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Zlkarkurg, Sonntag, 20 Juli 1884.

XIX. JlhtMg.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, jowie d.Annoncen-Bureaux oonHaasenstein undVogler in Frankfurt a M., Ham- bürg, Magdeburg u. Men; Aiudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, Münchcnund Wn; G. £ Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Anzeigen nimmt ^entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Jägersche Buchhandlung in Frankfurt o. M.; Hermann- scheBuchhandlung daselbst; Adolf Sseiner i- Hamburg; Jnvalidendank in Berlin, Dresden und Leipzig; I. Barck u. Co. in Halle; Ä. Thienes in Elberfeld.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. (Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirtes SountagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckereij bezogen 2/+ Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg

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ff Dievauerufteuude" und die «olouialpolitik.

Während in der Reichstagssitzung vom 26. Juni die Fretstnnler der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe erklärten, sie seien ganz einverstanden mit der Kolonialpolitik des Reichskanzlers, arbeitet der an demselben Tage erschienenefreisinnige"Reichsfreund", dem die Vor­gänge in der DonnerStagSsitzuug noch unbekannt waren, nach, der von den Herren Richter, Rickert und Bamberger am Montag in der Budgetkommisston ausgegebenen Parole, wonach Kolonialpolitik zu gefährlich und zu teuer, und des­halb zu verwerfen ist.

Welches Gift dieses Wühlblättchen aus dieser Parole saugt, beweist eS dadurch, daß eS glaubt, hiermit ein neues Mittel gefunden zu haben, um die Bauern für die Freistnnler einzufangen. Es rechnet ihnen vor, wie sie ge­schädigt werden, wenn die Auswanderung zunimmt, denn in jedem Auswanderer verliert die Landwirtschaft einen Ester, d. h. einen Käufer für ihre Produkte". Daß die Freistnnler darum befolgt sind, wie der Landwirt seine Pro­dukte unterbringt, ist in der That neu: bisher haben sie nur immer dafür gesorgt, daß die ausländische Konkurrenz die Preise unserer landwirtschaftlichen Produtte herabdrückt und daß die Konsumenten dabei gut fahren; was aus den landwirtschaftlichen einheimischen Produkten wird, ob ste ge­gessen werden oder unverkäuflich liegen bleiben, war ihnen gleichgültig. Wetter wird den Bauern vorgespiegelt, daß die Kolonialpolitik so viel Geld kostet, daß die Bauern noch mehr Steuern werden zahlen müssen, obgleich sie schon jetzt unter den deutschen Steuerzahlern ein ansehnliches Teil Steuern ausdrtngen müsien" und Schulden haben. Auch dieses Interesse für den Geldbeutel der Bauern ist neu: bisher sind die Freistnnler taub gegen die Klagen wegen Ueberbürdung der Landwirtschaft gewesen und haben alle Versuche der Regierung, ihr die Last erleichtern zu helfen, vereitelt. Mit hohen indiretten Steuern, die den Bauer gar nicht drücken würden, könnte den Bauern ein Teil der Last abgenommen und außerdem auch manche überseeische Unternehmung im Jnteresie deS Reichs unterstützt werden.

Aber das tritt alles in den Hintergrund gegen den Versuch desReichSfreundS", den Bauern und Bauern­söhnen Furcht einzujagen vor einem Kriege, den ste wegen etwaiger überseeischer Händel werden vor den Thoren von Metz mit Frankreich auöfechten müsien I Unseren Bauern ist ihr Land und ihr Vaterland zu lieb, als daß sie, wenn es wirklich bedroht wird, nicht freudig dem Rufe ihres Königs folgen! Furcht kennt am wenigsten unser Bauer! Aber er weiß auch, daß Preußen noch nie mutwillig einen Kampf herausbeschworen hat und daß unsere Könige niemals den Bauer von Haus und Herd zu ernstem blutigen Streit führen werden, wenn nicht die harte Notwendigkeit eS ge­bietet. Wenn die Fretstnnler stch in einer solchen Weise M Beschützern deS Bauernstandes aufdrängen, dann be­weisen ste, wie wenig Verständnis ste haben für den Mut

