! So lange hier noch nicht Alles im festen Geleise geht, so lange die Leute die Maschinen noch nicht geläufig zu handhaben wifieu, so lange bin ich hier noch gebunden. Später, wenn Alle» seinen gewohnten Weg geht, kann ich wieder nach Ostau zurückkehren. Dann genügt eS, »enn ich ein paarmal in der Woche htuüberreite. — Und nun laß Dir sagen, Thilo, daß ich eS von Dir nicht anders erwartet habe! Ich habe tarnet gesagt: laßt ihn nur! dringt nicht in ihn, — er selbst wird sich uns bringen! Nun sehen wir, daß ich recht gehabt habe!" —

Tausenderlei hatten sie zu bespreche«. Heinrich gab

Auskunft über den Stand der Wirtschaft, über Verbesterun- gen und neue Einrichtungen.

„Aber daS Alles hat viel gekostet, hattest Du benn immer die nötige Summe disponibel?" fragte Thilo.

„Daran hat eS mir nie gefehlt. Zuerst hat die Tante daS kleine Vermögen hergegeben, daS Dein Vater für sie sichergestellt hatte, dann hat Justizrat Kramer einige Hypo­theken (übernommen. Aber sorge Dich nicht, in einigen Jahren, wenn erst die neuen Wiesen so tragen, daß wir den Viehstand verdoppeln (oder gar verdreifachen können, und wenn die Gräberet erst ihre Zinsen trägt, dann wollen wir rasch mit diesen Vorschüfien fertig werden. Diese Gläubiger drängen unS nicht! — O was ist die Tante für eine Frau; nie ist sie ermüdet in Opferwilligkeit, — immer hat sie den Kopf oben behalten, auch wenn die Flut der Sorgen hoch ging!"

„Ja, Du und sie l Ihr Beide habt mehr an mir gethan, als ich Euch je denken kann."

„Von mir ist gar nicht die Rede, ich habe nur gethan, was als Landwirt meine Pflicht war, und dafür bin ich reich belohnt durch den schönen Erfolg, den ich überall sehe. Aber sie, Thilo! Ihr kannst Du nicht früh genug dm ein­zigen Dank bringen, der für sie Wert hat: die Aussöhnung mit Dir!"

„Ja, wir wollen gehen! — Ich hoffe, Heinz, ste wird mich nicht unfreundlich empfangm, — sie wird in dem Augenblicke deS WiedersehmS mich nicht empfindm lafim, daß ich ihr unrecht gethan, — daß ich —"

„Ich stehe dafür, daß Du empfangen wirst, wie ein lieber, nach langer Reise in» Vaterhaus zurückkehrender Sohn. Und mm laß uns gehm l*

„Ach, Gabrielen« Graue 1" sagte Thilo lächelnd, als ste in den kleinen vor der Tür harrenden Wagen stiegen.

„Ja, sie bestand darauf, daß ich ste hier behielt", ent« gegnete Heinrich, besten Gesicht von einer raschen Röte überflogen wurde. „Sie meinte nämlich, — das heißt, nicht ste allein, sondern sie und die Tante meinten nämlich, ich würde dann öfter herüberkommen können, als zu Fuß. Und andere Pferde wollte ich eben jetzt in der nötigen Ar­beitszeit der Wirtschaft nicht entziehen." — Er machte sich mit den Zügeln zu schaffen, um dm Freund nicht anzusehen zu dürfen.

„Heinz, hast Du mir nicht« über Gabriele mitzutellen?' fragte Thilo nach einer Pause.

„Nichts weiter, al« daß ste mir gesagt hat, Du wün­schest eine reiche und glänzende Partie für ste. Das ist ein begreiflicher Wunsch einer solchen Schwester gegenüber l"

„Vorwärts, Heinz! Seid ihr mit einander schon einig, — habt Ihr Euch fürs Leben versprochen?"

„Nein!" sagte Heinrich nach einer Pause. „Ich durfte ein solches Versprechen nicht annehmen, — ste ist durch kein Wort gebundm! Der Schatten eines Wortbruch« wird nicht ihr Leben verdunkeln, wmn--1 Er vollendete

den Satz nicht. Er schien der Festigkeit seiner Stimme nicht zu trauen, — mit starrem Blick schaute er in« Weite hinaus.

„Lasten wir dieses „Wenn" beiseite, Heinz, und sage mir, wie Ihr Beide mit einander steht."

„Wir wifim, daß wir un« gut find, — wir haben eS uns gesagt", entgegnete Heinrich nach einer Pause.

(Fortsetzung folgt.)