und für den patriotischen Geist, für die Tapferkeit und für daS Vertrauen, welches die Bauern zu ihrem Könige haben. Haben dieselben doch während fast vierzehn Jahre in einer schwierigen Zeit, von der man Kriege befürchtet hat, Frieden in Ehren gehabt, und wisien ste doch, daß ste die Sorge um Erhaltung deS Friedens am letzten den Freistnnlern anzuvertrauen haben! Ja, unsere Bauern, wisien auch sehr gut, daß wenn eS den Freistnnlern gelungen wäre, ihr Fort mit Bismarck!" zu verwirklichen, Deutschland stch vielleicht jetzt nicht deS Friedens erfreuen würde, der, dank den Bemühungen unseres Reichskanzlers, auf lange Zeit gesichert erscheint.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Juli. DerReichs-Anz." publiziert die Abberufung des deutschen Gesandten von Alvensleben auS dem Haag zu anderweiter dienstlicher Verwendung und die Ernennung des Grafen Herbert v. Bismarck zum Gesandten im Haag, sowie die Ernennung deS Herrn v. Eisendecher zum Gesandten in Karlsruhe. In hiesigen politischen Kreisen betrachtet man, wie dieBerl. Pol. Nachr." be­merken, den Zwischenfall, der durch die der deutschen Fahne gelegentlich der Feier des französischen Nationalfestes am 14. d. M. in Paris zugefügten Unbill herbeigeführt wurde, infolge ter Erklärungen des hiesigen französischen Bot­schafters als erledigt. Der neue deutsche Gesandte im Haag, Graf Herbert v. Bismarck, ist am Montag vor­mittag im Haag angekommen, um seinen Posten dort zu übernehmen. Herr v. Alvensleben, der bisherige Gesandte, soll bereits im August stch nach Washington zur Ueber- nahme seines neuen Postens verfügen. ES bestehen mehrfach Zweifel darüber, ob in diesem Jahre wiederum ein Erlaß der Steuern stattfindet und in welchen Monaten. ES ist dem gegenüber auf die bezüglichen, einen dauernden Erlaß aussprechenden Bestimmungen des Gesetzes vom 26. Mai 1883 zu verweisen. Danach wird die Klaffen­steuer von den zur 1. und 2. Stufe Veranlagten als Staatssteuer nicht mehr entrichtet. Ferner bleiben uner­hoben: die Klaffensteuer der Stufen 3 bis 12 für die Monate Juli, August und September, sowie die Einkommen­steuer: a der zum Satze der 12. Klasiensteuerstufe ver­anlagten Einkommensteucrpflichtigen für die Monate Juli, August und September; d, der ersten Stufe für die Monate Juli und August und c. der zweiten Stufe für den Monat Juli. EinVerein zur Wahrung der wirtschaftlichen Jntereffen von Handel und Gewerbe" hat sich konstituiert und solgenden Aufruf erlaffen: Die wirtschaftliche Gesetz­gebung hat in den letzten Jahren eine immer wachsende Bedeutung gewonnen. Der erwerbsthätigen Bevölkerung unseres Vaterlandes erwächst hierdurch die Aufgabe, auch ihrerseits darauf hinzuwirken, daß bei der Aufstellung und Beratung der Gesetzentwürfe Regierung und Volksvertretung mit voller Kenntnis des praktischen Lebens und mit unbe­

fangener Würdigung der dadurch bedingten Verhältntfle vorgehen. Nur unter dieser Voraussetzung wird eS der Gesetzgebung möglich sein, weises Maß zu hatten, die vor­handenen Jntereffen zu schonen und dem Neuen die Mög­lichkeit einer gesunden Entwickelung und eines dauernden Erfolges zu sichern. An diefec ausreichenden Kenntnis und an dieser unbefangenen Würdigung hat es jedoch viel­fach gefehlt; hierin Abhülfe zu schaffen, erachten wir namentlich im Hinblick auf die bestehenden Neuwahlen zum Reichstage für ein dringendes Jntereffe, ja geradezu für die Pflicht der zunächst Beteiligten. Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes erscheint die Bildung eines Vereins zur Wahrung der wirtschaftlichen Jntereffen von Handel und Gewerbe" als angemesien. Dieser Verein würde stch die Aufgabe stellen, sowohl bei der Regierung, als in der öffentlichen Meinung auf eine richtige Würdigung der für die ErwerbSthätigkeit in Betracht kommenden Ver- hältniffe hinzuwirken.

Kiel, 16. Juli. Bezüglich der Beschäftigung schul­pflichtiger Kinder in Fabriken hat die Königliche Regierung, wie derKieler Ztg." mitgeteilt wird, unterm 1. Juli d. I. reskribiert:Infolge Ermächtigung des Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten vom 9. v. MtS. verfügen wir hierdurch, daß die in Fabriken beschäitigten schulpflichtigen Kinder, deren Schulbesuch so geordnet ist, daß sie am Vormittag den Unterricht erhalten, am frühen Morgen vor Beginn dieses Vormittagsunter­richts zur Arbeit in den Fabriken nicht herangezogen werden dürfen. Wo dies gegenwärtig geschieht, haben die Polizei- Behörden solchen Mißbrauch sofort abzustellen, wie auch künftig zu beachten, daß vorstehender Verfügung von den Arbeitgebern nicht zuwidergehandelt werde und in den aus­zustellenden Arbeitskarten für die Kinder, welche am Vor­mittag ihrem Schulbesuch genügen sollen, ein Verbot ihrer Beschäftigung in der Fabrik vor dieser Tageszeit ein­zufügen."

Freiburg i. Br., 16. Juli. Die unter einem Teil der hiesigen Garnison ausgebrochene TyphuS-Epidemie hatte, wie dieFrkf. Ztg." meldet, im Ganzen einen gelinden Verlauf. Von den ursprünglich 70 Erkrankten befinden sich nur noch etwa 30 im Lazareth; die Uebrigen konnten bereits auf Urlaub entlassen werden. Gestorben an der Epidemie ist bis jetzt ein Mann.

Mönche», 17. Juli. Die königliche Regierung von Oberbayern, welche bekanntlich den früheren Beschlüssen der städtischen Kollegien bezüglich freiwilliger gemeindlicher Kirchenbauzuschüffe für drei neue katholische Pfarrkirchen rc. die kuratelamtliche Genehmigung versagt hatte, hat nun, wie dieM. A. Ztg." erfährt, durch Entschließung vom 11. d. M. die neuerlichen Beschlüsse der Gemeindever­tretung auf mäßigeren Zuschuß zum Bau einer katholischen Pfarrkirche, einer protestantischen Kirch: und der Synagoge mit einer unwesentlichen Modifikation genehmigt. Nach

24 Heimkehr.

Erzählung von Hans Warriug.

Die Blüten dufteten und leise wehte der Nachtwind durch die Baumwipfel. Drinnen im Saal drehte stch Alles im tollsten Trubel, so rastlos, so toll wie ein Eichhörnchen in s inem Käfig. War das nicht das Bild seine- bisheri- den Lebens? hatte rr stch nicht auch in solch' tollem Wirbel gedreht und gemeint, er komme vorwärts, weil er in steter Bewegung war?

In die Gesellschaft wollte er nicht mehr zurückkehrrn. Lange saß er in seinem Zimmer und blickte in den schwei­genden Park hinaus. An Schlaf war nicht zu denken, von unten klang die Tanzmusik herauf, sdazu Stimmenge­wirr und das Geräusch auf- und zugehender Thüren. Ihn hielt es nicht länger im Zimmer, eine Sehnsucht, das Haus seiner Kindheit wiederzusehen, jetzt gleich, in der Nacht, wenn Niemand ihn beobachten konnte, war mit überwältigender Kraft über ihn gekommen. Unten am Nusie lagen stets die kleinen Boote bereit, deren man stch zu Ruderpartieen bediente. Ehe zehn Minuten vergangen waren, glitt er leise den Fluß hinab. Dort drüben lag die Stadt, vom Dome überragt. Einen Augenblick schwiegen die Ruderschläge, er sandte einen Gruß hinüber zu dem wohlbekannten Hause, nur ein paar leise geflüsterte ®orte, die Niemand hörte, als er. Dann glitt er »eiter, *** an dem Fährhause vorüber, in den dunkelen Schatten des Parks. Die Kniee bebten unter ihm, als er wieder üach langer Zeit den geheiligten Boden betrat, auf dem feine Väter gelebt. Mit leisem Ausschluchzen sank er nieder W drückte Stirn und Lippen in- Gras. Er schämte stch

seiner Thränen nicht, sie flosien aus einer Quelle, die lange in ihm versiegt gewesen, und die jetzt plötzlich warm und segenspendend wieder aufgebrochen war. Ihm warS, als fühle er das Herz der geliebten Heimaterde an seinem Herzen klopfen, nicht ein kaltes, lebloses, ein empfin­dendes Wesen, wie er selbst, war sie ihm.

Als er aus dem Dunkel des Parks auf die Lichtung herauSirat, lag daS alte Haus vor ihm. Die Fenster blinkten im Mondlicht, und von seinen Dächern floß eS wie geschmolzenes Silber hernieder.

Lange saß er unter den letzten Parkbäumen auf der Bank, die seines Vaters Lieblingsplatz gewesen war. Ihm warS, als klängen tausend Stimmen zu ihm herüber, die ihm von einer an Glück und Ehren reichen Vergangenheit seines Geschlechtes erzählten. Und diese Vergangenheit hatte er in frevelhafter Ueberhebung sich selbst zu Gute gerechnet I Jetzt stand er vor der Erkenntniß, daß er nichts, gar nichts gethan hatte, stch des Namens, den et trug, würdig zu machen. Die Arbeit, der er sein Leben hätte widmen sollm, hatte et Anderen überlassen, in Groll hatte er mit denen gelebt, die opferwilliger als er, die schwere Pflicht statt feiner auf stch genommen!

Die Atme vor stch auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt, so saß et lange regungslos.

Bittet und demüttgend waten die Gedanken, die durch feine Seele fluteten, aber ste rüttelten ihn auf. Noch wat e6 nicht zu spät zur Umkehr, Gott fei Donk, noch war nichts geschehen, was ihn unwürdig machte, jenes liebe HauS zu betreten, noch durste er den Fuß über jene gehei­ligte Schwelle setzen! Er hatte geirrt und gefehlt, aber er hatte sich nicht verloren! Et konnte noch gut machen, was

er versäumt, sein ganzes Leben sollte ein Beweis feiner Reue fein!

Erst als ter Morgen zu grauen anfing, stand er auf. Zuerst wollte er Heinrich aufsuchen, den treuen Freund, dem er so viel verdankte! Et hatte erfahren, daß er zur Zeit nicht in Ostau wohne, sondern auf einem entlegenen Vorwerke, wo er eine große Torfgräberei, nach Art der in Mecklenburg betriebenen, angelegt hatte. Man hatte ihm erzählt, daß dies Unternehmen zwar schwierig und mühevoll sei, daß es aber mit einen guten, lohnenden Erfolg ver­spreche.

Zwischen wogenden Getreidefeldem schritt er dahin. Uebetall reichet Segen, wohin fein Auge blickte! An allem, «as er sah, erkannte er die Hand des Meisters. Gewiffen- haft wat auch dem Kleinsten sein Recht gegeben. Nirgend- ein wüster, unbebauter Fleck, überall Sputen einer uner­müdlichen treuen Arbeit! Je nähet er dem Ziele kam, desto mehr überraschte ihn die hier entstandene Schöpfung. Wo früher weites unfruchtbares Moorland gewesen, da sproßte jetzt junget WieSwuchS. Tiefe Abzugsgräben dutchkteuzten das Terrain, und an den weit sich hinstreckenden Linien derselben, konnte er erst ermeffen, welche Riesenarbeit hier vollzogen wat. DaS Herz wurde ihm wärmet, als et dessen gedachte, der hier geschafft.

Er näherte stch dem Ziele seiner Wanderung. Lange Schuppen erhoben sich auS dem Moor, dahinter ein niede­res hölzernes Blockhaus, auf deffen einer Seite ein paar helle Fenster bezeugten, daß eS bewohnt werde Tie Tür stand offen, man hatte hier früh den Tag begonnen.

(Fortsetzung folgt )